Familienpolitik

Diskussionen über Familienpolitik in Österreich und Europa
It is currently 23.11.2017, 15:12

All times are UTC + 1 hour [ DST ]




Post new topic Reply to topic  [ 2 posts ] 
Author Message
PostPosted: 05.10.2007, 21:16 
Offline
Site Admin

Joined: 28.08.2006, 08:49
Posts: 1246
Location: Österreich/Austria
Die Bilderberger", schreibt Heinz Scholl, "versuchen, die Bedeutung ihrer Zusammenkünfte herunterzuspielen. Wenn man ihrer Argumentation folgt, handelt es sich bei ihren Treffen um harmlose Zusammenkünfte, auf denen unverbindlich über wirtschaftliche und politische Tagesfragen diskutiert wird." Das möchte man gerne glauben, doch wozu dann diese Geheimhaltung, an der sich eigenartigerweise auch die deutsche Presse geradezu sklavisch beteiligt? Daß eben doch etwas dabei herausspringt, belegt eine Aussage von Willis Carto, dem Sprecher der "Liberty Lobby": "Nach der Bilderberg-Konferenz im Jahr 1971 in Woodstock (USA), begannen Bankiers in Amerika und multinationale Konzerne damit, Milliarden von Dollars nach Westdeutschland zu schicken. Schon sechs Wochen danach wertete Präsident Nixon den Dollar zum ersten Male seit 32 Jahren ab, und die Spekulanten verdienten Milliarden." Wer damals seine Dollars beim Kurs von ca. 1:4 noch rechtzeitig in DM umtauschte, hatte sein Vermögen sechs Wochen später nahezu verdoppelt! Zu denen, die wiederholt an Bilderberg-Konferenzen teilgenommen haben sollen, dort also besonders willkommen gewesen sein dürften, gehörten unter anderem Franz-Joseph Strauß, Walter Hallstein, Kurt Birrenbach und Helmut Schmidt (Quelle: Congressional Record, 15.9. 1971). Die Geheimhaltung der Bilderberg-Konferenzen ist mit den Jahren noch perfekter geworden; darum stehen mir zur Zeit auch keine aktuelleren Daten zur Verfügung. Mir kam es darauf an, mit Beispielen zu belegen, wie gehorsam sich Presse und Politiker bis auf den heutigen Tag vom großen Kapital an die Leine legen lassen, wenn es darum geht, die Bevölkerung hinters Licht zu führen oder außen vor zu lassen.

Lediglich die Zeitschrift "Quick" hat ein einziges Mal das Schweigen gebrochen und die Bilderberger in ihrer Ausgabe vom 19.02.1971 als Club der Superreichen mit großem politischen Einfluß bezeichnet. Es dürfte sich um eine Redaktionspanne gehandelt haben, denn dieser unerhörte Vorgang hat sich meines Wissens nie wiederholt. Unsere Spitzenpolitiker sonnen sich heute nicht mehr so ungeniert im Schatten der Superreichen; die Flickaffäre hat sie vorsichtiger werden lassen, doch im Geheimen - das belegen die Amigo- Affären der letzten Jahre - haben sie immer noch viel Freude daran. Hohes Ansehen genießen Politiker, die es schaffen, ihre eigene Inkompetenz in Wirtschafts- und Finanzangelegenheiten durch die kumpelhafte Nähe zu einem abgehalfterten Bundesbankpräsidenten vergessen zu machen. Wer ein hohes politisches Amt anstrebt, muß also nicht länger selbst kompetent sein; es reicht heute, den Wählern vorzugaukeln, daß ein pensionierter Bundesbankdirektor die Kastanien schon irgendwie aus dem Feuer holen wird. Damit rücken ausgerechnet die Zinseszinsler problemlos an die Schalthebel der Macht. Ohne in demokratischen Wahlen auch nur einen Finger gekrümmt zu haben, gelingt diesen Stellvertretern des herrschenden Geldes der Durchmarsch bis zur Spitze. War Odysseus noch gezwungen, die Festung Troja mit einem hölzernen Pferd listig zu knacken, reiten die Krisenverursacher und Krisengewinnler erhobenen Hauptes durch das offene Tor. Die Menschen jubeln ihnen zu, denn sie wissen nicht was sie tun: Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber!

Was ist die Frage?

Die Schattenseite des Lebens findet ihren Trost in der Gewißheit, daß ihr eine Sonnenseite gegenüber steht, auf der es sich leben läßt. Die Wohlhabenden erzählen ihren Kindern das schöne Märchen, wie man durch Tüchtigkeit und Fleiß in Anstand zu Wohlstand kommen kann. "Die anderen" seien größtenteils selber Schuld an ihrem Schicksal. Mit dieser Lebenslüge könnte man leben, wenn wenigsten die Armen dazu übergehen würden, ihren Kindern eine wahre Geschichte zu erzählen. Einfach ist das nicht, denn sie wurden ja als reine Analphabeten des Geldes aus der Schule entlassen und sind sich der Ausplünderung durch den Zins nur bei hohen Bankschulden bewußt, nicht jedoch beim Kauf von Waren des täglichen Bedarfs. Ob die Kinder der Armen wohl auch in Zukunft (nach erfolgter Aufklärung) einen Zinsanteil im Preis der Milch von ca. 35 % und einen Zinsanteil von über 70 % bei der Miete hinnehmen werden, um damit das Lebensglück der Kinder auf der Sonnenseite absichern zu helfen? Das ist die Frage?

