Familienpolitik

Diskussionen über Familienpolitik in Österreich und Europa
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PostPosted: 16.03.2014, 01:33 
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Vorstufe, Test, Bequemlichkeit: Die Kehrseite des Zusammenlebens vor der Ehe

Von Meg Jay, New York Times


Mit 32 feierte eine meiner Patientinnen (ich nenne sie Jennifer) eine üppige Hochzeit in den Weinbergen. Bis dahin hatten Jennifer und ihr Freund bereits vier Jahre zusammen gelebt. Zur Feier kamen Freunde und Familie des Brautpaares sowie zwei Hunde. Als Jennifer nicht einmal ein Jahr später die Therapie bei mir begann war sie auf der Suche nach einem Scheidungsanwalt. “Ich habe mehr Zeit damit verbracht meine Hochzeit zu planen als damit, glücklich verheiratet zu sein,” schluchzte sie. Besonders enttäuschend war für Jennifer, dass sie versucht hatte, alles richtig zu machen. “Meine Eltern haben jung geheiratet und haben sich – natürlich – scheiden lassen. Wir haben zusammen gewohnt! Wie konnte das nur passieren?”
In den letzten 50 Jahren hat die Kohabitation in den USA um 1.500 Prozent zugenommen. Waren es 1960 noch 450.000 Paare, die ohne Trauschein zusammen lebten, so sind es heute über 7,5 Millionen. Die Mehrheit der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 30 Jahren lebt zumindest einmal mit einem Partner zusammen, und mehr als der Hälfte aller Ehen geht eine derartige Lebensgemeinschaft voraus. Diese Veränderung ist auf die sexuelle Revolution sowie die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln zurück zu führen, und darüber hinaus ist es bei unserer aktuellen Wirtschaftslage verlockend, Rechnungen teilen zu können. Aber wenn man sich mit Leuten in den Zwanzigern unterhält, hört man auch das: Kohabitation als Prophylaxe. In einer 2001 durchgeführten, landesweiten Studie des “National Marriage Project“, damals an der Rutgers University in New Jersey, heute an der University of Virginia, stimmte fast die Hälfte der 20 bis 29-jährigen der Aussage zu “Du würdest nur jemanden heiraten, der erst einmal mit Dir zusammenzieht, um herauszufinden, ob ihr wirklich zueinander passt.” Ungefähr zwei Drittel waren der Meinung, dass Zusammenleben vor der Ehe ein guter Weg sei, eine Scheidung zu vermeiden.
Allerdings zeigt die Erfahrung das Gegenteil. Paare, die vor der Ehe (und besonders vor einer Verlobung oder sonstiger verpflichtender Bindung) zusammenleben, sind weniger zufrieden mit ihrer Ehe und lassen sich eher scheiden als Paare, die vorher noch nicht zusammen gewohnt haben. Diese negativen Auswirkungen nennt man den “Kohabitationseffekt“. Ursprünglich führten Wissenschaftler diesen Effekt auf die Partnerwahl zurück oder darauf, dass ohne Trauschein zusammenlebende Partner weniger konventionell über die Ehe dachten und daher offener für eine möglich Scheidung waren. Nachdem Kohabitation mittlerweile zur Norm geworden ist, zeigen Studien, dass der Effekt nicht allein auf individuelle Eigenschaften wie Religion, Erziehung oder Politik zurückzuführen ist, sondern dass zumindest einige der Risiken in der Kohabitation selbst begründet sind.
Während Jennifer und ich an der Beantwortung ihrer Frage „Wie konnte das nur passieren“ arbeiteten, redeten wir darüber, wie sie und ihr Freund dazu kamen, zusammen zu ziehen. Ihre Antwort deckte sich mit Studien, die besagen, dass es vielen Paaren „einfach so passiert“. „Wir übernachteten ständig mal beim einen, mal beim anderen,“ sagte sie. „Wir waren gern zusammen, und so war es billiger und praktischer. Es war eine schnelle Entscheidung, aber wenn es nicht funktionieren würde, gab es auch einen schnellen Ausweg.“ Sie schilderte das, was Wissenschaftler „sliding, not deciding“ nennen – also „hineinschliddern, nicht entscheiden“. Vom ersten Date zum Übernachten, über häufiges Übernachten bis hin zur Kohabitation ist es eine graduelle Steigerung - eine die weder von Ringen noch einer Zeremonie manchmal sogar noch nicht einmal von einem Gespräch geprägt ist. Paare umgehen schlicht das Gespräch darüber, weshalb sie zusammenziehen möchten und was das bedeutet.
