Familienpolitik

Diskussionen über Familienpolitik in Österreich und Europa
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Das tragische Dreieck der Jugendkriminalität: Armut, Bildung, Erziehung

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Deutsche Tagespost vom 27. 3. 2008
Von Jürgen Liminski



Noch vor kurzem war die Jugendkriminalität der Aufreger schlechthin. Die Zeitungen waren voll davon, keine Talkshow, in der nicht hitzig diskutiert wurde, eilig wurden Gesetzesinitiativen angekündigt. Und jetzt? Das Thema ist verschwunden, aber nicht das Problem. Und das ist gewaltig.

Was ist eigentlich aus dem Thema Jugendkriminalität geworden? Noch vor zwei Monaten bebte die Republik unter der Wucht der Argumente. In den Talkshows gab es kein anderes Thema, Erziehungscamps wurden gefilmt, Gesetzesinitiativen angekündigt, heilige Schwüre geleistet, dass auch nach den Wahlen das Thema weiter verfolgt werde. Und jetzt dreht sich wieder alles um die Machtfrage, wer mit wem koaliert und welche Partei vor dem Spiegel der Demoskopie die schönste im ganzen Lande sei. Die Jugendkriminalität aber nimmt vermutlich weiter zu, die Gewaltbereitschaft unter den Jugendlichen steigt, in Deutschland hat sie sich in den letzten zwölf Jahren fast verdoppelt. Ähnliches ist in fast allen Ländern Europas zu beobachten.

Eine verlorene Generation oder ein Systemfehler?

Überall steigt die Jugendkriminalität stärker als die Gesamtkriminalität. Handelt es sich um eine verlorene Generation oder um Systemfehler der Gesellschaft? Diese Fragen bleiben unbeantwortet. Es zählt der ARD-Deutschlandtrend, die Wahlaussichten und nicht die Lebensaussichten für junge Leute und damit auch die Zukunft des Landes. Jugendkriminalität? Dafür gibt es Gesetze, Camps, Heime und Experten.

Diese gar nicht politische, sondern machtegoistische Haltung wird sich rächen. Nicht nur hierzulande. Denn die Hauptursachen für die Jugendkriminalität sind überall ähnlich: Armut der Familien, Schwächen im Bildungssystem, Defizite bei der Erziehung, kaum Perspektiven für eine Zukunft mit Arbeitsplatz, übermäßiger Medienkonsum, etc. Eine monokausale Erklärung für das Phänomen gibt es nicht. Die Ursachen sind – ebenfalls in vielen Ländern ähnlich – gebündelt im Dreieck zwischen Armut, Bildungs- und Erziehungsdefiziten zu orten. Es ist ein tragisches Dreieck. Europa steht da an einer Kreuzung: Der Weg führt entweder in eine repressive oder in eine solidarische Gesellschaft.

Wenn die Politik sich für eine solidarische Gesellschaft entscheidet, muss eine dem Bündel an Ursachen entsprechende und übergreifende Präventionsstrategie entwickelt werden. Genau das geschieht nicht. Die Diskussion vor der Wahl in Hessen und Niedersachsen kurierte nur an Symptomen.

Zur Analyse der Situation war eine Äußerung aufschlussreich. Die Mutter des 20jährigen Türken, der am 20. Dezember in der Münchner U-Bahn mit einem 17jährigen Griechen einen Rentner fast zu Tode trat, bat „alle Deutschen um Verzeihung“ und erklärte:
„Ich hatte zu wenig Zeit für ihn (den Sohn). Ich musste arbeiten, das Geld war knapp“. Sein Vater habe Serkan misshandelt, deshalb sei sie in ein Frauenhaus gegangen. „Danach wurde es schwierig. Er hat nicht mehr auf mich gehört. Wir waren oft bei der Polizei, beim Jugendamt. Aber die wussten auch nicht, was sie machen sollten“.

Knapper kann man es kaum sagen.
Armut in der Familie, keine Zeit für Erziehung, statt elterlicher Liebe gab es Gewalt, der Vater prügelte, die Behörden zeigten sich hilflos.
Fazit: Wenn man der Jugendgewalt präventiv begegnen will, muss man in der Familie anfangen. Hier hat die Politik bisher versagt. Mehr noch: Indem sie die Zeit der Eltern einschränkt und vor allem arme Familien noch ärmer macht – zum Beispiel durch die Kürzung des Erziehungsgelds von 24 auf 12 Monate Elterngeld oder durch die Erhöhung der Verbrauchssteuern – verschlimmert sie die Lage im tragischen Dreieck.

Die Straf-Arien der Politiker führen nur zu mehr Repressivität. Es wurde wieder eine Chance vertan. Schade. Gesucht wird der Politiker, der mal den Mut aufbringt, der Parteispitze in allen etablierten Parteien ein gesellschaftspolitisches Gesamtkonzept darzustellen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind vorhanden. Man brauchte nur auf einen Schuss Populismus verzichten. Diesen Politiker gibt es offenbar nicht und auch von der Familienministerin, die dafür eigentlich zuständig wäre, hat man noch nichts gehört. Vielleicht, weil Jugendkriminalität für den Arbeitsmarkt nicht so wichtig ist.

