Familienpolitik

Diskussionen über Familienpolitik in Österreich und Europa
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Entnommen aus Andreas Unterbergers Tagebuch

Es ist nichts Neues, dass wir Christen schlechte Christen sind. Im Grund sind wir das schon 2000 Jahre lang – ganz unabhängig davon, dass auch Priester und Bischöfe, die uns das vorgehalten haben, oft alles andere als lebende Verkörperungen dessen waren, was sie predigen.

Aber wir waren und sind dennoch Christen. Das sind im Grund sogar die meisten jener Europäer, die irgendwann aus einem kurzsichtigen Affekt heraus aus der Kirche ausgetreten sind und von denen manche die Kirchen sogar aggressiv bekämpfen. Denn das Christentum hat sie dennoch geprägt. Es bedeutet weit mehr als diese Kirchen. Es ist samt dem eng verwandten Judentum die vielleicht stärkste Wurzel, aus deren Kraft das heutige Europa samt den europäisch geprägten Kontinenten Amerika und Australien im letzten halben Jahrtausend so eindrucksvoll aufgeblüht ist.

Es gibt nur noch zwei andere Wurzelstränge, die ähnliche Bedeutung haben. Das eine ist die griechisch-römische Antike mit ihrem eindrucksvollen Rechtssystem, mit ihrer hochdifferenzierten Philosophie, mit ihren sensationellen Ansätzen einer Demokratie, mit Literatur, Architektur und Naturwissenschaften. Der andere Wurzelstrang ist die Aufklärung mit ihrem Akzent auf Vernunft, auf Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Das Christentum ist aber – trotz aller zeitweiligen Konflikte, trotz mancher Fehlentwicklungen – die Klammer über diese geistigen Strömungen. Es brachte die Transzendenz in untrennbare Einheit mit dem fundamentalen Grundprinzip der gleichen Würde aller Menschen. Es ist alles andere als Zufall, dass in diesem Europa und in den von Europa geprägten anderen Erdteilen heute Kultur, Zivilisation, Wissenschaft, Rechtssystem, Weltoffenheit, und auch Lebensstandard, Wirtschaft, Technik, Lebenserwartung einen sowohl im historischen wie auch im geographischen Vergleich ungeahnten und weit über den Errungenschaften anderer Weltregionen liegenden Gipfel erreicht haben.

Darauf kann man stolz sein, ob man das nun als Triumph des christlichen Europas oder eines abendländischen Europas bezeichnet (wobei "Abendland" ja letztlich nur eine Himmelsrichtung ist). Oder ob man diffus von "europäischen Werten" spricht – was in Wahrheit nur verwischen soll, dass dieses europäische Wertesystem eben das Ergebnis der drei genannten Wurzeln ist.

Lediglich im jahrhundertelang sehr isolierten Ostasien gab es in den letzten Jahrzehnten eine vergleichbar steile Entwicklung, neuerdings auch im indischen Südasien. Aber es kann kein Zweifel sein: Diese Entwicklung ist nicht die Folge von Shintoismus, Konfuzianismus, Buddhismus, Hinduismus oder Maoismus. Sie ist vielmehr erst in Gang gekommen, als sich die dortigen Kulturen voll den europäischen Werten und Denkwelten geöffnet hatten, was im Kampf gegen den (glücklicherweise verblichenen) europäischen Kolonialismus lange nicht möglich gewesen ist.

Eigentlich könnte diese europäische Kultur also auf ihrem historischen Gipfel selbstzufrieden Bilanz ziehen. Jedoch: Nach jedem Gipfel – wenn wir dieses Bild wörtlich nehmen – geht es unweigerlich wieder bergab. Die Europäer sehen, dass zwei starke Kräfte zum Kampf gegen das christliche Abendland angetreten sind. Diese scheinen leichtes Spiel zu haben, da das Christentum in einer Krise steckt, die jener vergleichbar ist, welche einst zur Reformation und zu schlimmen europäischen Bürgerkriegen geführt hat (vom Dreißigjährigen bis zum Siebenjährigen Krieg).

