Familienpolitik

Diskussionen über Familienpolitik in Österreich und Europa
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PostPosted: 05.10.2007, 21:12 
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5. Der Dritte Weg

Die Natürliche Wirtschaftsordnung Silvio Gesells wird sich für etwa 90 % der Bevölkerung vorteilhaft auswirken. Den restlichen 10 %, die heute als Krisengewinnler fein raus sind, bringt sie Nachteile, indem sie es dieser Schicht der Reichen und Superreichen nicht mehr gestattet, wie durch ein Wunder ohne Arbeit zwangsläufig und auf Kosten anderer immer noch reicher zu werden. Eine solche Lizenz zum Geldscheffeln, wie sie die Zinswirtschaft einer Minderheit bietet, gibt man nicht gern aus der Hand, freiwillig schon gar nicht. Es ist also damit zu rechnen, daß dieser Personenkreis sich zur Wehr setzen wird, vor allem natürlich mit Geld. Da man sich für Geld buchstäblich alles kaufen kann, sind die 10 % der Reichen dem Rest der Bevölkerung haushoch überlegen. Man denke doch nur mal daran, wie leicht es heute ist (und immer war), sich Journalisten, Sachverständige, Gutachter und Professoren für Jubelberichte zu kaufen und wie gern diese Berichte von der schweigenden Mehrheit auch geglaubt werden. In Deutschland - hat eine Untersuchung ergeben - genießt der Professor das höchste Ansehen. Ihm bringt man das größte Vertrauen entgegen. Wenn man den Professoren nicht mehr vertrauen soll, wem denn sonst? Mit dieser tiefsitzenden Einstellung der Bevölkerung läßt sich natürlich etwas anfangen. Hinzu kommt, da wir in dieser fernsehschnellen Zeit denen dankbar sind, die uns das lästige Nachdenken über schwer verdauliche Probleme und Zusammenhänge abnehmen. Auf diese Karte setzt zum Beispiel die hohe Politik. Da auf jeden Bundestagsabgeordneten etwa sechs Lobbyisten kommen, die ihnen wie Zecken im Ohr und im Nacken sitzen, gibt es einen großen Dunkelbereich hinter der Bonner Bühne, in dem die eigentlichen Drahtzieher der Gesellschaft unbemerkt ihr Schattenkabinett installieren. Bundestagsabgeordnete sind insofern eine leichte Beute, als viele von ihnen so furchtbar gerne wiedergewählt werden möchten, dies in der Regel aber aus eigener Kraft nicht schaffen. Wenn dann jemand kommt und für den Wahlkampf im heimatlichen Wahlkreis die entsprechenden Banknotenbündel dabei hat (siehe Parteispendenskandal), fällt die am nächsten Tag im Bundestag fällige Abstimmung über zum Beispiel die Besteuerung der Besserverdienenden etc. vielleicht schon etwas anders aus. Wer will es diesen Familienvätern mit Haus und Schulden denn verdenken, wenn sie so lange wie möglich am Ball bleiben möchten? Gerade sie, die der Massenarbeitslosigkeit so gut wie nichts entgegenzusetzen haben, sind bei einer Abwahl größtenteils doch selbst diesem leergefegten Arbeitsmarkt ausgesetzt. Also steht für viele unter ihnen die Sicherung der eigenen Versorgungsansprüche im Vordergrund. Es heißt zwar so schön, daß jeder Abgeordnete nur seinem eigenen Gewissen verantwortlich ist, aber was will das schon heißen! Wer im Parlament oder auch nur hinter den Kulissen eine eigene Meinung zu haben wagt, wird entweder zurückgepfiffen oder ausgegrenzt und kaltgestellt. Der seiner Zeit einmal weit vorausdenkende Sozialdemokrat Erhard Eppler ist ein beschämendes Beispiel einer solchen Kaltstellung. So werden politische Duckmäuser gezüchtet, die sich in Ausschüssen gegenseitig im Wege stehen und in den Plenarsitzungen nur noch als Stimmvieh gebraucht werden. Da ihnen aber immer wieder bestätigt wird, daß diese Art Demokratie das Höchste ist, glauben sie schließlich selbst daran und sind einer Überwindung vorhandener Mißstände und Fehlentwicklungen nicht mehr zugänglich.

Auf einem Wahlplakat der SPD stand 1994: Arbeit! Arbeit! Arbeit!
Also dreimal Arbeit und jedes Mal mit einem Ausrufungszeichen. Wie werden sich die Arbeitslosen gefreut haben. Noch stärker wäre freilich die plakative Aussage gewesen, wenn man sich zu folgender Steigerung hätte durchdiskutieren können: Arbeit! Arbeit!! Arbeit!!! Darauf sind sie nicht gekommen! Da dieser Wahlkampfschwachsinn vom Steuerzahler auch noch bezahlt wird, müßte die Frage erlaubt sein, ob durch diesen hilflosen Aufschrei auch nur ein einziger Arbeitsplatz geschaffen wurde. Ausgerechnet diesen gutmeinenden, aber völlig ratlosen und darum ja auch so hilflosen Volksvertretern legt man die Zukunft unseres Landes in die Hände, und für Millionen Menschen heißt diese Zukunft: Dauerarbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Armut, Verzweiflung und Not. Da die Ursache der Arbeitslosigkeit, die ungerechte Verteilung des Volksvermögens, und die Ursache dieser ungerechten Verteilung, die Zinswirtschaft, nicht als Ursache erkannt und anerkannt werden, verkommt auch die größte Anstrengung der Hinterbänkler zum Theaterdonner, der an den beschämenden Zuständen auf dem Arbeitsmarkt so wenig ändert wie das Zirpen einer Grille bei Westwind.

Anstatt dies lediglich immer wieder anzuprangern, hier nun ein Vorschlag, der sich seit einigen Jahren im Entwicklungsdienst bewährt hat und jeder anderen Hilfe überlegen ist: Die Hilfe zur Selbsthilfe. Ich behaupte einfach mal, ohne dies heute schon belegen zu können, daß unsere Frau bzw. unser Mann in Bonn, das heißt unsere Wahlkreisvertreter einer beliebigen Partei eine Hilfe zur Selbsthilfe bzw. die Befreiung aus der eigenen Ratlosigkeit nicht ablehnen würden. Mit einem Brief könnte die Kontaktaufnahme eingeleitet werden. Zunächst aber nur mal anfragen, ob es möglich sei, seine/ihre Zeit für ein wählerwirksames Anliegen in Anspruch zu nehmen. Der Brief darf zunächst nur neugierig machen; er muß also sehr kurz sein und sollte erkennen lassen, daß es dem Absender des Briefes auch um den Erfolg der Partei, vor allem aber um Fortschritte bei der Bekämpfung sozialer Mißstände im heimischen Wahlkreis geht. Derart gehaltvolle Briefe erreichen unsere Abgeordneten in Bonn äußerst selten; um so größer voraussichtlich auch die Bereitschaft, darauf einzugehen. Es ist also grundsätzlich möglich, Leute, die in Bonn auf der Stelle treten, mit neuem Schwung zu erfüllen und mit wichtigen Informationen auf Vordermann zu bringen. Da potentielle Mitstreiter zunächst einmal die Rolle der Mitwisserschaft durchlaufen müssen, ergibt sich die Reihenfolge der einzelnen Schritte zum Ziel fast schon von selbst. Bewährt hat sich die Regel, unter Freunden, Verwandten und Arbeitskollegen die bevorstehende Informations- und Überzeugungsarbeit erstmal einzuüben. Aber bitte nicht damit rechnen, daß Sie auf Anhieb auf Gegenliebe stoßen, und erwarten Sie vor allem keine Dankbarkeit. Es ist nun mal nicht jedem gegeben, bei Nebel Gold von Kacke zu unterscheiden. Da es der Fachwelt bis heute nicht gelungen ist, Silvio Gesell in irgendeinem der wesentlichen Punkte seiner Natürlichen Wirtschaftsordnung zu widerlegen, braucht niemand befürchten, klein beigeben zu müssen. Von der Sache her ist eine bessere Ausgangslage gar nicht denkbar. Wer auf Widerstand oder Desinteresse stößt, suche die Schuld zunächst bei sich selbst; auf keinen Fall werfe man der skeptischen Zuhörerschaft mangelnde Intelligenz, fehlendes Solidargefühl oder egoistische Gleichgültigkeit vor, sondern betrachte auch ein mitleidiges Kopfschütteln und ähnliche Reaktionen als die übliche Quittung für ein taktisch noch nicht einwandfreies Vorgehen. Andererseits werden selbstverständlich keine Perlen vor die Säue geworfen. Irgendwo hat jeder Mensch eine offene Seitentür, und sei es die heutzutage übliche Situation, daß verzweifelte Eltern mit ansehen müssen, wie Tochter oder Sohn trotz Lehre oder Studium keinen angemessenen Arbeitsplatz finden. Hier ist es offenbar so wie bei der Gesundheit: Erst muß eine Krankheit dafür sorgen, daß die zuvor noch belächelte Vollwertkost mit einem Male ernstgenommen wird. Wer als Beamter "fein raus" ist, wird über die Geißel Arbeitslosigkeit eher selten nachdenken und an den Ursachen der Arbeitslosigkeit kaum einen Gedanken verschwenden, aber in 40 bis 50 % aller Haushalte dürfte das inzwischen ein Thema sein.