9. Die Bodenreform

Die nutzbare Oberfläche der Erde läßt sich kaum noch vergrößern. Da jedoch die Zahl der Menschen ständig zunimmt, die landwirtschaftlich nutzbare Fläche aber nicht mitwächst, wird der pro Kopf zur Verfügung stehende Boden immer knapper und kostbarer. Würde die Zahl der Menschen beispielsweise durch Seuchen oder Kriege ständig abnehmen, wäre es umgekehrt: Der Ackerboden, aber auch das Grundstück für Haus und Garten, würden dann von Jahr zu Jahr billiger werden. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges waren in Mitteleuropa ganze Landstriche entvölkert. Land war im Überfluß vorhanden und dementsprechend preisgünstig. Wir sind heute geneigt, den Mangel an Land (durch Übervölkerung) für etwas weniger gefährlich zu halten als den durch Katastrophen geschaffenen Überfluß an Fläche (Atomkrieg - Seuchen). Das ist auch gut so, denn beide Perspektiven sind so furchtbar, daß es sich gar nicht lohnt, darüber zu streiten, welcher Alternative im Zweifelsfalle der Vorzug zu geben sei. Immer dann, wenn uns das Schicksal zwischen zwei Extremen im Stich zu lassen droht, bleibt uns aber - im Gegensatz zu Pflanze und Tier - der Ausweg, wenigstens vorübergehend unser Gehirn einschalten zu können. Wir kommen dann ganz von selbst darauf, daß es auch in der Bevölkerungsfrage einen goldenen Mittelweg geben muß, der dem verfügbaren Boden die seiner Tragkraft entsprechende Zahl von Menschen gegenüberstellt.

Das Erstaunlichste am unvermehrbaren Boden auf diesem Planeten ist die eigenartige Neigung des Menschen, ihn besitzen zu wollen. Handelte es sich lediglich um jene Flächen, die der Besitzer mit seinem Hintern "besitzt", wenn er sich einfach mal draufsetzt, könnte man es durchgehen lassen. Kritisch wird es jedoch, wenn Grundbesitzer ernsthaft meinen, auch hektargroße Flächen besitzen zu dürfen, obwohl sie doch mit ihrem Gesäß immer nur eine recht kleine Fläche wirklich besetzt halten können. Das ist nicht nur eigenartig, sondern auch relativ neu, denn in früheren Zeiten gehörte das Land allen; den sogenannten Privatbesitz am Boden gibt es erst seit der landesweiten Einführung des römischen Rechts - ab dem Ende des 15. Jahrhunderts. Wer sich heute als junger Mensch fragt, wie denn die Großgrundbesitzer es wohl geschafft haben, sich so viel Land unter den Nagel zu reißen, das sie bis auf den heutigen Tag frech als ihr Eigentum betrachten, dem kann man nur raten, sich mit der Geschichte der letzten 1000 Jahre zu beschäftigen. Wer im Mittelalter die meisten Bauern erschlagen, betrügen oder vertreiben ließ, sicherte seinen Nachkommen bis in die Gegenwart hinein eine mit Blut und Tränen gedüngte Erde. Von Motten zerfressene Grundbücher, die mit Hilfe einer Flasche Schnaps oder unter Androhung von Folter "geführt" wurden und den Besitz rein formal zu legitimieren scheinen, ändern nichts an der Tatsache, daß so gut wie jeder Großgrundbesitz die Folge eines längst verjährten Gewaltverbrechens ist. Unser Grundgesetz schützt diesen Besitz und damit die Besitzer, die traditionell immer selbst Einfluß auf die Gesetzgebung und somit auch auf das zur Zeit geltende Grundgesetz genommen haben, das übrigens auch schon heute die Überführung von Privateigentum in Gemeinbesitz durchaus zuläßt.

Der hellhörige Leser merkt sicher schon, daß wir uns jetzt einer besonders delikaten Sache zuwenden müssen, um die zweite Stufe der Natürlichen Wirtschaftsordnung Silvio Gesells aus dem Marmor der Ahnungslosigkeit herausmeißeln zu können. Erste Anfänge einer Bodenreform gehen unter anderem auf den Unternehmer Michael Flürscheim zurück, der 1888 den Deutschen Bund für Bodenbesitzreform gründete und seinerzeit viele Anhänger fand, die das ehrenwerte Ziel verfolgten, den unverdienten Reichtum der Großgrundbesitzer gerecht zu verteilen. Diese Reformer haben möglicherweise deshalb keinen Erfolg gehabt, weil sie das Geld in seiner herrschenden Form unangetastet ließen; und so blieb es Silvio Gesell vorbehalten, die von Flürscheim initierte Bodenbesitzreform auf eine tragfähigere Grundlage zu stellen, indem er sie mit einer Geldreform kombinierte. Gesell erkannte, daß mit der Zinszertrümmerung allein die Verteilungsgerechtigkeit der Geldvermögen noch nicht zu haben war, da die Geldbesitzer unverzüglich dazu übergehen würden, das Land restlos aufzukaufen, um sich dann über unverschämte Baulandpreise das zurückzuholen, was ihnen bisher an arbeitsfreien Zinsgeschenken wunderbarerweise zugeflossen war. Die Bodenreform Silvio Gesells könnte sehr leicht damit eingeleitet werden, daß Staat, Land oder Kommune ab sofort kein Land mehr verkaufen, sondern nur noch verpachten. In einem zweiten Schritt, der natürlich ebenfalls einer gesetzlichen Grundlage bedarf, wird allen Grundeigentümern untersagt, ihren Grund und Boden an Privatpersonen, Firmen, Verbände oder Konsortien zu veräußern, sondern nur noch an den Staat. Schon durch diese Maßnahmen, die den Steuerzahler vermutlich keinen Pfennig kosten, bricht das Bodenspekulantentum wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Bisher war es doch so, daß zum Beispiel ein Bauer sein vor München günstig gelegenes Ackerland so teuer verkaufen konnte (natürlich nur einmal in seinem Leben), daß die Mieter der anschließend darauf gebauten Mietshäuser bis an das Ende ihrer Tage mit schier unglaublichen und auch kaum noch zu bezahlenden Monatsmieten gequält wurden. Der Grundbesitzer machte also einmal den großen Reibach, zog sich mit seinen Millionen nach Teneriffa zurück und überließ die Mieter ihrem Schicksal. Wer das schön findet, normal oder unabänderlich, gehört wahrscheinlich zu den Krisengewinnlern. Die überwiegende Mehrheit der Menschheit hat unter dieser moralisch erbärmlichen Verrücktheit zu leiden und zwar lebenslänglich.

