Familienpolitik

Diskussionen über Familienpolitik in Österreich und Europa
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PostPosted: 27.02.2008, 22:01 
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Professor Dr. Bernhard Sutor
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Familie und Gesellschaft – Gesellschaft und Familie
Die familienpolitische Bedeutung von „Familiaris Consortio“ aus sozialethischer
Sicht



Das mir gestellte Thema gibt eine doppelte Perspektive vor. Das Apostolische Schreiben
Familiaris Consortio soll aus sozialethischer Sicht befragt werden nach seiner
familienpolitischen Bedeutung. Dazu ist einleitend zunächst nüchtern festzustellen, dass
das päpstliche Dokument Familienpolitik nicht zum Thema hat. Dennoch kann man freilich
nach seiner familienpolitischen Bedeutung fragen. Interessanterweise kommt im Hauptteil
des Dokumentes Politik gleichsam in umgekehrter Perspektive vor. In einem Abschnitt
über die Teilnahme der Familie an der gesellschaftlichen Entwicklung geht es nicht darum,
was Politik für Familie zu leisten habe, vielmehr geht es umgekehrt um den
gesellschaftlichen und politischen Auftrag der Familie. Mit eindringlichen Worten werden
dort die Familien aufgefordert, ihre Anliegen auch selbst öffentlich zu vertreten und auf
dem Feld der Familienpolitik Initiativen zu ergreifen, damit sie nicht Opfer mancher Übel
werden, die in dem Dokument angesprochen sind. Der Abschnitt mündet in die Erinnerung
an einen Appell des zweiten Vatikanums, die individualistische Ethik zu überwinden und
leitet über zu einem Abschnitt über die Charta der Familienrechte, die uns noch
ausführlich beschäftigen wird. Wir können hier schon festhalten, dass das päpstliche
Dokument streng personal und subsidiär gedacht ist. Im Sinne unseres Themas ist zu
fragen, was das aus sozialethischer Sicht für die Familienpolitik bedeutet, wobei der Text
selbst vor allem mit seiner Nummer 46 über die Charta der Familienrechte leitende
Gesichtspunkte liefert. Dennoch sei hier in einem ersten Schritt ein Überblick über Aufbau
und Gedankenführung des Dokumentes insgesamt gegeben. Die Akzentuierungen, die ich
dabei vornehme, entsprechen dem Obertitel meines Referates, der Beziehung von Familie
und Gesellschaft.

Überblick und Gedankenführung

Familiaris Consortio ist in vier Hauptteile gegliedert. Der dritte Teil über die Aufgaben
der christlichen Familie bildet mit seinen mehr als 40 Seiten den Kern des Dokuments.
Dem folgt an Gewicht der vierte Teil mit 24 Seiten zur Familienpastoral. Freilich
interessiert unter dem Aspekt des Verhältnisses von Familie und Gesellschaft zunächst
der erste Teil, eine Art Situationsanalyse unter der Überschrift: „Die Familie heute –
Licht und Schatten“. Mit seinen nur sechs Seiten kann er selbstverständlich keine
umfassende und eindringende Analyse liefern, aber er beginnt mit der unabweisbaren
Feststellung, dass sich die Kirche um die Kenntnis gegenwärtiger Situationen bemühen
muss, um ihren Dienst an der Familie leisten zu können. Mit dem Konzil sollen
Ereignisse und Situationen der Geschichte, Ängste und Hoffnungen der Menschen
auch als Anrufe des göttlichen Geistes verstanden werden, und ebenfalls in
Übereinstimmung mit dem Konzil wird betont, dass die Kirche ihren Dienst auf diesem
Feld nicht ohne die Laien leisten kann. Zur Lage der Familie in der Welt von heute wird
Positives wie Negatives registriert. Als positiv erscheinen das starke Bewusstsein
persönlicher Freiheit, die Wertschätzung guter zwischenmenschlicher Beziehungen,
die Betonung der Würde der Frau, der verantworteten Elternschaft, der hohen
Aufmerksamkeit auf die Erziehung der Kinder. Andererseits ist die Rede von der
Verkümmerung fundamentaler Werte, von Ehescheidung, von Abtreibung, von
empfängnisfeindlicher Mentalität. Dazu betont das Dokument, zumal im Blick auf die
Dritte Welt, den riesigen Abstand zwischen Reich und Arm und die mit Armut
verbundenen Übel für Ehe und Familie. Das beunruhigendste Phänomen ist für den
Papst der Mangel einer von einem kritischen Gewissen getragenen christlichen
Familienkultur, sich ausdrückend in der Zunahme von Scheidungen und dem Eingehen
neuer Verbindungen auch unter den gläubigen Christen. Die Antworten, die das
Dokument darauf gibt, sind hier nicht familienpolitisch, sondern theologisch und
pastoral. Die Stichworte dafür lauten christliche Weisheit, Gewissensbildung,
Erziehung, Bekehrung, Inkulturation des Christlichen in die Kulturen. Man muss dabei
beachten, dass das Schreiben sich an die gesamte Weltkirche richtet und
dementsprechend allgemein bleibt.
