Familienpolitik

Diskussionen über Familienpolitik in Österreich und Europa
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PostPosted: 31.08.2007, 21:01 
Wer hat Angst vor Silvio Gesell?

Das Ende der Zinswirtschaft bringt Arbeit, Wohlstand und Frieden für alle


Inhaltsverzeichnis

1. 300 Jahre Hochkonjunktur
2. Hosen machen Hosen
3. Kopfsalat im Tresor
4. Lagermeister im Urlaub
5. Der Dritte Weg
6. Das Wunder von Wörgl
7. Warum Wachstum
8. Der Zinseszinsler
9. Die Bodenreform
10. Am längeren Hebel
11. Der Ariadnefaden
12. Eine gelbe Kugel für Indien
13. Dreieckige Räder

Statt einer Widmung

Inmitten aller Geistes- und Wissenssteigerung leben wir heute in bezug auf das Geld noch in einem prähistorischen Nebel, und unsere geistigen und politischen Führer sind im Bettlergehorsam nach besten Kräften bemüht, diese Dunkelfelder zu erhalten und zu schützen. Deshalb gibt es auf der ganzen Erde kein Schulbuch über das Geld, und in allen sonstigen Bildungsschichten werden die zukünftigen Staatsbürger im Hinblick auf das Geld bewußt als absolute Analphabeten in das Leben entlassen, damit sie in stumpfer Unwissenheit dem obersten Gesetz der Geldvermehrung dienen und nicht erkennen, daß sie damit sich selbst und ihren Kindern das Grab schaufeln.

Vorwort

Käme einer aufs Fundbüro, um einen wertvollen Schatz abzugeben, hätte er bestimmt nicht zu befürchten, als überheblich eingestuft zu werden. Der ehrliche Finder hätte vielmehr ein Lob und eine respektable Belohnung zu erwarten. Er müßte sich auch nicht etwa aufdrängen; das freundliche Personal wäre selbstverständlich sofort bereit, den kostbaren Schatz entgegenzunehmen. Etwas anders verhält es sich bei Schätzen, die so wertvoll sind, daß sie das Vorstellungsvermögen der potentiellen Empfänger überfordern; und von einem solchen Schatz soll hier die Rede sein. Entdeckt wurde er von dem deutsch-argentinischen Unternehmer und Geldreformer Silvio Gesell (1862 - 1930), der sich als ehrlicher Finder zeit seines Lebens vergebens darum bemühte, diesen größten Schatz des 20. Jahrhunderts der Menschheit zur Verfügung zu stellen. Silvio Gesell war durch eigene Beobachtungen und Nachforschungen auf Ursachen von periodisch wiederkehrenden Wirtschaftskrisen und damit auf die Ursachen von Arbeitslosigkeit, Elend und Krieg gestoßen. Er entdeckte einen Webfehler in der Struktur des Geldes. Seit seinem Tode im Jahre 1930 haben sich die Anhänger seiner Natürlichen Wirtschaftsordnung redlich darum bemüht, das schier unglaubliche Vermächtnis dieses genialen Entdeckers in den Dienst der ganzen Menschheit zu stellen - bisher jedoch vergeblich. Das ist so ungeheuerlich, als würde ein Museum die dilettantischen Bilder von Hobbykünstlern in klimatisierten Räumen zum Aushang bringen und die Gemälde von Rembrandt im feuchten Keller verrotten lassen. Wie konnte das geschehen? Eine durch Informationsinzucht verblendete Wirtschaftswissenschaft und der vom Zins verwöhnte Geldadel haben nicht ertragen können, daß ein "Seiteneinsteiger" das schöne Lehrgebäude zusammenkrachen ließ. Da in diesen Kreisen nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf (Geld regiert die Welt), wurde Gesell ignoriert, verleumdet, verhöhnt und schließlich fast vergessen. Massenarbeitslosigkeit, Hunger, Elend und Krieg waren und sind bis auf den heutigen Tag die vermeidbaren Folgen dieser schäbigen Haltung des sich bedroht fühlenden Kapitals. Weil ich es selbst nicht fassen konnte, vermag ich mir die Skepsis meiner Leser gut vorzustellen, ja ich finde sie natürlich und setze sie sogar voraus, damit der heilsame Schock und die fassungslose Wut durch eigenes Erkennen um so nachhaltiger unter die Haut gehen möge.

1. 300 Jahre Hochkonjunktur

Am Anfang stand die Urwirtschaft: Man aß selbst auf, was man gesammelt, gefangen, geschossen oder geerntet hatte. Erst als der Mensch begann, die primitive Ur- und Vorratswirtschaft mit der Tauschwirtschaft zu kombinieren, war das Eis gebrochen: Die Entwicklung der Menschheit konnte beschleunigt werden; der Tausch und die Arbeitsteilung machten es möglich. "Ich beschlage dir dein Pferd, du webst mir das Leinen für die Hose." Gefördert wurde der Tauschhandel durch das menschliche Bedürfnis, sich schöne und nützliche Dinge anzueignen. Ausgeschlossen von dieser erregenden Tätigkeit waren immer jene Marktteilnehmer, deren Dienstleistungen oder Waren gerade mal nicht gefragt waren. Das muß bitter gewesen sein. So blieb beispielsweise der Schuhmacher auf seinen Sandalen sitzen, wenn ein Interessent das vom Schuhmacher so dringend benötigte Getreide nicht entbehren konnte, weil er selbst kaum wußte, wie er seine Familie satt kriegen sollte. Mit der Zeit fanden die Bauern, Fischer und Handwerker aber Mittel und Wege, ein Tauschgeschäft trotzdem abzuwickeln: "Also gut, du kannst die Sandalen haben, wenn du mir die Brosche deiner Frau dafür gibst." Mit der Brosche in der Hand war es dem Schuhmacher nun möglich, ein Säckchen Getreide einzutauschen; er mußte nur noch einen jungen Bauern finden, der mit der schönen Brosche das Herz eines Mädchens zu gewinnen hoffte. Schöne Dinge, also Schmuck, noch dazu aus dem bedeutungsschweren, unvergänglichen Metalle Gold, machten lebensnotwendige Tauschgeschäfte möglich, die unter den bisherigen Umständen gar nicht durchführbar gewesen wären. Doch erst mit der Einführung des Geldes, das an die Stelle der Übergangslösungen Gold, Muscheln oder Steine trat, kam Schwung in die Handelsbeziehungen der einzelnen Berufe und Völker. Es ist sicher müßig, darüber zu streiten, ob nun die bahnbrechende Erfindung des Rades oder die Erfindung der Schrift die Menschheit am nachhaltigsten beeinflußt haben, stehen doch beide ganz klar im Schatten der großartigen Erfindung des Geldes. Wer in Arabien Kamele kaufen wollte, mußte nun nicht länger Olivenöl in zerbrechlichen Amphoren quer durch die Wüste schleppen; ein kleiner Beutel voller Münzen reichte plötzlich aus, das "Tauschgeschäft" zum beiderseitigen Wohle abzuschließen. Das sofort Vertrauen erweckende hohe Gewicht der kleinen Goldmünzen, die früh erkannte Unvergänglichkeit des Goldes, sein unvergleichlich schöner Glanz, aber auch die praktische Möglichkeit, den wertvollen Besitz leicht ver-bergen, herumtragen oder vergraben zu können, ihn zu stückeln und zu wiegen, machten das Gold und das Silber über Jahrtausende hinweg zu den begehrtesten Waren. Da es sich leicht zu Schmuck verarbeiten ließ, konnte es andererseits aber auch besonders gut zur Schau gestellt werden und eignete sich damit vorzüglich, das Ansehen und den Ruhm seines Besitzers zu mehren. Reichliche Gold- und Silberfunde sorgten zunächst dafür, daß immer genügend Münzen in Umlauf gebracht werden konnten, eine - wie wir später noch sehen werden - wichtige Voraussetzung für das Funktionieren einer reibungslosen Wirtschaft.