Viele Konflikte und Kriege wurden und werden ausgetragen, weil auf dieser Erde die Gattung Mensch das Bodenproblem nicht gelöst hat und den bedeutendsten Bodenreformer dieses Jahrhunderts - Silvio Gesell - einfach nicht zur Kenntnis nimmt. Wäre es so, daß durch Privateigentum am Boden die Bäche klarer, die Mädchen schöner und die Sandalen haltbarer würden, könnte man das absurde (weil gemeingefährliche) Festhalten an diesen Zöpfen ja noch verstehen. Der auch von mir geschätzte Ökologe, Politiker und Autor Herbert Gruhl (Ein Planet wird geplündert), der immerhin zwei ökologische Parteien aus der Taufe heben half, hätte für die Nachwelt noch viel mehr tun können, wenn er mit seiner völlig unbegründeten Angst vor Silvio Gesell fertig geworden wäre. Gruhl unterlief der gleiche Fehler wie vor einiger Zeit dem Ökologen Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker: Beide maßten sich über Gesell ein ablehnendes Urteil an, ohne sich mit der Natürlichen Wirtschaftsordnung nennenswert befaßt zu haben. Weizsäcker, immerhin Mitglied des Club of Rome, verschenkte in der Zeitschrift "natur" (ausgerechnet zum passenden Thema Geld) die günstige Gelegenheit, auf die unvergleichliche Bedeutung Gesells hinzuweisen, indem er vorgab, einen ökologischen (!) Grund für das Scheitern der Natürlichen Wirtschaftsordnung gefunden zu haben. Ich halte diese unqualifzierte Aussage eines Professors für erwähnenswert, weil sie ein schönes Beispiel dafür ist, daß auch ein berühmter Name weder vor Torheit schützt noch vor der Mühe, Gesell zu lesen, bevor man sich über ihn äußert.

Gesell schlägt also vor, daß die jetzigen Grundeigentümer ihr Land nur noch an den Staat verkaufen dürfen. Die bisher gepflegte Praxis, sich selbst oder einen Strohmann in das Stadtparlament zu schleusen, um der Umwandlung des eigenen Ackers in Bauland Beine zu machen, wäre damit beendet. Innerhalb einer Generation würde so der ganze Boden in den Besitz der Allgemeinheit übergehen. Der Bauer wäre jetzt nicht mehr Eigentümer, sondern Nutzer des Bodens; also ein Pächter, der den Hof selbstverständlich problemlos an seinen Hoferben weiterreichen könnte. Da sich der Verkauf des Bodens an den Staat über lange Zeiträume hinziehen wird, kann diese Reform so undramatisch abgewickelt werden wie die Umstellung der Ernährung von Hafer auf Hirse. Schade, daß Herbert Gruhl nie bis zu diesem Punkt vorgestoßen ist, andernfalls würden die Programme der ökologischen Parteien heute anders aussehen. Herbert Gruhl muß doch gewußt haben, daß man Acker und Wiese nicht mit ins Grab nehmen kann. Er scheint - wie so viele - befürchtet zu haben, Silvio Gesell würde ihm und den Bauern die Butter vom Brot nehmen. Was ändert sich denn groß an der Situation der Bauern durch diese Bodenreform? Er kann seinen Acker wie bisher nach Lust und Laune bewirtschaften; niemand kann ihn vom Hof jagen. Sicher, er kann dann den Boden nicht mehr beleihen, aber wozu denn auch? Er bekommt doch das Geld von der Bank auch ohne diese "Sicherheit", noch dazu fast ohne Zinsen! Anstatt den Banken die Zinsen in die Tresore zu schaufeln, zahlt er jetzt dem Staat eine angemessene Pacht und sonst gar nichts!

Wie war denn das bisher? Hatte der Bauer mehrere Kinder, wurde er durch die Erbteilung zur Verzweiflung gebracht (von der Erbschaftssteuer ganz zu schweigen). Der Hoferbe ist heute gezwungen, seinen Geschwistern hohe Geldbeträge auszuzahlen, um als Erbe den Hof allein übernehmen zu können. Wie viele Bauernhöfe sind nicht allein durch diesen Wahnwitz ruiniert worden? Um die gesetzlichen Ansprüche der Geschwister befriedigen zu können, müssen in der Regel Kredite aufgenommen werden, die ihm bei hohen Zinskosten jahrzehntelang wie ein schwerer Stein am Halse hängen (und zum Halse heraushängen)! Oft reichen zwei schlechte Ernten oder eine Viehseuche aus, um die Zahlungsunfähigkeit des um seine Existenz ringenden und schuftenden Bauern zu besiegeln. Und das alles doch nur, weil er Eigentümer statt Nutzer des Bodens ist. Ein Pächter lacht sich doch halb tot über diese hausgemachten Probleme. Weit über eine Million Bauernhöfe sind allein in Westdeutschland nach dem zweiten Weltkrieg durch Existenzvernichtung verloren gegangen. Schuld war keineswegs immer die Bundesregierung oder die EU; in vielen Fällen dürften unlösbare Erbschaftsprobleme und die damit zusammenhängenden Zinsbelastungen den Ausschlag gegeben haben.

Eigentum am Boden nagelt den Bauern praktisch für immer an die Scholle fest. Pächter genießen die gleichen Vorteile, ohne jedoch die Nachteile des Eigentums am Boden erleiden zu müssen. Sagt ihm im Alter das Klima nicht mehr zu, kann er sich im Süden nach einem Altersruhesitz umsehen, ohne einem ganzen Stab von Erben, Rechtsanwälten, Maklern und Spekulanten ausgesetzt zu sein. Nach der Bodenreform geht der Hof selbstverständlich völlig reibungslos an den Hoferben über. Die Geschwister des Hoferben sind nun allerdings keine Blutsauger mehr, sondern müssen - wie die Kinder eines Konzertgeigers - aus eigener Kraft zu beruflichen Ufern und finanzieller Absicherung vorstoßen. Will keines der Kinder - wie heute üblich - den Hof übernehmen, wird der Hof und die Pacht öffentlich an den Meistbietenden versteigert. Heutzutage nisten sich gerne "doppelverdienende" Akademikerehepaare in zugrundegerichteten Bauernhöfen ein, während das Land von Großbauern übernommen wird, die es mit Kunstdünger, Gülle und Gift in ein Produktionsschlachtfeld verwandeln. Wer dieser perversen Besitzkultur eine Träne nachweinen will, soll das ruhig tun; wir richten unseren Blick derweil schon mal nach vorn: Freiland und Freigeld werden diesen wichtigsten aller Berufe auf der Erde, den des Bauern, wieder so attraktiv machen (und nicht nur so erscheinen lassen), daß ein Teil der von der Industrie auf die Straße geworfenen Arbeiter und Angestellten gerne in die Landwirtschaft zurückgehen wird. Dann werden Jungbauern auch wieder eine Frau zum Heiraten finden, anstatt - wie mir aus Nordhessen berichtet wurde - junge Frauen aus Polen einfliegen zu lassen, damit im Dorf endlich mal wieder die Hochzeitsglocken läuten!