Unsere Stärke liegt ja auch darin begründet, daß wir keine Einzelkämpfer mehr sind, sondern im Strom der Gleichgesinnten schwimmen (vereint unter anderem in der Zeitschrift "Der Dritte Weg") und aus einer Freiwirtschaftlichen Literatur schöpfen können, der die Gegenseite nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hat. Ich habe die Literaturliste am Ende dieses Buches nicht etwa aufgenommen, um meine Belesenheit zu unterstreichen, sondern um auch auf diesen unermeßlichen und liebevoll gepflegten Schatz hinweisen zu können. Da dieser Literaturschatz jedem zur Verfügung steht, ist es jetzt auch möglich, die elitäre Volkswirtschaftslehre in eine der Allgemeinheit zugängliche Volkswissenschaft zu verwandeln, wie es von Silvio Gesell vorgeschlagen wurde. Dem Bundeskanzler wäre vor derart aufgeklärten Abgeordneten und Wählern endlich die gern genutzte Möglichkeit genommen, unter Hinweis auf "die schwierige Lage auf dem Weltmarkt" und ähnlichen dummen Sprüchen vom eigenen Versagen abzulenken. Bisher war es doch so, daß der einzelne Bürger der hohen Politik die Fehler gar nicht nachweisen konnte. Darum finden sich ja auch die Arbeitslosen mit ihrem unverdienten Schicksal ab. Möglicherweise ahnen sie, daß ihnen übel mitgespielt wird, aber konkret sind sie nicht in der Lage, dieses Versagen der politischen Entscheidungsträger mit schlüssigen Beweisen zu belegen; und so lange sie das nicht können und nicht tun, wird alles beim Alten bleiben. Da der deutsche Vorsprung (durch Tüchtigkeit und Tradition) von immer mehr Schwellenländern wie zum Beispiel Korea jetzt eingeholt worden ist, bahnt sich eine Arbeitsplatzvernichtungswelle an, die mit den zur Verfügung stehenden Rezepturen der Volkswirtschaftslehre nicht mehr aufgehalten werden kann. Die Folge wird sein - von Silvio Gesell vorausgesehen - daß die Masse der Verlierer nur noch mit Notstandsgesetzen davon abgehalten werden kann, das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Wer so etwas mitten in Europa nicht für möglich hält, schaue sich ruhig mal an, was Ungerechtigkeit und Unfriede aus dem ehemaligen Jugoslawien gemacht haben. Man sollte die Studenten der Nationalökonomie nach Bosnien schicken, um sie vor Ort erkennen zu lassen, wie zielstrebig man sie zuhause an den Ursachen derartiger Katastrofen vorbeistudieren läßt. Nur zufriedene Menschen sind friedlich!

Unsere Überzeugungsarbeit sei aber zunächst eine reine Informationsarbeit. Oft scheitern Versuche, weil die zu Überzeugenden vorher nicht gut genug informiert wurden. "Bloß keine Zusammenhänge aufzeigen", scheint die Erfolgsdevise für den Anfang zu sein, mal davon abgesehen, daß es ja auch viel mehr Spaß macht, die Zusammenhänge selbst zu erkennen. Abraten möchte ich auch vor der Behauptung, man wisse genau, wie Arbeitsplätze aus dem Hut gezaubert werden können. Die Gefahr, daß man uns weder glaubt noch richtig zuhört, ist bei diesem Thema heute so groß wie bei der Vorstellung eines neuen, angeblich todsicheren Lottosystems. Dreht sich ein Gespräch dagegen um die täglich praktizierte Vernichtung von Arbeitsplätzen, also dem krassen Gegenteil der Schaffung von Arbeitsplätzen, decken sich unsere Ansichten nicht selten auf Anhieb mit den Erfahrungen unserer Zuhörer, und schon ist das Eis gebrochen.

Darum auch hier zunächst das Negative: Ein Unternehmer beschäftigt 200 Arbeiter und Angestellte. Der Betrieb ist eingeführt, die Auftragslage ist erfreulich. Die Menschen sind froh, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, und der Unternehmer ist froh, so vielen Menschen Arbeit und Lohn bieten zu können. Er ist mit Recht stolz darauf. Sein Unternehmergewinn schwankt seit Jahren zwischen ausreichend und sehr gut. Da keine Erben zur Verfügung stehen, sieht sich der Unternehmer mit 65 Jahren gezwungen, den florierenden Betrieb zu verkaufen. Ein Käufer ist bald gefunden, der geforderte Preis wird akzeptiert und auch der Betriebsrat findet kein Haar in der Suppe. Es dauert keine zwei Jahre, da wird dem Betriebsrat mitgeteilt, daß das Unternehmen tief in den roten Zahlen stecke und darum zum Jahresende stillgelegt werden müsse. Was war passiert? Der Käufer hatte, um das Unternehmen kaufen zu können, einen Kredit über meinetwegen DM 10 Millionen aufnehmen müssen. Bei 8 % Zinsen mußten jetzt DM 800.000 allein an Zinskosten pro Jahr zusätzlich erwirtschaftet werden. Die Auftragslage ist zwar unverändert prächtig, aber das nützt den 200 Arbeitern und Angestellten wenig, denn der neue Besitzer hat nicht das Schicksal von 200 Personen und deren Familien im Auge, sondern eine Bank im Nacken, und die will jetzt Zinsen sehen. Groteskerweise würde die Lage der Arbeiter auch dann nicht besser sein, wenn der Kaufpreis statt mit Krediten aus Eigenmitteln des Käufers oder aus einem Lottogewinn finanziert worden wäre, denn auch dann setzen Kapitalisten in der Zinswirtschaft voraus, daß der Betrieb eine Rendite abzuwerfen hat, die mindestens so groß sein muß wie der auf dem Kapitalmarkt erzielbare Zins! Andernfalls zieht sich das Kapital zurück - ohne Rücksicht auf das Schicksal der davon betroffenen Menschen. Die Natürliche Wirtschaftsordnung würde in dieser Standardsituation das Schicksal der 200 Arbeiter über die Interessen des Kapitals stellen. Da der Kapitaleigner in dieser humanen Wirtschaftsordnung kaum Zinsansprüche stellen könnte, entfiele der Anlaß, den Betrieb stillzulegen, zumal der Unternehmer auch noch froh sein kann, die in das Unternehmen hineingesteckten 10 Millionen Mark vor dem Abschmelzen gerettet zu haben. In der heutigen Zinswirtschaft muß ein Betrieb dagegen immer "rentabel sein, um überleben zu können; und mit rentabel ist nichts anderes gemeint, als den unverschämten Zins erwirtschaften zu müssen und zusätzlich zu allen übrigen Kosten auch noch ertragen zu können.

In der Natürlichen Wirtschaftsordnung muß der gleiche Betrieb nicht mehr rentabel, sondern nur noch lohnend sein, d.h. er muß jetzt - neben den übrigen Kosten - nur noch den Lohn der Arbeiter und des Unternehmers erwirtschaften können. Die Rentabilität, von der allenthalben so hochtrabend die Rede ist, hängt wie ein Damoklesschwert über den Betrieben und entscheidet über Arbeit oder Arbeitslosigkeit, je nachdem, ob die Renditeerwartungen der Aktionäre oder die Zinserwartungen der Kapitalgeber erfüllt werden können oder nicht. 90% der Bevölkerung lassen sich diesen vermeidbaren Unsinn gefallen und fügen sich geradezu sklavisch in dieses Zinsdiktat, als wäre es von Gottvater persönlich erlassen worden. Doch zurück zu den 200 Arbeitern, die jetzt mit schäbigen Sozialplänen abgespeist und anschließend in die Arbeitslosigkeit entlassen werden. Vielerorts werden derartige oder ähnliche "Firmenzusammenbrüche" von langer Hand eingefädelt, um anschließend auf dem wertvollen Fabrikgelände Bürohochhäuser hochziehen zu können. Der Staat unterstützt diesen Arbeitsplatzvernichtungswahnsinn mit lukrativen Abschreibungsmöglichkeiten, und kein Mensch fragt mehr danach, warum die Abgeordneten seinerzeit der gesetzlichen Grundlage dieser Kapitalschweinereien ihre Zustimmung gegeben haben. Das Elend der zu Unrecht in die Arbeitslosigkeit Beförderten ist also in der Regel immer mit satten Gewinnen verbunden, die den Krisengewinnlern zugutekommen und vom Staat gedeckt werden. Der gleiche Staat übrigens, der sich über die Politik- und Staatsverdrossenheit der Jugend wundert.

