Familienpolitik

Diskussionen über Familienpolitik in Österreich und Europa
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PostPosted: 03.06.2008, 06:21 
Manfred Spieker,
Verstaatlichung der Erziehung?
Anmerkungen zur Krippenpolitik

Kirche und Gesellschaft Nr. 350
Herausgegeben von der Katholischen Sozialwissenschaftlichen
Zentralstelle Mönchengladbach

Die Reihe "Kirche und Gesellschaft" will der Information und Orientierung
dienen.

Die Hefte eignen sich als Material für Schule und Bildungszwecke.
Bestellungen sind zu richten an:

Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle
Brandenberger Straße 33
41065 Mönchengladbach
Tel. 02161/ 81596-0. Fax 02161/81596-21
Internet: http://www.ksz.de
E-mail: kige@ksz.de
Ein Prospekt der lieferbaren Titel sowie ein Registerheft (Hefte Nr. 1-250)
können angefordert werden.
Redaktion:
Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle
Mönchengladbach
Erscheinungsweise: Jährlich 10 Hefte, 160 Seiten
2008 .
@J.P. Bachern Verlag GmbH, Köln
ISBN 978-3-7616-2113-4

_____________________________________________________________

I. Vom Erziehungsgeld zum Elterngeld

Im Juli 2006 erklärte die Bundesregierung die Herstellung eines qualitätsorientiertenund
bedarfsgerechtenBildungs-und Betreuungsangebotes
für Kinder unter drei Jahren zu einem der "vordringlichsten ... Zukunftsprojekte
in Deutschland".1Der erste Schritt zum Ausbau des öffentlichen
Betreuungsangebotes für Kinder unter drei Jahren war das von der rotgrünen
Regierung beschlossene und am I. Januar 2005 in Kraft getretene
Tagesbetreuungsausbaugesetz(TAG). Das Ziel war die Vermehrung der
Betreuungsplätze um 230.000 bis zum Jahr 2010. Zum Zeitpunkt der
Verabschiedung des Gesetzes gab es 236.000 Betreuungsplätze. Das
TAG strebte also eine Verdoppelung der Betreuungsplätze an. Die Versorgungsquote
sollte vor allem in den alten Bundesländern verbessert
werden. Seit Frühjahr 2007 scheint das TAG Makulatur zu sein, denn die
Bundesfamilienministerin toppte dessen Ziele plötzlich durch ein neues
Krippenprojekt, das nicht mehr 466.000, sondern 750.000 Betreuungsplätze
anstrebte. Somit sollen nicht mehr nur 230.000, sondern gut
500.000 neue Betreuungsplätze geschaffen werden, allerdings in einem
um drei Jahre bis 2013 verlängerten Zeitraum. Die Versorgungsquote für
Gesamtdeutschlandsoll von 11% auf 33% verdreifacht werden.
Die Kalkulation, die die Bundesfamilienministerinmit diesem Krippenprojekt
verbindet, bleibt jedoch rätselhaft. Sie passt nicht in die Logik des
Elterngeldgesetzes (BEEG) vom 5. Dezember 2006. Dieses Gesetz war
das erste große Projekt der Familienpolitik der Großen Koalition. Es gewährt
erwerbstätigenMüttern und Vätern seit dem 1. Januar 2007 für die
Dauer von 12 bzw. 14 Monaten einen Anspruch auf Elterngeld in Höhe
von 67 % des vor der Geburt des Kindes verfügbaren Nettoeinkommens
bis zu einer Höchstgrenze von 1.800 Euro pro Monat. Studierende oder
nicht erwerbstätige Mütter bzw. Elternteile erhalten nur einen Mindestbetrag
von 300 Euro monatlich, aber nicht mehr für 24 Monate, wie früher
das Erziehungsgeldin gleicher Höhe, sondern nur noch für zwölf Monate.
Sie tragen mit dem erzwungenen Verzicht auf das zweite Jahr erheblich
zur Finanzierung des Elterngeldes der erwerbstätigen Mütter bei. Der
Zweck des BEEG ist es, den Müttern Zeit für die Betreuung und Versorgung
ihres Kindes in den ersten zwölf Monaten zu ermöglichen. Damit
scheiden diese Kinder für eine außerhäusliche Kinderbetreuung aus. Es
verbleiben die Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr; ihre Gesamtzahl
beträgt gegenwärtig rund 1,35 Millionen (im Jahr 2005 wurden
686.000 Kinder geboren, 672.000 im Jahr 2006). Diese Abwärtsentwicklung
der Geburtenzahl wird sich auf absehbare Zeit kaum ändern, selbst
wenn die Geburtenrate von gegenwärtig 1,34 stabil bleibt, da sich die
Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter deutlich verringert. So wird
Deutschland auch im Jahr 2013 kaum mehr als 1,35 Millionen Kinder im
zweiten und dritten Lebensjahr haben. Eine Versorgungsquote von 33 %
ergäbe mithin rund 450.000 Betreuungsplätze - wie im TAG avisiert.
Demgegenüber bedeuten die 750.000 Krippen- bzw. Betreuungsplätze
eine Versorgungsquote von rund 65%. Die Kalkulation der Ministerin
geht nur dann auf, wenn sie auch die Kinder im ersten Lebensjahr entgegen
der offiziellen Intention des BEEG in die öffentliche Betreuung einbezieht.
Am Anfang der familienpolitischen Debatte im Winter 2005/06 stand das
Erschrecken über die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland. "Demographische
Zeitenwende", "Ausgefallene Generation" oder "Schrumpfende
Gesellschaft" lauteten die Titel der einschlägigen Warnrufe.2 Seit 1972
hat Deutschland ein ununterbrochenes Geburtendefizit. Mit einer Geburtenrate
von 1,34 verfehlt es nicht nur das bei 2,1 liegende Reproduktionsniveau
der Gesellschaft, das Land unterliegt auch einem dramatischen
Alterungsprozess. Ein Generationenkonflikt scheint vorprogrammiert.
Wenn der Alterslastquotient, also der Anteil der über 65-Jährigen an der
Erwerbsbevölkerung, von 15 bis 65 von 24 % am Endes des vergangenen
Jahrhunderts auf 51 % 2050 steigt, wenn zehn Erwerbstätige die Rente
von nicht mehr ronf, sondern zehn Rentnern zu finanzieren haben, dann
ist es um die Generationengerechtigkeit geschehen, wenn denn Generationengerechtigkeit
heißt, dass eine Generation der folgenden so viele Lebens-
und Entfaltungschancen hinterlässt, wie sie selbst vorgefunden hat.
Aus volks- und betriebswirtschaftlicher Sicht hat die demographische
Entwicklung noch einen weiteren Aspekt. Sie rohrt nicht erst 2050, sondern
deutlich früher zu einem erheblichen Mangel an Fachkräften. Dass
gut ausgebildete Frauen wegen der Geburt eines Kindes vorübergehend
oder ganz aus dem Erwerbsleben ausscheiden, damit wollen sich viele
Unternehmer nicht abfinden. "Angesichts einer schrumpfenden und immer
älter werdenden Bevölkerung kann es sich unsere Wirtschaft nicht
erlauben, auf das hohe Leistungs- und Kreativpotential gerade dieser
Frauen zu verzichten", so Liz Mohn, die Chefin der Bertelsmannstiftung?
Die Bundesregierung bekennt denn auch in ihrer Stellungnahme zum
Siebten Familienbericht von 2006, sie habe in der Familienpolitik einen
"Paradigmenwechsel" eingeleitet, der sich an der "Erwerbsintegration
von Frauen" und am verstärkten Ausbau einer "Infrastruktur ror Bildung
und Betreuung" orientiere.4 Auf die Frage nach den Ursachen ror die demographische
Entwicklung scheint es in Deutschland gegenwärtig nur
eine Antwort zu geben: Die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und
Beruf. Auf die Frage nach der Ursache ror die Schwierigkeiten, Familie
und Beruf zu vereinbaren, scheint es ebenfalls nur eine Antwort zu geben:
Die fehlenden Kinderbetreuungseinrichtungen.