Daß diese Landwirtschaft der Zukunft eine ökologische Landwirtschaft sein wird, also auf Kunstdünger und Gift völlig verzichtet, das Grundwasser wirklich schont und den "Naturschutz auf der ganzen Fläche" herbeiführt, liegt auf der Hand und ließe sich in einem Abwaschen gleich miterledigen. Schon zu Gesells Zeiten wurde von Gegnern der Natürlichen Wirtschaftsordnung bezweifelt, daß der Staat in der Lage sei, den ganzen Ackerboden, Wiesen und Wälder, Kiesgruben und Bergwerke aufzukaufen. Natürlich wäre das in der heutigen Zinswirtschaft schwierig oder gar unmöglich, aber in einer Gesellschaft, die den Bodenwucher und die Zinsknechtschaft überwunden hat, ist es möglich. Bei schrittweiser Einführung der Boden- und Geldreform würden dem Staat ausreichende Geldmittel zur Verfügung stehen, um den Grundeigentümern die Entschädigungen auszahlen zu können. Lesen wir dazu Silvio Gesell: "Unmittelbar gewinnt oder verliert niemand durch den Rückkauf des Grundbesitzes. Der Grundeigentümer zieht aus den Staatspapieren an Zins, was er früher an Rente aus dem Grundeigentum zog, und der Staat zieht an Grundrente aus dem Grundeigentum das, was er an Zins für die Staatspapiere zahlen muß. Der bare Gewinn für den Staat erwächst erst aus der allmählichen Tilgung der Schuld mit Hilfe der später zu besprechenden Geldreform. Mit Hilfe dieser Geldreform wird es im Laufe von etwa zwanzig Jahren möglich sein, den früheren Grundeigentümern die ihnen zustehenden Entschädigungen restlos auszuzahlen. Da die Schulden des Staates gegenüber den ehemaligen Grundeigentümern um so schneller abgebaut werden können, je tiefer die Zinsen auf dem allgemeinen Kapitalmarkt sinken, macht der Staat schon nach wenigen Jahren Gewinn, da ihm die Pachteinnahmen auf immer und ewig entgegensprudeln, während die Ausgaben zur Befriedigung der ehemaligen Grundbesitzer von Jahr zu Jahr abnehmen und nach ca. 20 Jahren ganz getilgt sein werden. Wie das jetzt im einzelnen geregelt werden soll, bleibt Expertenkommissionen überlassen, die übrigens schon heute zusammentreten könnten, wie die Tagungen der Freiwirte - so nennen sich die Anhänger Silvio Gesells - seit Jahren beweisen.

Mit der sonst in Wirtschaftsfragen beauftragten Professorengarnitur wird dann allerdings nicht mehr viel Staat zu machen sein. Diesen Experten der herkömmlichen Nationalökonomie bleibt aber voraussichtlich noch eine ordentliche Verschnaufpause, in der sie - wie gewohnt - erneut beweisen können, daß ihnen außer dem Wirtschaftswachstum mit all seinen verheerenden Folgen nichts mehr einfällt. Werden diese Kanzlerberater noch vor der Jahrtausendwende im Büßergewand durch die Straßen ziehen, an jeder Ampel Selbstkritik üben und ihre Studenten dafür um Verzeihung bitten, daß sie ihnen das Vermächtnis Silvio Gesells so lange verschwiegen haben? Sie werden es natürlich nicht tun, sondern sich von diesen beiden Möglichkeiten eine aussuchen. Erste Reaktionsmöglichkeit: Sie befassen sich endlich, wenn auch zähneknirschend und nur auf Druck der Studenten, wissenschaftlich mit der Natürlichen Wirtschaftsordnung - in der verzweifelten Hoffnung, deren Unmöglichkeit beweisen zu können. Das wäre mir am liebsten; ist doch davon auszugehen, daß die Herren Professoren aus dem Staunen gar nicht wieder herauskommen werden und schließlich vom Saulus zum Paulus konvertieren. Von der zweiten Möglichkeit werden wohl die meisten Gebrauch machen; es ist ja auch die naheliegendste; seit Jahrzehnten übt man sich darin: Gesell wird einfach weiter ignoriert (Professoren sind in Deutschland unkündbar und können sich das leisten) und seine Anhänger als weltfremde Phantasten verhöhnt und jedes Experiment, das wie im österreichischen Wörgl die Überlegenheit der Reformen Gesells unter Beweis stellen könnte, als viel zu gefährlich für die Wirtschaft (und die Profite der Krisengewinnler!) abgelehnt. Mit dieser Einstellung ist man bisher gut über die Runden gekommen, weil sie den Erwartungen von Presse, Politik und Kapital entspricht.