Der zweite Teil des Dokumentes entfaltet unter der Überschrift „Ehe und Familie im
Plane Gottes“ das katholisch-christliche Verständnis der beiden Institutionen. Die Ehe
wird beschrieben als kulturelle Institution und als Sakrament, die Familie als
Gemeinschaft von Personen, mit tiefdringenden, biblisch-theologischen und
anthropologischen Begründungen, bei deren Lektüre man sich fragt, wieweit heute
auch Christen noch bereit und in der Lage sind, solche Gedanken mit zu vollziehen,
sich zu eigen zu machen und aus ihnen Ehe und Familie zu gestalten.

Auf dieser Grundlage werden im schon angesprochenen dritten Teil des Textes, dem
Kern des Dokumentes, in vier Schritten die Aufgaben der christlichen Familie
beschrieben. Es geht erstens um die Bildung der Familie als einer Gemeinschaft von
Personen, zweitens um ihren Dienst am Leben durch Weitergabe des Lebens und
durch Erziehung, drittens um die Teilnahme der Familie an der gesellschaftlichen
Entwicklung, viertens um ihre Teilnahme am Leben und an der Sendung der Kirche.
Das kann hier nicht im Detail unser Thema sein. Ich gebe unter dem Aspekt Familie
und Gesellschaft nur einige Hinweise. So wird in Nummer 23 das Thema Frau und
Gesellschaft eigens angesprochen. Dabei fällt ein Einerseits – Andererseits auf.
Einerseits rechtfertigen die gleiche Würde und Verantwortlichkeit von Mann und Frau
den vollen Zugang der Frau zu öffentlichen Aufgaben, andererseits sollen ihre
mütterlichen und familiären Aufgaben zugleich klare Anerkennung finden. Von
gegenseitiger Integration ist hier die Rede. Von einer erneuerten „Theologie der Arbeit“
verspricht sich der Papst eine tiefere Einsicht in die unersetzliche Bedeutung von
Hausarbeit und Kindererziehung. Konkreter heißt es dann, Ehefrauen und Mütter
sollten nicht praktisch gezwungen sein, außer Haus zu arbeiten. Insgesamt erfährt die
Tätigkeit der Frau in Haus und Familie in unserem Text zweifellos die höhere
Wertschätzung als die in Beruf und Öffentlichkeit. Demgegenüber wird man sagen
müssen, dass in unserer Gesellschaft, weithin auch unter Christen, das nicht mehr als
Alternative akzeptiert wird. Die Fragen und Probleme, die sich daraus ergeben, sind
allgemein bekannt und stehen heute im Zentrum unserer familienpolitischen
Diskussionen.
Aus der Fülle der weiteren Gedanken, die im dritten Hauptteil des Dokumentes
entfaltet werden, will ich hier nur noch festhalten die Bedeutung der Familie als
Erzieherin zu den Grundwerten des menschlichen Lebens, wie die Überschrift zu
Nummer 37 lautet. Die Familie wird dort dargestellt als die erste und grundlegende
Schule sozialen Verhaltens. Die Einsicht, dass sie darin unentbehrlich, zwar gewiss zu
ergänzen, aber eigentlich nicht zu ersetzen ist, führt wieder mitten hinein in unsere
gegenwärtigen familienpolitischen Diskussionen.
