Familienpolitik

Diskussionen über Familienpolitik in Österreich und Europa
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Andreas Tögel bei Andreas Unterberger
24. 12. 2015

Dem österreichischen Lyriker und Schriftsteller Ernst Jandl, verdanken wir folgendes, im Jahr 1966 entstandenes Gedicht namens „Lichtung“:

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein llltum

Zunächst fällt die eigenwillige Orthographie des Verses ins Auge. Schnell wird indes klar, dass durch die gezielte Verwechslung von Buchstaben nachdrücklich das Problem der Unterscheidung politischer Positionen unterstrichen wird.

In der Tat hat sich im Laufe der Zeit eine beträchtliche Begriffsverwirrung hinsichtlich der Bedeutung des Begriffspaares Rechts-Links breitgemacht: Was ist „links“, was „rechts“? Wie kommt es, dass in Griechenland rechts- und linksextreme Parteien offenbar problemlos und ohne alle Berührungsängste eine Regierungskoalition eingehen können? Weshalb äußern vom Meinungshauptstrom als „rechtaußen“ schubladisierte Politiker wie Marine Le Pen und Heinz Christian Strache begeisterte Zustimmung zu den Positionen der linksradikalen „Syriza“?

Das heute immer noch verwendete Rechts-Links-Ordnungsschema geht bekanntlich auf die Sitzverteilung in der französischen Nationalversammlung am Vorabend der Revolution zurück. Dort nahmen die den Status quo verteidigenden Kräfte auf der rechten und die eine Veränderung anstrebenden späteren Königsmörder auf der linken Seite des Plenums Platz.

Linker Veränderungswille gegen rechten Wunsch zur Bewahrung des Bestehenden – diese Zuordnung stand am Anfang. Gilt sie auch heute noch?

Keineswegs! Denn heute stehen die (struktur-)konservativen politischen Kräfte, die auf eine Bewahrung und einen weiteren Ausbau wohlfahrtsstaatlicher „Errungenschaften“ aus sind, die mit Abgabenlasten von mehr als 50 Prozent einhergehen, allesamt links. Keine der in den europäischen Parlamenten vertretenen Parteien – gleichgültig, ob sie sich sozialdemokratisch, christlich-sozial, konservativ oder liberal nennen – hat vor, vom ebenso allsorgenden, wie zunehmend totalitäre Züge annehmenden Gouvernantenstaat abzurücken und den Bürger in die ihm sukzessive entrissenen Rechte wieder einzusetzen. Der 180°-Wechsel der Linken von der Seite der Revolutionäre ins Lager der Kräfte der Beharrung und Verteidigung des Status quo ist unübersehbar. Damit verbindet sich logisch, dass jedwede Initiative zur politisch-gesellschaftlichen Veränderung unserer Tage nur von rechts kommen kann.

Die Gegner des auf Zwang und Gewalt gründenden totalen Staates, die Befürworter der Vertrags- und Marktgesellschaft, kurz: die Libertären – sind demnach die neuen „Rechten“.

Allein daran wird offenbar, dass das herkömmliche eindimensionale Ordnungsschema, das sich nur zwischen den beiden Polen rechts und links einbettet, die Realität nicht mehr korrekt abbilden kann. Das führt zu der Verwirrung, die im eingangs zitierten Gedicht angesprochen wird. Eine sinnvolle Einordnung liberaler oder libertärerer Positionen ist im linearen Ordnungsschema nicht möglich. Nichts – nicht das Geringste – verbindet libertäre Positionen mit denen der gewohnheitsmäßig als rechts eingestuften Nationalsozialisten auf der einen oder den der orthodoxen, traditionell links verorteten Sozialisten auf der anderen Seite.

Der österreichische Universalgelehrte und politische Philosoph Erik von Kühnelt-Leddihn hat das Problem der politischen Verortung im eindimensionalen Schema durch zwei politisch unkorrekte Fragen zugespitzt:

„Was soll das sein, die Mitte zwischen Stalins Gulag und Hitlers KZ?“

„Wie kann der Nationalsozialismus rechts sein, wenn er den Sozialismus doch schon in seinem Namen trägt?“

In seinem 1989 publizierten Werk „Die rechtgestellten Weichen“ beschäftigt er sich eingehend mit der Unterscheidung von rechts und links und erstellt einen Katalog, der linkes Denken zusammenfasst. Ein kleiner Auszug aus den von Kühnelt-Leddihn auf die Frage „Was ist links?“ gegebenen Antworten:

Materialismus – ökonomischer, biologischer, soziologischer Natur.
Messianische Rolle einer Gruppe – Volk, Rasse, Klasse.
Zentralismus. Unterdrückung lokaler Verwaltungen, Eigenarten etc.
Totalitarismus. Alle Lebensbereiche von einer Doktrin durchdrungen.
Völlige, staatliche Kontrolle von Erziehung und Unterricht.
Versorgungsstaat von der Wiege bis zum Grab.
Antiliberalismus. Freiheitshass.
Antitraditionalismus. Man kämpft gegen die „Reaktion”.
Gleichschaltung der Massenmedien.
Abschaffung oder Relativierung des Privatbesitzes. Falls letzterer nominell bleibt, gerät er restlos unter Staatskontrolle.
Verherrlichung der Mehrheit und des Durchschnitts.
Plebejismus: Kampfansage an frühere Eliten.
Berufung auf das demokratische Prinzip.
Ideologische Wurzel in der französischen Revolution.
Einsetzung von Säkular-Riten als Religionsersatz.
Totalmobilmachung des Neids im Interesse von Partei und Staat.
Jeder einzelne dieser Punkte, bestimmt die Politik moderner Wohlfahrtsstaaten. Nicht einer davon fehlt. Der moderne Wohlfahrtsstaat ist lupenrein sozialistisch verfasst.