11.Die Ziele der neuen Familienpolitik

Steigerung der Geburtenrate


Die Familienpolitik begründete am Anfang der Regierung Merkel alle
Forderungen nach einem Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen,
nach kostenlosen Kindergärten und der steuerlichen Absetzbarkeit von
privaten Kinderbetreuungskosten mit der sinkenden Geburtenrate. Eine
Steigerung der Geburtenrate sei notwendig und sie sei - wie ein Blick
nach Skandinavien oder Frankreich zeige - mit einer höheren Erwerbstätigenquote
der Frauen nicht nur vereinbar, sondern geradezu davon abhängig.
In Norwegen betrage die Geburtenrate 1,8 und die Erwerbsbeteiligung
der Frauen 86 %, in Dänemark 1,7 und die Erwerbsbeteiligung der
Frauen liege bei 88 %. Jedoch zeigt bereits der Blick in das viel
zitierte Frankreich, dass hohe Geburtenraten und hohe Erwerbsbeteiligung
der Frauen gar nicht zusammenhängen müssen. Frankreich hat mit
1,9 zwar eine wesentlich höhere Geburtenrate als Deutschland, aber die
französische Erwerbsbeteiligung der Frauen liegt seit Jahren immer zwei
Prozent unter der deutschen - z. Zt. bei 59% gegenüber 61 % in Deutschland.
Ein Blick nach Ostdeutschland zeigt dann noch einmal, dass Frauenerwerbsbeteiligung
und Geburtenrate in keinem Zusammenhang stehen.
Ostdeutschland hat mit 75 % eine hohe Erwerbsbeteiligung der
Frauen, mit 1,0 aber eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Auch
die hohe Versorgungsquote mit Krippenplätzen von rund 40 % hat ganz
offenkundig keinen Einfluss auf die Geburtenrate, die weit unter der
westdeutschen Geburtenrate von rund 1,4 liegt, obgleich die Versorgungsquote
mit Krippen in Westdeutschland nur bei rund 10 % liegt. Die
Forderung nach einer Steigerung der Geburtenrate durch einen flächendeckenden
Ausbau der Krippen soll nicht das einzige Ziel der neuen Familienpolitik
sein.

Mobilisierung der weiblichen Arbeitskräfte

In der politischen Debatte nur selten, umso unverhohlener aber in den
einschlägigen Studien der Bertelsmann-Stiftung und verschiedener Institute
wurde die Forderung nach besserer Vereinbarkeit von Familie und
Beruf mit der Mobilisierung des weiblichen Arbeitskräftepotentials begründet.
Da sich das Erwerbspersonenpotentialin Deutschland bis 2050
um ein Drittel verringere, müssten Frauen in erheblich größerem Umfang
als bisher erwerbstätig werden. Dies sei "volkswirtschaftlich notwendig,
um künftige Fachkräfteengpässe und die Folgen der demographischen
Verschiebungen zu begrenzen".5 Inzwischen scheut sich aber auch die
Politik immer weniger, die "Erwerbsintegration der Frauen" in den Vordergrund
zu rücken und die angestrebte Verbesserung der Vereinbarkeit
von Familie und Beruf auf die gleichzeitige Vereinbarkeit zu konzentrieren,
die konsekutive oder sequentielle Vereinbarkeit von Familie und
Beruf aber zu ignorieren. Die traditionelle Familienpolitik im vergangenen
halben Jahrhundert wird als zu transferlastig,ja kontraproduktivkritisiert.
Kindergeld, Erziehungsgeld, Steuerfreibeträge und Ehegattensplitting
sowie Ansprüche auf Teilzeitarbeit hätten das vollständige oder partielle
Ausscheiden der Mütter aus dem Erwerbsleben erleichtert und zu
einer "Vergeudung von Humankapital, ineffizienter Allokation bei der
Produktion haushaltsnaher Dienstleistungen und Risiken für die sozialen
Sicherungssysteme"geführt.6Die längere Unterbrechungoder gar völlige
Aufgabe der Erwerbstätigkeitvon Frauen wegen der Geburt eines Kindes
sei aus volkswirtschaftlicher Sicht eine Verschwendung des Humankapitals.
Ernsthaft diskutiert wird, ob Elternzeit "Schutz" oder "Falle" sei.7
Vor dem Hintergrund des propagierten Paradigmenwechsels gelten Kindergeld
und Betreuungsgeldals veraltete Instrumente der Familienpolitik.
Die bisherigen Maßnahmen der Familienpolitik der Großen Koalition
fügen sich konsequent in diesen Paradigmenwechsel ein: Abbau der
Transferzahlungen, Ausbau der Betreuungseinrichtungenund Erhöhung
der Erwerbsanreize. Das BEEG hat das Erziehungsgeld kassiert, das EIterngeld
von dem aus der Sicht der Familie und der Kinder sachfremden
Kriterium der Erwerbstätigkeit abhängig gemacht und die Bezugsdauer
von 24 auf 12 bzw. 14 Monate gekürzt. Mehr noch, es bestimmt in § 15
Abs. 4, dass die Bezieher des Elterngeldes "nicht mehr als 30 Wochenstunden
erwerbstätig sein" dürfen. Was wie ein Verbot klingt, ist in
Wahrheit eine Erlaubnis: Der Bezug des Elterngeldes ist mit einer Erwerbstätigkeit
von bis zu 30 Wochenstunden, d. h. mit einer Vier-Tage-
Woche vereinbar. Die Elterngeld beziehende Mutter bzw. der Vater soll
also nach der Geburt eines Kindes nicht nur möglichst schnell wieder ins
Erwerbsleben zurückkehren, sondern möglichst gar nicht voll ausscheiden.