Es muß also Druck gemacht werden. Rein zahlenmäßig sind die Krisengewinnler nicht besonders stark; überhaupt nicht zu vergleichen mit denen, die zur Miete wohnen (70 % Zinsen!), Sozialhilfe empfangen, arbeitslos sind oder um ihren Arbeitsplatz bangen. Da die Bodenreform - zusammen mit der Geldreform - die Arbeiter, Angestellten, Beamten, Künstler, Handwerker, Bauern, Unternehmer und alle sonstigen Personen begünstigen würde, die weniger als 250 000 DM pro Jahr verdienen, wird man von einer satten 90%- Mehrheit der Nutznießer ausgehen können. Das will allerdings so viel noch nicht besagen, denn die restlichen 10 % haben das Sagen und wälzen sich im Segen der Kirche, der Medien, der hohen Politik und des großen Kapitals (darunter verstehe ich Personen, die ohne Arbeit mehr als DM 10.000 pro Tag verdienen). Es stehen also 90 geschwächte Mäuse zehn strammen Katzen gegenüber. Das ist die Ausgangslage, und die ist besorgniserregend, denn eine kerngesunde Katze läßt sich von neun Mäusen so schnell nicht vom Kurs abbringen, geschweige denn in die Flucht jagen. Man beginnt die Resignation derer zu verstehen, die sich nie dazu aufraffen konnten, der Übermacht des Geldes ein Bein zu stellen. Darum schlage ich vor, daß wir Schwierigkeiten, die uns zunächst überwältigend erscheinen, in unermüdlicher Arbeit überwinden. Die Pässe der Alpen waren doch auch einmal fast unüberwindlich. Erst als man daranging, Wege und Straßen sogar unter Inkaufnahme großer Umwege in Form von Serpentinen in die Felsen zu sprengen, wurde das Ziel erreicht. Welcher Autofahrer aus dem Flachland denkt schon an die mühsame, gefährliche, kostspielige und zeitraubende Arbeit dieser straßenbaulichen Meisterleistungen und Triumphe? Man tritt auf das Gaspedal und genießt die spektakuläre Aussicht. Das werden bestimmt auch jene einmal tun, die in den Genuß der Natürlichen Wirtschaftsordnung kommen. Arbeitslosigkeit, soziale Ungerechtigkeiten und Not werden dann vergessen sein. Man wird sich dann auch nicht mehr vorstellen können, daß die Bauern einmal vor der Alternative gestanden haben, entweder den Hof zu zerstückeln und gleichmäßig auf die Zahl der Kinder zu verteilen, oder sich so hoch zu verschulden, daß der Hoferbe mit seiner Frau nur noch ein einziges Kind zu zeugen wagt, um wenigstens diesem Erben die endgültige Zerstückelung des Hofes zu ersparen.

Wer wird sich nach erfolgreicher Durchführung der Boden- und Geldreform noch dafür interessieren, daß die Menschen in diesem Land einmal ihr halbes Leben lang nur für die Zinskassierer haben arbeiten müssen? Man wird diese zurückliegende Zeit zu verdrängen suchen wie den Holocaust. Bloß nicht mehr dran denken! Es ist schließlich auch ein bißchen peinlich, als erwachsener Mensch so dumm gewesen zu sein, den Reichen und Superreichen wie ein Sklave gedient zu haben, ihnen in den Auspuff gekrochen zu sein. An derart perverse Dinge werden die Leute mit Sicherheit nicht gern zurückdenken wollen; vielleicht mit Ausnahme derer, die namhaften Anteil an den Reformbewegungen gehabt haben.

Spricht es nicht für den Altruismus Silvio Gesells, daß er im Drehbuch dieser Reform so ganz ohne Gewalt auskommen konnte und trotzdem revolutionär blieb? Und spricht es nicht für den Gerechtigkeitssinn dieses Erneuerers, daß er sich wünschte, die Bodenrente (Pachteinnahme des Staates) möge den Müttern nach der Zahl ihrer Kinder ausgezahlt werden? Gerade Mütter, die ein bevorzugtes Opfer der Bodenwucherer und Grundstücksspekulanten sind, und oft nur wegen der unbezahlbaren Mieten zwei bis drei Putzstellen annehmen müssen, sollen nach den Vorstellungen Silvio Gesells Nutznießer Nr. 1 sein. Ich gebe gerne zu, von dieser Absicht Gesells sehr überrascht gewesen zu sein und gehe davon aus, daß es manchem meiner Leser auch so geht. Die Argumente für ein derartiges Müttergehalt aus der Bodenrente sind jedoch so einleuchtend, daß man sich fast schon wieder schämt, nicht selbst auf diese Idee gekommen zu sein. Es sind doch die Mütter, die mit ihrem Kindersegen die Nachfrage nach Wohnraum und damit die Nachfrage nach Bau- und Ackerland begründen! Anstatt sich wie bisher an dieser Nachfrage dumm zu verdienen, sie schamlos zu missbrauchen, geht jetzt das Geld, das der Staat von den Pächtern erhebt, zum Teil direkt auf das Konto der Mütter. Frauen, die bisher wegen finanzieller Abhängigkeit die Zähne zusammenbeißen mußten oder ins Frauenhaus flüchteten, werden dann frei darüber entscheiden können, wie, wo und mit wem sie die Zukunft ihrer Kinder gestalten. Auch den alltäglichen Zusammenhang zwischen Alleinerziehung und bitter arm sein wird es dann nicht mehr geben können. Für Gesell war es selbstverständlich, daß der wertvolle Boden auf dieser Erde allen Müttern der ganzen Erde zur Verfügung gestellt werden muß und nicht etwa nur in Argentinien, der Schweiz oder Deutschland, den Ländern seines Wirkens. Zugegeben, es fällt viel leichter, die bisherige Misere weltweit für einen unveränderlichen Dauerzustand zu halten, als an die Durchführbarkeit dieser wünschenswerten Reformen im eigenen Land zu glauben; aber wer sagt denn, daß wir es uns leichtmachen sollen? Entscheidend ist doch, daß wir endlich einsehen, daß die gesellschaftlich geduldete Gewalt gegen Mütter aufhören muß: Auf der einen Seite arme, arbeitslose Mütter, die von der Sozialhilfe leben und aus der Rolle des Bittstellers oft erst im Rentenalter herauswachsen (oder auch nicht), obwohl sie Kinder aufziehen, also die Zukunft unseres Landes mit dem wertvollsten aller Beiträge gestalten, und auf der anderen Seite kinderlose Paare oder Singles, die wieder einmal einen herrlichen Urlaub auf den Fidschi-Inseln verleben und sich einen Dreck um die eigene Alters- und Pflegeversicherung kümmern, weil es doch zuhause in engen Wohnungen noch genügend Mütter gibt, die den Rentenzahlernachwuchs treu und brav heranfüttern.

Diese zutiefst unsolidarischen, oft sicher auch nur gedankenlosen Beziehungen zwischen Bevölkerungsgruppen, die praktisch auf einer Stufe stehen und sich eigentlich gemeinsam gegen das große Kapital, den lachenden Dritten, zur Wehr setzen müßten, sind eine Tragödie und ein Skandal. Hören wir endlich damit auf, uns auf Nebenkriegsschauplätze und falsche Fährten locken zu lassen, die im großen Bogen an den Goldgruben der Zinsverniedlicher vorbeiführen. Es ist ein großer, ja ein entscheidender Irrtum, zu glauben, die Grundeigentümer und das Grundeigentum hätten mit der sozialen Ungerechtigkeit nichts zu tun. Dazu noch einmal Silvio Gesell: "Alle die kleinen, so selbstverständlichen Freiheiten, deren man sich heute erfreut, wie zum Beispiel die Freizügigkeit, die Abschaffung der Leibeigenschaft und Sklaverei, mußten gegen die Grundrentner erkämpft werden, und zwar mit Waffen. Denn zu Kartätschen griffen die Grundrentner, um ihre Belange zu verteidigen. In Nordamerika war der lange, mörderische Bürgerkrieg nur ein Kampf gegen die Grundrentner".