Die wohlstandgesättigten Europäer sehen sich heute auf der einen Seite von fast pubertär anmutender Gesellschaftsdestruktion und linkem Hass auf die christliche Identität bedroht. Dieser Angriff hat viele Fronten; sie reichen von der Schwulenehe über Gender-Skurrilitäten, die Abschaffung von Mann und Frau bis zur Political Correctness.

Auf der anderen Seite ist die europäische Identität wieder durch ein rapides und diesmal unkriegerisches Vordringen des Islams bedroht, zu dem bald schon jeder zehnte Österreicher zählen wird. Obwohl man annehmen sollte, dass die Linke und den Islam eigentlich nichts verbindet – in der Ablehnung des christlich-abendländischen Europa marschieren sie Hand in Hand.

Dabei wird vor allem versucht, alles Christliche zu verdrängen oder zumindest zu relativieren. Das reicht vom Kreuz in den Schulen über Nikolo und Krampus bis zum Läuten der Kirchenglocken, zum Martinsfest und zur Weihnachtkrippe. Alle christlichen Details schwinden immer mehr, werden verdrängt oder nach der Methode neutralisiert: Weihnachten, das Gedenken an Christi Geburt, wird zum glitzernden Winterfest umfunktioniert und alles, was christlich daran ist wie die Krippe, wird eliminiert.

Gewiss: Man kann sagen, das alles sei ja nicht der wahre Kern des Christentums; man könne auch ohne all das Christ sein, wie es etwa die Christen eineinhalb Jahrtausende lang im gewaltsam islamisierten, davor aber rein christlichen Nahen Osten geschafft haben. Das kann man freilich nur dann noch ernsthaft glauben, wenn man verschweigt, wie viele Millionen Christen vor allem in den letzten Jahren aus vielen Ländern vertrieben worden sind.

Aber die Europäer revoltieren zunehmend gegen diese Entwicklung. Sie fürchten, dass ihnen langfristig genau das gleiche Schicksal wie den Christen des Nahen Ostens droht: Zuerst Abstufung zu Bürgern zweiter Klasse und dann die brutale Alternative: Vertreibung, Tod oder Konversion zum Islam. Diese Alternative ist ja schon mehrfach sehr konkret geworden, nicht erst im "Islamischen Staat". Wer daran zweifelt, soll Spuren des einstigen Christentums von Saudi-Arabien bis Iran suchen.

Auch die fatalistische Haltung "Wechseln unsere Kinder halt zum Islam, ich glaube eh an nichts" muss zur Kenntnis nehmen, dass eine Entchristlichung Europas viel mehr ändert als bloß die Eintragung des Religionsbekenntnisses in Dokumenten. In fast allen islamischen Ländern, in allen Ländern, die einen sozialistisch-kommunistischen Weg gegangen sind, ist keineswegs nur das Christentum zum Opfer geworden. Überall dort hat es simultan auch einen drastischen Abstieg des Ausmaßes an (aufklärerischer) Freiheit, an (auf der Antike aufbauender) Rechtsstaatlichkeit, an kultureller Vielfalt und wissenschaftlicher Dynamik gegeben. Und auch an Wohlstand, wenn man jene Länder ausnimmt, die meist nur kurzfristig von Rohstoffreichtum profitieren konnten.

Die Sorge vor solchen Entwicklungen ist ein untrennbares Ganzes, wo sich religiöse und kulturelle Identität treffen. Und genau aus dieser Sorge heraus entsteht in vielen Europäern seit einiger Zeit auch die immer stärker werdende Überzeugung, dass es etwas zu verteidigen gibt, dass da Vieles ist, was sie nicht verlieren wollen. Da entdecken auch jene den Wert des Christlichen, die diesem gegenüber gleichgültig geworden sind. Sie entdecken, dass sie selber für das Überleben des christlichen Europas verantwortlich sind, und nicht primär Päpste und Bischöfe, die derzeit oft selbst orientierungslos wirken.

Sie entdecken, dass es mehr zu verlieren gibt als bloß den regelmäßigen Kirchgang. Dass es das christliche Abendland ohne das Christentum nicht mehr geben wird. Sie entdecken, dass Toleranz gegenüber den Intoleranten nur zum Sieg der Intoleranz über alle Toleranz führt.


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