Wenn Wissenschaftler danach fragent, haben die Partner oft unterschiedliche, unausgesprochene – sogar unbewusste – Vorstellungen. Frauen tendieren dazu, Kohabitation als Vorstufe der Ehe zu sehen, während Männer sie als Möglichkeit betrachten, die Beziehung zu testen oder die bindende Verpflichtung hinauszuschieben. Diese Geschlechterasymmetrie ist ein Ergebnis des fehlenden Gesprächs und bedeutet de facto einen geringen Grad an Bindung, selbst nachdem die Beziehung sich zur Ehe weiterentwickelt hat. In einem sind sich Frauen und Männer jedoch einig: die Ansprüche an einen Lebenspartner sind geringer als die an einen Ehepartner.
Gegen ein Hineinschliddern in die Kohabitation wäre nichts einzuwenden, wenn das Hinausschliddern ebenso einfach wäre. Ist es aber nicht. Zu oft begeben sich junge Erwachsene in scheinbar günstige, risikoarme Wohnsituationen, aus denen sie Monate, sogar Jahre später nicht mehr herauskommen. Es ist wie mit einem Kreditkartenvertrag mit null Prozent Verzinsung. Nach 12 Monaten, wenn der Zinssatz sich auf 23 Prozent erhöht, ist man gefesselt, da man die bereits gemachten Schulden nicht zurückzahlen kann. Kohabitation kann tatsächlich genauso funktionieren. In der Verhaltensökonomie spricht man dann von Lock-in- oder Anbindeeffekt. Er beschreibt die verminderte Wahrscheinlichkeit nach einer Alternative zu suchen oder sie tatsächlich zu ergreifen, sobald bereits eine Investition getätigt wurde. Je höher die Gründungskosten, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass wir zu einer anderen, besseren Situation wechseln, vor allem, wenn wir uns die Wechselkosten oder die Zeit, das Geld und den Aufwand dafür vor Augen führen. Kohabitation ist gespickt mit Gründungs- und Wechselkosten. Zusammenleben kann lustig und billig sein, und die Gründungskosten fließen fast unbemerkt mit ein. Nach langen Jahren zwischen altem Gerümpel in einer WG teilen sich Paare gern die Miete für eine kleine Wohnung. Sie teilen sich Internet und Haustiere und gehen gern zusammen Möbel kaufen. Später haben diese Gründungs- und Wechselkosten dann einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer Trennung.
Jennifer hatte das Gefühl, dass ihr Freund sich nie wirklich für sie entschieden hatte. “Ich kam mir vor als wäre ich in einem jahrelangen, nie endenden Bewerbungsprozess, um seine Frau zu werden“, sagte sie. „Wir hatten all diese Möbel, unsere Hunde und dieselben Freunde. Das alles machte es einfach sehr, sehr schwer sich zu trennen. Und dann, als wir Anfang dreißig waren, war es so als würden wir heiraten, weil wir zusammen wohnten.” Ich hatte andere Patienten, die sich ebenfalls wünschten, sie hätten in ihren Zwanzigern nicht Jahre in Beziehungen investiert, die – hätte man nicht zusammen gewohnt – nur Monate gedauert hätten. Andere wiederum möchten sich ihrem Partner verbunden fühlen, sind sich aber unsicher, ob sie ihn bewusst ausgewählt haben. Beziehungen, die auf Bequemlichkeit und Unklarheiten basieren, können uns davon abbringen, nach den Menschen zu suchen, die wir wirklich lieben. Ein Leben, das auf „vielleicht genügst Du“ basiert, fühlt sich einfach nicht so hingebungsvoll an wie ein Leben, das auf dem „ja, wir wollen“ einer festen Bindung oder Ehe begründet ist. Allerdings scheint die negative Verbindung zwischen Kohabitation und Scheidung laut eines im letzten Monat veröffentlichten Berichts des US-Gesundheitsministeriums rückläufig zu sein. Noch mehr gute Nachrichten liefert eine Studie des Pew Research Center aus 2010: laut dieser Befragung sehen zwei Drittel der Amerikaner Kohabitation als eine Vorstufe der Ehe. Es wird noch viel Zeit brauchen bis diese verbreitete und ernsthafte Auffassung von eheähnlichem Zusammenleben den Kohabitationseffekt abschwächen wird, denn die neuesten Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass notorische „Kohabitatoren“, also Paare mit unterschiedlichen Bindungsgraden und solchen, die Kohabitation als Test ansehen, am ehesten Gefahr laufen unter schlechter Beziehungsqualität zu leiden oder sich letztlich zu trennen. […] Ich bin weder für noch gegen das Zusammenleben, aber ich bin sehr dafür, dass junge Erwachsene wissen, dass es kein Schutz vor Scheidung oder Unglücklichsein ist, wenn man vor der Ehe zusammenzieht. Es kann sogar die Wahrscheinlichkeit erhöhen, einen Fehler zu machen – oder zu viel Zeit mit einem Fehler zu verschwenden. Einer meiner Mentoren hat einmal gesagt: „Die beste Zeit an seiner Ehe zu arbeiten ist die Zeit vor der Ehe,“ und heutzutage könnte das bedeuten: vor dem Zusammenleben.

