Familienpolitik

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Zum bevorstehenden Lutherjahr: Die Wurzeln lutherischer Theologie
17. November 2014 22:20 | Autor: Wolfram Schrems

Inwiefern kann ein explizit theologischer Beitrag für die Leser eines politischen und grundsätzlich säkularen Blogs von Interesse sein? Die Antwort ist dreifach: Erstens stellt sich jedem Menschen die Frage nach der letzten Wahrheit, mithin auch die nach dem Sinn des eigenen Daseins. Zweitens sind es in letzter Analyse immer „religiöse“ bzw. „anti-religiöse“ Vorentscheidungen, die eine Gesellschaft und ihre Politik prägen, von woher es angezeigt ist, sich darüber explizit Rechenschaft zu geben. Und drittens steht speziell Luther für Weichenstellungen welthistorischer Bedeutung, nämlich für das Zerbrechen der religiösen und somit der politischen Einheit der Christenheit einerseits und für geistesgeschichtliche Entwicklungen mit katastrophalem Charakter andererseits.

Es lohnt sich also mehrfach, sich mit den Voraussetzungen der lutherischen Lehre zu beschäftigen. „Das ICH im Glauben bei Martin Luther – Der Ursprung der anthropozentrischen Religion“ von Paul Hacker bietet dazu einen hervorragenden Einstieg.
Paul Hacker – Gelehrter, Konvertit, Apologet

Hacker (1913-1979) war Slawist und Indologe (Professor in Darbhanga – Indien, Bonn, Münster und Philadelphia). Nach intensivem innerem Ringen trat er 1962 vom Protestantismus zur Katholischen Kirche über: „Wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, dass das vorliegende Buch in engstem Zusammenhang mit seiner Konversion zu sehen ist. Insofern ist es, freilich unausgesprochen und kaum merklich, eine Art Rechenschaftsbericht, der die Gründe seiner Abkehr vom Protestantismus offen legt“ (Rudolf Kaschewsky, Schüler des Autors, im Vorwort).

Wie andere bekannte intellektuelle Konvertiten (in Wien ist besonders Dietrich von Hildebrand zu nennen, dessen Gedenktafel in der Habsburgergasse 5 leider kaum beachtet wird) hat er unter den Wirren der Konzilszeit sehr gelitten und in vielen Publikationen (etwa in der Una Voce-Korrespondenz) die „Protestantisierung“ der katholischen Liturgie und Theologie beklagt.

Um es vorwegzunehmen: Hackers Buch ist ein echter Fund. Dem Autor gelingt es, schwierige und subtile theologische Gedankengänge, die widersprüchliche Entwicklung des Denken Luthers und die Vielschichtigkeit des menschlichen Innenlebens verständlich auf den Punkt zu bringen. Das Buch ist wissenschaftlich anspruchsvoll, aber keine reine Spezialistenliteratur, es ist übersichtlich gestaltet und spannend geschrieben. Die vielen gut eingesetzten Luther-Zitate zeugen von hervorragender Literaturkenntnis.

Es gehört jedoch zum Wesen des Themas, dass manche Abschnitte, besonders das siebte Kapitel, ein erhebliches Problembewusstsein erfordern.
„Reformation“?

Die ausführlichst belegte (und im übrigen nicht neue, aber hier meisterhaft plastisch dargestellte) Grundthese des Buches ist, dass Martin Luther kein „Reformer“ war, in dem Sinne, dass er eine aus der Form geratene Glaubenspraxis wieder in die rechte Form zurückgebracht hätte (lat. re-formare), sondern, dass er im Gegenteil ein völlig neues Glaubenssystem erfunden hat. Er hat dieses auf verschiedenen, aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelversen unter Außerachtlassung der gesamten 1500-jährigen Tradition errichtet. Und in diesem System ist er der einzige Interpret, Prophet und gleichsam unfehlbare Papst.

Inhaltlich besteht dieses System in der so genannten reflexiven, „apprehensiv-statuierenden“ Aneignung des Heils in einem neuartig konzipierten Glaubensvollzug („Fiduzialglauben“).