Für die Daimler-Benz AG ist es zum Beispiel "günstiger", einige Zehntausend Facharbeiter rauszuschmeißen, anstatt dieses kostbare Fachwissen und Können mit dem reichlich vorhandenen Geld für eine zukunftsorientierte Produktion zu nutzen. Da die Gewinne laufend abgezweigt werden und sich inzwischen auf über 20 Milliarden DM belaufen, die weltweit gegen hohe Zinsen ausgeliehen werden, verdient die Daimler-Benz AG inzwischen mehr Geld mit ihrem Geld als mit dem Bau von Autos der Marke Mercedes! Bei Siemens und etlichen anderen Firmen sieht es so ähnlich aus. Staat und Steuerzahler kümmern sich um die "freigesetzten" Facharbeiter, die Aktionäre kümmern sich liebevoll um die stattlichen Gewinne. Die Gewerkschaften haben diese merkwürdige "Arbeitsteilung" zwar angeprangert, waren aber weder willens noch in der Lage, den entlassenen Facharbeitern bei Mercedes einen Ausweg zu beschreiben, der aus dieser typischen Falle der brutalen Zinswirtschaft herausführt. Es geht mir - wie schon mehrfach angedeutet - nicht um Leser, die den von Silvio Gesell und seinen Nachfolgern gefundenen Weg zur Kenntnis nehmen und anschließend zur Tagesordnung übergehen; für diese Kenntnisnahme können sich die Ahnungslosen, Ratlosen, Betroffenen, Wehrlosen und Verzweifelten nichts kaufen. Richten wir statt dessen unser neues Wissen auf einen großen Hohlspiegel, der das Licht der Erkenntnis in Ruhe zusammenfasst und scharfgebündelt so lange auf den Bauch der Krisengewinnler richtet, bis es so richtig gut nach Zwiebeln und gebratenem Bauchfleisch zu riechen beginnt.

Gesellschaft, Wirtschaft und fundamentales Geld

Weder Erdbeben noch Kriege können eine Gesellschaft so gründlich ruinieren, wie das vom Zins durchseuchte Geld. Was hat sich der Staat nicht alles einfallen lassen, um die Menschen in ihren Häusern vor Hagel, Sturm und Einsturzgefahr zu bewahren! So penibel und verantwortungsvoll wie in kaum einem anderen Land der Erde wird bei uns die Statik der Gebäude fachmännisch und liebevoll berechnet. Auch das Fundament ist zunächst "schwer in Ordnung". Aber dann: Wie um sich von dieser Fürsorge und Vorsorge zu erholen, gestattet der gleiche Staat einer betuchten Minderheit, das tragende Fundament - die Währung und das Geld - zu unterminieren. Nun kommt es nur noch darauf an, die besorgten Hausbewohner an das zunehmende Knarren und Knirschen im Gebälk zu gewöhnen. Und tatsächlich ist es möglich, die Menschen dahin zu bringen, sich zum Beispiel mit Kurzarbeit (Knarren) und Arbeitslosigkeit (Knirschen) abzufinden. Selbst dann, wenn das Haus schließlich krachend zusammenbricht, ist es möglich, die abgelenkten Hausbewohner über die wahre Ursache dieser Einsturzkatastrophe hinwegzutäuschen. Dieses Kunststück ist den Machthabern in diesem Jahrhundert schon mehrmals gelungen. Interessant ist auch, daß am Wiederaufbau des Hauses jene Kreise am meisten verdienen, die sich um den Einsturz des Hauses verdient gemacht haben. Dieser verheerende Kreislauf des zinstragenden Geldes ist von Silvio Gesell bereits 1889 entdeckt und beschrieben worden. Um sich nicht zu Tode schämen zu müssen, werden diese beweisbaren Zusammenhänge von den Nutznießern der Zinswirtschaft seit über 100 Jahren - und bis auf den heutigen Tag - abgestritten, verschwiegen oder ignoriert. Bleiben die Menschen dabei, die Warnungen dieses genialen Geldreformers in den Wind zu schlagen, und erweisen sie sich als unfähig, das Rettende in seiner Natürlichen Wirtschaftsordnung zu erkennen, sind Zustände wie in Bosnien viel wahrscheinlicher als die abenteuerliche Hoffnung, immer wieder mit einem blauen Auge davonzukommen.

6. Das Wunder von Wörgl

Edison, einer der größten Erfinder der Menschheit, konnte sich nicht vorstellen, daß es jemals möglich sein würde, drahtlos zu telefonieren. Ich selbst habe 1946 als neunjähriger Volksschüler nicht glauben können, daß bewegte Bilder - wie im Kino - über weite Strecken durch die Luft gesendet werden können und wurde richtig ärgerlich, als der Lehrer bei dieser Behauptung blieb. Umso größer ist heute mein Respekt vor Menschen, die zur Abwechslung auch mal etwas glauben, was nicht sofort bewiesen werden kann. Dieser vorauseilende Glaube schließt ja den nachgereichten Beweis nicht aus; wer aber überhaupt nicht glaubt, wird kaum die Ausdauer und Kraft aufbringen, den die Beweisführung vorauszusetzen pflegt. Für die österreichische Gemeinde Wörgl und für die ganze Welt wäre es schlimm gewesen, wenn dem Bürgermeister Michael Unterguggenberger 1932 der rechte Glaube gefehlt hätte, denn er wagte ein Experiment, das als Wunder von Wörgl in die Geschichte eingegangen ist. Der Schweizer Freiwirt Fritz Schwarz hat diesem tapferen Mann durch sein Buch "Das Experiment von Wörgl" ein Denkmal gesetzt.

Wie viele Gemeinden und Städte jener Zeit wurde auch Wörgl mit seinen 4216 Einwohnern von der Rezession erfaßt und von hoher Arbeitslosigkeit heimgesucht. Der bei der Innsbrucker Sparkasse hochverschuldete Ort war noch nicht einmal in der Lage, die inzwischen aufgelaufenen Zinsen (50.000,- Schilling) zu bezahlen. "Ausgesteuerte" Arbeitslose fielen scharenweise der Armenfürsorge zur Last. In weiten Teilen Österreichs und Deutschlands sah es nicht anders aus. Verzweifelte Familienväter sahen oft keinen anderen Ausweg mehr, als sich das Leben zu nehmen. In Wörgl richteten sich die Hoffnungen der Enttäuschten und Gedemütigten auf den tüchtigen Bürgermeister Michael Unterguggenberger, doch der hatte schon lange nichts mehr zu verteilen. Ihm ging das unbeschreibliche Elend der Arbeitslosen und deren Familien so zu Herzen, daß er keine Ruhe mehr fand und über einen Ausweg aus der Not nachzudenken begann. Seine Gedanken kreisten um die Natürliche Wirtschaftsordnung. Eines Tages faßte er den Entschluß, Silvio Gesell beim Wort zu nehmen. Dessen Gedanke, daß umlaufendes Geld Arbeit schafft und eingesperrtes Geld Arbeiter aussperrt, ließ ihn nicht mehr los. Um den Gemeinderat, die örtlichen Geschäftsleute, Handwerker, Bauern, kurz die ganze Gemeinde von der Notwendigkeit seiner Idee zu überzeugen, sprach er mit vielen zunächst unter vier Augen, dann in den Vereinen und schließlich auf Versammlungen vor der ganzen Bevölkerung über diesen einen, rettenden Ausweg. Unterguggenberger schlug vor, den Wohlfahrtsausschuß der Gemeinde zu beauftragen, die Nothilfe Wörgl ins Leben zu rufen. Bangen Herzens, doch ohne zu zögern, stimmte die ganze Gemeinde diesem Vorschlag zu.