Der vierte Hauptteil des päpstlichen Dokumentes entfaltet Fragen und Probleme der
kirchlichen Familienpastoral, ihrer spezifischen Zeiten, ihrer Strukturen, ihrer Akteure
und mündet zuletzt in einen Abschnitt über Pastoral für schwierige Situationen,
besonders auch für kirchlich irreguläre Situationen wie Ehe auf Probe, freie
Verbindungen, wiederverheiratete Geschiedene. Die Ausführungen sind
gekennzeichnet einerseits durch ein Festhalten an den kirchlichen Grundpositionen
und Normen, andererseits aber durch Verständnis für die Menschen in solchen
Situationen, deren Verhalten durch objektive Sachzwänge wie durch die Macht der
gesellschaftlichen Trends weithin bestimmt ist. Typisch dafür etwa folgender Satz, der
freilich Aufforderung oder Programm bleibt: „Es wird sehr nützlich sein, den Ursachen
des Phänomens der Ehe auf Probe nachzugehen, auch in psychologischer und
soziologischer Hinsicht, um eine angemessene Therapie zu finden“ (Nummer 80).
Mein Gesamteindruck von dem Dokument: Sein Schwerpunkt liegt auf einer Theologie
über Ehe und Familie und auf der kirchlichen Pastoral. Die gesellschaftlichen
Verhältnisse, die Lebensbedingungen, Situationen, in denen Ehe und Familie sich
heute zu behaupten haben, werden angesprochen, werden registriert, aber nicht einer
breiteren oder gar eindringenderen Analyse unterzogen. Es stehen gegenüber eine
hohe, anspruchsvolle Theologie, kirchliche Lehre, auch pastorale Sorge und
Empfehlungen und auf der anderen Seite die heutige Gesellschaft in ihrer Komplexität,
mit ihren die Menschen oft verwirrenden Phänomenen, mit ihren ungelösten
Problemen und mit ihren einander im Pluralismus widerstreitenden Positionen,
Deutungen, Wertungen. Ich muss gestehen, diese Diskrepanz zwischen kirchlichem
Anspruch und gesellschaftlicher Realität macht mich, pastoral gesehen, ratlos. Aber
die Ehe- und Familienpastoral ist hier nicht unser Thema.

Sozialethische Orientierungen für Familienpolitik

Wie einleitend schon bemerkt, hat Familiaris Consortio Familienpolitik nicht eigentlich
zum Thema. Am unmittelbarsten wird das Thema berührt in Nummer 46, wo im Vorgriff
auf die ein Jahr später erschienene Charta der Familienrechte die wichtigsten dieser
Rechte aufgezählt werden. Ich beziehe deshalb die Charta in meine Darlegungen mit
ein.
Von fundamentaler Bedeutung für Familienpolitik sind zwei Grundaussagen, die sich in
beiden Dokumenten finden. Das ist zum einen die Feststellung, dass die Rechte der
Person, also die Menschenrechte, eine grundlegend soziale Dimension haben. Das ist
eine klare Abgrenzung gegenüber dem weit verbreiteten liberalen Individualismus. Im
direkten Zusammenhang damit steht die zweite Grundaussage, nämlich das Ehe und
Familie nicht beliebige soziale Beziehungen und Gruppen sind, sondern sozialkulturelle
Institutionen, die für die personale Entwicklung des Menschen in der
Gesellschaft unentbehrlich sind. Familiaris Consortio spricht in Nummer 43 von der
Familie als dem ursprünglichen Ort zur Humanisierung und Personalisierung der
Gesellschaft. In der Präambel der Charta heißt es in Abschnitt E, die Familie sei in
einzigartiger Weise geeignet, kulturelle, ethische, soziale, geistige und religiöse Werte
zu lehren und zu übermitteln, wie sie wesentlich sind für ihre eigenen Mitglieder und für
die ganze Gesellschaft. Für die Begründung von Familienpolitik sind diese Aussagen
deshalb so wichtig, weil ohne diese anthropologische Begründung nur ökonomischutilitaristische
und soziologisch-funktionale Argumente bleiben. Über diese aber kann
man lange streiten, und das erklärt wohl auch, weshalb man in unserer pluralistischen
Gesellschaft nicht leicht einen Konsens findet für ein konsistentes Konzept von
Familienpolitik. Unsere Gesellschaft hat keinen gemeinsamen Begriff mehr von
Familie.