Auf gut Deutsch gesagt:
Jeder, der sich nur fest genug einredet, die Gnade Gottes zu erlangen, hat sie schon erlangt, kann sie nicht verlieren und muss sich ihrer im Handeln nicht würdig erweisen (Verwerfung der „Werke“). Lediglich die Rezitation einiger Bibelverse zum Zweck der Selbstvergewisserung, d. h. ihrer selbsthypnotischen Beziehung auf das Selbst (darum „anthropozentrische Religion“), ist de facto notwendig.

Das widerspricht dem althergebrachten und biblisch grundgelegten katholischen Glauben, wonach Glaube, Hoffnung und Liebe zusammengehören und sich in einem entsprechenden Lebenswandel bewähren müssen. Eine Heilsgarantie besteht nicht, die beständige Möglichkeit des Abfalls muss zur Wachsamkeit ermutigen.
Verdrängung der letzten Fragen und Seelenleid

Man muss das nur aussprechen und hört gleichsam schon im Hintergrund die Fragen des „modernen“ Menschen: Um solche Dinge wurde da gestritten? Worüber reden die überhaupt? Interessiert das in Zeiten von „Dialog“, „Integration“ und „Inklusion“ noch irgendjemanden?

Das ist eine sehr oberflächliche Gesinnung. Genau das ist nämlich der Punkt des christlichen Bewusstseins, mithin Grundlage vieler Kulturen, nicht zuletzt Europas, des ehemaligen christlichen Abendlandes:

Um das ewige Heil zu erlangen, sind richtiger Glaube und richtiges Handeln von entscheidender Bedeutung. Das richtige Handeln (besonders gemäß Mt 5-7, Mt 25, 31ff u.v.a.) ermöglichte historisch gesehen den Aufbau einer menschenwürdigen abendländischen Zivilisation (die derzeit bewusst abgebrochen wird).

Wer sich aber weder um Glauben noch um richtiges Handeln schert, wird verdammt (Mk 16, 16 u. a.).

Und das ist derzeit sehr aktuell. Das so genannte „Mittelalter“ kannte noch die Höllenangst. Tief drinnen im Gewissen wusste der Christ jener Zeit immer, dass er sein Leben aus eigener Schuld so gestalten bzw. verunstalten kann, dass er umsonst gelebt hat und das Ziel, zu dem er hin ursprünglich geschaffen ist, nicht erreichen wird.

Das nennt man „Hölle“, eines der prominentesten und derzeit am meisten verdrängten Themen des Neuen Testamentes.

Heutzutage ist – auch aufgrund des schrecklichen Versagens der kirchlichen Lehrunterweisung im Gefolge des II. Vaticanums – dieses Bewusstsein verschwunden. Genauer gesagt, es ist abgedrängt worden.

Daher einerseits auch die unfassbare Verrohung des Lebens in unserer Gesellschaft. Was Massenabtreibung, Kindesmissbrauch und die Ausbreitung menschenverachtender, totalitärer Ideologien nur allzu deutlich zeigen.

Nach der Abtötung eines hellen und ausfluchtfreien moralischen Bewusstseins vor Gott wuchern andererseits die Gewissensängste – die man freilich nicht mehr so nennt. Aus dem chronisch schlechten Gewissen werden dann die berühmten „psychischen Krankheiten“ – zumindest viele von ihnen. Und da man die traditionellen Therapievorschläge (aufrichtiges Schuldeingeständnis, Beichte, Buße, entschlossene Besserung des Lebenswandels, Suche nach dem Willen Gottes), nicht mehr kennt – oder verlacht – greift man zu ungeeigneten Mitteln.

Kein Medikament und keine atheistisch konzipierte „Psychotherapie“ dieser Welt können aber Gewissensfrieden schenken. Oder das endgültige Heil.

Luther ist jedoch genau einer der ersten, der eine Art von „Psychotherapie“ anbieten, insofern ist er sehr „modern“. Hacker spricht in diesem Zusammenhang von „Bewusstseinsverdrängungsübung“ (145) und sogar „Flucht vor Gott“ (281, vgl. dazu das berühmte gleichnamige Werk von Max Picard aus dem Jahr 1934).
Eine neue Glaubenslehre…

Hacker legt die subtilen lutherischen Weichenstellungen offen und bescheinigt dem Wittenberger Mönch ein sensibles Innenleben und eine starke Reflexionsfähigkeit:

„Luther nennt den Glauben, wie er ihn lehrt, oft eine Zuversicht, ein Vertrauen. Aber reflexiver Glaube und Vertrauen auf Gott sind doch nicht dasselbe. Vertrauen ist ein sehr personales Verhalten, das immer Achtung oder Ehrfurcht vor der Freiheit der Person dessen, dem man vertraut, einschließt. (…) Würde er aber von dieser Person etwas zu erreichen suchen dadurch, dass er ihr vertraut, so wäre das Personale der Beziehung gestört. (…) Genau dies geschieht aber im reflexiven Glauben. Dieser ist daher kein echt personales Verhalten. Reiner Glaube nimmt einen Glaubensinhalt an auf die Autorität der Person hin, der er vertraut, ohne sich dabei auf sein Subjekt zurückzubeugen“ (48).

Luther verfehlt somit die klassische Praxis des inneren Lebens, das natürlich wechselnde Stimmungslagen kennt:

„Die Doktrin des reflexiven Glaubens, in ihrem Anfang ein Ausdruck der Sehnsucht nach dem Frieden, durch das tatsächliche Erleben des Friedens scheinbar bestätigt und darum mehr und mehr zur Norm gefestigt, wird nach dem unausweichlichen Verlust des Friedens zu einem Instrument, mit dem die Ungeduld sich den Frieden zurückholen und sichern will. Das ist die eigentlich protestantische Wende. Christliche Spiritualität erträgt es nicht, dass der Mensch begierig nach geistlicher Tröstung verlange (dadurch unterscheidet sich der Christ vom heidnischen Bhaktifrommen).“ (120)

Hacker resümiert dazu:

„Luthers Mystik ist nicht zur Reife gekommen, weil er die Geduld verlor und das Leiden, das dem für die Erfahrung der leuchtenden Finsternis bestimmten Menschen nicht erspart bleibt, nicht durchstand“ (127).
…mit enormen Auswirkungen

Alle diese theologischen Vorentscheidungen Luthers, besonders die Zurückbiegung des Glaubens auf das Ich, bleiben nicht ohne Konsequenzen. Sie führen letztlich zum Bruch mit der Kirche. Sie zerstören die Reichseinheit. Sie bedingen das Aufkommen neuer, extremer Gruppen, der „Schwärmer“ oder „Schwarmgeister“, die die Gedanken Luthers selbst aufgreifen, von diesem aber aus Konkurrenzgründen massiv bekämpft werden.

Schließlich hat Luther „einen der Ausgangspunkte des modernen Säkularismus geschaffen“ (183): Hacker zieht eine geistesgeschichtliche Linie von Luther über Rudolf Bultmann und Martin Heidegger in die völlige Auflösung des Glaubens.

Die (dogmatisch genau umrissene) Unfehlbarkeit des Papstes in Fragen des Glaubens und der Moral verschiebt sich nun zur Person Martin Luthers. Er selbst ist der einzig Unfehlbare in seinem Glaubenssystem.

Dieses hat mit der Bibel nur das zu tun, dass er einige ausgewählte Verse, vornehmlich aus dem Römerbrief und dem Galaterbrief, gegen den gesamten biblischen Glauben ausspielt. Das Sola-Scriptura-Prinzip ist überdies eine von außen an den Bibeltext herangetragene ideologische Vorentscheidung und zieht mit innerer Notwendigkeit eine willkürliche und rabulistische Bibelauslegung nach sich – für die wiederum Luther selbst die ausschließliche Kompetenz besitzt.

Nachdem dieses System theoretisch und praktisch egozentrisch ist, wird der „Reformator“ aggressiv: Gegen die „Papisten“, gegen die Mönche, gegen die Juden, gegen die Bauern, gegen die Frauen, gegen die „Schwarmgeister“ – und ständig neue Spaltungen innerhalb der „Reformation“ sind die Folge.

Der falsche Prophet wird an den schlechten Früchten erkannt.
Tragische Verfehlung eines wichtigen Anliegens

Die Lage der Kirche in jener Zeit der Renaissance ist unbestritten schlimm. Die Päpste geben, von Hadrian VI. (1522-1523) abgesehen, kein gutes Beispiel ab.

Kein Katholik würde die Auswüchse von Ablasshandel und Ämterkauf verteidigen.