Die Nothilfe bestand darin, daß der Wohlfahrtsausschuß unter der Leitung vertrauenswürdiger Persönlichkeiten sogenannte "Arbeitsbestätigungen" drucken ließ, die in Wirklichkeit aber reine Zahlungsmittel, also praktisch Geld waren. Sie wurden in folgenden Stückelungen herausgegeben: 2000 gelbe Arbeitsbestätigungsscheine zu je 1 Schilling, 2000 blaue zu je 5 Schilling und 2000 rote zu je 10 Schilling. Mit nominal nur 32 000 Schilling glaubte der Bürgermeister die ganze Gemeinde ausreichend mit Geld versorgt zu haben, so gründlich hatte er seinen Gesell gelesen! Die Nationalbank in Wien hatte jedoch Wind davon bekommen, behauptete, es handele sich bei den Scheinen um Geld und verwies unter Strafandrohung auf ihr Monopol. Davon ließ sich Unterguggenberger zum Glück nicht beeindrucken. Er schrieb zurück, daß man sich lediglich mit Arbeitsbestätigungsscheinen versorgt habe und brachte das Experiment auf den Weg. Die "Geldausgabe" an die Bevölkerung erfolgte im Gemeindeamt, die Einlösung der Scheine wie bisher in den Geschäften und bei der Sparkasse. Die Besonderheiten dieses Notgeldes waren der Bevölkerung in den "Wörgler Nachrichten" ganz genau erklärt worden. Wichtigster Unterschied zum normalen Geld, das selbstverständlich seine Gültigkeit behielt und auch weiterhin genutzt werden konnte, war die von Silvio Gesell vorgeschlagene Gleichstellung des Geldes mit den Waren. Es verlor also ständig an Wert und zwar 1% pro Monat. Wer den Schein länger als einen Monat bei sich herumliegen ließ, mußte ihn auf einem der zwölf aufgedruckten Monatsfelder mit einer Wertmarke bekleben, die es im Gemeindeamt zu kaufen gab. Wer es unterließ, konnte entsprechend weniger damit kaufen. Klar, daß alle bemüht waren, die Scheine vor den monatlichen Stichtagen wieder loszuwerden, um dadurch dem "Standgeld" zu entgehen. Man weiß heute nicht, wen man mehr bewundern soll, Silvio Gesell, der genau diese Reaktion der Geldbesitzer vorausgesehen hatte oder Michael Unterguggenberger, dem dieses sozialpolitische Meisterstück gelang. Um gleich mit gutem Beispiel voranzugehen, kaufte die Gemeinde Wörgl dem Wohlfahrtsausschuß 1000 Schilling in Arbeitsbestätigungsscheinen ab, um damit die Löhne zu bezahlen. In den Geschäften wurden die Arbeitsbestätigungen wie normales Geld akzeptiert und von den Geschäftsleuten überraschend schnell zum Bezahlen rückständiger Steuern verwendet. Als nach drei Tagen von den erst 1000 ausgegebenen Schilling der Gemeinde bereits Steuern zurückgeflossen waren, wurde der Bürgermeister alarmiert, da sich der Buchhalter diese wunderbare Geldvermehrung nur so erklären konnte: "Da müssen schon Geldfälscher am Werk sein!" Unterguggenberger soll darüber schallend gelacht haben. Vermutlich wird er sich damals auch die Zeit genommen haben, seinen Mitarbeitern den Zusammenhang zwischen der Geldmenge und dem Umlauf des Geldes zu erklären. Da 1000 Schilling, die durch zehn Hände gehen, einer Wirtschaftskraft von 10.000 Schilling entsprechen, sind diese 1000 Schilling für die Wirtschaft genau so wertvoll wie 5000 Schilling, die nur zweimal von Hand zu Hand gehen. Das lästige Aufkleben der Wertausgleichsmarken verführte die Bürger von Wörgl dazu, das Notgeld immer gleich zum Einkaufen zu verwenden oder zur Sparkasse zu bringen.
Der störungsfreie Umlauf des Geldes ermöglichte es der Gemeinde Wörgl, mit der lächerlich klein anmutenden Summe von 32.000,- Schilling im Laufe von nur dreizehn Monaten enorme Aufträge an die heimische Wirtschaft zu vergeben und die Arbeitslosigkeit sensationell um 25 % zu senken. Die Aufzählung macht auch heute noch sprachlos: Bau einer Skischanze, Asphaltierung mehrerer Straßen, Bau einer Betonbrücke, Kanalisation des Gemeinde- und Schulhauses, Einrichtung einer Notstandsküche, Umgestaltung eines Parks am Bahnhof, Modernisierung der Straßenbeleuchtung usw. Wörgl verwandelte sich in eine Insel der Hoffnung in einem Meer der Verzweiflung. Kein Wunder, daß Journalisten, Professoren und Minister aus aller Welt nach Wörgl kamen, um durch eigene Untersuchungen eine Erklärung für dieses Wunder zu finden. Der Bürgermeister ging aber auch selbst über das Land, um in Vorträgen vor Amtskollegen aus ganz Österreich zu sprechen und trat damit eine Lawine los, die bei der Nationalbank in Wien die Alarmglocken schrillen ließ: 178 österreichische Gemeinden faßten den Entschluß, dem Beispiel der Gemeinde Wörgl zu folgen. Das wäre der Durchbruch gewesen und zweifellos eine Sternstunde der Menschheit, wenn es nicht von der österreichischen Nationalbank in Wien gewaltsam abgewürgt worden wäre. Auch Wörgl wurde gezwungen, das rasch zirkulierende Notgeld wieder in leicht hortbare Schilling umzutauschen mit der Folge, daß Arbeitslosigkeit und Not schlagartig in die Familien zurückkehrten. So mächtig wie heute war auch schon damals das herrschende Kapital. Österreich verschlief eine der größten Chancen dieses Jahrhunderts und bezahlte die von der Presse auch noch beklatschte Dummheit wenige Jahre später mit dem "Anschluß" an Nazideutschland mit Terror und mit Krieg. Wer heute durch Wörgl schlendert und die Leute fragt, ob ihnen der Name Unterguggenberger etwas sagt, wird selten fündig. Die Macht des herrschenden Geldes verfolgt ihn bis über den Tod hinaus durch Verschweigen und verhindert so ein allgegenwärtiges Andenken, das den Menschen in aller Welt Hoffnung und Verpflichtung sein könnte.

Es hat aus diesen Kreisen heraus auch nicht an Versuchen gefehlt, das Wunder von Wörgl nachträglich in einem etwas kleineren Licht erscheinen zu lassen. So wird beispielsweise behauptet, daß die vom Freigeld (frei, weil zinsbefreit) erzeugte Hochkonjunktur früher oder später an ihre Grenzen gestoßen und schließlich zusammengebrochen wäre. Dem steht das Vermächtnis Gesells gegenüber und zum Beispiel die Aussage des amerikanischen Ökonomen Prof. Dr. Irving Fisher: "Freigeld, richtig angewendet, würde die Vereinigten Staaten in drei Wochen aus der Krise herausbringen." In Wörgl hat Gesell seinen Meister gefunden, dem es gegeben war, die Funktionstüchtigkeit der Natürlichen Wirtschaftsordnung selbst unter schwierigsten Umständen zu beweisen. Erst die geballte Macht des zu Tode erschrockenen Kapitals hat den Freiwirt Michael Unterguggenberger gestoppt und diesen Pionier um die zum Greifen nahen Früchte seines Mutes gebracht. Möge uns schon bald sein ehrlicher Blick von Briefmarken und Banknoten entgegenleuchten; er - wie kaum ein anderer - hätte es verdient!


7. Warum Wachstum?

Wenn sich ein deutscher Bundeskanzler im Fernsehen zur Lage der Nation oder zur Wirtschaft äußert, fällt schon nach wenigen Sekunden das Wort Wachstum oder Wirtschaftswachstum. Und dann geht es Schlag auf Schlag: Wachstum, Wirtschaftswachstum, Wachstum usw. Ich wollte mal mitzählen, aber das hätte mir ja doch keiner geglaubt, also unterblieb es, und so wissen wir bis auf den heutigen Tag nicht genau, wie oft sich das Wort Wachstum in einer Rede des Bundeskanzlers unterbringen läßt. Da auch die Interviewpartner des Kanzlers bei diesem magischen Wort jedesmal in Ehrfurcht versinken und ganz blanke Augen kriegen, sollte man davon ausgehen können, daß Wachstum eine feine Sache ist, besonders natürlich das Wirtschaftswachstum. Hätten wir nur genug davon, gäbe es kaum Probleme, ist die einhellige Meinung der "Experten", und die Mehrheit der Bevölkerung scheint das auch zu glauben. Gemeint ist ein ständiges Wachstum, das von keiner Stagnation unterbrochen wird. 1995 Wachstum, 1996 Wachstum, 1997 noch mal Wachstum und ab 1998 dann schießlich nur noch Wachstum. Also Wachstum auf Wachstum. Ein solches Wachstum, das wie beim Jesuspfennig durch den Verdoppelungseffekt die Umwelt zerstört, bevor es absurde Ausmaße angenommen hat, entzieht sich der menschlichen Vernunft und kann daher die instinktive Gefahrenabwehr, den Selbsterhaltungstrieb des Menschen, heimtückisch unterlaufen, vergleichbar mit einem tödlichen Virus, dem es gelingt, das menschliche Immunsystem zu überlisten. Seit Donella und Dennis Meadows 1972 in ihrem Buch "Die Grenzen des Wachstums" die Ahnungslosen mit diesem Schlagwort konfrontierten, haben Politiker nicht aufgehört, eben diese Grenzen zu verschweigen und zu ignorieren. Haarsträubende Beispiele wie der Jesuspfennig oder die bekannte indische Geschichte mit dem Schachbrett und den Weizenkörnern haben eben den Nachteil, daß man schnell zu der beruhigenden Einsicht gelangt, es sei ja nur ein Gedankenspiel, das mit der Wirklichkeit wenig zu tun habe. Wer sich die Sache mit den Gefahren des Wachstums so einfach macht, sollte mit dem Bundeskanzler unverzüglich Brüderschaft trinken; der denkt nämlich auch so. Bevor der Jesuspfennig die nicht mehr vorstellbare Größe in Gold angenommen hat, zerstört er die Lebensgrundlagen der ganzen Menschheit, vergleichbar mit einem Krebsgeschwür, das ja nur deshalb nicht weiterwächst, weil es mit dem Tode des Patienten seinem eigenen Wachstum eine Grube gräbt.

Eine weitere Gefahr liegt darin, daß der Mensch von Natur aus linear zu denken gewohnt ist und keinen Instinkt besitzt, der ihn vor den Gefahren exponentiellen Wachstums warnen könnte. "Immer schön der Reihe nach". Wer kennt ihn nicht, diesen sympathischen, treudeutschen Spruch. Wir lernen in der Schule eins, zwei, drei, vier, fünf und können damit im Leben ja auch wirklich etwas anfangen. Was wir dagegen nicht lernen, ist, uns vor folgender Zahlenreihe in Acht zu nehmen; sie beginnt übrigens genau so harmlos wie die erste Zahlenreihe: Eins, zwei, vier, acht, sechzehn, zweiunddreißig usw. Mit dieser nach hinten offenen Zahlenreihe haben es jene zu tun, die sich ein ständiges Wirtschaftswachstum mit gleichbleibenden Prozentsätzen wünschen, weil sie offenbar zu wenig Verstand haben, um sich die Konsequenzen ihrer perversen Wünsche vorzustellen. Darum sollte man den unverbesserlichen Anhängern eines ständigen Wirtschaftswachstums mildernde Umstände einräumen, denn sie wissen offenbar nicht, was sie tun. Wer dagegen die respektable Meinung vertritt, der Bundeskanzler zum Beispiel habe durchaus genug Verstand und wisse sehr wohl um die tödlichen Gefahren exponentiellen Wirtschaftswachstums, der kommt dann auch nicht umhin, ihn für einen gefährlichen Krisenverursacher zu halten, den man so schnell wie möglich aller seiner Ämter entheben sollte. Hat nicht auch er einmal geschworen, "den Nutzen des Volkes zu mehren und Schaden von ihm abzuwenden"? Selten ist ein Schwur - trotz hingehaltener Bibel - leichtsinniger dahingeplappert worden. Für den jetzigen Kanzler spricht allerdings, daß er schon einmal - im Parteispendenskandal - durch einen amtlich bestätigten Blackout davor bewahrt wurde, wie sein Spendenkollege Graf Lambsdorf, rechtskräftig verurteilt zu werden. Man sollte sich aber nicht zu lange damit aufhalten, darüber nachzudenken, ob er in schicksalhaften Wirtschaftsfragen diesen Blackoutbonus schützend vor sich herschieben darf, würde doch dies auf eine Narrenfreiheit hinauslaufen, die in letzter Konsequenz einem öffentlich geduldeten Staatsverbrechen gleichkäme.