An die Stelle der schwerfälligen Tauschwirtschaft trat also die Geldwirtschaft, die sich umso blühender entwickelte, je öfter und je schneller das Geld von Hand zu Hand ging. Umgekehrt brachen ganze Kulturen zusammen, wenn durch Gold- und Silbermangel verursachte Stockungen im Kreislauf des Geldes die Menschen auf den primitiven Tauschhandel zurückwarfen. So wird von Ziegenhirten berichtet, die 100 Jahre nach dem Untergang der griechischen Hochkultur fassungslos vor der gewaltigen Akropolis gestanden haben sollen und sich nicht vorstellen konnten, daß diese Herrlichkeit von ganz normalen Menschen und nicht etwa von Göttern erbaut worden war. Der durch Handel und Geldwirtschaft erzielte Reichtum weckte natürlich den Neid benachbarter Völker, die noch nicht so weit waren, oder er ließ die vom Reichtum verblendeten Herrscher immer unersättlicher werden. Also zogen sie in den Krieg oder wurden in den Krieg gezogen, und Kriege kosten bekanntlich viel Geld. Um die Soldatenheere bezahlen zu können, wurde das Geld durch drastische Steuern den Menschen und zum Teil auch dem Markt entzogen. Das unveränderte Warenangebot auf den Märkten stieß somit auf eine durch Geldmangel herbeigeführte Verminderung der Nachfrage. Daß Geld Nachfrage ist, wußte man damals noch nicht, man bekam es lediglich zu spüren. Die Warenanbieter blieben also auf einem Großteil ihrer Waren sitzen, was schon damals zu der irrigen Annahme geführt haben dürfte, daß eben zuviel produziert worden sei. In Wirklichkeit standen den Waren zu geringe Geldmengen gegenüber, was natürlich dazu führte, daß der Wert des Geldes stieg und die Warenpreise sanken. Dies wiederum veranlasste die Menschen dazu, ihr weniges Geld möglichst lange zurückzuhalten, weil sie hoffen konnten, später mehr Waren dafür zu erhalten. Dadurch sank die Nachfrage natürlich noch mehr, und für die Handwerker lohnte es sich kaum noch, neue Waren herzustellen.

Verschärft wurde der krisenverursachende Geldmangel durch zwei weitere Faktoren, die der Konjunktur schließlich den Rest gaben:

1. Spekulanten hamsterten die begehrten Münzen in Erwartung noch günstigerer Preise.
2. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Münzgoldes wurde von Goldschmieden zu Schmuck verarbeitet oder fatalerweise sogar in Trinkbecher verwandelt.

Auch der Untergang Roms ist eine direkte Folge einer durch Gold- und Silbermangel ausgelösten Konjunkturkatastrophe. So mancher Geschichtslehrer sieht das anders: Den Kindern wird zum Teil heute noch das interessante Märchen aufgetischt, die Römer hätten sich durch das Verwenden von Blei für Geschirr und Wasserrohre bis zur Verblödung vergiftet. Die Geschichte der Menschheit muß also überall dort umgeschrieben werden, wo dem Auf und Ab der geförderten Edelmetallmengen zu wenig oder gar keine Beachtung geschenkt wurde. Egal ob die Währung eines Landes aus Gold, Silber, getrockneten Kuhfladen, Muscheln oder Papiergeld besteht, sobald Kräfte am Werk sind, die einen Mangel an Geld oder Kuhfladen herbeiführen, bahnt sich unaufhaltsam eine Konjunkturkrise an. Weil die Bedeutung der Geldmenge und die Bedeutung des Geldumlaufs in ihren Auswirkungen auf die Konjunktur in früheren Zeiten nicht erkannt wurden, waren die Menschen jahrhundertelang dem Spiel des Zufalls hilflos ausgeliefert.

Glückliche Umstände sorgten andererseits aber auch dafür, daß die wohl längste Hochkonjunktur in der Geschichte der Menschheit (1150-1450), sagenhafte 300 Jahre lang, dem damals gar nicht erkannten Umstand zuzuschreiben war, daß dem Markt wie durch ein Wunder immer genügend Geld zur Verfügung stand, das in etwa dem Angebot von Waren und Dienstleistungen entsprach. Auslöser dieser konjunkturpolitischen Glanzleistung war unter anderem der Magdeburger Erzbischof Wichmann, der sogenannte Brakteaten prägen ließ, dünne Silberblechmünzen, die nur einseitig geprägt waren und nicht besonders schön sein mußten, da sie - und das ist die Lösung des Rätsels - zweimal im Jahr für ungültig erklärt, also verrufen wurden. Dadurch wurde es den reichen Pfeffersäcken unmöglich gemacht, das Geld zu hamstern. Wer es dennoch tat, verlor ein Vermögen. Ob arm oder reich, alle mußten zweimal im Jahr das für ungültig erklärte Geld zum bischhöflichen Münzamt tragen um es gegen neue, gültige Münzen einzutauschen. Der Vorgang wurde dazu benutzt, den Leuten die Steuern aufzuerlegen: Für 4 alte gab es 3 neue Münzen. Die Differenz - immerhin 25 % - wurde als Schlagschatz einbehalten. So zahlte jeder seine Steuern; Steuerhinterziehung war unter diesen Umständen einfach nicht mehr möglich.

Was hier zunächst wie eine besonders raffinierte Methode zum Eintreiben der Steuern und zur Vermeidung von Steuerhinterziehung aussieht, war in Wirklichkeit viel mehr und verdient gerade aus heutiger Sicht, sorgfältig unter die Lupe genommen zu werden, denn 300 Jahre Hochkonjunktur sind schließlich kein Pappenstiel und - wie man heute weiß - kein Zufall! In dieser Brakteatenzeit konnte Geld nur durch ehrliche Arbeit verdient werden. Das heute übliche Profitstreben, nicht durch Arbeit, sondern mit Geld Geld zu verdienen, war damals nur den Landesfürsten , nicht aber den Spekulanten und Wucherern möglich. Kein Wunder, dass sich die damals vorhandene Geldmenge viel gleichmäßiger und gerechter auf die arbeitende Bevölkerung verteilen konnte. In dieser Blütezeit des Hochmittelalters entstanden in Mitteleuropa 3000 Dörfer und Städte, die zum Teil alles bisher Dagewesene an Schönheit und Pracht übertrafen. Kleinode, wie z.B. die Städte Lübeck, Dinkelsbühl oder Rothenburg ob der Tauber, wurden nicht etwa aus Sklaven herausgeprügelt, sondern von gut bezahlten Handwerkern erbaut, die es durch Arbeit und Fleiß zu Wohlstand und Ansehen brachten. "Die unter solchen Umständen unmögliche Schatzbildung wurde ständig umgewandelt in eine pulsierende Nachfrage nach Erzeugnissen des Gewerbefleißes" schreibt Karl Walker in seinem Buch "Das Geld in der Geschichte". Noch 1450 - die 300 fetten Jahre neigten sich dem Ende zu - konnte der Erzbischof Antonin von Florenz schreiben, daß für die Gewinnung des Lebensunterhaltes selbstverständlich nur eine kurze Arbeitszeit genüge und daß nur derjenige viel und lange arbeiten müsse, der nach Reichtümern und Überfluß strebe!

Nach dieser Blütezeit des gerechten Geldes mußten zum Beispiel englische und deutsche Bergarbeiterfamilien bis weit in das 19. Jahrhundert hinein hungern, obwohl sie zusammen mit ihren Kindern 12 Stunden am Tag unter unwürdigsten Bedingungen geschuftet haben. Auch dafür gibt es heute eine plausible Erklärung:
:!: Der Segen des Geldes hatte sich in einen Fluch verwandelt, weil der dünne Brakteat durch den "Dickpfennig" ersetzt worden war, einem hortbaren Geld, das nicht mehr verrufen wurde und somit bestens geeignet war, je nach Bedarf konjunkturgefährdend gehamstert oder zu horrenden Zinsen gnädig wieder in den Geldkreislauf geschleust zu werden. Das Ende der Brakteatenzeit soll durch geldgierige Fürsten herbeigeführt worden sein, die das Geld einfach zu oft verriefen, die Geduld der Steuerzahler also schamlos mißbrauchten. Darum wundert es auch nicht, daß der Dickpfennig zunächst mit großer Erleichterung begrüßt wurde, ahnte doch niemand, daß die seit Jahrhunderten vom Wohlstand verwöhnte Gesellschaft schon bald das Opfer eines herrschenden Geldes sein würde, das sich nur durch gewaltige Zinsgeschenke aus den Schatztruhen der Ausbeuter herauslocken ließ. Die Folgen dieser "Geldreform" waren furchtbarer als es Menschen beschreiben können: Frieden, Wohlstand und Toleranz verwandelten sich - den Menschen damals unerklärlich - in Hunger, Rebellion und Krieg. Da für das nicht enden wollende Unglück eine Ursache gefunden werden mußte, verschafften sich unter anderem religiöse Fanatiker durch Hexenverbrennungen ein grausames Ventil. Da das Eigentum der hingerichteten Frauen eingezogen wurde, den Geldmangel also lindern half, kam es nur noch darauf an, möglichst viele (und vor allem reiche) "Hexen" zu verbrennen! Es versteht sich fast von selbst, daß die monetären Zusammenhänge dieser Menschheitskatastrophe von der heutigen Wirtschaftswissenschaft ganz anders oder überhaupt nicht interpretiert werden, wäre man doch sonst gezwungen, lauter als bisher über das eigene Versagen bei der Erklärung und Überwindung gegenwärtiger Wirtschaftskrisen selbstkritisch nachzudenken.