Aber Luther verfehlt die echte Reform: „Wenn die römische Kurie ihm kein gutes Beispiel gab – war es dann nicht an ihm, das Beispiel des echten Reformators zu geben? Luther tat nicht, was er gepredigt hatte“ (130).
Der Protestantismus und die protestantischen Christen

Weder Paul Hacker noch der Rezensent beabsichtigen eine Beleidigung protestantischer Christen.

Letzterer hat die Ehre, mit menschlich vorbildlichen Angehörigen protestantischer bzw. freikirchlicher Bekenntnisse in freundschaftlichem Kontakt zu stehen, und ist für einen guten Gedankenaustausch immer dankbar.

Worum es aber abseits des offiziellen, sinnfreien und selbstzweckhaften „Ökumene“-Betriebs gehen muss, ist, dass einmal endgültig und rechtzeitig vor dem 500. Jahrestag des Thesenanschlags von Wittenberg alle Karten auf den Tisch gelegt werden:

Die wichtigste Frage ist dabei, ob sich Martin Luther zu Recht auf die Bibel berufen und als echter Reformer gelten kann oder nicht. Der Autor und der Rezensent meinen, mit vielen anderen Autoren seit den Lebzeiten Luthers, dass beides nicht der Fall ist.

Eine rückhaltlos ehrliche Beschäftigung mit Luther muss daher zugunsten des geistlichen und zeitlichen Wohls aller, die es betrifft, nicht zuletzt unserer gesamten Zivilisation, endlich durchgeführt werden.
Fazit

Wir sehen derzeit dessen implosionsartigen Niedergang im deutschen Sprachraum. Der deutsche und österreichische Protestantismus ist kaum mehr als eine Vorfeldorganisation linker Parteien. Christliches Profil ist außerhalb bekenntnisorientierter Kreise keines erkennbar.

Eine gründliche und ausfluchtlose Neubewertung Martin Luthers steht ins Haus – mit allen Konsequenzen.

Da nur die Wahrheit frei machen kann (vgl. Joh 8,32), ist Paul Hacker posthum für seinen Beitrag zur Wahrheitsfindung zu danken. Dank gebührt auch dem Verleger Benedikt Trost, im Hauptberuf Rechtsanwalt, der sich mit der Neuauflage des bald nach dem Erscheinen vom Markt genommenen Buches große Verdienste erworben hat.

Nach eigenen Angaben war es das erste Buchprojekt des Verlages (2002), „quasi die Geburtsstunde des Verlags“. Das große Interesse erforderte eine Neuauflage.

Wir hoffen und wünschen, dass noch viele Auflagen auf den Markt und in die Hände aller, die es betreffen sollte, gelangen.

Paul Hacker, Das ICH im Glauben bei Martin Luther – Der Ursprung der anthropozentrischen Religion, mit einem Vorwort von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. (zur ersten Auflage 1966, mit dessen Erlaubnis 2002 neu abgedruckt), durchgesehener und neu umgebrochener Neudruck der Ausgabe Bonn 2002, nova & vetera, Bonn 2009, 318 Seiten, 29.50 .www.novaetvetera.de

MMag. Wolfram Schrems, katholischer Theologe, Philosoph, Katechist, reiche Erfahrung im interkonfessionellen Gespräch


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Noch einmal Martin Luther: Die theologische Verwirrung und ihre Folgen
19. Dezember 2014 04:38 | Autor: Wolfram Schrems

Im Anschluss an meine Rezension über Paul Hacker, „Das Ich im Glauben bei Martin Luther – Der Ursprung der anthropozentrischen Religion“, in diesem Blog vom 17. November – die große Diskussionen auslöste und mir aus meinem Umfeld und Freundeskreis, auch aus dem protestantischen, äußerst aufschlussreiche und durchaus ermutigende Rückmeldungen einbrachte – und zum Zweck weiterer kritischer Erörterungen im Hinblick auf das herannahende „Luther-Jahr“ 2017 sei hier noch ein weiteres Standardwerk zur Theologie Martin Luthers präsentiert: Theobald Beer: „Der fröhliche Wechsel und Streit – Grundzüge der Theologie Martin Luthers."