Die Frage „Was ist rechts?“ beantwortet Kühnelt-Leddihn so: „Das Fehlen oder das Gegenteil dieser Prinzipien; vergessen wir dabei ja nicht, dass Extreme sich nie berühren. Da stehen wir vor einem sehr beliebten, und daher schon überaus idiotischen Klischee. Als ob extrem groß und klein, kalt oder heiß oder das Leben in Rumänien und in Liechtenstein einander ähnlich wären.“

Die auch von ihm konstatierte Verwirrung resultiert aus der Unzulänglichkeit des eindimensionalen politischen Ordnungsschemas.

Ordnet man die politischen Positionen dagegen auf einem zweidimensionalen Schema ein, wird sofort deutlich, weshalb es immer wieder zu vermeintlichen Übereinstimmungen zwischen „lechts und rinks“ kommt. Die hier vorgeschlagene Einteilung, orientiert sich an einer vom Kollektiv zum Individuum gehenden x-Achse und einer vom Zwang zur Freiheit gehenden y-Achse. Fügt man den oben angeführten Katalog des als „links“ definierten Denkens in dieses Diagramm ein, ist sein Platz im linken unteren als „autoritär“ definierten Quadranten. Hier finden sich gleichermaßen der Bolschewismus (mit stärkerer Ausprägung in Richtung Kollektiv) wie auch der Nationalsozialismus (mit stärkerer Ausprägung in Richtung Zwang).

Im diagonal gegenüberliegenden als „liberal/libertär“ bezeichneten rechten oberen Quadranten findet sich Kühnelt-Leddihns Begriffsbestimmung für „rechtes“ Denken. In diesem Schema erklärt sich schlagartig seine, bei Verwendung eines eindimensionalen Schemas, irritierende Selbsteinschätzung als „rechtsradikaler Liberaler“.

Alle im herkömmlichen Politikschema gegeben Zuordnungen für links – wie Betonung von Kollektiv, Gleichheit, Gesinnungsethik, Wille zur fortwährenden Veränderung, Überwachung und Kontrolle – fügen sich in die beiden auf der linken Seite der Darstellung liegenden Viertel. Als „Rechts“ geltende Zuordnungen – wie Individualismus, Freiheit, Verantwortungsethik, Bewahrung des Bewährten, Vertrauen und freiwillige Übereinkunft – in die beiden rechten Viertel.

Mit der Verwendung eines zweidimensionalen Ordnungsschemas kann dem sowohl von Ernst Jandl, wie auch Erik von Kühnelt-Leddihn erkannten Unterscheidungsproblem, wirksam begegnet werden. „Lechts und rinks“ sind damit wirklich nicht mehr zu „velwechsern“.

Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist Kaufmann in Wien.

Der vorliegende Text beruht auf einem Vortrag, der vom Autor im November dieses Jahres, bei einer von der Zeitschrift „Eigentümlich Frei“ organisierten Tagung in Usedom gehalten wurde.

Kommentar von Wafthrudnir:
Erik von Kühnelt-Leddihn war auch für mich ein prägender Denker. Seine rechts-links Liste scheint mir allerdings ein wenig unter dem Umstand zu leiden, daß sie weniger ein klares Entscheidungskriterium darstellt, als seine persönlichen Vorlieben widerzuspiegeln scheint.
Ich bin jüngstens auf eine andere Definition gestoßen, die mir klarer und grundlegender zu sein scheint - die Unterschiede, die Erik von Kühnelt-Leddihn oder auch das obige Schema aufzeigen, ergeben sich quasi als Folge daraus. Der Unterschied soll darin liegen, wie wie Linke und Rechte reagieren, wenn sie auf ein Problem oder eine unerfreuliche Situation stoßen (als Beispiel nenne ich einmal die Gehaltsschere zwischen Mann und Frau, die auf den ersten Blick ja tatsächlich ungerecht wirkt).
Der Linke stellt sich sofort einen Zustand vor, indem das Problem nicht besteht (also: gleiche Durchschnittseinkommen für alle Geschlechter), er erdenkt also eine Utopie. Danach geht er daran, sie umszusetzen (also: Diskrimnierungsverbote, Quoten, Kampagnen etc.). Bringen die Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg, überlegt er andere, stellt die Utopie aber nicht infrage.
Der Rechte hingegen überlegt, warum der Zustand so sein könnte, wie er ist (Männer und Frauen scheinen ja ähnliche Fähigkeiten zu haben, wieso also unterschiedliche Einkommen) und versucht, die zugrunde liegende Gesetzmäßigkeiten zu finden (z.B. biologisch bedingte Verhaltensunterschiede). Erst bald er diese Gesetzmäßigkeit kennt, macht er Verbesserungsvorschläge, die oft bescheiden auffallen, weil er um unerwünschte Nebeneffekte und die natürliche Begrenztheit unseres Handelns weiß.
Leider erklärt diese Definition auch, warum die Linke stets attraktiver ist - wer würde nicht das Paradies vorziehen, wenn es zur Auswahl gestellt würde?

_________________________________________

HINWEISE:

Wer nicht so links denkt wie wir, ist rechts!
Je intensiver eine Position ideologisch begründet ist, desto heftiger wird auf Anfragen oder Gegenargumente nicht mit Nachfragen oder eigenen Verdeutlichungen, sondern mit Häme, Diffamierung und Angriff reagiert.


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