2. Hosen machen Hosen

Nur ungestört und gleichmäßig umlaufendes Geld schafft Arbeit und Gerechtigkeit für alle. Stockender Geldumlauf und Verteilungsungerechtigkeit verursachen Arbeitslosigkeit. Anhaltende Verteilungsungerechtigkeit läßt Langzeit- und Massenarbeitslosigkeit entstehen, wie wir sie heute in ganz Europa haben. Aber bleiben wir zunächst in Deutschland. Ist es denn wirklich so schlimm - hier bei uns - mit der ungerechten Verteilung des Geldes? Schlimm ist doch überhaupt kein Ausdruck! Oder ist es etwa akzeptabel, wenn 10% der Bevölkerung inzwischen die Hälfte aller Geldvermögen an sich gerafft haben? Die restlichen 90% dürfen sich die andere Hälfte teilen! Eine Gesellschaft, die das möglich macht und auf Dauer auch zuläßt, ist entweder hilflos oder kriminell. Ich schlage vor, wir einigen uns zunächst auf hilflos.
Wenn - wie in der Bildzeitung stand - eine Tochter der Familie Quandt jeden Morgen beim Aufwachen schon wieder um 650000 DM reicher geworden ist, Tag für Tag wohlgemerkt, :!: dann sollte das dem Bundeskanzler doch zu denken geben, der sich von sechs oder sieben Wirtschaftsprofessoren zum Thema Wachstum und Arbeitslosigkeit beraten läßt. Die hochbezahlten Kanzlerberater sind aber offenbar ihr Geld nicht wert, denn alles, was der Bundeskanzler den Arbeitslosen nach der Beratung im Fernsehen zu bieten hat, ist ein besonders treuherziger Augenaufschlag. Wer schiebt dieser jungen Frau jeden Morgen weitere 650 000 DM auf die ohnehin schon hohe Kante, und woher kommt das viele Geld eigentlich?

Bankdirektoren und Wirtschaftswissenschaftler können diesen erstaunlichen Vorgang mit einem Wort erklären: Zins! :!: Folgerichtig behauptete eine Bank vor Jahren in ganzseitigen Anzeigen: "Geld macht Geld". Wohlgemerkt, es stand dort nicht etwa "Bügeleisen machen Bügeleisen" oder "Hosen machen Hosen“, nein, dort stand dick und deutlich: "Geld macht Geld" ! Dem Freiwirt Hans Kühn war das neu (und mir übrigens auch); was also lag näher, als diese Behauptung der Banken in einem streng wissenschaftlichen Versuch zu überprüfen. Dazu legte ich einen neuen Hundertmarkschein mit der bildhübschen Clara Schumann so in ein Federbett, daß sie direkt unter einem gut erhaltenen Fünfzigmarkschein mit dem noch zeugungsfähigen Balthasar Neumann zu liegen kam. Haben die beiden Scheine jetzt Junge gekriegt? Nein, es ist nichts dabei herausgekommen!
Eine Anzeige der Deutschen Bank, in der sie Kunden mit der Behauptung lockte, sie könne das Geld sogar wachsen lassen, machte einen weiteren Versuch notwendig, für den ich als gelernter Gärtner geradezu prädestiniert zu sein schien: Verschiedene Geldscheine wurden mit guter holländischer Blumenerde in Tontöpfe eingetopft und bei 24 Grad Celsius in ein Gewächshaus gestellt. Jeden Tag gegossen, einmal in der Woche gedüngt. Nach acht Wochen stellte sich heraus: Es stimmt gar nicht, was die Deutsche Bank da behauptet, Geld kann überhaupt nicht wachsen, nicht einen einzigen Millimeter! Wenn aber Geld weder arbeiten oder wachsen noch sich vermehren kann und trotzdem die Konten der Reichen auch ohne deren Arbeit ständig wachsen läßt, dann stimmt da doch etwas nicht.

Doch, es hat alles seine Ordnung. Die märchenhafte Geldvermehrung kommt dadurch zustande, daß durch eine Umverteilung der Einkommen das Geld der Bedürftigen völlig legal in die Tresore der Wohlhabenden geschaufelt wird :!: Die Gewerkschaften haben das mal eine Umverteilung von unten nach oben genannt und damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber damit war für sie der Fall auch erledigt, denn erstens kann eine Gewerkschaft nicht ständig mit der gleichen Schlagzeile hausieren, und zweitens haben die Gewerkschaften in dieser Beziehung selber etwas Kacke am Bein: Auch die Streikkassen der Gewerkschaften schwellen durch diese unsoziale Umverteilung von unten nach oben mächtig an. Hochbezahlte Gewerkschaftsbosse, die sich auf Betriebsversammlungen so gern als Bollwerk gegen die Ausbeutung der Arbeitnehmerschaft verkaufen, sind also selbst ein Teil dieser geradezu unglaublichen Ausbeutung, die sich wie selbstverständlich im Rahmen demokratischer Spielregeln und im Namen einer "sozialen Marktwirtschaft" rechtlich scheinbar völlig einwandfrei abspielt.
Erinnern wir uns: Nur ein gleichmäßig umlaufendes Geld schafft Arbeit und Verteilungsgerechtigkeit. Nicht genug damit, daß Gewerkschaften dem Problem Arbeitslosigkeit traditionell hilflos gegenüberstehen, sie fördern auch noch nach Kräften ein System, das die Arbeitslosigkeit mit einer - wie wir noch sehen werden - naturgesetzlichen Gewißheit in einen Dauerzustand verwandelt. Mag sein, daß Gewerkschaften in Zeiten der Hochkonjunktur und Vollbeschäftigung nötig und erfolgreich sind; in Zeiten der Rezession stehen sie mit unbrauchbaren Waffen den Kapitalbesitzern gegenüber. Um hier nicht mißverstanden zu werden: Nicht die Gewerkschaften sind das Übel, sondern ein Geld- und Wirtschaftssystem, das den Gewerkschaften gerade dann die Krallen und die Zähne zieht, wenn wir sie bitter nötig hätten.

Ersetzen wir nun das Wort Umverteilung durch das Wort Ausplünderung, kommen wir der Sache schon etwas näher. :!: Ausplünderung, auch Ausbeutung genannt, kommt auf leisen Sohlen daher, wird also als solche zunächst gar nicht wahrgenommen. Man hat sich das also nicht wie einen Überfall von Wegelagerern auf eine Postkutsche vorzustellen, deren Insassen hinterher nur noch im Hemd dastehen. Das Opfer wird auch keineswegs vom Ausbeuter auf oder heimgesucht; es ist eher umgekehrt: Das Opfer geht zu seiner Hausbank und verschuldet sich beispielsweise mit 10 000 €, indem es einen Überziehungskredit in Anspruch nimmt, den die Banken heute ohne Formalitäten und peinliche Fragen sofort auszahlen. Da die Zinsen erst viel später fällig werden, schrecken die zwischen 13 und 17% schwankenden Zinsen nicht sonderlich ab und sind nach zwei, drei Tagen vergessen. Nehmen wir mal an, daß es dem Bankkunden erst nach fünf Jahren gelingt, das Konto wieder auszugleichen. Er ist in der Zwischenzeit übrigens nicht ein einziges Mal von der Bank gemahnt worden. Die Bank verhält sich mucksmäuschenstill. Was könnte die Ursache für dieses "kundenfreundliche" Verhalten der Bank gewesen sein? Das dicke Ende! Das junge, in Bankgeschäften noch ganz unbedarfte Opfer, wird jetzt nämlich nach fünf Jahren mit € 10.000,- zur Kasse gebeten, obwohl ihm im Laufe der letzten 5 Jahre bereits über € 8 500,- an Zinsen abgezwackt worden sind. So ähnlich ergeht es den Häuslebauern. Wer nach Jahren und Jahrzehnten das Haus endlich bezahlt hat, stellt bei sorgfältiger Überprüfung aller Belege fest, daß er nicht ein Haus, sondern zwei oder gar drei Häuser bezahlt hat. Haben die Banken also doch Recht?
Kann sich Geld tatsächlich vermehren und die Tresore der Kreditgeber zum Platzen bringen? Ja, aber erst muß es denen genommen werden, die so arm sind, daß sie es nötig haben, sich das Geld "vorübergehend" zu leihen. Wer ohnehin schon viel Geld hat, braucht sich natürlich auch kein Geld zu leihen. Im Gegenteil, er verleiht einen Teil seines Überflusses an Leute, die es echt nötig haben, also schon arm dran sind und nun auch noch das sauer verdiente Geld in Form von Zinsen und möglicherweise auch noch Zinseszinsen den reichen Kreditgebern zuschieben müssen. Das ist Kapitalismus in seiner "schönsten" Form.