Der Personalismus der christlichen Soziallehre, wie er selbstverständlich auch
Familiaris Consortio durchzieht, führt zu der weiteren Grundaussage, dass
Familienpolitik subsidiär begriffen werden muss. In Nummer 45 wird diese subsidiäre
Aufgabe des Staates andeutungsweise in doppelter Hinsicht entfaltet. Einerseits
müssen Staat und Politik die Familie als eine Gemeinschaft eigenen und
ursprünglichen Rechts achten und ihre Freiheit schützen; andererseits müssen sie ihr
das notwendige subsidium, eine Förderung auf den verschiedensten Gebieten
gewähren, damit sie ihre eigene Aufgabe zum Wohl ihrer Mitglieder und der
Gesellschaft erfüllen kann.
Diese Grundpositionen werden in der Charta der Familienrechte konkretisiert. Was die
Reichweite der dort formulierten Familienrechte betrifft, so ist eine Bemerkung in der
Einführung sehr zu beachten. Es heißt dort, in einigen Fällen handle es sich um echte,
juristisch verbindliche Normen. Das gilt zweifellos für die Freiheit der Person, eine Ehe
einzugehen und eine Familie zu gründen; es gilt auch für das Recht der Eltern auf
Erziehung ihrer Kinder, obwohl dieses freilich mit den Erziehungsrechten weiterer
Instanzen vereinbart werden muss. In anderen Fällen, so die Einführung weiter,
formuliere die Charta grundlegende Forderungen und Prinzipien, die der
Konkretisierung durch Gesetzgebung und in der Familienpolitik erst noch bedürften.
Das ist eine wichtige Aussage für das Verständnis politischer Ethik. Diese kann nicht
nach einem Deduktionsmodell arbeiten. Sie kann nicht aus Prinzipien konkrete
Forderungen und Handlungen unmittelbar ableiten, muss vielmehr versuchen, mit Hilfe
von Prinzipien die Probleme zu durchleuchten und in der Auseinandersetzung mit
Sach- und Situationsargumenten Forderungen im Für und Wider begründen. Das mag
eine Warnung sein vor allzu einfachen, scheinbar schlüssigen Ableitungen und
Konzeptbegründungen, wie sie gerade auch unter Christen nicht selten sind. Auch
Christen können und müssen, bei gleicher Grundüberzeugung, im Konkreten nicht
selten miteinander streiten. In der Einführung der Charta heißt es dementsprechend,
sie sei ein Modell und eine Grundlage für die Erarbeitung entsprechender
Gesetzgebung und Familienpolitik, eine Handreichung für konkrete Programme und
Aktionen. Sie ist also nicht selbst schon ein solches Programm.
Im folgenden gebe ich einen kurz gefassten Durchblick durch die Charta der
Familienrechte mit einigen konkretisierenden Anmerkungen und Hinweisen.
- An erster Stelle steht in der Charta das Recht aller Personen, ihren Lebensstand
frei zu wählen, also eine Ehe einzugehen, eine Familie zu gründen oder ehelos zu
bleiben. Diskriminierungen sind nicht erlaubt, gesetzliche Einschränkungen sind nur
aufgrund schwerer und objektiver Erfordernisse begründbar. Vielmehr haben
Eheleute und Familien das Recht auf die äußeren Bedingungen, die Eheschließung
und Familiengründung ermöglichen. Vom Staat wird verlangt, die Institution Ehe zu
schützen. An einer anderen Stelle heißt es, Ehescheidung sei ein Angriff auf die
Institutionen von Ehe und Familie selbst. Hier ist freilich der Konflikt mit der
pluralistischen Gesellschaft vorprogrammiert, und irgendwelche Arrangements der
Kirche mit der staatlichen Gesetzgebung sind unvermeidlich.