Das Anliegen einer besseren Bildung

Jenseits des volkswirtschaftlichen Nutzens verspricht sich die neue Familienpolitik
der Großen Koalition vom Ausbau der Kindertagesstätten auch
einen pädagogischen Nutzen. Die Kindertagesstätten gelten als die professionelle
Form der Frühförderung für Kinder unter drei Jahren, als erste
Stufe im Bildungssystem von 0 bis 10 Jahre.8 In ihnen wird, so der Nationale
Aktionsplan der Bundesregierung für ein kindergerechtes Deutschland
für die Jahre 2005 bis 2010, der "Grundstein für eine erfolgreiche
Bildungsbiographie" gelegt. Das Bewusstsein für die Bedeutung dieser
Lebensphase sei in Deutschland aber noch unterentwickelt und "das
wichtigste Defizit in der frühkindlichen Bildung, Erziehung und Betreuung
besteht im Mangel an Betreuungsplätzen".9 Die Studie der Bertelsmann-
Stiftung zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstellt, dass
es in den Kindertagesstätten eher gelinge als in den Familien, "pädagogische
Standards zu verwirklichen". Hier wird ein offensichtliches Misstrauen
des Staates gegenüber der Familie deutlich: Familie wird nicht
mehr als vom Staat unabhängige Institution angesehen, die vor staatlichen
Übergriffen in ihren Intimbereich unbedingt geschützt werden muss - die
Kindererziehung ist ein solcher Intimbereich. Die Bertelsmann-Stiftung
will auch nachgewiesen haben, dass Krippenkinder eher ins Gymnasium
kommen als zuhause betreute Kinder. Während der Anteil der Gymnasiasten
bei letzteren nur 36 % betrage, erreiche er bei den Krippenkindern
50 %. Dabei zeigen Langzeitstudien über die Auswirkungen der Krippenbetreuung
auf die Schullaufbahn der Kinder bestenfalls ambivalente Ergebnisse.
So stellt die 2007 veröffentlichte US-amerikanische Studie des
National Institute of Child Care and Human Development (NICHD) fest,
dass die Kinder, die in Kindertagesstätten betreut wurden, vor der Einschulung
zwar kognitive und sprachliche Vorteile und einen größeren
Wortschatz aufwiesen als andere Kinder, aber zugleich mehr Verhaltensprobleme
gezeigt hätten.1O Dessen ungeachtet werden Untersuchungen
über die Entwicklung von Krippenkindern meist unter Überschriften präsentiert
wie "Die Mutter-Kind-Bindung leidet nicht", "Kinderkrippen
schaden einem Kind nicht", "Kita-Kinder ohne Entwicklungsnachteile"
oder "Außerfamiliäre Betreuung für Kleinkinder kein Entwicklungsrisiko".
In den Empfehlungen der Bertelsmann-Stiftung für Kindertagesstätten,
Kindergärten und Schulen zur Vernetzung der verschiedenen Stufen
der Frühförderung kommen, so scheint es, die Eltern nur noch als Hilfspersonal
für Erzieherinnen und Lehrkräfte vor.

Die Pflege und Erziehung der Kinder sind "das natürliche Recht der Eltern
und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht", wie das Grundgesetz in
Art. 6 Abs. 2 feststellt. Das Bundesverfassungsgericht stellte in seinem
Urteil zur Besteuerung von Ehe und Familie vom 10. November 1998
fest, "dass die Interessen des Kindes in aller Regel am besten von den
Eltern wahrgenommen werden".ll Deshalb sichert das Grundgesetz den
Familien "den Vorrang vor kollektiven Erziehungsformen" zu, wie das
Gericht schon 30 Jahre zuvor unterstrich12- doch diese Aussagen des
Grundgesetzes wie des Verfassungsgerichts scheinen Illusionen versunkener
Zeiten zu sein. Sie passen nicht in den Trend der gegenwärtigen
Familienpolitik, die nicht müde wird, Misstrauen gegen die Eltern zu
schüren, wenn bei Forderungen nach Erhöhung des Kindergeldes oder
Einruhrung eines Betreuungsgeldes unverzüglich selbst von der Familienministerin
der Verdacht geäußert wird, Eltern könnten mit Bargeld
nicht umgehen und würden es nur rur Alkohol, Flachbildschirme und
Femreisen ausgeben, aber nicht rur die Kinder.