Arme Menschen sind damit aber noch lange nicht aus dem Schneider, denn sie zahlen ja nicht etwa nur die eigenen Schuldzinsen, was schon schlimm genug ist, sondern werden darüber hinaus dazu gezwungen, sich an den Zinszahlungen anderer Leute zu beteiligen. Wenn mir früher jemand mit einer solchen Behauptung gekommen wäre, ich hätte ihn für verrückt gehalten. Inzwischen bin ich kleinlaut zu der Erkenntnis gekommen, daß wir tatsächlich Tag für Tag für die Schulden anderer Leute geradestehen müssen - ob wir es wollen oder nicht. Das also ist die "soziale" Marktwirtschaft! So gut wie alle Firmen finanzieren ihren Fuhrpark, die Gebäude und Maschinen mit Krediten, die natürlich "bedient" werden müssen. Die enormen Zinskosten sind für den Unternehmer in der Regel aber kein Problem, da er sie auf die Preise seiner Waren einfach abwälzen kann. Ein Kühlschrank, der eigentlich für € 700,- angeboten werden könnte, kostet dann "einschließlich Zinsen" € 950,-. Da die Zinskosten im Preis versteckt sind und mit keinem Wort erwähnt werden, auch nicht im Kleingedruckten, fällt dem Käufer überhaupt nicht auf, wie sehr er die unsichtbaren Kreditgeber mästet und bei Laune hält. Mit anderen Worten:
:!: Bei jedem Einkauf zahlen wir im Preis versteckte Zinsen auf das Konto der reichen Kreditgeber, die sich natürlich eins ins Fäustchen lachen. Von der breiten Bevölkerung wird diese Ausbeutung durch den Zins klaglos hingenommen, weil man sie einfach nicht für möglich hält und weder in der Schule noch in der Presse darauf hingewiesen wird.
:!: Besonders ungeniert kann den Mietern in die Tasche gegriffen werden. Bei der Miete belaufen sich die Kosten für Zinsen auf sage und schreibe 70%. Wer also heute mit einer Wohnungsmiete von € 1000,- gequält wird, könnte dort in Wirklichkeit für € 300,- im Monat leben, wenn diese schamlose Ausplünderung unmöglich gemacht würde.

:!: Hinzu kommen als dritte Ausbeutungskomponente Steuern und Abgaben, die wesentlich geringer ausfallen könnten, wenn sich der Staat bei den Reichen nicht so stark verschuldet haben würde. Weit über hundert Milliarden DM zahlt der Staat (d.h. der Steuerzahler!) den reichen Familien jedes Jahr pünktlich und korrekt auf das Konto. Schuldendienst nennt man das. Was viele nicht wissen oder wahrhaben wollen: Die Zinszahlungen über die drei genannten Wege sind so bedeutend, daß etwa 90% der Bevölkerung viel mehr Zinsen zahlen, als sie über Sparkonten, Bundesschatzbriefe und andere Anlageformen an Zinsen einnehmen. Nun wird natürlich auch verständlich, wie es dazu kommen konnte, daß die Hälfte aller Geldvermögen bei nur 10% der Bevölkerung angekommen ist. Wenn sich die restlichen 90% der Bevölkerung auch weiterhin widerstandslos ausplündern lassen, ist eine noch extremere Kapitalkonzentration nur noch eine Frage der Zeit.

Überhaupt die Zeit; sie spielt neben Zinssatz und Schuldenhöhe eine von vielen Menschen nicht geahnte Hauptrolle. Dazu ein Beispiel: Hätte Jesus seinerzeit einen einzigen Pfennig auf die Bank gebracht, um mit dieser Geldanlage die Menschen späterer Jahrhunderte aller Geldsorgen zu entheben, er wäre damals wie heute ausgelacht worden. Wir können von Glück reden, daß Jesus der Menschheit diese vorausschauende Geldanlage erspart hat, denn bei nur 5% Zinsen hätte sich dieser eine Pfennig durch den Zinseszinseffekt derart vermehrt, daß die Summe in Geld schon nicht mehr vorstellbar ist. Nehmen wir daher das Gold zu Hilfe und versuchen uns vorzustellen, der ganze Planet Erde bestünde aus purem Gold. Damit ist der heutige Wert dieser 1-Pfennig-Geldanlage aber bei weitem noch nicht erreicht, denn dieser eine Pfennig wäre bis 1995 auf 46 Milliarden Erdkugeln aus purem Gold angewachsen!

Nun wird man sicher einwenden, daß bei den heutigen Kreditgeschäften des Staates und der Wirtschaft viel kürzere Laufzeiten als 2000 Jahre zur Diskussion stehen, und das ist zweifellos richtig - aber keineswegs beruhigend, denn dem Jesuspfennig von damals stehen heute Schulden der öffentlichen Hand in Höhe von 2000 Milliarden DM gegenüber, die vom Steuerzahler mit 130 Milliarden DM pro Jahr "bedient" werden müssen. Kein Wunder also, daß sich die Empfänger dieser gewaltigen Zinsgeschenke weinend und fassungslos vor Glück in den Armen liegen. Die Armen liegen derweil dem Steuerzahler auf der Tasche. Armut liegt im Trend, weil die soziale Marktwirtschaft einer brutalen Zinswirtschaft gewichen ist. Aus dem Gesagten wird nun auch deutlich, daß die durch Zinsausbeutung angehäuften Vermögen nicht linear, sondern exponentiell wachsen und weiter wachsen. Die "arme" Frau Quandt, die schon vor Jahren täglich um 650.000,- DM reicher wurde, wird also inzwischen tüchtig zugelegt haben, obwohl ihre Leistung nur darin besteht, sich die Kontoauszüge vorlegen oder vorlesen zu lassen.

Was machen die Reichen und Superreichen mit dem vielen Geld? Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller liegen übrigens völlig richtig, wenn sie annehmen, daß die sich jeden Wunsch erfüllen und zunächst einmal so richtig einkaufen gehen; es handelt sich schließlich um ganz normale Menschen. Eine goldene Uhr, zwei goldene Uhren, eine dritte mit Brillanten besetzt, dann reicht es erstmal. Ein Haus, zwei Häuser, drei Häuser, ein kleines Schloss, ein paar Urlaubsdomizile mit Segelyacht, Auto und Personal; das - und vieles mehr - ist im Laufe eines Lebens spielend zu schaffen. Doch eines Tages macht das keinen Spaß mehr. Vom Luxus überfressen werden diese Menschen auf einmal weise, leben "ein ganz normales Leben", spielen sich als Wohltäter auf und vermeiden aus Sicherheitsgründen das protzige Zurschaustellen ihres ohne Arbeit erlangten Reichtums. So lange sie das Geld mit beiden Händen ausgeben, tragen sie zweifellos mit dazu bei, daß Arbeitsplätze gesichert werden. Neureiche gehören zu dieser Kategorie.
Multimillionäre und Milliardäre sind dagegen nicht mehr in der Lage, das der armen Bevölkerung durch Zinsen entzogene Geld sinnvoll auszugeben. Sie legen es mit Hilfe von Fachleuten an, selbstverständlich nur, wenn eine hohe Rendite dabei herausspringt.

:!: Wie das Beispiel aus dem Hochmittelalter zeigt, ist ein Zustand der Vollbeschäftigung und das Fehlen von Armut ein ganz normaler Dauerzustand, wenn - und jetzt kommt der Haken - die vorhandene Geldmenge eines Staates an eine Umlaufsicherung gekoppelt wird, die das Geld der (zinsschaffenden!) Hortbarkeit entzieht und stattdessen ohne Unterbrechung von Hand zu Hand gehen läßt.
Da die Bundesregierung diesen Zusammenhang nicht zu kennen scheint und die sie beratenden Wissenschafter sich nicht schämen, diese Zusammenhänge zu ignorieren, können und müssen die unausbleiblichen Folgen der monetären Verteilungsungerechtigkeit bzw. Geldanhäufung voll zum Tragen kommen: :!: Armut und Massenarbeitslosigkeit in einem beschämenden Ausmaße. Man tut in Regierungs- und Wirtschaftskreisen so, als wäre der auch von ihnen beklagte Zustand unserer Gesellschaft nur ein vorübergehender und redet sich gegenseitig ein, dass mit Wirtschaftswachstum, Lohnverzicht, Modernisierung und Gentechnik "der Standort Deutschland" wieder attraktiv gemacht werden könnte. Attraktiv für wen? Vorsorglich wird aber schon mal darauf hingewiesen, dass ein relativ hoher Sockel Arbeitslosigkeit noch auf Jahre hinzunehmen ist. Sehenden Auges gehen diese Ignoranten einer absehbaren Katastrophe entgegen und tun so, als wüssten sie nicht, woran die Weimarer Republik zugrunde gegangen ist. Sechs Millionen Arbeitslose haben 1933 Adolf Hitler an die Macht gebracht.
:!: Die 55 Millionen Opfer des zweiten Weltkrieges haben also dafür büßen müssen, dass in den zwanziger und dreißiger Jahren der größte Wirtschafts- und Geldreformer dieses Jahrhunderts wie Dreck behandelt worden ist: Silvio Gesell :!:

Oder auch nicht:
Bänke und Banken sind kalt; oder auch nicht. Er hat die Hypothekenzinsen nicht mehr aufbringen können. Sogenannter Beratungsfehler der Bank; oder auch nicht. Hat dann eine passende Wohnung gesucht und Gott sei Dank auch eine bezahlbare gefunden; oder auch nicht. Wurde dann auch noch arbeitslos. Wird schon wieder was finden; oder auch nicht. Dann kam die Scheidung dazu. Wäre zu verhindern gewesen, schon wegen der Kinder; oder auch nicht. Zählt jetzt zu den Nichtseßhaften, die auf den Ämtern immer so freundlich begrüßt werden; oder auch nicht. Über seinen Fall sitzen Experten zu Rate, die aus eigener Erfahrung wissen, wie ausgekühlt und steif der Körper morgens ist; oder auch nicht. Aber er versteht es, seine Interessen wahrzunehmen; oder auch nicht. Wenigstens ernährt er sich immer noch vernünftig; oder auch nicht. Dem Alkohol hat er bisher jedenfalls widerstehen können; oder auch nicht. Immerhin ist ihm die Gesundheit geblieben; oder auch nicht. Morgens stehen ihm sanitäre Einrichtungen zur Verfügung; oder auch nicht. Hunger und Durst halten sich in Grenzen; oder auch nicht. Auf dem Marktplatz steht ein Plakat, an dem er achtlos vorübergeht; oder auch nicht. Da wird ein Vortrag über Silvio Gesell angekündigt; oder auch nicht. Der Name Gesell kommt ihm bekannt vor; oder auch nicht. Er geht da abends einfach mal hin; oder auch nicht. Die spezielle Begrüßung der Arbeitslosen findet er lächerlich; oder auch nicht. Ärgert sich hinterher, einen ganzen Abend seines Lebens geopfert zu haben; oder auch nicht!

Friedlich in die Katastrophe

Frieden ist ein Zustand, den nur zufriedene Menschen herbeiführen und auf Dauer zu sichern vermögen. Um diese Zufriedenheit und den Frieden in Unzufriedenheit und Krieg verwandeln zu können, muss zunächst das Vermögen der großen Vermögen, sich ohne Arbeit etwa alle zehn Jahre verdoppeln zu können, auf eine gesetzliche Grundlage gestellt werden. Unser Grundgesetz bietet den Reichen in der Zinswirtschaft diese unfassbare "Vermögensbildung" und führt damit - ungewollt - früher oder später in die Katastrofe.

3. Kopfsalat im Tresor

Silvio Gesell wurde am 17.März 1862 in St. Vith, einem kleinen Städtchen im deutschsprachigen Ostteil Belgiens geboren. Nach glücklicher Kindheit im Kreise seiner acht Geschwister trat der Sechzehnjährige zunächst in den Dienst der Deutschen Reichspost und ließ sich später in der Firma seiner Brüder Paul und Roman in Berlin zum Kaufmann ausbilden. Weitere Stationen seiner Aus- und Weiterbildung waren unter anderem Malaga, Hamburg und Braunschweig, ehe er 1887 nach Argentinien auswanderte, in Buenos Aires eine Firma für Zahnarztbedarf gründete und in wenigen Jahren ein erfolgreicher Unternehmer wurde. Dem sonderbaren Auf und Ab der Konjunkturen jetzt aber hautnah ausgeliefert, begann Gesell über die Ursachen von Wirtschaftsflauten und Arbeitslosigkeit nachzudenken. Unbehelligt von der Scheuklappensicht der Autoritäten und voller Skepsis gegenüber Karl Marx, suchte Gesell als unvoreingenommener Seiteneinsteiger nach einem Fehler in der Struktur des Geldes - und fand ihn! Anstatt sich also mit der leidigen Währungsfrage zu beschäftigen, die damals von der Wirtschaftswissenschaft geradezu ehrfürchtig als die verwickeltste Frage der politischen Ökonomie mehr bestaunt als erklärt wurde, ging Gesell respektlos und genial zugleich der bisher ungestellten Frage nach, ob das vorherrschende, ja herrschende Geld auch ein dienendes Geld sein könne. Ja, war seine frappierende Antwort, doch nur, wenn dem Geld eine seiner Eigenschaften genommen würde.

Geld wurde vor 1914 noch mit Gold gleichgesetzt, das in den Kellergewölben der Notenbanken bis zur Decke gestapelt wurde, um den Wert des zirkulierenden Papiergeldes durch eine sogenannte Golddeckung zu sichern. Man versuchte damals der Bevölkerung einzureden, dass 40-60% des umlaufenden Geldes in Form von Goldbarren zu hinterlegen seien, um dem Papiergeld einen garantierten Wert geben zu können.
Die nach der Hyperinflation 1923 eingeführte Rentenmark war dagegen "stofflos", also ohne Golddeckung. Trotzdem - oder gerade deswegen - bewährte sich die Rentenmark, die durch den Grund und Boden des Deutschen Reiches gedeckt war. Der internationalen Goldlobby war dieser Alleingang des Deutschen Reiches natürlich ein Dorn im Auge, hielt sie doch eisern daran fest, dass eine Golddeckung unverzichtbar sei. Sie setzte alles daran, den damaligen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht zur Wiedereinführung der Golddeckung zu bewegen und hatte schließlich Erfolg damit. Dadurch wurde aber die Regierung der Weimarer Republik zu einem erpressbaren Spielball vor allem amerikanischer Geldmagnaten, die dem geschwächten Deutschen Reich zunächst Kredite für die Wirtschaft, aber auch zur Bezahlung der Reparationen einräumte, diese dann aber kündigten und in Form von Goldbarren zurückverlangten. Das wäre so schlimm nicht gewesen, denn das Gold hatte - wie Silvio Gesell früh erkannte - dort völlig unnütz herumgelegen, und ein Umzug des Goldes von der einen Ecke des Notenbankkellers mit dem Schild Deutschland in die andere Ecke des Kellers mit dem Schild USA hätte natürlich keinerlei Auswirkungen auf die Konjunktur in Deutschland haben müssen.
Nun hatte man aber Deutschland nicht nur zur Goldwährung gedrängt, sondern auch die Gesetzgebung dahingehend beeinflusst, dass bei einem Abzug des Goldes dem entsprechende Mengen Papiergeld aus dem Verkehr zu ziehen waren! Mehrere hundert Millionen Reichsmark mussten also aus gesetzlichen Gründen(!) schlagartig dem Markt entzogen werden, der natürlich zusammenbrach, weil plötzlich nicht mehr genügend Bargeld zur Verfügung stand, um Waren kaufen oder Löhne und Gehälter zahlen zu können.
Geld ist nämlich das Blut im Kreislauf der Wirtschaft. Wer diesen Kreislauf stocken läßt oder auch nur leicht aus dem Rhythmus bringt, gefährdet die Konjunktur.

Würde man beispielsweise beim Roten Kreuz einem Blutspender versehentlich statt der üblichen 300 ml auf einen Schlag 3 Liter Blut abzapfen, wären ja auch nur noch zwei Fragen zu klären: Den Notarztwagen oder einen Bestatter kommen lassen! In der Weimarer Republik versuchte man das selbst angerichtete Unheil an der Wirtschaft durch eine Reihe von Notstandsverordnungen (Notarztwagen) in den Griff zu kriegen, mußte dann aber doch ein leistungsfähiges Beerdigungsinstitut (Hitler) mit dem Wegschaffen der Demokratie beauftragen.
Silvio Gesell hat das von ihm vorausgesehene und vorausgesagte Fiasko der Wirtschaft nicht mehr erlebt; aber sein großes Vermächtnis - Die Natürliche Wirtschaftsordnung - hätte die Massenarbeitslosigkeit und mit ihr die Nutznießerposition der Nazis beenden können. Die Weimarer Republik ist also am völlig unsinnigen Golddeckungswahn der Nationalökonomen, Bankiers und Krisengewinnler gescheitert und nicht etwa daran, daß über sechs Millionen Arbeitslose Sehnsucht nach den Nazis hatten.
In einem letzten verzweifelten Appell (Mitte 1932) haben der Freiwirt Johannes Schumann und der Reichstagsabgeordnete Erich Mäder (SPD) - unterstützt von 10.000 Thüringer SPD-Genossen – Einfluss auf die SPD-Führung zu nehmen versucht; doch es war zwecklos, denn sie fanden kein Gehör. Die damalige SPD-Führung ließ sich von Prof. Dr. Nölting (M.d.R.) beraten, der folgende Ansicht vertrat:
"Die Geldkrisen sind im wesentlichen interne Vorgänge im Bereich des Kapitals, häuslicher Hader der Bourgeoisie, ein sich in einer höheren Region vollziehendes und sich selbst aufhebendes Kampfspiel."
:!: Dieses "Kampfspiel" hat 55 Millionen Menschen das Leben gekostet, während der Urheber dieser dämlichen Einschätzung den Krieg in der Emigration überlebte, nach 1945 in Nordrhein-Westfalen sogar SPD-Wirtschaftsminister werden konnte und damit fortfuhr, Freiwirtschaftler heftig zu bekämpfen!
:!: In seinem erschütternden Buch "Gegen den Strom" dokumentiert Johannes Schumann das ganze Ausmaß des Versagens und der Mitschuld der damaligen SPD-Führung am Zusammenbruch der Weimarer Republik und am Hochkommen der Nazis.