Bevor wir zur Entlastung des Bundeskanzlers zu der Frage vorstoßen, weshalb er und seine Lobby eigentlich so scharf auf Wirtschaftswachstum sind, sei das Thema Wachstum noch mal von einer anderen Seite aus beleuchtet: Wer Kinder heranwachsen sieht, macht normalerweise eine freudige Erfahrung: Sie hören mit etwa 20 Jahren auf zu wachsen. Selbst wenn man sie mit Steaks und Kuchen regelrecht mästen würde, das Längenwachstum ist mit zwanzig beendet. Da nützen keine Pillen und auch keine Streckübungen; es ist aus und vorbei damit. Selbst der Kanzler wird mir in diesem Punkt zustimmen. Spezielle Gene sorgen dafür, daß uns drei bis vier Meter hohe Kinder erspart bleiben, für die es nur im Zirkus eine sinnvolle Verwendung geben würde. Auch Bäume hören irgendwann einmal auf, in die Höhe zu wachsen. Bäume - das ist bekannt - wachsen nicht in den Himmel. Wachstum ist vielleicht das Wunderbarste an der ganzen Schöpfung. Darum verstehe ich einerseits auch den Kanzler, der ja einer betont christlichen Partei angehört, wenn er von diesem göttlichen Wachstum gar nicht genug kriegen kann. Wunderbarerweise sind dem Wachstum in der Natur jedoch Grenzen gesetzt, die wir alle kennen, die uns auch nicht stören, die wir ganz im Gegenteil begrüßen und erfolgreich zu nutzen wissen. Zwar ist es denkbar, daß Genforschern Versuchsratten durch die Lappen gehen, die beim Wiedereinfangen die beachtliche Größe einer Wildsau erreicht haben, aber schön und wahrscheinlich ist diese Vorstellung nicht. Nur wenn eine Stadt durch ein Erdbeben oder ein ganzes Land durch den Krieg zerstört wurde, ist Wachstum vorübergehend wünschenswert und notwendig.

Ganz ohne Zweifel war es angebracht, den Wiederaufbau Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg durch das berühmte Wirtschaftswunder, also durch Wachstum beschleunigt zu haben. Doch wie ein Baum, der mit 50 Metern das Längenwachstum einstellt und dann nur noch etwas in die Breite geht, hätte das Wirtschaftswachstum Mitte der sechziger Jahre einem "qualitativen Nullwachstum" weichen müssen. Statt dessen geriet die damalige Bundesregierung in Panik, erlebte die erste Wirtschaftskrise, versuchte, sich mit einer großen Koalition Luft zu verschaffen und spendierte sich das verrückte "Gesetz zur Förderung des Wachstums und der Stabilität der Wirtschaft", auch Stabilitätsgesetz genannt. Was war geschehen? Eigentlich nichts Ernstes. Die Bundesbürger hatten sich an der Freßwelle überfressen, die Plüschsofa- bzw. Einrichtungswelle gerade noch geschafft und waren dann etwas müde geworden, hatten es zur Abwechslung mal etwas langsamer angehen lassen. Eigentlich eine sehr vernünftige Reaktion, wie sie beispielsweise auch nach einem allzu üppigen Essen ärztlicherseits empfohlen wird, um aus dem Rülpsen und Furzen möglichst bald wieder herauszukommen. Die Leute hatten sich endlich mit dem Nötigsten versorgt und begannen sich darauf einzurichten, vor dem Fernsehapparat das Erreichte zu genießen. Industrie und Werbung erkannten damals, daß man von der Bedarfsdeckung ganz schnell zur Bedarfsweckung übergehen müsse, um ab sofort auch völlig überflüssige oder unsinnige und sogar schädliche Produkte verkaufen zu können.

Helmut Creutz hat diese Zusammenhänge wie kein anderer vor ihm erkannt und in seinem Buch "Das Geldsyndrom" in eindrucksvoller Weise dargestellt. Was für ein Ramsch in den sechziger und siebziger Jahren mit Hilfe der Reklame - heute heißt es Werbung - tatsächlich verkauft werden konnte, ist heute noch an Sperrmülltagen auf dem Gehsteig zu bestaunen. Durch künstliche Bedarfsweckung - und das war neu - konnte also eine zweite Kaufrauschwelle ausgelöst werden, die aber schon bald an ihre Grenzen stieß, da den Konsumenten das nötige Kleingeld ausging und der Einkauf auf Pump noch nicht so gesellschaftsfähig war wie heute. Die Industrie blieb also erneut auf einem Teil ihrer Waren sitzen und baute erstmalig nach dem Krieg Arbeitsplätze in größerem Umfang wieder ab. Vom bisherigen Wachstum verwöhnt und selbstverständlich davon ausgehend, daß dies immer so weitergehen würde, standen Industrie, Gewerkschaften und Regierung den 500.000 Arbeitslosen ziemlich ratlos gegenüber. Daß sich diese - heute niedlich anmutende - Zahl Mitte der neunziger Jahre fast verzehnfachen würde, ahnte damals noch keiner. Da es sich jetzt für das große Kapital plötzlich nicht mehr lohnte, in eine stagnierende Industrie zu investieren, wurden große Geldmengen auf den Kapitalmarkt geschwemmt, was natürlich die Zinsen nach unten drückte. In einer derartigen Situation greifen Kapitalisten zum bewährten Mittel der Geldhortung, um durch Kapitalmangel die Wirtschaft zu zwingen, das Geld mit hohen Zinsgeschenken aus den Rattenlöchern der Spekulanten wieder hervorzulocken. Kommt die Wirtschaft dieser Erpressung der Kapitalisten nicht oder nicht schnell genug nach, gerät das Land an den Rand der Rezession, denn wie dem Leser schon mehrfach dargestellt, bringen schon kleinste Stockungen im Geldumlauf den Kreislauf der Wirtschaft in größte Gefahr. Mit dem oben schon erwähnten Stabilitätsgesetz zur Ankurbelung des Wachstums wurde 1967 eine vom großen Kapital begeistert gefeierte Möglichkeit geschaffen, Milliardenbeträge gegen hohe Zinsen von den Tresoren der Zinserpresser ohne Risiko auf das Schuldenkonto des Staates zu lenken. In der Stunde der Not und zur Abwendung einer Katastrophe können Schulden durchaus sinnvoll sein, doch hier ging es zum ersten Male in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland um den perversen Plan, ohne Rücksicht auf natürliche Sättigungstendenzen für unaufhörliches Wachstum zu sorgen. Der Staat spielte sich zum Arbeitgeber auf, indem er das geliehene Geld der Reichen in Großprojekte fließen ließ und damit, wenn auch nur vorübergehend, neue Arbeitsplätze schuf Atomkraftwerke, Autobahnen, sinnlose Kanalbauten, Weltraumforschung und der Aufbau einer nach dem Kriege nicht für möglich gehaltenen Rüstungsindustrie konnten ohne Rücksicht auf das Gesetz von Angebot und Nachfrage mit gepumptem Geld aus dem Boden gestampft werden. Da alle diese Projekte wenig oder keinen Gewinn abwarfen und außerdem mit gewaltigen Zinsforderungen der Kapitalgeber belastet waren, blieb dem Staat nur der Ausweg, diesen Zuschußbetrieb durch Steuererhöhungen zu finanzieren. An dieses "Wachstum" hatten Arbeitnehmer und Gewerkschaften natürlich nicht gedacht, und so forderten diese als Ausgleich entsprechende Lohnerhöhungen, die nun ihrerseits die Arbeitgeber zwangen, die Preise zu erhöhen und/oder das Exportgeschäft gewaltig auszuweiten.

Deutschland wurde Exportweltmeister aller Staaten dieser Erde; Jahr für Jahr konnten neue Rekorde aufgestellt werden - ohne Rücksicht auf Mensch und Natur; aber auch ohne Rücksicht auf jene Länder, die unsere Exportüberschüsse mit entsprechenden Importüberschüssen zu bezahlen hatten; das heißt, wir verkauften auf Deubel komm raus, ohne diesen Ländern entsprechend viel von ihren eigenen Erzeugnissen abgekauft zu haben. Von der Bevölkerung zunächst gar nicht bemerkt, unterließ es der Staat, in Zeiten der Hochkonjunktur die Schulden abzutragen, was in den ersten Jahren durchaus noch möglich gewesen wäre. Stattdessen beschränkte sich der Staat darauf, immer neue Schulden aufzunehmen (das Wort Neuverschuldung entstand) und den Kapitalgebern die Zinsen pünktlich und korrekt zu überweisen.