- Artikel 2 betont die Freiheit der Partner zur Schließung einer Ehe auch gegenüber
bestimmten traditionellen Kulturen, das Recht auf religiöse Freiheit sowie Würde
und gleiche Rechte der Ehepartner „im Rahmen der natürlichen Komplementarität,
wie sie zwischen Mann und Frau besteht“, wie immer man das interpretieren mag –
gewiss wieder ein Gegenstand von Kontroversen.
- Artikel 3 nennt die Gründung einer Familie das unveräußerliche Recht von
Eheleuten und betont ihr Recht, über die Zahl ihrer Kinder selbst zu entscheiden.
Versuche öffentlicher Autoritäten, in dieses Recht einzugreifen, werden als schwere

Verletzung menschlicher Würde und Gerechtigkeit bezeichnet. Dementsprechend
werden Versuche verurteilt, Wirtschaftshilfe mit Programmen für
Empfängnisverhütung, Sterilisation und Abtreibung zu verbinden. Vielmehr wird ein
Recht der Familie formuliert auf Unterstützung durch die Gesellschaft bei Geburt
und Erziehung von Kindern.
- Der Artikel 4 formuliert die bekannten kirchlichen Positionen zum Lebensrecht der
Ungeborenen, gegen verbrauchende Embryonenforschung und gegen genetische
Manipulation der menschlichen Person. Weiterhin werden Schutzrechte formuliert
für Kinder, auch für die außerehelich Geborenen, sowie ein besonderer
Schutzanspruch für Waisen und für behinderte Kinder.
- Der umfangreiche Artikel 5 formuliert das unveräußerliche Recht der Eltern auf
Erziehung ihrer Kinder in mehreren Dimensionen. Dabei haben sie Anspruch auf
Hilfe und Unterstützung durch die Gesellschaft und das Recht auf freie Schulwahl.
Dieses Recht und die weiteren Konkretisierungen machen freilich deutlich, dass
ihre Wahrnehmung im Konkreten immer unter bestimmten kulturellen und
rechtlichen Bedingungen erfolgen muss, die nicht ohne Vereinbarungen und
Kompromisse vorstellbar ist. So heißt es, Eltern müssten die Gewähr haben, dass
ihre Kinder nicht gezwungen werden, Schulklassen zu besuchen, die nicht in
Übereinstimmung stehen mit ihren moralischen und religiösen Überzeugungen. Das
wird dann besonders auf die Geschlechtserziehung bezogen. Man wird aber in den
Schulen einer pluralistischen Gesellschaft, selbst wenn sie noch als christlich
firmieren, nicht vermeiden können, dass Kinder mit Positionen und Überzeugungen
konfrontiert werden, die von denen der Eltern abweichen. Im Interesse der
Orientierungsfähigkeit und Identitätsfindung der Kinder in dieser Gesellschaft wird
man es nicht einmal wünschen. Wichtiger scheint mir deshalb die Feststellung, der
Staat verletze Elternrechte, wenn er eine Erziehungsform verpflichtend auferlegt,
aus der alle religiöse Bildung ausgeschlossen ist. Und ebenso wichtig scheint mir –
und in heutiger Praxis längst nicht eingelöst – das Recht der Eltern auf
Zusammenwirken mit Lehrern und Schulleitung, welches umgekehrt freilich die
Bereitschaft zu solcher Kooperation auch bei den Eltern selbst erfordert.
- Im Blick auf neuere Entwicklungen in unserer multireligiösen Gesellschaft
gewinnen die Artikel 6 und 7 der Charta neue Bedeutung. Artikel 7 spricht den
Familien das Recht zu, ihr eigenes religiöses Leben zu führen sowie ihren Glauben
auch öffentlich zu bekennen und zu verbreiten. Artikel 6 zollt dem System der
Großfamilie Respekt mit seiner traditionell hohen Solidarität, betont jedoch zugleich
die Rechte der Kernfamilie und die Personenwürde jedes einzelnen
Familienmitgliedes.