Es blieb Silvio Gesell erspart, den totalen Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft und der Weimarer Republik zu erleben, denn er starb bereits 1930; aber alles, was dann geschah, ist von diesem genialen Entdecker und Warner bereits 1918 vorhergesagt worden: "Trotz des heiligen Versprechens der Völker, den Krieg für alle Zeiten zu ächten, trotz der Rufe der Millionen: "Nie wieder Krieg", entgegen all den Hoffnungen auf eine schönere Zukunft muß ich sagen:
:!: Wenn das heutige Geldsystem, die Zinswirtschaft, beibehalten wird, so wage ich es, heute schon zu behaupten, daß es keine 25 Jahre dauern wird, bis wir vor einem neuen, noch furchtbareren Krieg stehen. Ich sehe die kommende Entwicklung klar vor mir. Der heutige Stand der Technik läßt die Wirtschaft rasch zu einer Höchstleistung steigern. Die Kapitalbildung wird trotz der großen Kriegsverluste rasch erfolgen und durch ein Überangebot den Zins drücken. Das Geld wird dann gehamstert werden. Der Wirtschaftsraum wird einschrumpfen, und große Heere von Arbeitslosen werden auf der Straße stehen. An vielen Grenzpfählen wird man dann eine Tafel mit der Aufschrift lesen können:
"Arbeitsuchende haben keinen Zutritt ins Land, nur die Faulenzer mit vollgestopftem Geldbeutel sind willkommen.
Wie zu alten Zeiten wird man dann nach dem Länderraub trachten und wird dazu wieder Kanonen fabrizieren müssen, man hat dann wenigstens für die Arbeitslosen wieder Arbeit. In den unzufriedenen Massen werden wilde, revolutionäre Strömungen wach werden, und auch die Giftpflanze Übernationalismus wird wieder wuchern. Kein Land wird das andere mehr verstehen, und das Ende kann nur wieder Krieg sein".

Gesell erkannte, daß die Überlegenheit des Geldes gegenüber den Waren und Dienstleistungen eine Eigenschaft ist, die sich in periodisch wiederkehrenden Schüben verheerend auswirken muß. Der Franzose Proudhon hatte ihn auf die richtige Spur gebracht. Proudhon selbst hatte das Ziel jedoch knapp verfehlt, indem er versuchte, den Wert der Waren auf das Niveau des Geldes zu heben. Gesell ging den umgekehrten Weg, indem er das Geld vom Sockel der Überlegenheit auf den Teppich der verderblichen Waren herunterholte. Die Genialität dieses scheinbar so einfachen Gedankens erschließt sich dem Skeptiker nicht sofort, aber dann umso nachhaltiger. Gesell entwarf ein Freigeld, dem er die Eigenschaft nahm, ganz nach Belieben unter der Matratze oder im Tresor gehortet werden zu können.
Zum Verständnis: Kein vernünftiger Mensch würde auf den Gedanken kommen, frische Erdbeeren, Kopfsalat, Hühnereier oder Tageszeitungen zu horten, da alle diese Produkte schon nach wenigen Stunden oder Tagen völlig wertlos sind. Beim Geld sieht das anders aus: Wer Geld übrig hat, kann es beliebig lange lagern, ohne ein Verschimmeln, Verfaulen oder Verrosten befürchten zu müssen, denn Geld ist haltbar, viel haltbarer auch als Kleider, die schnell aus der Mode kommen oder Computer, die von der rasanten Entwicklung überholt werden und schon nach wenigen Monaten die Rolle des Ladenhüters spielen. Wie wäre es denn, so wird sich Silvio Gesell gesagt haben, wenn man ein Geld in Umlauf brächte, das wie ein Stück Eis mit Wärme bedroht werden könnte und pro Monat etwa ein Prozent seines Wertes verlustig ginge? Das Zurückhalten großer Geldbeträge wäre von Stund an nicht mehr möglich! Das Geld müßte dann zur Vermeidung von Abschmelzverlusten dem Markt - so wie sich das gehört - zur Verfügung gestellt werden.
:!: Aus dem herrschenden Geld wäre über Nacht ein dienendes Geld geworden, das der ganzen Bevölkerung zur Verfügung stünde. Den Kapitalisten wäre also das Handwerk gelegt, ohne Arbeit, nur durch Ausbeutung der Arbeit anderer, immer reicher werden zu können. :!:

Gesell hat in seinem System die Möglichkeit offengelassen, den Wertverlust des Geldes durch Wohlverhalten vermeiden zu können und zwar so: Entweder wir geben das durch Arbeit verdiente Geld gleich wieder aus , oder wir stellen es anderen - über Banken und Sparkassen - zinslos(!) zur Verfügung. Die dritte Möglichkeit, das Geld - wie bisher - im Tresor so lange zu horten, bis der Zins endlich die gewünschte Höhe erreicht hat, wäre - wie schon gesagt - dann nicht mehr möglich, da die Kapitalbesitzer am Ende des Jahres durch Abschmelzverluste um bis zu 12% ärmer geworden wären. Also zur Bank damit! Nun liegt der schwarze Peter bei der Bank, die versuchen muß, die ihr zinslos anvertrauten Geldberge zur Vermeidung eigener Abschmelzverluste so schnell wie möglich wieder loszuwerden.

:!: Dem Geld werden also Beine gemacht, indem es unter Wettbewerb gestellt wird - wie alle anderen Waren auch; und das könnte so geschehen: Die Bevölkerung wird morgens beim Frühstück in großen Zeitungsanzeigen darüber informiert, daß spottbilliges Geld für Hausbau, Modernisierung, Solaranlagen, Brauchwassernutzung oder was auch immer gegen die üblichen Sicherheiten am Bankschalter abgeholt werden kann. Da die Bank den Wohlhabenden nun keine hohen Zinsen und eines Tages überhaupt keine Zinsen mehr erwirtschaften muß, kann sie das ihr anvertraute Geld sensationell günstig, praktisch zinslos, weiterreichen. Lediglich zur Deckung ihrer eigenen Unkosten wird die Bank den Kredit mit schlappen 1 bis 1,5 % belasten. Man muß kein Prophet sein, um folgende Voraussage machen zu können: Auf Industrie, Handwerk und Handel rollt eine Auftragswelle zu. Arbeitskräfte werden mit der Lupe gesucht, und in den Arbeitsämtern können ganze Abteilungen und Etagen geschlossen und einer sinnvolleren Nutzung zugeführt werden. Das Geld wird also von seiner heutigen Aufgabe befreit, unbedingt rentabel (= zinstragend!) sein zu müssen. Als Freigeld muß es jetzt nur noch lohnend sein; ein gewaltiger Unterschied, wie wir später noch sehen werden. Das an dieser Stelle gern vorgebrachte Argument, ein solches System würde der Umwelt durch zuviel Wachstum schaden, oder die Konjunktur müsse nach einer Phase der Überhitzung in das andere Extrem umkippen, kann leicht widerlegt werden:
Sobald dem Geld die Streikfähigkeit genommen wird, es sich dem Markt also auch mit sinkendem Zins anbieten muß, wird eine umlaufgesicherte Indexwährung - im Gegensatz zu heute - für ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Angebot (Ware) und Nachfrage (Geld) sorgen. Die Deutsche Bundesbank, die doch den gesetzlichen Auftrag hat (§ 3 Bundesbankgesetz) für Geldwertstabilität zu sorgen, wäre froh, das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage so exakt und wirkungsvoll steuern zu können, wie es die Natürliche Wirtschaftsordnung Silvio Gesells ermöglicht. Stattdessen macht sich die Bundesbank zum Hampelmann der Zinserpresser und sieht sich gezwungen, einen allmählichen Geldwertverfall (Inflation) zu verursachen, um der noch größeren Gefahr einer Rezession (sinkende Preise, Firmenzusammenbrüche, noch mehr Arbeitslosigkeit) zu entgehen.
Gemessen an den Vorzügen einer umlaufgesicherten Indexwährung, die dem Wert des Geldes dauerhafte Stabilität verleiht (darum brauchen die Sparer dann auch keine Zinsen mehr, die heute Inflationsverluste ausgleichen helfen) sind die währungspolitischen Klimmzüge der Deutschen Bundesbank tollpatschig bis primitiv und einer Behörde mit 18 000 (in Worten: Achtzehntausend) Angestellten eigentlich nicht würdig.