Abschied vom alten Familienbild

Neben der Erhöhung der Geburtenrate, der Erschließung des weiblichen
Arbeitskräftepotenzials und der Professionalisierung der frühkindlichen
Bildung verfolgt die Krippenpolitik der Großen Koalition noch ein viertes
Ziel, das mit einem einzigen Begriff schwer zu umschreiben ist. Der so
tugendhaft klingende Begriff der Geschlechtergerechtigkeit ist zur Beschreibung
dieses Zieles ebenso im Gebrauch wie der neudeutsche Begriff
der Gender-Equality. Viel treffender wären jedoch die Begriffe "Zerstörung
der Familie" oder "Emanzipation von der Familie". Das damit
umschriebene Ziel erschließt sich schnell durch den Siebten Familienbericht
der Bundesregierung von 2006. Dieser Familienbericht hat in weiten
Teilen die bisherige Auffassung von Ehe und Familie als "Anachronismus"
abgeschrieben. Die Mehrheit der Menschen werde in Zukunft, "unabhängig
davon, ob eine Heirat erfolgte oder nicht, im Laufe ihres Lebens
multiple Beziehungen mit verschiedenen Lebenspartnern erfahren". Deshalb
werde das "Modell der lebenslangen Ehe" abgelöst von einem "Modell
der 'seriellen Monogamie'."13 Die Familie wäre mithin keine von der
personalen Natur des Menschen vorgegebene Beziehungseinheit verschiedener
Geschlechter und Generationen, wie in der Perspektive der
Christlichen Gesellschaftslehre und des christlichen Menschenbildes,
auch kein Institut, wie in der Perspektive des Grundgesetzes, sondern ein
gesellschaftlich und kulturell bedingtes Kunstprodukt wie die Genderideologie
behauptet. Eine Konstruktion aber kann jederzeit dekonstruiert und
neu konstruiert werden.
Der Siebte Familienbericht wurde bisher weder von der Politik noch von
der Wissenschaft, weder von den Kirchen noch von den Medien kritisch
gelesen und angemessen gewürdigt. Die Epoche der räumlichen Trennung
von Hauhalt und Arbeitsplatz, in der die Frau rur die Kindererziehung
und der Mann rur das Erwerbseinkommen zuständig gewesen sei,
gehöre, so der Bericht, der Vergangenheit an. Diese Trennung von Haushalt
und Arbeitsplatz habe, so wird der Historiker Antoine Prost zitiert,
"die einst rur das Bürgertum typische Herr-Knecht-Beziehung" in das
Verhältnis der Geschlechter eingeschleppt.14 Die Familienpolitik der
70er-Jahre habe es leider versäumt, die "Dependenzverhältnisse" zwischen
den Geschlechtern aufzulösen - wie dies damals in den meisten
Nachbarländern geschehen sei. In den 90er-Jahren sei das Familienleben
jedoch modernisiert worden. Modernisierung des Familienlebens heißt in
der Genderperspektive des Familienberichts Überwindung der Geschlechterrollen,
15permanente Reorganisation des Familienlebens. Modeme Familienpolitik
müsse deshalb "lebenslautbezogen" sein. Familie sei ständige
Transition. Scheidungen müssten nunmehr als Übergänge im Lebenslauf
hingenommen werden. Modemes Familienleben mit Kindern sei
"Vernetzungsarbeit der vielen Orte kindlicher Förderung". 16Hier erhalten
die Kinderkrippen ihre Bedeutung. Sie sind ganz offenkundig die Knoten
im Netz vielfältiger frühkindlicher Betreuungsorte. Die Familie versteht
sich nur noch als ein Ort unter anderen: Sie überträgt in der Postmoderne
eine besondere Verantwortung rur die Betreuung der Kinder von der Familie
auf die Gesellschaft. Ganztags-Betreuungseinrichtungen und Ganztagsschulen
sind deshalb Voraussetzungen rur die Befreiung der Frau von
Bevormundung und Abhängigkeit und aus dem "Herrschaftsverhältnis"
einer Ehe.17

III. Widersprüche der Krippenpolitik

Das vernachlässigte Kindeswohl

Die Frage nach dem eigentlichen Wohl des Kindes ist das große Tabu der
gegenwärtigen Familienpolitik. Widmete man dieser Frage mehr Aufmerksamkeit
im ehrlichen Interesse des Kindes, würde deutlich, welche
Bedeutung Ehe und Familie rur die Entwicklung des Kindes, rur das Humanvermögen
künftiger Generationen, und damit auch rur das Gemeinwohl
haben. Das Humanvermögen ist die Gesamtheit der Daseins- und
Sozialkompetenzen des Menschen, die dem Erwerb von beruflichen
Fachkompetenzen voraus liegen. Sie werden in der frühen Kindheit -
nicht nur in den ersten 12 oder 14 Monaten - in der Familieerworben.
Hier werden die Weichen gestellt rur die moralischen und emotionalen
Orientierungen des Heranwachsenden, rur seine Lern- und Leistungsbereitschaft,
seine Kommunikations- und Bindungsfähigkeit, seine Zuverlässigkeit
und Arbeitsmotivation, seine Konflikt- und Kompromissfähigkeit
und seine Bereitschaftzur Gründung einer eigenen Familie, zur Weitergabe
des Lebens und zur Übernahme von Verantwortung rur andere.
Hier wird über den Erfolg im schulischen und beruflichen Erziehungsund
Ausbildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt und in der Bewältigung
des Lebens mitentschieden.Nicht nur Wirtschaft und Gesellschaft profitieren
von diesen Leistungen der Familie, sondern auch der demokratische
Staat, der auf interessierte, motivierte, partizipations- und solidaritätsbereite
Bürger angewiesen ist, und nicht zuletzt die Kirchen, die rur
die Weitergabe des Glaubens der Familienbedürfen.

Verhaltensbiologie, Entwicklungspsychologie, Pädiatrie und neuerdings
auch die Gehimforschung haben die Bedeutung der ersten Lebensphase
rur die Bildung des Humanvermögens immer wieder unterstrichen - sowohl
positiv im Hinblick auf die Reifung der Persönlichkeit als auch negativ
im Hinblick auf das Scheitern einer solchen Reifung als Folge frühkindlicher
Betreuungs- und Bindungsmängel. Neurowissenschaft und
Entwicklungsbiologie konvergieren in der Erkenntnis, dass das Gehirn
"ein sich selbst organisierendesSystem ist", rur dessen optimale Entwicklung
die genetische Struktur aber nicht ausreicht, das vielmehr in den
ersten beiden Lebensjahren von spezifischen emotionalen Erfahrungen
abhängig ist, "die in die Affekt regulierende Bindungsbeziehung zwischen
Säugling und Mutter eingebettet sind".18Diese Bindungserfahrungen
beeinflussen direkt das Wachstum des kindlichen Gehirns. Keine
Kollektivbetreuung von Kleinkindern, mithin keine Kindertagesstätte
kann das auch nur annähernd ähnlich intensiv leisten wie die Mutter oder
der Vater oder - stehen sie, aus welchen Gründen auch immer, nicht zur
Verrugung- eine andere feste Bezugsperson, zu der das Kind eine stabile
Beziehung des Vertrauens hat, die aber immer nur die zweitbeste Lösung
bleibt. Auch die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung hat deshalb in
einem Memorandum zum Krippenausbau in Deutschland vom 12. Dezember
2007 darauf hingewiesen, dass in den ersten drei Lebensjahren
"die Grundlage rur die seelische Gesundheit des Menschen gelegt" wird,
dass "regelmäßige ganztägigeTrennungen von den Eltern eine besondere
psychische Belastung rur die Kinder" bedeuten und dass rur die Entwicklung
des kindlichen Sicherheitsgeruhisund die Entfaltung seiner Persön-
lichkeit "eine verlässliche Beziehung zu den Eltern am fdrderlichsten
ist".19