Vor der Einführung des römischen Rechts gehörte das Land der Allgemeinheit, also allen. Heute gehört uns noch das Ziehen der Wolken, das Quaken der Frösche und das Zwitschern der Vögel; aber das Land gehört uns nicht mehr. Durch die Bodenverstaatlichung fallen dem Staat durch Pachteinnahmen enorme Summen zu, die das politische Hickhack in den Parlamenten überflüssig machen. Wo heute noch jahrelang lächerlichste Diskussionen über Selbstverständlichkeiten wie etwa das Recht auf bezahlbaren Wohnraum, das Recht auf einen Kindergartenplatz und das Recht auf eine angemessene Versorgung im Alter geführt werden müssen, werden künftig ehrenwerte Fachleute (also keine gekauften Experten) in Kommissionen zusammentreten und ein Problem nach dem andern zügig einer finanziell abgesicherten Lösung zuführen. Es ist eben ein Unterschied, ob das Volksvermögen über den Schleichweg Zins auf die Konten der Reichen gespült wird oder wirklich allen Menschen zur Verfügung steht. Mit welcher Ruhe und Gelassenheit wird sich künftig eine Frau den Mann fürs Leben und den potentiellen Vater ihrer Kinder aussuchen können, wenn sie schon vorher weiß, daß ein Kind nie wieder zu einer finanziellen Abhängigkeit vom "Ernährer" führen kann, und mit welcher Kraft wird sie dem sich als unwürdig erweisenden Partner gegebenenfalls den Koffer vor die Haustür stellen, anstatt sich die schönsten Jahre ihres Lebens stehlen zu lassen!

Linke Kreise, die nicht darüber hinwegkommen, daß Karl Marx nur ökonomischen Murks hinterlassen hat (ich kann doch auch nichts dafür), haben den Marx-Entzauberer Silvio Gesell in die braune Ecke zu stellen versucht; unter anderem wohl auch deshalb, weil in den zwanziger und dreißiger Jahren seitens einiger Anhänger Gesells ja auch tatsächlich versucht worden ist, den Nazis die interessante Zinszertrümmerung Gesells schmackhaft zu machen. Die Verherrlichung der Mutter und die Verwendung der (zutreffenden!) Bezeichnung "Zinsknechtschaft" durch die Nazis lassen bei sehr oberflächlicher Betrachtung durchaus so etwas wie einen gemeinsamen Nenner erkennen, immer vorausgesetzt, daß man sich in die eigene Tasche lügen möchte, denn die reichlich vorhandenen Fakten besagen das Gegenteil. Wer hat denn damals die Juden gegen den auf sie gemünzten Vorwurf verteidigt, die Ursache der Zinsknechtschaft zu sein? Silvio Gesell war es, der sich gegen diese ungerechtfertigte Kritik an den Juden verwahrte, die Juden ausdrücklich in Schutz nahm und stattdessen die Finanzgewaltigen und Kriegsgewinnler zum Volksfeind erklärte. Daß sich unter diesen Leuten möglicherweise auch Juden befanden, gibt niemandem das Recht, Gesell braun einzufärben. Sein Freiheitsbegriff und seine Vorstellungen von der Würde des Menschen gehören zum Schönsten und Großartigsten, was in diesem Jahrhundert gedacht, gesagt und geschrieben wurde. Wäre ich nicht so ein hartgesottener Typ, ich hätte bei einigen Passagen seines Hauptwerkes (Die Natürliche Wirtschaftsordnung) weinen können vor Ergriffenheit, Begeisterung, Vorfreude und Wut; nicht jedoch aus Verzweiflung, denn die Verzweiflung setzt den Zweifel voraus, und gerade den läßt Gesell in seinen wesentlichen Aussagen nicht aufkommen. Alles ist so klar bei ihm; es ist nicht unbedingt gleich zu verstehen, aber unübertroffen logisch und von erstaunlicher Aktualität. Andererseits war auch Gesell nur ein Mensch und ein Kind seiner Zeit. Seine völlig unbefangene Einstellung zu den heute als äußerst problematisch empfundenen Themen wie zum Beispiel Rasse und Zucht, bringt stellenweise leider einen Mißklang in das ansonsten so großartige Werk. Dieses Werk ist eigentlich ein Bergwerk, ein Stollen, eine Goldader und eine Fundgrube zugleich. Je tiefer wir darin vorstoßen, desto größer die moralische Verpflichtung für jeden Eindringling, diese Schätze nicht nur zu bestaunen, sondern auch heben zu helfen.