Es handelt sich um einen Klassiker katholischer Luther-Analyse. Prälat Beer (1902-2000) stammte aus der Nähe von Landshut in Niederbayern und ging in den 30er Jahren in das Bistum Dresden-Meißen (Bautzen, Leipzig). Somit war ihm der Protestantismus nicht nur aus Büchern sondern auch aus der davon geprägten Kultur vertraut. Beer wurde zum Fachmann, der auch lutherische Kirchenmänner über Luther belehren und gegebenenfalls korrigieren konnte.

Als für einen spezialisierten Adressatenkreis konzipiertes theologisches Fachbuch setzt es ein überdurchschnittliches Maß an Vorbildung und Problembewusstsein voraus. Der damalige Professor Joseph Ratzinger, der Beer an die Universität Regensburg zu einschlägigen Seminaren holte, lobte es mit enthusiastischen Worten.
Aussageabsicht

Die Grundaussage des umfangreichen Werkes ist, dass Luther

sich von der klassischen biblisch-katholischen Theologie, besonders in der Gnadenlehre, ablöste
die Lehren seines Ordensvaters Augustinus und des allgemeinen Lehrers Thomas von Aquin verwarf, und
für seine Neuerungen auch eine neue Terminologie einführte und die althergebrachte mit neuen Bedeutungen füllte

„Der Einfluss des Neuplatonismus, der pseudohermetischen Literatur und der Gnosis (…) lässt seine Polemik gegen die griechische Philosophie und gegen die Scholastik in einem ganz anderen Licht erscheinen“ (J. Ratzinger).

Die polemische Neufassung der Gnadenlehre färbt auf alle anderen theologischen Traktate ab, besonders natürlich auf die Trinitätslehre und die Christologie.

Von dieser Neuausrichtung erhält die lutherische Theologie ihre schillernde und esoterische Qualität. Oft ist sie nicht auf den Punkt zu bringen, da es immer auch widerstreitende Aussagen gibt:

„Lutherforscher klagen: Die Sprache Luthers kann den reinen Logiker, für den die Eindeutigkeit der verwendeten Begriffe und Denkmittel oberstes Gesetz ist, zur Verzweiflung bringen. Aber nicht nur die Sprache, sondern die Sache selbst ist es, die den Widerspruch in sich trägt“ (173).

Beer muss daher, um Luther einigermaßen gerecht zu werden, dessen Lehre zu Gnade, Glaube und Rechtfertigung, zu Christologie und Anthropologie, auf etwa fünfhundert Seiten detailreich rekonstruieren. (Davon ist allerdings ein erheblicher Teil Apparat mit lateinischen und deutschen Luther-Zitaten, die eher für den Fachmann von Interesse sind, somit für das Gesamtverständnis nicht gelesen werden müssen.)
Widersprüche im lutherischen Denken

Es ist doch bezeichnend, dass jemand, der das Prinzip „Sola Scriptura“ („die Bibel allein“) als Schlachtruf ausgegeben hat, Schriften im Umfang von 127 Quartbänden (etwa 80.000 Seiten) hinterlässt (Weimarer Ausgabe).

Das ist nicht der einzige Widerspruch bei Martin Luther:
Beer stellt an manchen Stellen heraus, wo und wie Luther von der katholischen Lehre und von der Bibel (die entgegen der üblichen protestantischen Polemik eben zusammengehören) abweicht.
„Um Luthers Anliegen zu verstehen, kann man nicht von der Schrift ausgehen (…)“ (331).

Es ist bizarr zu sehen, wie jemand, der vorgeblich ein Verteidiger des Sola-Scriptura-Prinzips ist, den Apostel Paulus für dessen Lehre kritisiert:
„Nicht nur den Papisten macht Luther den Vorwurf, dass sie zwei Dinge miteinander vermischen, er ist auch der Meinung, Paulus verletze im Galaterbrief 3,5-6 die Regeln der dialektischen Schlussfolgerung, d.h. er halte Würdigkeit und Folge (im Sinne Luthers) nicht auseinander“ (167).
Neue Lehren

Inhaltlich geht es dabei um den „fröhlichen Wechsel und Streit“. Von der Idee ist es ungefähr das, was die katholische Theologie als admirabile commercium, als „wunderbaren Tausch“ bezeichnet: Christus nimmt die Schuld der Menschen auf sich und lässt sie im Gegenzug an der göttlichen Natur Anteil erhalten (vgl. 2 Petr 1, 4). Dabei formuliert Luther aber neuartige und sehr komplizierte Lehren, die sich aus dem Bibeltext nicht ergeben und die Kontinuität bisheriger Bibelauslegung abbrechen:

„Die Schlüssel, die Luther zur Eröffnung der Heiligen Schrift benützt, sind geformt nach der neuplatonisch-neupythagoreischen Philosophie, nach dem gnostisch beeinflussten Bild vom geköderten Leviathan und nach dem an Mysterienkulte erinnernden Wechsel. Damit kann jedoch die Heilige Schrift nicht erschlossen werden, es werden vielmehr Widersprüche in sie hineingetragen und die Türe zu ihrem Verständnis verschlossen. Bultmann spricht, mit Berufung auf Luther, von dem großen Rätsel oder Widerspruch im Neuen Testament, wie aus dem Verkündiger der Verkündigte wurde“ (406).

Die Auswirkungen sind enorm:
Um seine Sicht der Dinge durchzusetzen, muss Luther sogar die menschliche Natur vor dem Sündenfall als „Kot“(!) bezeichnen – was völlig unbiblisch ist („Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.“ – Gen 1,31) und der Weisheit des Schöpfers Hohn spricht. Luther muss hier eine geistige Verwandtschaft zum Häretiker Markion (2. Jhdt.) und zum Manichäismus (3. Jhdt.) konstatiert werden, gemäß denen die Schöpfung schlecht bzw. sogar böse sei.

Auch die wahre menschliche Natur Jesu Christi wird zur „Larve“ herabgesetzt, was die wirkliche Menschwerdung des Wortes (nach Joh 1, 14) abschwächt und zu (unzitierbaren) christologischen Entgleisungen führt (389).

Dem widerspricht wiederum Luthers Festhalten an „alle[n] Elemente[n] der katholischen Marienverehrung“ (381), insbesondere den Dogmen der Unbefleckten Empfängnis und der Himmelfahrt(!). Die Mariologie steht aber dadurch wiederum als „getrenntes Feld“ da (und verliert konsequenterweise im Protestantismus jede Bedeutung).

Bei Luther fällt praktisch alles auseinander, was eigentlich zusammen gehört.
„Theologische Spitzfindigkeiten“ oder geschichtsmächtige Weichenstellungen?

Viele Leser mögen sich unter Umständen fragen, ob das nicht alles akademische Spitzfindigkeiten sind, die mit dem „realen Leben“ nichts zu tun hätten.

Dem ist eben nicht so.

Luthers Theologie, die aus privat-persönlichen Gründen von seiner Rechtfertigungs- und Gnadenlehre ihren Ausgang nahm, brachte direkt und indirekt großen Einfluss auf Politik und Kultur hervor. Denken wir nur an die Schwächung der Abwehr gegen die türkische Aggression über den Dreißigjährigen Krieg bis zum preußischen Militarismus (der ohne die lutherische Staatshörigkeit nicht denkbar gewesen wäre).
„Reformation“ und Revolution – Das Fischen im Trüben

Diejenigen revolutionären Bewegungen, die man nachträglich unter dem irreführenden Schlagwort „Reformation“ zusammenfasste, waren von Menschen geprägt worden, die ihre eigenen Lieblings- oder auch Wahnideen den Mitmenschen aufnötigen wollten (vgl. Eric Voegelin: Luther und Calvin – Die große Verwirrung) und zu diesem Zweck alte traditionelle Bindungen zerschneiden mussten.

Obgleich die kirchliche Situation zur Zeit der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert unbestritten reformbedürftig war, nämlich im eigentlichen Sinn des reformare, des „in die rechte Form Zurückbringens“, hat Luther das Reformanliegen verfehlt.

Dass man heutzutage Wahrheitsfrage, Glaube und Moral aus der Öffentlichkeit verbannt, dafür dort alle möglichen Perversionen zelebrieren lässt, ist ein Armutszeugnis unserer Zeit. Und auch indirekte Folge der Reformation, da sich deren Protagonisten nur auf ihr eigenes Gewissen beriefen (wie ehrlich auch immer) und das Glaubensgut des geoffenbarten Glaubens und der Moral über den Haufen warfen. Wenn also Pater Martin sagen durfte „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, dürfen es andere vermutlich auch.