Der Familienbericht widerspricht auch diesen Erkenntnissen. Die "mutterzentrierte"
Einstellung entspringe einer überholten Geschlechterperspektive.
Es sei bekannt, "dass Kinder nicht die leibliche Mutter brauchen,
... um verlässliche Beziehungen aufbauen zu können". Darur würden
"feste Bezugspersonen" ausreichen, die aber "um der Entwicklung
emotionaler Autonomie willen möglichst zahlreich sein sollten",z° Die
Autoren des Berichts haben den Widerspruch, den diese Behauptung enthält,
offenkundig nicht einmal bemerkt. Wie soll dem Kind eine "feste"
Bezugsperson zuteil werden, wenn die Bezugspersonen "möglichst zahlreich"
sein sollen?

Zu den unzureichend reflektierten Problemen einer genderorientierten
Familienpolitik gehört auch die Frage nach der Bedeutung der Ehe bzw.
der Scheidung rur die Entwicklung des Kindes und rur das Gemeinwohl.
Dass Kinder, die in intakten Familien aufwachsen, deren Eltern verheiratet
und treu sind und mit einem niedrigen Konfliktniveau leben, in aller
Regel deutlich bessere Entwicklungschancen haben als Kinder, deren
Eltern nicht verheiratet oder geschieden sind, ist in zahlreichen Untersuchungen
in verschiedenen Ländern und Kulturen nachgewiesen worden.
Bei Kindern unverheirateter oder geschiedener Eltern sind die Armutsraten,
die Schulabbrecherquoten, die Kriminalitäts- und Selbstmordraten,
die Drogensucht und bei Mädchen die Frühschwangerschaften signifikant
höher als bei Kindern mit verheirateten leiblichen Eltern. Robert P.
George und Jean Bethke Elshtain haben 2006 rur die USA eine Fülle von
sozialwissenschaftlichen Belegen geliefert.21 Wir haben, schreibt Elshtain
in ihrem Vorwort, gelernt, "dass Scheidung eng mit der Verelendung der
Frauen verknüpft ist". Der Anstieg der Scheidungen aber ruhrt wegen des
wachsenden Bedarfs an Wohlfahrts- und Krippenprogrammen zu einer
Steigerung der Macht des Staates. Das Gemeinwohl zahlt rur den Niedergang
einer stabilen Ehekultur einen hohen Preis. Der Leviathan springt in
die Bresche.

Die Familienpolitik könnte von jenen Ländern lernen, die in den vergangenen
zehn Jahren radikale Reformen in ihrer Familienpolitik vollzogen
haben. Österreich, Norwegen, Finnland und Dänemark haben die Investitionen
in den Ausbau staatlicher Kinderbetreuungseinrichtungen gebremst
und ergänzt um direkte Transferleistungen in beträchtlicher Höhe
und von beträchtlicher Dauer an jene Eltern, die ihre Kinder zuhause
betreuen. Obwohl sie - zumindest Norwegen, Schweden und Dänemark -
rur die Große Koalition als Vorbilder einer progressiven Wohlfahrts- und
Gleichstellungspolitik gelten, haben sie einen Paradigmenwechsel vollzogen
- allerdings in die umgekehrte Richtung gegenüber dem deutschen
Paradigmenwechsel.22 Sie lenken die Förderung auf die familiäre Betreuung
der Kinder und bremsen die Erwerbsintegration der Frauen. Ziel dieser
Reformen war und ist es, den Familien mehr Zeit für die Betreuung
ihrer Kinder zu ermöglichen und den Eltern eine echte Wahlfreiheit zwischen
familiärer und institutioneller Betreuung zu geben. Die Reformen
haben zu einem Rückgang der Erwerbsbeteiligung von Müttern kleiner
Kinder und zu einer Verschiebung der mütterlichen Erwerbstätigkeit von
Vollzeitstellen zu Teilzeitstellen geführt.

IV. Rückbesinnung auf das Wesen von Ehe und Familie

Die Familienpolitik in Deutschland bedarf erheblicher Korrekturen, denn
sie verrät die alten Ideale und beugt sich den Fehlentwicklungen der
Wirklichkeit, indem sie u. a. steigende Scheidungsraten als akzeptablen
Wandel innerhalb einer modemen Gesellschaft zu normalisieren sucht.
Diese Korrekturen in Angriff zu nehmen setzt zunächst einen Verzicht
auf die Instrumentalisierung der Krippenpolitik für die Arbeitsmarktentwicklung,
den Pisa-Wettlauf oder die Genderpolitik voraus. Familienpolitik
ist nur dann eine Politikfiir die Familie, wenn sie akzeptiert, dass
die Familie als eine auf der Ehe beruhende Beziehungseinheit verschiedener
Geschlechter und Generationen "ihre Legitimation in der menschlichen
Natur und nicht in der Anerkennung von Seiten des Staates hat".23
Deshalb befinden sich Ehe und Familie im Grundgesetz auch im Grundrechtsteil.
Eine Familie zu gründen, ist ein Menschenrecht, das der Staat
nicht nur zu respektieren, sondern zu schützen hat. Die Familie ist der
Anfang zwischenmenschlicher Beziehungen. In ihr lernt der Mensch,
"was lieben und geliebt werden heißt, und was es konkret besagt, Person
zu sein".24 Die Pflichten der Familienmitglieder sind deshalb, so fährt das
Kompendium der Soziallehre der Kirche - gleichsam gegen den Siebten
Familienbericht- fort, "nicht vertraglich festgelegt, sondern ergeben sich
aus dem Wesen der Familie selbst, die auf einem unwiderruflichen Ehebund
gegründet und von Beziehungen strukturiert ist, die nach der Zeugung
oder Adoption von Kindern aus diesem erwachsen".25 In der Familie
erfährt der Mensch, dass die gegenseitige Hingabe in allen Dimensionen
menschlicher Existenz, dass Liebe und Treue der letzte, nicht mehr
hinterfragbare Grund für das Gelingen des Lebens sind. Von dieser nicht
gerade neuen Erkenntnis ist im Familienbericht nichts zu spüren, ja der
Bericht erweckt an nicht wenigen Stellen den Eindruck, die Differenzierung
und gegenseitige Ergänzung der Geschlechter nicht nur zu ignorie-
ren, sondern abzulehnen. In seiner Genderorientierung bewegt er sich am
Rande einer Leugnung der sexuellen Identität des Menschen.