Linke und grüne Erbsenzähler haben sich bei diesen Ausgrabungsarbeiten nicht hervorgetan, sind aber bei der Suche nach dem Haar in der Suppe fündig geworden. Nicht ohne Stolz präsentieren sie einem den Sozialdarwinismus eines 1930 gestorbenen Mannes und ziehen aus dieser Entdeckung die Konsequenz, sich mit der Natürlichen Wirtschaftsordnung schon aus ideologisch-moralischen Gründen gar nicht befassen zu dürfen. Was ich an dieser abstrusen Einstellung fast schon wieder sympathisch finde, ist die unausgesprochene Forderung nach dem Heiligenschein, den dieser bedeutende Pionier eben auch noch hätte haben müssen. Diese Moralapostel trennen in der heimischen Küche den Hausmüll liebevoll und vorschriftsmäßig in bis zu sechs verschiedene "Fraktionen", um anschließend mit dem Ozonlochfresser in den Urlaub zu fliegen. So bastelt sich jeder sein Schlupfloch, um nicht in Gefahr zu geraten, an bevorstehenden Veränderungen auch selbst einmal mitwirken zu müssen. Sicher, man könnte die Meinung vertreten, den Geldsäcken noch ein paar schöne Jahre zu gönnen "und dann aber Schluß". Das hätte zumindest den Vorteil, jetzt im Moment nicht aktiv werden zu müssen; alles könnte zunächst so weiterlaufen wie bisher. Hat man jedoch das Schicksal arbeitsloser, alleinerziehender Mütter vor Augen, denen doch geholfen werden müßte, so lange die Kinder noch klein sind, dann fällt es schwer, einer ungerechten Verteilung des Volksvermögens durch Passivität eine völlig unnötige Dauer zu verleihen, anstatt diese Verbrechen an Kindern und Frauen so schnell wie möglich zu beenden. Jeder Tag, den wir im Bewußtsein unserer neuen Möglichkeiten ungenutzt verstreichen lassen, ist ein gestohlener Tag für ein Kind. Jede Woche, die wir im Bewußtsein der Notwendigkeit einer Geld- und Bodenreform tatenlos vergeuden, ist ein Schlag ins Gesicht der Frauen und Arbeitslosen. Jeder Monat, den wir durch zögerliches Abwarten sinnlos verschwenden, nagt an der Hoffnung eines Verzweifelten, dem - das wissen wir doch jetzt - so leicht geholfen werden könnte!

10. Am längeren Hebel

Wer "den Standort Deutschland wieder attraktiv machen" will, unterstellt quasi, daß diese Attraktivität verloren gegangen ist, also schon mal vorhanden war. Ersetzen wir das Fremdwort attraktiv mit verlockend, anziehend oder zugkräftig, wird klar, was dem Wirtschaftsminister vorschwebt: Anlagesuchendes Kapital ins Land zu locken. Es fällt aber auf, daß sein Kollege aus dem Ministerium für Soziales Deutschland nicht attraktiv machen will; nur der Wirtschaftsminister plagt sich mit dieser Zielsetzung ab. Der Innenmister geht sogar noch einen Schritt weiter, indem er nichts unversucht läßt, Deutschland für zum Beispiel Ausländer so unattraktiv wie möglich zu machen, was ja nicht immer so gewesen ist; man denke nur an die Begrüßung des millionsten Gastarbeiters in den sechziger Jahren.

Obwohl beide Minister der gleichen Bundesregierung angehören, läßt der Innenminister ausländische Besucher beim Grenzübertritt wie Hasen jagen und gleich wieder einfangen, während der Kollege aus dem Wirtschaftsministerium seinen Besuchern einen roten Teppich entgegenrollt. Silvio Gesell fand für dieses Phänomen schon 1918 die passenden Worte: "Arbeitsuchende haben keinen Zutritt ins Land, nur die Faulenzer mit vollgestopftem Geldbeutel sind willkommen." Und er schließt seinen Aufruf mit der Vorhersage: "Kein Land wird das andere mehr verstehen, und das Ende kann nur wieder Krieg sein." Ich halte dieses Zitat (aus dem dritten Kapitel) für so bedeutsam, daß ich es hier teilweise wiederholt habe, um es in den Zusammenhang der aktuellen Politik zu rücken und potentiellen Lesern Silvio Gesells einen Vorgeschmack auf sein Buch "Die Natürliche Wirtschaftsordnung" zu geben.

Solange nur "unerwünschte" Ausländer und arme Menschen davon betroffen sind, kann politische Moral etwas tiefer gestapelt werden; und da die menschliche Vernunft eine obere Grenze hat, nur eben keine untere (Edvin Svensjö), muß mit einer weiteren Tieferlegung der Moral gerechnet werden. So könnte man beispielsweise Landstreicher, Bettler, Straßenmusikanten und Asylbewerber aus den Fußgängerzonen der Städte vertreiben, um das Einkaufen in den eleganten Boutiquen noch attraktiver zu machen. In verschiedenen Städten wie z.B. London und Frankfurt am Main ist das ja auch schon versucht worden; vermutlich unter dem Gesichtspunkt, "unser Dorf soll schöner werden". Früher, als die Erde noch genügend Freiräume bot, konnten z.B. in England unerwünschte Personen und Kriminelle einfach ausgewiesen und nach Australien verbannt werden; dann war man sie erstmal los.

Heute bedient man sich dieser Methode eigentlich nur noch beim Sondermüll. Besonders Deutschland hat sich auf diesem Gebiet einen Namen gemacht und auch immer wieder Länder gefunden, die für derartige "Gaben" gerade noch arm und abhängig genug waren. Wie uns im Namen des Volkes schon mehrfach bestätigt wurde, ist einem gesunden Urlauber der Anblick von Müll - selbst wenn der aus Deutschland kommt - nicht zuzumuten. Ebenfalls als nicht zumutbar gilt im Urlaub der Anblick von Behinderten. Ein deutsches Gericht sprach einer gehfähigen Urlauberin sogar eine Entschädigung zu, vermied es aber, den Behinderten zu raten, sich an diesem Urlaubsort ja nicht wieder blicken zu lassen. Die deutsche Rechtsprechung ist also noch steigerungsfähig. Dieses sonderbare Anspruchsdenken einer auf Genuß programmierten Gesellschaft muß jene zur Verzweiflung bringen, die angetreten sind, Menschen allen Ernstes moralisch zu verbessern. In der Tat glauben viele, daß zunächst der Mensch sich grundlegend ändern müsse, bevor die heile Welt entstehen kann und zum Beispiel Behinderte oder Ausländer überall als gleichwertig akzeptiert werden. Wer als Moralist, meinetwegen auch als Moraltheologe, diesen Standpunkt vertritt, sei an das abschreckende Beispiel gescheiterter Diktatoren wie zum Beispiel Hitler und Stalin erinnert, die ebenfalls eine "Verbesserung" des einzelnen Menschen für möglich und notwendig hielten, wenn auch nicht gerade eine moralische.