In seinem Buch "Das Geldsyndrom" stellt Helmut Creutz dazu fest: "Garantierte Abnahmemengen bei garantierten Preisen und Gewinnen machten die Rüstungsproduktion zu einer Wachstumsbranche ersten Ranges. Für die Industrie wurde es viel einfacher und sicherer, ein Dutzend Politiker für einen neuen Panzer zu gewinnen, als Millionen Verbraucher für ein neues Produkt." Wenn also der Staat dazu übergeht, selbst in guten Zeiten Schulden aufzunehmen statt diese abzubauen, dann wird auch verständlich, daß die ungeheuerliche Absicht besteht, diese Schulden niemals wieder zu tilgen, weil es dafür inzwischen zu spät ist. Die verantwortlichen Politiker haben erkannt, daß die durch Schulden mitverursachte Wachstumsspirale nur noch in eine Richtung gedreht werden kann, und das bedeutet, daß zur Vermeidung des Staatsbankrotts ständig neue Schulden zu den bereits vorhandenen Schulden aufgenommen werden müssen. Den Verantwortlichen ist bekannt, daß der unweigerlich bevorstehende Staatsbankrott für die Bevölkerung umso schlimmer sein wird, je länger er durch "Neuverschuldung" hinausgezögert wird. Das ist wie beim Bergsteigen ohne Seilsicherung: Je höher man steigt, desto tiefer der Fall.

Noch einmal Helmut Creutz: "Hinter vorgehaltener Hand wird einem häufig bestätigt, daß ein solches ständiges Wachstum natürlich nicht fortzusetzen sei. Aber heute - heißt es im gleichen Atemzug - könne man darauf noch nicht verzichten." Was sind das für Gründe, die fortgesetztes Wachstum und die damit einhergehende Verschuldung scheinbar erzwingen? Aus der Sicht der verantwortlichen Politiker und ihrer Berater ist Wachstum mit Wohlstand gleichzusetzen. Daß dieser Wachstumszwang aber in Wirklichkeit eine Zwillingsschwester des Vermögenswachstums (der Reichen!) durch Zinsen ist und den Lebensstandard von über 90% der Bevölkerung tödlich bedroht, wird uns verschwiegen. Vor Jahren hieß es, Wachstum sei die Voraussetzung dafür, daß wir der Dritten Welt beistehen können. Heute wissen wir, daß die Entwicklungshilfe nicht einmal zum Bezahlen der Zinsen reicht, die unsere Kapitalexporte aus diesen armen Ländern herauspressen.
Im Klartext: Die Entwicklungshilfe kommt dort gar nicht an, weil sie vorher mit den Zinsverpflichtungen dieser bedauernswerten Länder banktechnisch verrechnet wird!
Als diese Masche nicht mehr zog, hieß es plötzlich: Wir brauchen Wachstum, um die durch das Wachstum angerichteten schweren Umweltschäden wieder beseitigen zu können. Das ist ungefähr so, als würde man den Mörder, der das Opfer gerade niedergestochen hat, an Ort und Stelle feierlich zum Notarzt befördern. Kann es noch dümmer kommen? Da kam der frühere Bundesminister Volker Hauff der Sache schon etwas näher, als er zugab, daß sich das kapitalistische Wirtschaftssystem (gemeint war die Zinswirtschaft!) ständig ausweiten müsse, wenn es funktionieren solle. Aber damit ist immer noch nicht gesagt, weshalb es denn - zum Donnerwetter noch mal - ständig wachsen muß!
Es ist der Zins; das muß man sich mal vorstellen! Der unscheinbare, von Menschen erdachte und gemachte Zins tanzt der Wirtschaft auf der Nase herum und bricht ihr schließlich das Genick. Die Unterschätzung dieser Gefahr beginnt bereits in der Schule, wo einflußreiche Kräfte seit über hundert Jahren dafür sorgen, daß der Lehrer die Kinder nur den Zinsgenuß berechnen läßt, nicht jedoch die verheerende Wirkung der Zinslast.

Nun aber endgültig: Warum ist Wachstum im kapitalistischen System unvermeidbar und in diesem unmenschlichen System sogar notwendig? Wer einen Kredit zurückzahlt, muß bekanntlich zusätzlich zur Kreditsumme Zinsen bezahlen, das dürfte klar sein. Dadurch verringert sich das Einkommen des Schuldners, da er um den Betrag ärmer geworden ist, um den er den Kreditgeber reicher machte. Auch das dürfte unstrittig sein. Unter diesen Bedingungen findet aber noch kein Wachstum statt, denn dem Minus des Schuldners steht ein gleich hohes Plus des Kreditgebers gegenüber. Um aber dieser schmerzhaften Ausplünderung durch den Zinsnehmer zu entgehen, sind Privatleute, Unternehmer aber auch der Staat, Städte und Gemeinden gezwungen, ihre Leistungen wenigstens so zu steigern, daß der Zins damit bezahlt werden kann.
Helmut Creutz bringt diese fundamentale Ursache des Wachstums auf den Punkt: "Entweder führt der Zins zur Verarmung der Werteschaffenden, oder er zwingt zu höherer Leistung." Erzwungene Leistungssteigerung ist also der Motor des umweltverschlingenden Wachstumszwangs. Gäbe es genügend Geld, das sich auch ohne Zinsen freiwillig und bereitwillig zur Verfügung stellt und nicht mehr in der Lage wäre, zu streiken, entfiele der Wachstumszwang und wir würden nicht länger vor die grauenhafte Alternative gestellt, entweder die Umwelt oder die Wirtschaft zu ruinieren.
Wie uns der Jesuspfennig gezeigt hat, bringt sich der Mensch an den Rand einer Katastrophe, wenn er einer unaufhörlichen Vermehrung des Kapitals durch den tödlichen Zinseszinseffekt tatenlos zusieht. Und genau das geschieht in unserer so hochgelobten kapitalistischen Demokratie! Um die exponentiell anschwellenden Einkommen der Kapitaleigner wieder in den Geldkreislauf zu locken (sie reißen hier ein Loch, das gestopft werden muß!), sind Staat und Gesellschaft gezwungen, den geforderten Zins zu zahlen, andernfalls würde die Wirtschaft durch besagte Hortungsschäden in eine schwere Wirtschaftskrise gerissen. Andererseits haben viele Häuslebauer und Unternehmer keine Lust mehr, sich dieser Zinserpressung zu beugen. Der eine verzichtet dann lieber auf das Eigenheim, der andere auf die Modernisierung seines Betriebes und riskiert damit, den Anschluß an die Konkurrenz zu verlieren. Da die Einkommen der Superreichen viel schneller wachsen als das Bruttosozialprodukt, kann der Markt das überschäumende Geld schon gar nicht mehr aufnehmen. Sicher, zu einem günstigen Preis (Zins) wäre das Geld der Reichen spielend unterzubringen, denn überall fehlt es ja am Geld. Aber von den Zinslasten anschließend erdrosselt zu werden, das schreckt ab, und so bleiben die Krisengewinnler erstmal - sollte man meinen - auf ihrem Geld sitzen. Das ist jedoch ein Irrtum, denn der Staat wird vom großen Kapital vor die Wahl gestellt, entweder das angebotene Geld stellvertretend für die Wirtschaft anzunehmen (und sich damit zu verschulden!) oder das Opfer einer durch Hortung verursachten Rezession zu werden. Dass die Deutsche Bundesbank Hortungsschäden durch vermehrtes Gelddrucken vermeiden bzw. gerade noch rechtzeitig ausgleichen kann, ist ein frommer Wunsch, denn diese Behörde ist noch nicht einmal in der Lage, das Horten von größeren Geldbeträgen rechtzeitig zu erkennen. Darum läuft die Bundesbank der eigenen Geldmengenprognose voraus (vorsichtshalber) und der tatsächlichen Situation hinterher. Gegenüber dem großen Kapital verhält sich der Staat wie ein eingeschüchtertes Kind, das von einem Triebtäter sexuell bedrängt wird. Es müßte eigentlich laut schreien, tut es aber nicht, weil der Verbrecher damit droht: "Dann bringe ich dich um!"