Diesen Ansatz weist die katholische Kirche - wiederum im Kompendium
der Soziallehre der Kirche - mit deutlichen Worten zurück: "Gegenüber
denjenigen Theorien, die die Geschlechteridentität lediglich als ein kulturelles
und soziales Produkt der Interaktion zwischen Gemeinschaft und
Individuum betrachten, ohne die personale sexuelle Identität zu berücksichtigen
oder die wahre Bedeutung der Sexualität in irgendeiner Weise
in Betracht zu ziehen, wird die Kirche ... nicht müde, ihre eigene Lehre
immer wieder deutlich zu formulieren: 'Jeder Mensch, ob Mann oder
Frau, muss seine Geschlechtlichkeit anerkennen und annehmen. Die leibliche,
moralische und geistige Verschiedenheit und gegenseitige Ergänzung
sind auf die Güter der Ehe und die Entfaltung des Familienlebens
hingeordnet. Die Harmonie des Paares und der Gesellschaft hängt zum
Teil davon ab, wie Gegenseitigkeit, Bedürftigkeit und wechselseitige
Hilfe von Mann und Frau gelebt werden.' Aus dieser Sichtweise ergibt
sich die Verpflichtung, das positive Recht dem Naturgesetz anzugleichen,
dem zufolge die sexuelle Identität als objektive Voraussetzung dafür, in
der Ehe ein Paar zu bilden, nicht beliebig ist.,,26

Die Familie ist in christlicher Perspektive kein Aushandlungsprozess,
sondern die in der personalen Natur des Menschen wurzelnde erste Beziehungseinheit.
Ihr Schutz und ihr Wohlergehen sind die Grundlage des
Gemeinwohls. Ihr kommt der Vorrang vor der Gesellschaft und dem Staat
zu. Dies hat Konsequenzen für die Erziehung nicht nur, aber gerade auch
in der ersten Lebensphase, die für die Entwicklung des Kindes und das
Gelingen seines eigenen Lebens so wichtig ist. Die Familie spielt für die
Erziehung der Kinder eine ursprüngliche und unersetzliche Rolle. Recht
und Pflicht der Eltern, ihr Kind zu erziehen, ergeben sich aus ihrer Rolle
bei der Weitergabe des menschlichen Lebens. Daraus folgt, dass Eltern
im Hinblick auf die Pflicht zur Erziehung ihres Kindes nicht vor der Alternative
stehen "selbst erziehen" oder "in eine Betreuungseinrichtung
geben" - wenn sie nicht ökonomischen Zwängen unterworfen sind. Mit
der Zeugung eines Kindes übernehmen sie auch die Verantwortung für
seine Erziehung. Auf der Ebene der Verantwortung für die Erziehung gibt
es deshalb keine Wahlfreiheit. Eltern sind und bleiben in der Regel nicht
nur die ersten Erziehungsberechtigten, sondern auch die ersten Erziehungsverpflichteten
ihrer Kinder. Das Grundgesetz hat in Art. 6 Abs. 2
daraus die Konsequenzen gezogen. Erst auf der Ebene der Mittel stützen
sich die Eltern auf staatliche, kirchliche oder selbst gegründete Einrichtungen,
die ihnen helfen, ihre Erziehungsverantwortung wahrzunehmen.
Eltern sind nicht die einzigen Erzieher ihrer Kinder, aber sie bleiben immer
die ersten Erzieher.

Eine Konsequenz, die sich aus dieser Vorrangstellungder Familie für die
Familienpolitik ergibt, ist das Subsidiaritätsprinzip,das dem Staat verbietet,
Aufgaben an sich zu reißen, die die Familie selbst erledigen kann.
Dem Subsidiaritätsprinzipist allerdings nicht nur eine negative, den Staat
beschränkende, sondern auch eine positive, ihn aktivierende Dimension
eigen. Es wäre deshalb ein Missverständnis,aus ihm ein Handlungsverbot
für den Gesetzgeber abzuleiten. Es gebietet ihm aber, in allen Maßnahmen
"den Vorrang und die Ursprünglichkeit der Familie zu respektieren,,
27und da, wo dieser Vorrang und die Handlungsfreiheit der Familie
gefahrdet sind, der Familie zu helfen, sie wiederzugewinnen statt sich
selbst an deren Stelle zu setzen. Wenn also die Familie eine ihr eigene
Aufgabe nicht erfüllen kann, hat der Staat gemäß dem Subsidiaritätsprinzip
so zu helfen, dass die Familie wieder in die Lage versetzt wird, diese
Aufgabe wahrzunehmen.

Eine subsidiäre Familienpolitik hat sich gewiss auch um die Vereinbarkeit
von Familie und Beruf zu kümmern. Sie hat sich aber von ihrer einseitigen
Fixierung auf die Vereinbarkeit von Betreuung des Kleinkindes
bei gleichzeitiger Berufstätigkeit zu lösen. Ihr Engagement hat ebenso,ja
noch mehr der sequentiellen oder konsekutiven Vereinbarkeit zu gelten.
Wer den Bedingungen für die optimale Entwicklung des Kindes Rechnung
trägt, kann nur zu dem Schlusskommen, dass die simultane Vereinbarkeit
von Familie und Beruf nicht die beste Lösung ist. Die sequentielle
ist kindgerechter. Aber die simultane kann aus vielfältigen Gründen für
junge Eltern notwendig sein. Für Eltern, die aufgrund ihrer Einkommensverhältnisse
zu doppelter Erwerbstätigkeitgezwungen sind, die ihre Ausbildung
oder ihr Studium noch nicht abgeschlossen haben oder die - in
gewiss seltenen Fällen - mit der Erziehung ihres Kindes dauerhaft
überfordert sind, ist eine Kindertagesstätte eine große Hilfe. Ein Ausbau
der Kindertagesstättenist deshalb nicht apriori ein Sündenfall. Er wird es
aber dann, wenn er die Krippen funktionalisiert für die Bevölkerungspolitik,
die Arbeitsmarktpolitik, die Bildungspolitik oder die Genderpolitik,
und wenn er mit seinen Milliardeninvestitionen Anreizsysteme
schafft, die die Krippenbetreuung so favorisieren, dass sie eo ipso die
familiäre Betreuung von Kleinkindern bestrafen. Eine Krippenpolitik,die
sich darauf beschränkt, den jungen Familien die gesuchte Hilfe anzubieten,
könnte sich wohl mit den im TAG avisierten Zielen begnügen. Sie
hätte sich, wenn sie das Subsidiaritätsprinzip beachtet, aber auch zu fragen,
ob es in den nicht wenigen Fällen, in denen die Eltern aufgrund ihrer
Einkommensverhältnissegenötigt sind, einer doppelten Erwerbstätigkeit
nachzugehen, nicht familiengerechter wäre, die Einkommensverhältnisse
zu verbessern als Krippen zu bauen. Die bessere Lösung der Vereinbarkeitsproblematik
wäre die sequentielle Vereinbarkeit von Familie und
Beruf. Eine subsidiäre Familienpolitik hat Müttern nach einer kinderbedingten
Unterbrechung ihrer Berufstätigkeit zu helfen, wieder in ihren
früheren oder einen anderen Beruf einzusteigen. Dies entspräche auch
den Wünschen der betroffenen Frauen, die nach einer Untersuchung des
Ipsos-Institutsvom März 2007 nur zu 17% der Meinung sind, dass Kinder
in einer Krippe am besten aufgehoben sind, zu 81 % aber die Erziehung
zuhause durch die Eltern für das Beste halten.