Für die Bestandsaufnahme der Ursachen genügen kurze Blicke in die Rubrik sozialer Wandel. Ein deutsch-französisches Kolloquium in Paris zum Thema Jugendkriminalität hatte dazu schon vor acht Jahren festgestellt: Das Monopol der Familie (mit einem Erwerbseinkommen) koexistiert heute mit Modellen „pluraler Lebensformen“; der Einfluß von Gleichaltrigengruppen auf Jugendliche steigt, familiäre Binde-und Beziehungskräfte lassen nach; die Orte der Gefühlskultur verlagern sich. Nicht selten auf die Straße. Gleichzeitig hat die materielle Armut von Familien mit Kindern in sämtlichen Armutsberichten die Altersarmut überholt (in Deutschland ist ein Drittel aller Sozialhilfeempfänger jünger als 18 Jahre). Kinderreichtum ruiniert. Problemfamilien sammeln sich oft in Trabantenstädten. Paris kann davon manch garstig Lied singen.

Ferner: Mangelhafte Bildung führt über Ausdrucksschwächen und Verständnisschwierigkeiten zu Ausgrenzung und Randbewusstsein (rund jeder zehnte Lehrstellenbewerber wird abgelehnt, weil er nicht richtig lesen und schreiben kann). Der Bildungsnotstand wird jünger. Die Jugendarbeitslosigkeit hat sich – in Deutschland - seit Beginn der neunziger Jahre verdoppelt, die sozialen Netzwerke, die solcher Ausgrenzung entgegenwirken, werden weitmaschig. Wer nichts oder nur wenig zu verlieren hat, kennt auch keine Regeln. Ausländerfeindliche Parteien haben überdurchschnittlich viele junge Wähler.

Die Liste ließe sich verlängern. Als eine zentrale Ursache, die auch mit innerfamiliären Verhältnissen zu tun hat, wird heute auch der Import von Macho-Kulturen gesehen, in denen die Frau nicht nur prinzipiell untergeordnet, sondern auch geschlagen werde. Professor Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Instituts Niedersachsen weist seit Jahren anhand von empirischen Untersuchungen in Deutschland und in der Türkei darauf hin, dass solche Verhaltensweisen vor allem auf türkische Familien zutreffen.

In ihnen werde überdurchschnittlich viel geschlagen, was sich unmittelbar auf das Denken und Handeln der Jugendlichen auswirke. Für diese Thesen wurde und wird er von roten und grünen Politikern heftig gescholten. Französische Wissenschaftler denken bei solchen Befunden mehr an Einwanderer aus Nordafrika. Offensichtlich hat die Kultur damit zu tun. Jedenfalls ist die islamische Familie schon wegen der Rolle der Frau nicht mit der christlichen vergleichbar.

Pfeiffer ist der Ansicht, dass man generell Prügelstrafen verbieten solle. Autorität dürfe nicht über Gewaltanwendung demonstriert werden und Ehr- und Sittenbegriffe anderer Länder dürften nicht Grundrechte hierzulande außer Kraft setzen. Professor Franz Resch, Direktor der Universitätsklinik für Kinder und Jugendpsychiatrie in Heidelberg, warnt allerdings davor, die These vom indirekten Import der Jugendkriminalität allzu sehr zuzuspitzen. Es gebe auch nicht wenig deutsche Familien, in denen geprügelt und Kinder misshandelt würden.

Leben im permanenten Alarmzustand

Der Soziologe Roland Eckert aus Trier unterstreicht diesen Gedanken mit der Bemerkung, dass eine Tendenz zu archaischem Verhalten auch in Deutschland auszumachen sei. Unbestritten und nahezu wissenschaftlich messbar ist, dass Familien, in denen häufig geschlagen wird, das Entstehen von Jugendkriminalität begünstigen. Resch erklärt dies auch anhand von entwicklungspsychologischen Erkenntnissen aus der Aggressionsforschung. Wer dauernd auf der Hut sein müsse vor potenziellen Schlägen, lebe sich in einen permanenten Alarmzustand hinein, der die Fähigkeit zur Empathie, zum Mitleiden und Mitempfinden für andere verdränge. Das Opfer werde nicht mehr als solches wahrgenommen, es ist nur noch Objekt, zufällig gerade greifbar, um den Alarm und die damit verbundene Aggressionsbereitschaft zu rechtfertigen. Es entstehe eine Denk- und Gefühlsstruktur der Aggression.

Einig ist man sich heute darin, dass die Integration von Migrationskindern stärker gefördert werden müsse, um der Macho-Kultur entgegenzuwirken aber auch, damit keine rechtsfreien Räume entstehen können, die sich wie in Paris und manchmal auch schon in deutschen Städten zu schutzlosen Räumen entwickeln können. Kulturelle Identität darf kein Synonym für Selbstausgrenzung sein.