Wie lange kann so etwas "gutgehen"? So lange der Staat in der Lage ist, für die ihm aufgedrängten Milliarden Löcher zu finden, die man übrigens auch Geldgräber nennt. Geldgräber sind Projekte, die so viel Geld vom Kapitalmarkt nehmen, daß Geld immer knapp bleibt und der Zins dadurch nie unter 5% sinkt! Das begann einmal "ganz harmlos" mit dem Bau von Atomkraftwerken. Viele werden sich noch daran erinnern, daß eigentlich jedes Jahr mindestens ein Atomkraftwerk ans Netz gehen sollte; dreißig bis vierzig zusätzliche Atomkraftwerke standen auf der Wunschliste aller Bundesregierungen, damit uns die Lichter nicht ausgehen. Wir verdanken der Anti-AKW-Bewegung, und nur ihr, daß dieser perverse Wunschtraum des großen Kapitals nicht in Erfüllung gegangen ist. Neue Geldgräber waren aber schnell gefunden: Wackersdorf, Rhein-Main-Donau-Kanal, Autobahnen, Magnetschwebebahnen usw. Nur mit der bemannten Raumfahrt, einem besonders schönen Geldgrab, hat es bisher noch nicht so richtig geklappt, aber vom Tisch ist dieser Sarg noch nicht. Ideale Geldgräber sind in der Rüstungsindustrie zu finden, denn die Bundeswehr ersetzt laufend völlig einwandfreie Waffensysteme und Gerätschaften, weil sie angeblich immer auf dem neuesten Stand sein muß, in Wirklichkeit aber durch das frisch nachdrängende Geld in Zugzwang gerät. Geradezu phantastisch als Geldgrab geeignet - und darum seit Jahrhunderten in einschlägigen Kreisen so beliebt - sind Kriege einschließlich der in letzter Zeit immer interessanter werdenden "Kriegsfolgenbeseitigung". Gäbe es keine Kriege oder wenigstens Spannungsgebiete, man müßte sie erfinden, denn Erdbeben treten aus der Sicht des großen Kapitals einfach zu selten auf und lassen bei der Schadensbilanz oft doch sehr zu wünschen übrig. So lag das Epizentrum eines Erdbebens erst kürzlich wieder 80 km vor der Küste im Meer, das muß man sich mal vorstellen. Kriege sind da ergiebiger; und wie nett es dabei zugehen kann, belegt eine Episode aus dem Golfkrieg: Aus London noch in letzter Minute eingeflogene Industrievertreter machten den Kuwaitis damals klar, daß englische Firmen (und nicht nur amerikanische) bevorzugt am Wiederaufbau der kuwaitischen Ölraffinerien beteiligt werden müßten, man setze schließlich auch das Leben englischer Piloten für Kuwait aufs Spiel. "Aber sicher, soll der kuwaitische Verhandlungsführer gebremst haben, "nur laßt sie (die Iraker!) doch erst einmal die Raffinerien zerstören." Zum Glück wurden die Raffinerien in den folgenden Tagen dann auch tatsächlich zerstört (von welcher Seite ist in diesem Zusammenhang völlig egal), andernfalls hätten die gutgekleideten Herren aus London unverrichteter Dinge wieder nach Hause fliegen müssen.

Wachstum muß sein

Kinder, Hühner, die Wirtschaft und Bäume müssen wachsen. Aber plötzlich ein Stillstand, alle haben irgendwann einmal ihren höchsten Punkt erreicht. Kirchturmhohe Hühner, die uns die Kinder in der großen Pause wie Körner vom Schulhof wegpicken, bleiben uns erspart. Gott sei Dank! Nur die Wirtschaft soll angeblich immer weiter wachsen können. Bis zu den Wolken, dann bis zum Mond. Und das funktioniert? Nein; aber so lange die Bevölkerung dumm genug ist, an diesen perversen Unsinn zu glauben, können Wachstumsfanatiker in der Politik ihre Wahlchancen wachsen lassen: Je dümmer desto schlimmer!

8. Die Zinseszinsler

Nun steht es also fest: Der Zins ist die Hauptursache des Wachstumszwangs! Hätten wir ein Geld ohne Zinsen, würde die Wirtschaft auch ohne Wachstumszwang florieren. Ohne Wachstum auch kaum noch Umweltzerstörung. Doch damit nicht genug: Zinsen - und nur die Zinsen - sind für die maßlose Umverteilung der Geldvermögen von unten nach oben verantwortlich.
Wir erinnern uns: Die Hälfte aller Geldvermögen ist in den Taschen und Tresoren der Reichen und Superreichen gelandet, die gerade mal 10% der Bevölkerung ausmachen. Die damit einhergehende Ungerechtigkeit schreit nicht nur zum Himmel, sie ist weltweit ein Nährboden für Aufruhr, Terror und Krieg, während der gerechte Wohlstand für alle, wie ihn das zinsbefreite Geld schaffen würde, die sicherste Basis für Frieden und Freiheit wäre.


Prof. Dr. Otmar Issing, Chefvolkswirt der Deutschen Bundesbank und als solcher ein Anhänger des herrschenden Geldes, hat in einem großen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) am 20.11.1993 die verheerende Rolle des Zinses zu verharmlosen versucht, aber allein schon die Tatsache, daß ein Bundesbankdirektor diese Vorwärtsverteidigung zum Schutze des Zinses glaubte, inszenieren zu müssen, spricht für die Aussicht, den Zins recht bald von der Aura des Gottgewollten befreien zu können. Herr Issing hat es aber möglicherweise schon bereut, denn 17 namhafte Autoren der Freiwirtschaft haben diesem "Zinseszinsler" die entsprechende Antwort gegeben und damit einen Stein ins Rollen gebracht. Ein Sonderdruck der Zeitschrift "Der Dritte Weg" macht diesen bedeutsamen Schlagabtausch jetzt der Wissenschaft und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich. Prof. Issing, der nicht damit rechnen konnte, daß seine Zinsverniedlichung wissenschaftlich zerpflückt und entlarvt werden würde, tut in seinem Artikel so, als gäbe es zum Zins, der das Geld hervorlockt, keine Alternative. Es ist die übliche Masche: Man bedient sich der großen Namen, zum Beispiel des englischen Wirtschaftswissenschaftlers John Maynard Keynes, und verschweigt dann ausgerechnet jene Passagen in dessen Hauptwerk, die Silvio Gesell betreffen. Das ist so, als würde sich jemand wissenschaftlich mit dem Kindbettfieber befassen und dabei "versehentlich" den Namen Semmelweis verschweigen. So gesehen ist der Zinsartikel von Prof. Issing eine Meisterleistung, denn für das breite Publikum wird überhaupt nicht erkennbar, daß da etwas ganz Entscheidendes fehlt. Er ist sich der Nichtinformiertheit seiner Leser in der FAZ (!) so sicher, daß er glaubt, sich an der einzigartigen Zinszertrümmerung Silvio Gesells vorbeistehlen zu können.

Nun ist aber die halbe Wahrheit auch eine Lüge, und zwar eine Lüge, gegen die sich die Getäuschten nicht wehren können. Selbst wenn man einmal unterstellt, daß die Leser der FAZ zu einem Großteil selbst Nutznießer der Zinswirtschaft sind, also zu den Krisengewinnlern gehören, bleibt die Tatsache beachtlich, daß die Angst vor Silvio Gesell bei der Deutschen Bundesbank auch 65 Jahre nach seinem Tod eine offene Diskussion über das zinsbefreite Geld noch immer nicht zuläßt.
Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Silvio Gesell konnte bisher wissenschaftlich nicht widerlegt werden! Ließe man es darauf ankommen, wäre die Zinsknechtschaft in kurzer Zeit beendet. Das wissen auch die Direktoren der Deutschen Bundesbank, die ja nicht etwa das Wohl des ganzen Volkes im Auge haben, sondern die Zinsprivilegien einer kleinen Minderheit. Wäre es anders, würden sie sich anders verhalten oder ihren Hut nehmen. Aus dem eben Gesagten geht hervor, daß ein Verschweigen die bequemste und erfolgreichste aller Methoden des unauffälligen Widerstandes ist. Absichtlich unwissend gehaltene Menschen sind für die herrschenden Kreise ganz einfach pflegeleichter als aufgeklärte.

Das wird sich aber ändern, wenn z.B. den zwanzig Millionen Arbeitslosen in Europa klargemacht werden kann, daß mit der Zinsabschaffung auch die Arbeitslosigkeit abgeschafft werden kann. Ob sich die Arbeitslosen - darüber endlich einmal aufgeklärt - dann immer noch mit einem treuherzigen Augenaufschlag des Kanzlers zufrieden geben werden? Das darf wohl bezweifelt werden. Wer dem Geld durch die Umlaufsicherung Beine machen möchte, muß natürlich zunächst einmal die dem Zins verhafteten Politiker dem Winterschlaf entreißen. Diese wären gut beraten, dem Schrillen des Weckers zuvorzukommen; meinetwegen unter dem Gorbatschow-Motto: wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Freigeld würde sich schlagartig bemerkbar machen und das Land mit einer nie zuvor gekannten Welle der Hoffnung und Zuversicht erfüllen.

Wie kommen wir eigentlich dazu, arbeitslosen Jugendlichen stattdessen das genaue Gegenteil zu bieten? Wer könnte daran zweifeln, daß die Menschen diese Reform mit Begeisterung begrüßen werden? Innerhalb von wenigen Monaten könnte Vollbeschäftigung erreicht und die Massenarbeitslosigkeit für immer beendet werden. Wie realistisch ist eine solche Annahme? Gegenfrage: Wer hat vor wenigen Jahren geglaubt, 400 Millionen Menschen ließen sich in kurzer Zeit aus kommunistischer Gewaltherrschaft befreien? Zusatzfrage: Lassen sich unterdrückte Menschenmassen durch Menschenmassen unblutig befreien? Michael Gorbatschow hat diese letzte Frage mit einem klaren Nein beantwortet. Dieses wohl schönste Beispiel in der Geschichte der ganzen Menschheit hat vor allem eins an den Tag gebracht: Wenn die Zeit reif ist, genügt eine einzige Person oder ein kleiner mutiger Personenkreis, um den angeblich so festgepackten Schnee in eine Lawine zu verwandeln, die nicht mehr aufzuhalten ist.