Was übrigens die Gefahr exponentiellen Wachstums betrifft, so ist doch gerade dieses umweltzerstörende Phänomen ein Markenzeichen und die unvermeidbare Folge der heutigen Zinswirtschaft! Natürlich sah Gesell voraus, daß der Geldadel und das Weltspekulantentum Himmel und Hölle in Bewegung setzen würden, um eine solche Geldreform zu verhindern; und er sah auch voraus, daß die Kapitalisten in sogenannte feste Werte ausweichen werden, um sich beispielsweise über die Bodenspekulation und ein Bodenmonopol das zurückzuholen, was ihnen an Zinsgeschenken verlorengehen wird. Daher sei schon an dieser Stelle gesagt, daß die Natürliche Wirtschaftsordnung gerade diesem Aspekt einer drohenden Ausbeutung die ihm gebührende Beachtung schenkt und zur Lösung dieses Problems einen Schlüssel präsentiert, der problemlos den Besonderheiten gegenwärtiger und zukünftiger Situationen angepaßt werden kann. Uns steht also eine Reform bevor, die sich von einer Revolution dadurch unterscheidet, daß sie völlig unblutig, jedoch voller Krokodilstränen, über die Bühne gehen wird.
Die Tragik eines zweifachen Milliardärs wird dann beispielsweise darin liegen, daß er nach sieben oder acht Jahren immer noch zweifacher Milliardär sein wird, während er von der heutigen Zinswirtschaft doch längst zum drei- bis vierfachen Milliardär herangemästet worden wäre. Irgendwie werden diese Multimillionäre und Milliardäre mitsamt ihren Familien schon darüber hinwegkommen und unser aufrichtiges Mitgefühl entbehren können.

Wenden wir uns darum lieber den bisherigen Verlierern der Zinswirtschaft zu. Man versuche, sich das einmal auf der Zunge zergehen zu lassen: :!: Arbeit für alle :!:
Wer unbedingt überdurchschnittlich wohlhabend werden will, soll das ruhig tun, hat dann aber zu bedenken, daß dies nur über Arbeit, Fleiß, Ausdauer, Tüchtigkeit und Erfindergeist zu schaffen ist, nicht jedoch durch das arbeitsfreie Kassieren von Zinsen. Alle Warenpreise, Dienstleistungen und Mieten werden allmählich von darin versteckten Zinsanteilen befreit. Sie werden vom Einkommen schließlich so viel Geld übrig lassen, daß wir vor der angenehmen Wahl stehen werden, entweder ich arbeite bei gleichem Einkommen viel weniger, oder ich kann bei gleicher Arbeitsleistung deutlich mehr verdienen, oder ich arbeite etwas weniger und verdiene trotzdem etwas mehr.

Helmut Creutz hat mir diese unerhört bedeutsamen Zusammenhänge in einem Brief einmal wie folgt geschildert:

:arrow: 1. Mit sinkenden Zinsen wird die Kaufkraft von den Zinsbeziehern zu den Arbeitleistenden zurückverlagert. Damit wird es diesen bei gleichbleibendem materiellen Wohlstand möglich, Ihre Arbeitszeiten zugunsten der Arbeitsuchenden zu reduzieren.

:arrow: 2. Mit sinkenden Zinsen erhalten umweltfreundliche und oft arbeitsintensivere Produktionsweisen größere Chancen. Damit werden vor allem Wind- und Solarenergie wirtschaftlich und wettbewerbsfähig, trotz ihrer höheren Investitionskosten.

:arrow: 3. Mit sinkenden Zinsen lässt das automatische Überwachstum der Geldvermögen nach. Damit entfällt auch der Zwang zu immer höheren Verschuldungen und kapitalintensiven Investitionen, die meist mit Einsparungen von Arbeitskräften einhergehen.

:arrow: 4. Mit sinkenden Zinsen geht die Umschichtung der Einkommen von der Arbeit zum Besitz zurück. Damit verringern sich die zunehmenden sozialen Spannungen zwischen Arm und Reich, die mit Gefahren für den inneren und äußeren Frieden verbunden sind.

:arrow: 5. Mit sinkenden Zinsen geht auch der Wachstumszwang zurück, der sich heute durch die kreditfinanzierten Investitionen und ihrer Zinsbedienung ergibt. Damit können Ökosteuern erst wirksam und ökologische Kreislaufwirtschaften erst möglich werden.

Wer die angenehme Aussicht, mit deutlich weniger Arbeit pro Tag seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, für eine Utopie hält, sei noch mal an den Erzbischof Antonin von Florenz erinnert, der genau diesen Sachverhalt vor 540 Jahren nicht etwa gefordert hat, sondern als selbstverständliche Errungenschaft der Menschen seiner Zeit erwähnen konnte. Aber offenbar hat uns der Zinswucher geistig schon so deformiert, daß nicht einmal mehr das Selbstverständliche wie z.B. eine reine Atemluft, sauberes Trinkwasser oder Arbeit für alle mit Nachdruck gefordert und vor allem auch für möglich gehalten werden kann! Dieses untertänige Sichfügen in sogenannte Sachzwänge hat Tradition und hat die Frage nach der Daseinberechtigung des Zinses und des arbeitsfreien Einkommens nie zu einer Gefahr für die Maden im Speck werden lassen. Da die Medien von der Zeitung bis zum Fernsehen ausnahmslos von Finanzkreisen beherrscht werden, die ihre Strohmänner - wie es das Gesetz nun einmal vorsieht - in die Aufsichtsgremien sickern lassen, alles natürlich ganz demokratisch, kann das Vermächtnis Silvio Gesells völlig legal unterdrückt werden. Der oft gehörte Einwand, "wenn dieses Konzept wirklich so gut wäre, dann würde doch der Bundeskanzler wenigstens die Massenarbeitslosigkeit längst abgeschafft haben", ist aus der Sicht jener, die den Namen Gesell hier vielleicht zum ersten Male hören, zweifellos verständlich.

Aber darin liegt doch die Tragik dieses Jahrhunderts, daß ein schlüssiges Konzept zur Beseitigung der Ursachen aller Wirtschaftskrisen und der meisten Kriege gerade von denen nicht gewollt sein kann, die aus Krisen und Kriegen grundsätzlich finanziell gestärkt hervorzugehen pflegen. Das muß mir der Leser schon abnehmen, daß ein Schatz, von dem über 90% der Bevölkerung nichts ahnen, weil seine Existenz mit aller Macht verschwiegen wird, bei den Ahnungslosen dann auch keine Goldgräberstimmung aufkommen lassen kann. Wenn selbst die Kirchen den krisen- und kriegsverursachenden Pferdefuß des Zinses tolerieren, obwohl doch die Profeten mit erstaunlicher Weitsicht und Deutlichkeit den Zins als den Inbegriff des Bösen an den Pranger gestellt haben, darf man sich nicht wundern, wenn Silvio Gesell, der Profet des dienenden Geldes, von den Vertretern des herrschenden Geldes zur Unperson gemacht werden konnte.

4. Lagermeister im Urlaub

Niemand wird bestreiten, daß Banknoten eine offizielle Zahlungseinrichtung sind, die ausschließlich vom Staat herausgegeben und von der Deutschen Bundesbank gedruckt werden dürfen. Private Geldfälschungen werden bekanntlich mit hohen Strafen geahndet. Somit ist das offizielle Geld - sollte man meinen - ein Zahlungsmittel, das - wie die Autobahn - dem Staat gehört. Sobald wir diese begehrten Scheine aber in unsere Finger kriegen, hört das staatliche Brimborium schlagartig auf: Wir können damit machen was wir wollen; plötzlich ist es unser ganz privates Eigentum. Wir können das Geld im Garten verbuddeln, im Kamin andächtig verbrennen, mit Hilfe eines Aktenvernichters in lauter kleine Schnipsel verwandeln, zum Staunen unserer Gäste als Tapete verwenden, nach dem Besuch eines Hobbykurses an der Volkshochschule in kostbare Lampenschirme verwandeln oder in einem dunklen Tresor beliebig lange horten. Damit ist aber immer noch nicht die Frage beantwortet, ob das Geld - so wie die Autobahn - nun eine öffentliche oder eine private Einrichtung ist, denn beides zugleich kann es ja wohl nicht sein, oder etwa doch? Tatsächlich hat unser heutiges Geld eine Doppelnatur; es ist sowohl offizielles als auch privates Zahlungsmittel. "Mein Gott, ist denn das so schlimm? Mich stört das überhaupt nicht" wird sich so mancher sagen und vielleicht vermuten, hier solle ein Scheinproblem konstruiert werden, um von viel wichtigeren Themen abzulenken.