Anmerkungen

1 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Hrsg., Kindertagesbetreuung
fiir Kinder unter drei Jahren. Bericht der Bundesregierung über den
Stand des Ausbaus fiir ein bedarfsgerechtes Angebot an Kindertagesbetreuung
fiir Kinder unter drei Jahren, Berlin 2006, S. 3.
2 Vgl. Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende. Der Bevölkerungsrückgang
in Deutschland und Europa, München 2001; ders., Die ausgefallene Generation.
Was die Demographie über unsere Zukunft sagt, München 2005; Franz-
Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft. Vom Bevölkerungsrückgang und
seinen Folgen, Frankfurt 2005; Frank Schirrmacher, Minimum, München 2006.
3 Liz Mohn, Suche nach der Balance. Vereinbarkeit von Berufund Familie schaffi
ein stabiles Zukunftsmodell, in: FAZ vom 12.4.2006, Verlagsbeilage Familie und
Beruf, S. B2. Die Bertelsmann-Stiftung ist auf dem Feld der Vereinbarkeit von
Beruf und Familie fiihrend und übt auch auf das Bundesfamilienministerium einen
großen Einfluss aus.
4 Stellungnahme der Bundesregierung zum Siebten Familienbericht, in: Bundesministerium
fiir Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Hrsg., Familie zwischen
Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven fiir eine lebenslaufbezogene Familienpolitik.
Siebten Familienbericht, Berlin 2006, S. XXIV.
5 So Wemer Eichhorst und Eric Thode in der von der Bertelsmann-Stiftung herausgegebenen
Studie "Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Benchmarking
Deutschland aktuell", Gütersloh 2002, S. 9. Ähnlich das vom Institut der Deutschen
Wirtschaft herausgegebene lW-Dossier 25, Beruf und Familie, Köln 2004,
S.9.
6 W. Eichhorst/E. Thode, a. a. 0., S. 9; Berufund Familie, lW-Dossier 25, a. a. 0.,
S.9.
7 Ursula Rust, Schutz oder Falle? Elternzeit, Mutterschutz, Teilzeit, in: J. Lange,
Hrsg., Kinder und Karriere. Sozial- und steuerpolitische Wege zur Vereinbarkeit
von Beruf und Familie, Rehburg-Loccum 2003, S. 171ff
8 Bertelsmann-Stiftung, Hrsg., Von der Kita in die Schule. Handlungsempfehlungen
an Politik, Träger und Einrichtungen, Gütersloh 2007, S. 4.
9 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Hrsg., Nationaler
Aktionsplan für ein kindergerechtes Deutschland 2005-2010, Berlin 2005, S. 15.
10 Jay Belsky u. a., Are There Long-Term Effects of Early Child Care?, in: Child
Development, vol. 78 (März/April 2007), S. 683.
11 BVerfGE 99, 216ff. (232).
12 BVerfGE 24, 111ff. (149).
13 Siebter Familienbericht , a. a. 0., S. 126.
14 A. a. 0., S. 99.
15 A. a. 0., S. 1I.
16 A. a. 0., S. 93.
17 Ute Gerhard, Familie aus der Perspektive der Geschlechtergerechtigkeit - Anfrage
an das christlich-abendländische Eheverständnis, in: Zeitschrift für evangelische
Ethik, 5 I. Jg. (2007), S. 276.
18 Allan N. Schore, Zur Neurobiologie der Bindung zwischen Mutter und Kind, in:
Heidi Keller, Hrsg., Handbuch der Kleinkindforschung, 3. Aufl., Berlin 2003, S.
5Off.
19 Memorandum der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung "Krippenausbau
in Deutschland- PsychoanalytikernehmenStellung",in: Psyche,62. Jg. (2008),
S.202f.
20 7. Familienbericht, a. a. 0., S. 91.
21 Robert P. George/Jean Bethke Elshtain, The Meaning ofMarriage. Family, State,
Market, & Morals, Dallas 2006.
22 Gemäß einer Meldung der Süddeutschen Zeitung haben sich 80 % der Schweden
dafür ausgesprochen, "dass der Staat nicht nur die Betreuung in Kindertagesstätten
unterstützen solle ... Seit 1. Januar bekommen Eltern ein Betreuungsgeld von
etwa 300 Euro pro Monat, wenn sie ihr Kind in den ersten drei Jahren zu Hause
lassen wollen". Vgl. Franziska Brüning "Frankreich fordert Teilzeitarbeit für EItern",
in: Süddeutsche Zeitung Nr. 100,29.4.2008, S. 8.
23 Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Hrsg., Kompendium der Sozial-
Iehre der Kirche, Freiburg 2006, Ziffer 214.
24 Johannes Paul 11.,Centesimus Annus 39; Kompendium 212.
25 Kompendium 212.
26 Kompendium 224.
27 Kompendium 252.

Zur Person des Verfassers:

Dr. phil I. Manfred Spieker, Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der
Universität Osnabrück.