Das sei denen gesagt, die meinen, man müsse erst 51% der Bevölkerung hinter sich bringen um die brutale Zinsknechtschaft zu brechen. In der Demokratie entscheidet die Mehrheit. Das mag bitter sein, ist aber akzeptabel. Nun haben wir es aber mit einem Land zu tun, das DER SPIEGEL eine gekaufte Republik und eine Bananenrepublik nennen konnte, und von dem ich sage, daß die unsichtbaren Drahtzieher des großen Kapitals die Medien beherrschen (auch den SPIEGEL), die der gutgläubige Zeitungsleser morgens und der Fernsehzuschauer abends für unabhängig und vertrauenswürdig hält! In einer gekauften Republik führen demnach vom Kapital abhängige Redakteure, gekaufte "Sachverständige" und geschmierte Politiker die Wähler an der Nase herum und verfälschen so die "demokratischen" Wahlresultate. Aus dem bejubelten Untergang des Sozialismus (den auch Gesell vorhergesagt hat) wird dann beispielsweise der dümmliche Schluß gezogen, der Kapitalismus sei aus diesem Kampf als strahlender Sieger hervorgegangen. Daß er lediglich übriggeblieben ist, noch dazu stark renovierungsbedürftig und wegen schwer behebbarer Konstruktionsfehler eher ein Auslaufmodell als ein Objekt der Verherrlichung und Begierde, das steht in den Gazetten noch nicht einmal zwischen den Zeilen.

Es beginnt ja schon bei der Auswahl der Nachrichten, die weltweit gesammelt und mit Hilfe sogenannter Nachrichtenagenturen vorgefiltert werden, bevor sie über den Ticker gehen und den Redaktionen vorformuliert aus dem Faxgerät quellen. Schon wegen der gewaltigen Nachrichtenfülle müssen die meisten Meldungen aussortiert werden, zum Teil aus einem simplen Grund: Tag und Nacht haben nur 24 Stunden und die Kapazität der Nachrichtenübermittlungssysteme ist begrenzt. Die Nachrichtenagenturen befinden sich nun nicht erwa in der Hand von Heiligen oder unabhängigen Gremien, sondern - wie könnte es anders sein - fast ausnahmslos in der Hand des großen Kapitals. Damit die Redakteure auch noch etwas abzulehnen haben, bekommen sie grundsätzlich etwas mehr auf den Teller gelegt, als unbedingt nötig. So fällt es weniger auf, daß brisante Berichte dem Nachrichtentopf vorher stillschweigend entnommen wurden bzw. dort gar nicht erst hineingekommen sind. In den Redaktionskonferenzen, in denen das Kapital offen oder verdeckt mit am Tisch sitzt, wird an der bereits vorgefilterten Auswahl eine weitere Auslese vorgenommen, die dann endgültig darüber entscheidet, was der Zeitungsleser am nächsten Morgen und der Fernsehzuschauer am Abend zu glauben und zu bestaunen hat. Gab es früher gravierende inhaltliche Unterschiede, ähneln sich die Tageszeitungen in Hamburg und München heutzutage wie ein Ei dem andern; die elektronische Datenübermittlung macht es möglich. Um die inhaltliche, oft geradezu peinliche Übereinstimmung zwischen den Tageszeitungen zu vertuschen, werden die äußerlichen Unterschiede umso stärker hervorgehoben. Es hat natürlich immer wieder Versuche gegeben, diese festgefügte Meinungsmafia zu durchbrechen, und man sollte doch eigentlich annehmen können, daß so etwas in einem demokratischen Staat auch möglich sein müßte, aber sobald eine völlig unabhängige Zeitung auch nur eine Spur von der Meinungsherrschaft des Kapitals abweicht, bleiben die Anzeigen aus, ohne die eine Zeitung heutzutage nicht existenzfähig ist, jedenfalls nicht zu einer überregionalen Verbreitung und Bedeutung heranwachsen kann. Über das Ethos der demokratischen Presse hat sich der frühere Herausgeber der New York Times, John Swainton, vor Redakteuren einmal wie folgt geäußert: "Eine freie Presse gibt es nicht. Sie, liebe Freunde, wissen das, und ich weiß es gleichfalls. Nicht ein einziger unter Ihnen würde es wagen, seine Meinung ehrlich und offen zu sagen. Das Gewerbe eines Publizisten ist es vielmehr, die Wahrheit zu zerstören, geradezu zu lügen, zu verdrehen, zu verleumden, zu Füßen des Mammons zu kuschen und sich selbst und sein Land und seine Rasse um des täglichen Brotes willen wieder und wieder zu verkaufen. Wir sind Werkzeuge und Hörige der Finanzgewaltigen hinter den Kulissen. Wir sind die Marionetten, die hüpfen und tanzen, wenn sie am Draht ziehen. Unser Können, unsere Fähigkeiten und selbst unser Leben gehören diesen Männern. Wir sind nichts als intellektuelle Prostituierte."

Wohlgemerkt, ich habe hier nicht etwa den Chefredakteur der Bildzeitung zitiert, sondern den Herausgeber der New York Times, die - wie könnte es anders sein - unter dem Einfluß der Rockefeller- Gruppe steht. Daß bei der täglichen Nachrichtenunterdrückung auch deutsche Politiker mitspielen, gehört zu den erstaunlichsten und bedrohlichsten Auswüchsen unserer jungen Demokratie. Oder besteht etwa keine Gefahr, wenn sich wirtschaftlich und politisch ohnehin einflußreiche Persönlichkeiten international organisieren und in Geheimkonferenzen ohne Legitimation der Wähler Beschlüsse fassen, die sich möglicherweise auf das Leben der ganzen Menschheit auswirken?

Heinz Scholl schreibt dazu in seinem Buch "Bilderberg":
"Unter lichtscheuem Gesindel werden Personengruppen verstanden, die sich, weil sie etwas zu verbergen haben, der Beobachtung und Kontrolle durch die Öffentlichkeit zu entziehen trachten; diese Gruppen wünschen nicht, daß die Öffentlichkeit ihre Absichten erfährt und Einblick in ihre Tätigkeit erhält. Zur Idee einer freiheitlich verfaßten Gesellschaft, die Transparenz für alle Vorgänge im öffentlichen Interesse fordert, steht das Gebaren von Gruppen und Organisationen, die das Licht der Öffentlichkeit scheuen, in schroffem Gegensatz. Die Bürger empfinden deshalb Vereinigungen mit geheimbündlerischem Charakter als unvereinbar mit den demokratischen Prinzipien." Aufgefallen ist diese einmal jährlich stattfindende Geheimkonferenz erst durch einen Machtkampf innerhalb dieser Clique, in dessen Verlauf gegen Prinz Bernhard der Niederlande Bestechungsvorwürfe erhoben wurden. In Deutschland ist dieser Skandal noch unter der Bezeichnung "Lockheed-Affäre" in bester Erinnerung. Unter der "Schirmherrschaft" des Starfighter-Beschaffers Franz-Joseph Strauß wurden seinerzeit zahlreiche deutsche Fliegerfrauen in den vorzeitigen Witwenstand befördert: über 200 Flugzeugabstürze innerhalb von wenigen Jahren! Zum Glück konnten sich viele Piloten mit dem Fallschirm retten; Franz-Josef Strauß übrigens auch, allerdings ohne Fallschirm. Offiziell gilt Prinz Bernhard der Niederlande als Initiator der Geheimkonferenz, die erstmalig 1954 im Hotel Bilderberg bei Arnheim (Holland) stattfand und seitdem unter der Bezeichnung "Bilderberg-Konferenz" an verschiedenen Orten der ganzen Welt, doch stets in der totalen Abgeschiedenheit luxuriöser Hotels "Das Konzil der Plutokraten und Bonzen" geworden ist. Drahtzieher dieser immens kostspieligen Konferenzen sind - nach den Recherchen von Heinz Scholl - die Brüder und Multimilliardäre David und Nelson Rockefeller, die in enger Absprache mit den Multimilliardären Guy de Rothschild (Paris) und Marcus Wallenberg (Stockholm) den Teilnehmerkreis auf Personen beschränken, die in den jeweiligen Ländern über Einfluß und Macht verfügen. Die wegen der Geheimhaltung nur sehr bruchstückhaften Erkenntnisse belegen, daß zahlreiche deutsche Politiker, Unternehmer und Banker diesen Einladungen gefolgt sind. Um hier nur einige zu nennen, die Heinz Scholl beim Namen nennen konnte und zumindest deutschen Lesern bekannt sein dürften: Hermann Abs, Egon Bahr, Rainer Barzel, Berthold Beitz, Fritz Berg, Kurt Birrenbach, Otmar Emminger, Ludwig Erhard, Herbert Gross, Kurt-Georg Kiesinger, Richard Löwenthal, Jürgen Ponto, Karl Schiller, Helmut Schmidt Hans-Günther Sohl, Axel Springer, Franz-Joseph Strauß usw. "

Die Bilderberger", schreibt Heinz Scholl, "versuchen, die Bedeutung ihrer Zusammenkünfte herunterzuspielen.


Last edited by alwis on 14.10.2007, 00:17, edited 1 time in total.

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 Post subject: Gut und lesenswert!
PostPosted: 06.10.2007, 10:07 
Gut und lesenswert - wenn auch mit etwas Zeitaufwand!


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