Die einfachere Variante bei der Suche nach Lösungen heißt: Mehr Gefängnisse, härtere Strafen, wachsendes Aggressionspotential. Der schwierigere aber mehr Erfolg versprechende Weg ist jener, der an den familiären und gesellschaftlichen Ursachen der Jugendkriminalität ansetzt und versucht, diese zu beheben. Die Jugend ist naturgemäß das wertvollste Kapital für die Zukunft einer Gesellschaft. Die Einführung junger Menschen in solidarische Gesellschaftsformen und entsprechend soziales Verhalten, ihre emotionale Stabilität sind Voraussetzung für Selbstbeherrschung, Frustrationstoleranz, Durchhaltevermögen, Selbstwertgefühl. Das lernt der junge Mensch in der Familie. Deshalb sollte die Prävention beim ersten Sozial-und Emotionalsystem, beim System mit der stärksten Prägekraft, der Familie, beginnen.

Sinnvoll wäre demnach, das Problem aus den drei Ursachenbereichen – Familie, Armut, Bildung – heraus anzugehen und in diesem Sinn einen Katalog von Präventivmaßnahmen zu überdenken, die die Familie nicht nur materiell entlasten (etwa durch ein Erziehungseinkommen oder steuerliche Erleichterungen), sondern auch Stressfaktoren abbauen sowie die Erziehungskompetenz von Eltern und die Bildungsqualität der Kinder fördern.
Das könnte durch Hausaufgaben-Betreuung der Kinder am Nachmittag geschehen und durch permanent besetzte Informations-und Beratungsstellen für Eltern. In manchen Kommunen und Diözesen werden derzeit Pläne für Familienzentren erarbeitet, in Nordrhein-Westfalen sind einige Pilot-Zentren bereits eingerichtet.

Unbestritten ist auch die Forderung, notwendige Strafen und Urteile schnell zu fällen. Beim Jugendgericht in Paris ist die Rückfallquote von jugendlichen Straftätern dort signifikant gesunken, wo man die Regel eingeführt hat, Straftaten innerhalb von 24 Stunden, drei Tagen oder höchstens zehn Tagen zu be- und verurteilen und anschließend sofort zu ahnden. Der Abschreckungswert ist offensichtlich höher, wenn die Strafe der Tat auf dem Fuße folgt.

Von Interesse wäre in diesem Zusammenhang, beim Strafvollzug eine Kooperation zwischen Staat und privaten Anbietern vorzusehen, die den psychologisch-pädagogischen, also den eher persönlichen Teil des Vollzugs übernehmen und somit die Funktion der Familie zumindest ansatzweise ersetzen. Und nützlich nicht nur in diesem Sinne könnte auch sein, die Bildung von Jugendräten mit Beteiligung von Jugendlichen aller Szenen wenigstens auf kommunaler Ebene zu fördern nach dem Motto: „Es muss mehr mit statt über die Jugendlichen und ihre Probleme gesprochen werden“.

Repression ist keine Lösung auf Dauer

In einem Gesamtkonzept zur Prävention muss auch den Medien und der Darstellung von Gewalt mehr Raum gegeben werden. Die „Entführung der Wirklichkeit“ durch die Medien, das Leben in einer Welt von Sekundärerfahrungen verharmlost auch die Gewalt. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen, die Mörderschüler von Erfurt und etlichen amerikanischen Städten haben es grausam belegt. Videos und Computerspiele ebnen die Gefühlskultur ein, besetzen den Raum der Emotionen. Hier wäre etwas mehr Repression, sprich ein gesetzliches Verbot nötig, statt sich auf hehre und nicht eingehaltene Selbstverpflichtungen der Medien zu verlassen.

Schließlich ist zu überlegen, ob nicht auch die Arbeitswelt stärker auf Jugendliche zugehen sollte. Vielleicht wäre es sinnvoll, Arbeitsplätze notfalls zu subventionieren, überbetriebliche Ausbildung für Jugendliche, die keine Lehrstelle oder keinen Arbeitsplatz gefunden haben, zu fördern und dem freiwilligen sozialen Jahr Vorschub zu leisten. Denn über die Arbeit findet der Mensch, auch der jüngere, seine Identität im sozialen Raum.

Hauptursache bleiben die familiären Defizite.
Ein Katalog von Präventivmaßnahmen müsste in diesem Sinn auch die Wohnsituation berücksichtigen. Das Wohnen in Betonsilos könnte verhindert werden durch mehr preiswerten Wohnraum für Familien mit Kindern oder Fahrtkostenzuschüsse für Wohnungen in grünen Randgebieten. Das Zuhause darf kein Alptraum sein.
Sicher ist: Repression ist keine Lösung auf Dauer. Es gibt viele Stellschrauben, viele interessante Ansätze, viele kleine Lösungen für Teilprobleme. Aber das reicht nicht. Wenn die Politik nicht zu einem Gesamtkonzept findet, wird die Jugendkriminalität zu einem Albtraum für die alternde Gesellschaft.


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