Meg Jay ist klinische Psychologin an der University of Virginia und Autorin des Buches “The Defining Decade: Why Your Twenties Matter — and How to Make the Most of Them Now.”

First published: New York Times, April 14 2012,
http://mobile.nytimes.com/2012/04/15/op ... wanted=all


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Englische Version:
The Downside of Cohabiting Before Marriage
AT 32, one of my clients (I’ll call her Jennifer) had a lavish wine-country wedding. By then, Jennifer and her boyfriend had lived together for more than four years. The event was attended by the couple’s friends, families and two dogs.
When Jennifer started therapy with me less than a year later, she was looking for a divorce lawyer. “I spent more time planning my wedding than I spent happily married,” she sobbed. Most disheartening to Jennifer was that she’d tried to do everything right. “My parents got married young so, of course, they got divorced. We lived together! How did this happen?”
Cohabitation in the United States has increased by more than 1,500 percent in the past half century. In 1960, about 450,000 unmarried couples lived together. Now the number is more than 7.5 million. The majority of young adults in their 20s will live with a romantic partner at least once, and more than half of all marriages will be preceded by cohabitation. This shift has been attributed to the sexual revolution and the availability of birth control, and in our current economy, sharing the bills makes cohabiting appealing. But when you talk to people in their 20s, you also hear about something else: cohabitation as prophylaxis.
In a nationwide survey conducted in 2001 by the National Marriage Project, then at Rutgers and now at the University of Virginia, nearly half of 20-somethings agreed with the statement, “You would only marry someone if he or she agreed to live together with you first, so that you could find out whether you really get along.” About two-thirds said they believed that moving in together before marriage was a good way to avoid divorce.
But that belief is contradicted by experience. Couples who cohabit before marriage (and especially before an engagement or an otherwise clear commitment) tend to be less satisfied with their marriages — and more likely to divorce — than couples who do not. These negative outcomes are called the cohabitation effect.
Researchers originally attributed the cohabitation effect to selection, or the idea that cohabitors were less conventional about marriage and thus more open to divorce. As cohabitation has become a norm, however, studies have shown that the effect is not entirely explained by individual characteristics like religion, education or politics. Research suggests that at least some of the risks may lie in cohabitation itself.
As Jennifer and I worked to answer her question, “How did this happen?” we talked about how she and her boyfriend went from dating to cohabiting. Her response was consistent with studies reporting that most couples say it “just happened.”
“We were sleeping over at each other’s places all the time,” she said. “We liked to be together, so it was cheaper and more convenient. It was a quick decision but if it didn’t work out there was a quick exit.”
She was talking about what researchers call “sliding, not deciding.” Moving from dating to sleeping over to sleeping over a lot to cohabitation can be a gradual slope, one not marked by rings or ceremonies or sometimes even a conversation. Couples bypass talking about why they want to live together and what it will mean.
WHEN researchers ask cohabitors these questions, partners often have different, unspoken — even unconscious — agendas. Women are more likely to view cohabitation as a step toward marriage, while men are more likely to see it as a way to test a relationship or postpone commitment, and this gender asymmetry is associated with negative interactions and lower levels of commitment even after the relationship progresses to marriage. One thing men and women do agree on, however, is that their standards for a live-in partner are lower than they are for a spouse.