Man darf eben nicht vergessen, dass aus der Revolutionierung des Glaubens auch eine Revolutionierung der Moral folgt, somit in erster Linie auch eine Selbstermächtigung für unautorisiertes, eigennütziges und egozentrisches Handeln. Die Versuchung, im Trüben zu fischen, wurde und wird für viele Glaubensneuerer (nicht: Glaubenserneuerer!), Spalter und Gurus übermächtig. Auch Luther gestand sich selber allerhand zu, was die klassische Moral verboten hatte.

Aber nur ein gemeinsamer wahrer Glaube, der die mit der Herrschaft Beauftragten mit den Beherrschten verbindet und beide zu derselben Verpflichtung zu Wahrheit und Wohlwollen, kann Willkürherrschaft und Sklaverei verhindern, und zwar sowohl in der Glaubensgemeinschaft als auch in der politischen Gemeinschaft.

Beer spricht an einer Stelle die psychische Verfasstheit Luthers an, ohne sie näher auszuführen. Der versierte Leser spürt jedoch, dass die Luthersche Uminterpretation des gesamten überlieferten Glaubens, einschließlich des Wortlautes der heiligen Schrift, etwas Pathologisches an sich hat. Anders ist die Verbissenheit der Realitätsverweigerung nicht zu erklären.
Resümee

Dieses Buch gehört zur Pflichtlektüre für alle, die im offiziellen katholisch-lutherischen „Dialog“-Betrieb engagiert sind. Dort ist ja bekanntlich die Gefahr inhaltsleerer Phraseologie und des konsequenten und willentlichen Aneinandervorbeiredens am größten. Das Konzept scheint dort zu sein: Wenn man seinen Job nicht verlieren will, muss man den Dialog prolongieren und darf unter keinen Umständen zu einem konkreten Ergebnis kommen, etwa zu einer Wiedervereinigung der getrennten Christen.

Aber ein Dialog, der diesen Namen verdient (gemäß den Dialogen Platons oder dem berühmten Dialogue Concerning Heresies des hl. Thomas Morus von 1528, der die „reformatorischen“ Positionen, eben Martin Luthers und William Tyndales, widerlegt), benötigt eine inhaltliche Erdung.

Nicht zuletzt sollten sich die katholischen Hierarchen, besonders die Bischöfe und Kardinäle deutscher Sprache, dieses Buch vornehmen. Es wäre angesichts ihrer theologischen Desorientierungen eine gute Nachhilfe.

Nachdem das Buch Luther ernst nimmt und dessen Lehre gründlichst durchleuchtet, dabei auf klassische Polemik oder psychologische Interpretationen verzichtet, eignet es sich besonders für protestantische Gelehrte, die sich über ihre Glaubensvoraussetzungen intensiver Rechenschaft geben wollen. Betriebsblindheit gibt es ja nicht nur in Industriebetrieben oder Vereinen.

Prälat Beer war selbst kein Konvertit, daher fehlte ihm auch der für Konvertiten oft charakteristische Übereifer bzw. der Hang zur Polemik. Angesichts sehr ausladender unparteilich-neutraler Darstellungen lutherischer Gedankengänge fragt man sich aber, ob manchmal nicht mehr Würze angezeigt gewesen wäre.

Dem Johannes-Verlag Einsiedeln, der für seine spirituelle Reihe „Christliche Meister“ beliebt ist, gebührt das Verdienst, Theobald Beers Meisterwerk für Forschung, Apologetik und Kontroverstheologie zu einem günstigen Preis zugänglich gemacht zu haben. In Zeiten eines gewaltigen Konformitätsdrucks und einer von oben verordneten offiziösen Geschichtsschreibung und -deutung ist derartige Literatur von kaum zu überschätzendem Wert.

Theobald Beer, Der fröhliche Wechsel und Streit – Grundzüge der Theologie Martin Luthers, Johannes-Verlag, Einsiedeln, 2. vermehrte Auflage 1980, 563 Seiten, 12,--; Horizonte Neue Folge 19 (Erstausgabe Benno-Verlag, Leipzig 1974)

MMag. Wolfram Schrems, Linz und Wien, katholischer Theologe, Philosoph, Katechist, reiche Erfahrung im interkonfessionellen Gespräch


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