Wenden wir uns daher zunächst vom Zahlungsverkehr dem Personenverkehr auf der Straße zu. Wie jedermann weiß, sind Straßen öffentliche Verkehrswege, die auch von Privatleuten genutzt werden können. Das Auto, in dem zum Beispiel Herr Goldi sitzt, gehört ihm, die Straße unter den Rädern seines Autos gehört dem Staat. Da sich alle Autofahrer so schön an die Verkehrsregeln halten, fließt der Verkehr so ruhig wie schon lange nicht mehr. Heute also mal keine Raser und keine nervtötenden Langsamfahrer; alles fließt. Plötzlich fällt Herrn Goldi ein, daß er mit dem Verkehrsmittel Geld in seiner Tasche ja auch machen kann, was er will. Warum, so denkt er sich, sollte das mit dem Verkehrsmittel Auto auf einer Bundesstraße anders sein? Behutsam tritt er auf die Bremse und kommt nach ein paar hundert Metern zum Stillstand. Da er nun in einer unübersichtlichen Kurve steht und bei regem Gegenverkehr nicht überholt werden kann, bildet sich natürlich ein Stau. Ruhig, wie das seine Art ist, verläßt er seinen Wagen, um hinter einem Busch erstmal sein Wasser abzuschlagen. Anschließend zieht er mit einem Stück Kreide rings um sein geparktes Auto einen Strich, wie es die Polizei bei Verkehrsunfällen zu tun pflegt, und erklärt den herbeigeeilten Staukollegen: "Dieses Stück Straße gehört jetzt mir." Es kommt natürlich sofort zu Handgreiflichkeiten aufgebrachter Verkehrsteilnehmer und - viel schlimmer - zu einem schweren Auffahrunfall. Darum hat die Verrücktheit des Herrn Goldi ein gerichtliches Nachspiel: "Aber Herr Richter, wenn ich durch das Horten von Geld straflos schlimmste Stauungen und Stockungen im Wirtschaftsgefüge verursachen darf und dadurch die Zahl der Arbeitslosen und Konkurse in vorher nie gekannte Höhen treiben kann, ohne dafür belangt zu werden, kann doch das Parken im fließenden Verkehr kein strafbares Delikt sein!" Ja, das begreife einer.

Die Deutsche Bahn AG verfügt erfreulicherweise über eine große Anzahl von Güterwaggons, die ein Unternehmer - falls er einen Gleisanschluß hat - sich direkt vor die Tür stellen lassen kann. Der Waggon ist natürlich nur geliehen, muß also der Deutschen Bahn AG zurückgegeben werden. Nun könnte ein Unternehmer auf den Gedanken kommen, die Rückgabe des Waggons bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag hinauszuschieben, um dieses prächtige Gerät als billige Lagerhalle nutzen zu können. In den Anfängen der Bahn und in den Wirrnissen der Nachkriegszeit ist das auch versucht worden, doch heutzutage ist diese Zweckentfremdung nicht mehr möglich. Der Bahn ist nämlich etwas eingefallen, wie man diesen Rückgabemuffeln Beine macht:
Die Deutsche Bahn AG erhebt ganz einfach Standgeld. Ohne ein solches Standgeld, das die Unternehmen zwingt, sich mit dem Ausladen der Waggons zu beeilen, würden die Waggons zu Tausenden überall im Lande auf den Fabrikhöfen herumstehen und mit den dümmsten Ausreden, zum Beispiel "Lagermeister im Urlaub" verspätet zurückgegeben werden. Klar, daß der Güterverkehr darunter zu leiden hätte und schließlich zusammenbrechen würde. Herr Goldi, den wir ja schon kennengelernt haben, hat sich etwas Neues einfallen lassen. Er behält den Waggon, bleibt der Bahn das von Tag zu Tag höher werdende Standgeld schuldig und riskiert erneut einen Prozeß, in dessen Verlauf er das Verkehrsmittel Waggon mit dem Verkehrsmittel Geld vergleicht. Beide, so behauptet er völlig richtig, sind ein Teil des öffentlichen Verkehrs, und beide können - wenn auch nur vorübergehend - privater Natur sein. "Ich bin doch nicht verrückt und zahle der Deut-schen Bahn AG auch noch Standgeld. Es müßte umgekehrt sein, Herr Richter, die sollen mir einen finanziellen Anreiz bieten, der so verlockend ist, daß ich den Waggon gegen eine anständige Prämie, meinetwegen auch Waggonzins genannt, freiwillig wieder herausrücke." Der Richter muß jetzt aufpassen. Er kann den Herrn Goldi nicht einfach verurteilen, denn was dieser da zu seiner Verteidigung sagt, ist ja wie aus dem Leben gegriffen, also eigentlich ganz normal, denn wer das vom Staat herausgegebene Geld in seinem Tresor "geparkt" hat, zahlt doch auch keine Standgebühr, obwohl es anderen Wirtschaftsteilnehmern fehlt und dieses Fehlen der Wirtschaft schließlich schweren Schaden zufügt. Der Zinserpresser zahlt nicht nur kein Standgeld, er läßt sich die Herausgabe des gehorteten Geldes auch noch mit Zinsgeschenken versüßen! Erinnern wir uns der ersten Verrücktheit des Herrn Goldi: Sein stehendes Auto bringt den Verkehr, sein im Tresor ruhendes Geld bringt die Wirtschaft zum Erliegen oder zumindest ins Stocken. Denkbar wäre nun, er würde mit einer Sammelbüchse in der Hand die im Stau stehenden Autofahrer höflich um eine kleine Straßenfreigabegebühr bitten; so nach dem Motto: „Sobald das Geld im Kasten klingt, Herr Goldi in den Wagen springt“. Leute, die es eilig haben, zum Beispiel termingeplagte Handelsvertreter, sind sicher bereit, fünf Mark springen zu lassen. Andererseits - wenn sich das herumspricht und immer mehr Rentner, Studenten und Arbeitslose dazu übergehen, ein kleines Stück Straße vorübergehend zu privatisieren, um die schnell verdiente Straßenfreigabegebühr kassieren zu können, wird es mit dem Frieden auf der Straße wohl bald vorbei sein. Verkehrsteilnehmer, die ja heute schon den Stinkefinger zeigen, wenn mal einer nicht schnell genug die Herrenfahrerspur räumt, würden sich vermutlich bewaffnen und den 10.000 Verkehrsto-ten pro Jahr sicher noch so manche Stauleiche hinzufügen.
Man muß kein ADAC-Mitglied sein, um zusammenfassend sagen zu können: Verrücktheiten, die den Verkehrsfluß behindern, sind gesetzlich zu verbieten; egal ob auf der Straße oder im Tresor. Wer dem zustimmt, muß sich natürlich auch fragen lassen, wieso er dem stauverursachenden Horten des Geldes und den Zinserpressern ohne mit der Wimper zu zucken eine Ausnahmegenehmigung erteilt. Tun wir das denn? Räumen wir dem Zinswucher wirklich diese geradezu absurde Narrenfreiheit ein? Ja, wir tun es, aber wir tun es unbewußt.

Die Leser dieser Zeilen wollen dies bitte nicht als Vorwurf betrachten, zumindest jene nicht, die hier zum ersten Male mit dem Vermächtnis Silvio Gesells konfrontiert werden. Wichtig ist vor allem, daß mit diesem Kapitel nun auch klargeworden sein dürfte, weshalb die das Geld beherrschenden Kreise ein großes Interesse daran haben, die Natürliche Wirtschaftsordnung Silvio Gesells aus Schule, Wissenschaft, Vereinsleben, Pres-se, Wirtschaft, Kirche und Politik herauszuhalten. Mit dem vorliegenden Buch, dem ich einen abendfüllenden Diavortrag zur Seite gestellt habe, wird der Versuch unternommen, mit Hilfe meiner Leser die bisher so "erfolgreiche" Strategie des Verschweigens wirksam zu unterlaufen. Den Lesern sei daher schon jetzt geraten, über Konsequenzen nachzudenken, die der ganz persönlichen Betroffenheit und Entrüstung entsprechen.
Dem Schweizer Psychologen Josef Hirt verdanke ich die Erkenntnis, daß der Mensch nur das tut, was er auch tun will, nicht jedoch in der Lage ist, darüber zu entscheiden, ob er es tun will! Damit bleiben meine Hoffnungen auf jene beschränkt, die aus einem inneren Antrieb heraus - also ohne die Willenskraft bemühen zu müssen - dem erst langsam sich drehenden Schwungrad der Natürlichen Wirtschaftsordnung die längst fällige Anschubenergie verleihen.

5. Der Dritte Weg

Die Natürliche Wirtschaftsordnung Silvio Gesells ... weiter im TEIL 2


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 Post subject: sehr gut!
PostPosted: 06.10.2007, 10:08 
Sehr gut - da muß etwas geschehn, da wird etwas geschehn!


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