Sliding into cohabitation wouldn’t be a problem if sliding out were as easy. But it isn’t. Too often, young adults enter into what they imagine will be low-cost, low-risk living situations only to find themselves unable to get out months, even years, later. It’s like signing up for a credit card with 0 percent interest. At the end of 12 months when the interest goes up to 23 percent you feel stuck because your balance is too high to pay off. In fact, cohabitation can be exactly like that. In behavioral economics, it’s called consumer lock-in.
Lock-in is the decreased likelihood to search for, or change to, another option once an investment in something has been made. The greater the setup costs, the less likely we are to move to another, even better, situation, especially when faced with switching costs, or the time, money and effort it requires to make a change.
Cohabitation is loaded with setup and switching costs. Living together can be fun and economical, and the setup costs are subtly woven in. After years of living among roommates’ junky old stuff, couples happily split the rent on a nice one-bedroom apartment. They share wireless and pets and enjoy shopping for new furniture together. Later, these setup and switching costs have an impact on how likely they are to leave.
Jennifer said she never really felt that her boyfriend was committed to her. “I felt like I was on this multiyear, never-ending audition to be his wife,” she said. “We had all this furniture. We had our dogs and all the same friends. It just made it really, really difficult to break up. Then it was like we got married because we were living together once we got into our 30s.”
I’ve had other clients who also wish they hadn’t sunk years of their 20s into relationships that would have lasted only months had they not been living together. Others want to feel committed to their partners, yet they are confused about whether they have consciously chosen their mates. Founding relationships on convenience or ambiguity can interfere with the process of claiming the people we love. A life built on top of “maybe you’ll do” simply may not feel as dedicated as a life built on top of the “we do” of commitment or marriage.
The unfavorable connection between cohabitation and divorce does seem to be lessening, however, according to a report released last month by the Department of Health and Human Services. More good news is that a 2010 survey by the Pew Research Center found that nearly two-thirds of Americans saw cohabitation as a step toward marriage.
This shared and serious view of cohabitation may go a long way toward further attenuating the cohabitation effect because the most recent research suggests that serial cohabitators, couples with differing levels of commitment and those who use cohabitation as a test are most at risk for poor relationship quality and eventual relationship dissolution.
Cohabitation is here to stay, and there are things young adults can do to protect their relationships from the cohabitation effect. It’s important to discuss each person’s motivation and commitment level beforehand and, even better, to view cohabitation as an intentional step toward, rather than a convenient test for, marriage or partnership.
It also makes sense to anticipate and regularly evaluate constraints that may keep you from leaving.
I am not for or against living together, but I am for young adults knowing that, far from safeguarding against divorce and unhappiness, moving in with someone can increase your chances of making a mistake — or of spending too much time on a mistake. A mentor of mine used to say, “The best time to work on someone’s marriage is before he or she has one,” and in our era, that may mean before cohabitation.
Meg Jay is a clinical psychologist at the University of Virginia and author of “The Defining Decade: Why Your Twenties Matter — and How to Make the Most of Them Now.”

First published: New York Times, April 14 2012,
http://mobile.nytimes.com/2012/04/15/op ... wanted=all


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