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PostPosted: 04.06.2008, 21:52 
Das neue Dogma der Familienpolitik:
______________Betreuung und Förderung nur außerhalb der Familie

04.06.08 aus:
Medrum - Christliches Informationsforum

Diskriminierung statt Gleichbehandlung

von Kurt J. Heinz

(MEDRUM) Eltern, die versuchen, ihre Kinder in den ersten Lebensjahren hauptsächlich in der Familie aufwachsen zu lassen, haben es schwer, Gehör und Unterstützung zu finden. Das wird aus den Erfahrungen, die Maria Steuer vom Familiennetzwerk macht, überdeutlich. Die Plenardebatte im Deutschen Bundestag am 29. Mai hat die Schieflastigkeit der familienpolitischen Entwicklung offengelegt.

Die Vorstellungen der Familienpolitiker konzentrieren sich weitgehend darauf, die Betreuung von Kindern bereits in der frühkindlichen Entwicklungsphase in außerfamiliären Einrichtungen zu gewährleisten. Die Förderung und Unterstützung von Kindern, die in den ersten Lebensjahren in der Familie aufwachsen, wird demgegenüber stiefmütterlich behandelt, obwohl renommierte Experten immer wieder auf die Wichtigkeit der familiären Bindung von Kindern in der Frühphase ihrer Entwicklung hinweisen.

Selbst das Betreuungsgeld, das es Eltern erleichtern soll, sich in der Frühphase selbst um ihre Kinder zu kümmern, wird von großen Teilen der deutschen Parlamentarier abgelehnt. Die einen behaupten, das Betreuungsgeld werde zweckentfremdet, und andere stellen es in Frage, weil die Betreuung bereits durch das Ehegattensplitting gefördert werde. Grundsätzliche Einigkeit besteht hingegen darüber, dass das Kinderförderungsgesetz den großangelegten Ausbau der Kinderbetreuung in außerfamiliären Einrichtungen gewährleisten soll.

Aus der Debatte wurde erneut deutlich, dass man dies für eine ökonomische Notwendigkeit hält. Genannt werden die Steigerung der Frauenerwerbsquote, Erhöhung der Erwerbstätigkeit von Alleinerziehenden, Erhöhung der Erwerbstätigkeit zur Milderung der Kinderarmut, Behebung des Fachkräftemangels und auch die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union.

Es liegt auf der Hand, dass diese Ziele nur erreicht werden können, wenn die Betreuung kleiner Kinder künftig in großem Maßstab in außerfamliären Einrichtungen und Betreuungsstellen gewährleistet werden kann. Es wurde sogar vom Aufziehen der Kinder als einer öffentlichen Aufgabe gesprochen. Gerade diese Formulierung zeigt zutreffend, das die Maßnahmen der Familienpolitik zu einer Situation führen werden, in der Kinder überwiegend außerhalb der Familie betreut und erzogen werden. Der Ort, an dem sie aufwachsen, wird zu einem großen Teil in Kinderkrippen, bei Tagespflegestellen, Betriebskindergärten, Tagesmüttern oder Tagesvätern sein. Damit wird auch die frühkindliche Erziehung de facto tatsächlich zu einer Aufgabe, die zu maßgeblichen Teilen nicht mehr unmittelbar von den Eltern geleistet wird. Erziehung der Kinder, die nach dem Grundgesetz in der Verantwortung der Eltern liegt, wird damit quasi zu einer öffentlichen oder auch gesellschaftlichen Aufgabe.

Die gegenwärtig verfolgten Konzepte in der Familienpolitik unterstützen genau diesen Prozess einer Vergesellschaftung der Kindererziehung. Konzepte, Ziele und Maßnahmen der Familienpolitik beruhen auf einem Standardmodell, nach dem die Elternteile grundsätzlich einer Erwerbstätigkeit nachgehen und ihre erzieherische Aufgabe für die Dauer ihrer Erwerbstätigkeit an Betreuungs- und Pflegestellen abgeben. Durch eine einseitige Förderung der außerfamiliären Kinderbetreuung wird dieses Standardmodell zur Norm. Die Betreuung und Erziehung der Kinder innerhalb der Familie bekommt zwangsläufig den Status eines Ausnahmefalls, der weder gleichrangig behandelt noch gleichwertig unterstützt wird.

Somit fehlt es Familien, die die Förderung und Erziehung ihrer Kinder noch als ihre vorrangige, ureigene Aufgabe verstehen und diese Rolle auch wahrnehmen wollen, an der notwendigen Unterstützung. Die gegenwärtige Politik bietet ihnen zur außerfamiliären Kinderbetreuung keine Alternative. Es fehlt sowohl ein finanzieller Ausgleich für den Verzicht auf Erwerbstätigkeit wie eine Unterstützung, die Eltern bei der Betreuung und Erziehung von Kindern in der Familie begleitet. Dafür ist weder in den Köpfen noch in der Kasse ausreichend Platz. Betreuung und Förderung von Kindern kann demnach künftig nur noch außerhalb der Familie stattfinden. "Betreuung und Förderung nur außerhalb der Familie", scheint das neue Dogma der Familienpolitik sein. Der Redebeitrag der Parlamentarierin Ekin Deligöz (BÜNDNIS90/Die Grünen macht dies deutlich: „Das Betreuungsgeld hält Frauen von der Erwerbstätigkeit ab, und es hält Kinder von der Kinderförderung fern." Er spiegelt ein Verständnis von Familie und eine Normierung der Entwicklung von Familie und Gesellschaft wieder, aus denen keine faire Gleichbehandlung sondern eine Diskriminierung von Eltern und Familien spricht.

Auszüge aus der Plenardebatte des Deutschen Bundestages ->
MEDRUM-Bericht


Weitere Information über die Familie

-> http://www.Familie-ist-Zukunft.de

-> http://www.familientrends.de



Siehe auch

Verstaatlichung der Erziehung – Ein Gewinn für die Wirtschaft?

Kinder im Zangenangriff von Linken und Industrie

Frauentag - wann ist Emanzipation erreicht?

Eva Hermann - Zeit für den nächsten Emanzipationsschritt

Frühkindliche Fremdbetreuung ist schädlich!

Linkspartei in Deutschland gegen Ausbeutung der Familien (Christa Müller)

Verstaatlichung der Kinder


Civitas-Kreis Hattersheim, Mo, 26. März 2012:
sehr informative Podiumsdiskussion über Kindertagesstätten


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