- Die Artikel 8 und 9 sind für Familienpolitik im engeren Sinn von besonderer
Wichtigkeit. Artikel 8 unterstreicht, was in Familiaris Consortio auch schon gesagt
war, das Recht der Familie, ihre soziale und politische Funktion in der Gesellschaft
auszuüben, und spricht ihr deshalb ausdrücklich ein Vereinigungsrecht, ein
Koalitionsrecht zur Interessenvertretung zu. Artikel 9 spricht einzelne
Aufgabenfelder der Familienpolitik an. Die hier verwendeten Formulierungen
bestätigen, was oben gesagt wurde: Man kann und muss ein Recht der Familien
formulieren, dass die zuständigen staatlichen Organe Aufgaben für die Familien in
diesen Feldern wahrnehmen; aber ihre konkreten Formen und das jeweilige
Ausmaß sind Gegenstand politisch verantwortlichen Ermessens. So lautet der
einleitende Hauptsatz des Artikels 9: „Familien haben ein Recht, von den
staatlichen Autoritäten eine angemessene Familienpolitik auf juristischem,
wirtschaftlichem, sozialem und steuerrechtlichem Gebiet erwarten zu können, die
jedwede Benachteiligung ausschließt.“ Was Benachteiligung ist, wird man, soweit
materiell fassbar, einigermaßen operationalisieren können, und führende Anwälte
für Familienpolitik tun es heute auch etwa im Steuerrecht und auf dem weiten,
umstrittenen Feld der Sozialversicherungen. Aber was eine angemessene
Familienpolitik heißt, wird sicher immer Gegenstand politischer
Auseinandersetzungen bleiben. Der Artikel nennt im einzelnen das Recht der
Familien auf wirtschaftliche Bedingungen, die einen ihrer Würde und ihrer
Entwicklung entsprechenden Lebensstandard sichern; das Recht auf soziale
Unterstützung bei besonderen Bedürfnissen, wozu unter anderem die Bereiche
unserer klassischen Sozialversicherungen genannt werden; das Recht der älteren
Menschen, in ihrer eigenen Familie oder in geeigneten Einrichtungen eine ihnen
angemessene Umgebung zu finden; schließlich Recht und Würde der Familie, vor
allem die Wahrung ihrer Einheit, auch wenn eines ihrer Mitglieder zum
Strafgefangenen geworden ist.

- In gleicher für uns gewiss hochaktueller Weise spricht der Artikel 10 die Probleme
der Wirtschaft und der Arbeitswelt an. Er formuliert ein Recht der Familien auf eine
soziale und wirtschaftliche Ordnung, in der die Gestaltung der Arbeitsverhältnisse
gemeinsames Familienleben ermöglicht, Einheit, Wohlergehen, Gesundheit und
Zusammenleben der Familie nicht behindert. Der Arbeitslohn soll entweder reichen
zur Ernährung einer Familie, oder er soll durch soziale Zuschüsse oder auch durch
ein Entgelt für die Hausarbeit eines Elternteils („Familiengehalt“!) ergänzt werden.
Der Schlusssatz von Artikel 10 lautet: „Die Arbeit der Mutter im Haus muss wegen
ihres Wertes für Familie und Gesellschaft anerkannt und geachtet werden.“ Hier
findet meine obige Feststellung Bestätigung, dass sich in dem päpstlichen
Dokument die Familienarbeit der Hausfrau und Mutter, bei aller Anerkennung von
Wahlfreiheit, höherer Wertschätzung erfreut als die Erwerbsarbeit. Weil darüber
heute gerade auch unter Christen oft so leidenschaftlich gestritten wird, zitiere ich
an dieser Stelle aus einem anderen kirchlichen Dokument, nämlich aus einem
Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre vom 31. Juli 2004 über die
Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt. Das Dokument
will ausdrücklich den Verdacht ausräumen, die Kirche wolle die Frau auf ihre Rolle
als Hausfrau und Mutter fixieren. Es spricht von der unersetzlichen Rolle der Frau in
allen Bereichen des familiären und gesellschaftlichen Lebens. Dann heißt es
wörtlich:
„Dies enthält ..., dass die Frauen in der Welt der Arbeit und des wirtschaftlichen
Lebens gegenwärtig sind und zu verantwortungsvollen Stellen Zugang haben
sollen, die ihnen die Möglichkeit bieten, die Politik der Völker zu inspirieren und
neue Lösungen für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme anzuregen.“ Dabei
darf man aber „nicht vergessen, dass die Überschneidung von zwei Tätigkeiten –
Familie und Arbeit – bei der Frau andere Merkmale annimmt als beim Mann.
Deshalb stellt sich die Aufgabe, die Gesetzgebung und die Organisation der Arbeit
mit den Anforderungen der Sendung der Frau innerhalb der Familie zu
harmonisieren. Hier geht es nicht nur um eine rechtliche, wirtschaftliche und
organisatorische Frage, sondern vor allem um eine Frage der Mentalität, der Kultur
und der Achtung. Erforderlich ist eine gerechte Wertschätzung der Arbeit, welche
die Frau in der Familie leistet. So könnten die Frauen, die es freiwillig wünschen,
ihre ganze Zeit der häuslichen Arbeit widmen, ohne sozial gebrandmarkt und
wirtschaftlich bestraft zu werden. Jene hingegen, die auch andere Tätigkeiten
verrichten, könnten dies in einem angepassten Arbeitsrhythmus tun, ohne vor die
Alternative gestellt zu werden, ihr Familienleben aufzugeben oder einer ständigen
Stresssituation ausgesetzt zu sein, die weder dem persönlichen Gleichgewicht noch
der Harmonie in der Familie förderlich ist.“
Dieses Schreiben setzt die Akzente zweifellos etwas anders als die älteren
Dokumente, aber etwa von Familienarbeit des Mannes ist auch hier nicht die Rede.
Im übrigen wird man sagen müssen, dass die hier fast als ideal formulierte
Wahlfreiheit an Bedingungen geknüpft ist, die zwar besonders von Wirtschaft und
Unternehmen, von Tarifparteien und von der politischen Gestaltung des
Arbeitsrechts abhängen, aber darüber weit hinausgehen; die z. B. auch
Kindergärten und Schulen, den ganzen Bildungsbereich und die Kräfte betreffen,
die das öffentliche Bewusstsein formen, insbesondere auch die Massenmedien.
- Zurück zur Charta der Familienrechte. Auch der letzte Artikel 12 ist für unsere
Gesellschaft hoch aktuell. Er fordert für eingewanderte Familien das Recht auf
denselben Schutz, wie er anderen Familien gewährt wird; näherhin das Recht auf
Achtung ihrer eigenen Kultur und auf Hilfen zur Integration; das Recht von
Gastarbeitern, „sobald wie möglich mit ihrer Familie zusammen leben zu können“;
das Recht von Flüchtlingen auf Unterstützung und auf Erleichterung der
Zusammenführung ihrer Familien.
Als Fazit können wir festhalten: Familiaris Consortio liefert in Verbindung mit der dort
angekündigten, ein Jahr später veröffentlichten Charta der Familienrechte die
philosophisch-anthropologischen Grundlagen und den sozialethischen Umriss einer
subsidiär und zugleich solidarisch gestalteten Familienpolitik; eine eindringliche
Aufforderung an Staat und Politik, aber auch an die diese beeinflussenden
gesellschaftlichen Kräfte, Ehe und Familie als unentbehrliche Institutionen zu achten,
zu schützen und zu fördern; mit verbindlichen Normen im Bereich der Grundrechte; mit
orientierenden Leitlinien für die Ausgestaltung in den einzelnen Aufgabenbereichen,
bei deren Konkretisierung freilich auch Interessen-, Ordnungs- und Zielkonflikte
bleiben. Aber insgesamt erscheint Familienpolitik als eine der dringlichsten
Gemeinwohlaufgaben, ein Rang den sie leider im Bewusstsein vieler Verantwortlicher
trotz aller öffentlichen Diskussion immer noch nicht hat.


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