Wer sich die Mühe macht, die Verbesserungsvorschläge der Erzieher und Moralisten zu analysieren, stößt generell auf die Einstellung, daß vor allem der Eigennutz des einzelnen Menschen zu brandmarken sei. Demgegenüber vertrat Gesell die Ansicht, daß der Eigennutz als natürlicher Bestandteil des Selbsterhaltungstriebes für das Überleben der Menschheit geradezu unverzichtbar und auch sozialverträglich ist. Dem Christentum wäre also anzukreiden, daß es fast 2000 Jahre lang versucht hat, gegen Windmühlenflügel anzurennen, anstatt diese in den Wind zu drehen und dafür zu sorgen, daß der Eigennutz nicht auf Kosten anderer in Profitgier umschlagen kann. In neuerer Zeit hat das große Kapital - vertreten durch Presse, Rundfunk und Fernsehen - ein auffälliges Interesse daran entwickelt, dieses Bemühen um den besseren Menschen zu fördern. Von der Erbauungsliteratur bis zur moralischen Aufrüstung, von der Freizeitbeschäftigung bis zum Zeitvertreib (Fernsehkonsum), immer steht die Suggestion im Raum, als Einzelner ja doch nichts ausrichten zu können und falls doch, dann aber bitte schön erst nach einer moralischen Runderneuerung. So bleibt natürlich erstmal alles beim Alten.

Dazu ein Beispiel: In Deutschland gelten Menschen als gut, die beim Spenden für Notleidende nicht kleinlich sind. So sollen allein die Kirchen pro Jahr vier Milliarden DM eingesammelt haben; so gut sind die Menschen hier bei uns und so moralisch. Die Medien werden nicht müde, diese Spendenbereitschaft als gut hinzustellen, und das ist sie sicher auch. Im Golfkrieg wurden am ersten Tag vier Milliarden DM verpulvert; an einem einzigen Tag also so viel, wie alle guten Deutschen in einem Jahr für die Armen dieser Welt gespendet haben. Weil der damaligen Bundesregierung unter Helmut Kohl auch das noch nicht genug war, spendierte sie den Amerikanern ohne Not eine zusätzliche Kampfbeihilfe von sage und schreibe fünfzehn Milliarden DM, aufgebracht durch wehrlose und ungefragte Steuerzahler. Wenn wir uns darauf einigen, daß die kirchlichen Spendenzahler wirklich gute Menschen sind, wie sind dann Steuerzahler einzuschätzen, die den vierfachen Betrag für einen Krieg hinblättern? Sind diese Menschen auch gut oder eher ein bißchen beknackt?

Der erste Krieg zwischen den Erzfeinden Indien und Pakistan hat 1948 nur acht Tage gedauert; dann war Feierabend, obwohl kein Sieger ermittelt werden konnte. Hatten die plötzlich alle keine Lust mehr? Waren den Generälen moralische Bedenken gekommen oder wollten die Soldaten etwa alle gleichzeitig Urlaub machen? Nichts von dem; beide Seiten hatten ihre letzte Granate und Patrone verschossen, das war der Grund. Sie hätten anschließend zu Dreschflegeln und Plattschaufeln übergehen können, aber das wollte offenbar niemand, und darum mußte der Krieg auf beiden Seiten für beendet erklärt werden. Wie die sich wohl damals über eine Kampfbeihilfe von Helmut Kohl gefreut hätten! Damit so etwas nie wieder vorkommen kann, haben weltweit operierende Waffenhändlerringe, hinter denen das große Kapital steht, seit dieser indischpakistanischen "Panne"` dafür gesorgt, dass Kriege künftig - wie sich das gehört - in voller Länge ausgefochten werden können, notfalls über viele Jahre und bis zum bitteren Ende. "Mit dem entsprechenden Management und einer guten Kapitalausstattung" ist also jedes Problem zu lösen, nur eben nicht die schwierige Aufgabe, aus ganz normalen Menschen moralisch handelnde Bilderbuch-Menschen zu machen.

Silvio Gesell war der Meinung, das sei auch gar nicht nötig. Ich kann mich noch gut daran erinnern, von dieser frappierenden Sicht der Dinge ebenso überrascht gewesen zu sein, wie über den unerwarteten Vorschlag Gesells, den Müttern aus der Bodenrente ein Gehalt zu zahlen, das allen Müttern dieser Erde ein menschenwürdiges Leben garantiert. Wenn der Mensch nicht besser werden muß, was in zweitausendjähriger Kleinarbeit der christlichen Kirchen ja ohnehin nicht erreicht worden ist, weil zur Genüge bewiesen wurde, daß er gar nicht "besser" werden kann, könnte man ja zur Tagesordnung übergehen, sofort losschlagen, endlich anfangen! So ist es. Oder sollten wir vielleicht doch erst einmal begründen, weshalb der Mensch so unvollkommen wie er angeblich ist auch ruhig bleiben kann? Ist er denn wirklich so unvollkommen? Oder ist es nicht vielmehr so, daß die Bedingungen, unter denen der Mensch weltweit leben oder leiden muß, sein Verhalten mitbestimmen und somit der völlig falsche Eindruck entstehen konnte, sein Gehirn sei eine Fehlkonstruktion der Schöpfung und bedürfe der moralischen Nachbesserung?

Gesell findet ihn also gut genug, ja sogar hervorragend geeignet, die grundlegenden Mängel der Gesellschaft aus eigener Kraft in ihr Gegenteil zu verwandeln. Das möchte man gerne glauben. Ein Blick auf den täglichen Wahnsinn der Umweltzerstörung und der sozialen Erosion lassen jedoch Zweifel aufkommen, ob menschengemachtes Elend auch von ganz normalen Menschen wieder beseitigt und in Zukunft vermieden werden kann. Doch, es geht. Ja, es geht wirklich, wenn wir endlich begreifen, daß der lange Hebel, den wir ansetzen müssen, um die im Wege liegenden Steine wegzuräumen, sich in unseren Händen befinden muß und nicht in den Händen des großen Kapitals. Ohne Hebel ist der Stein zu schwer für uns. Das leuchtet jedem ein, der den Felsblock in seiner ganzen Größe erkennt. Das Gewicht ist geradezu erschreckend, und mit einer normalen Brechstange ist da wirklich nichts zu machen. Ein richtiger Hebelarm muß her, ein Balken. Wo mag dieser Balken wohl sein? Wer hat ihn; wer hat ihn versteckt? Wer hindert uns eigentlich daran, alle Hebel in Bewegung zu setzen; wer fürchtet sich davor, uns am längeren Hebel wiederzufinden?

Jetzt nur keine Panik; alles schön der Reihe nach: Die Erkenntnis, daß uns dieser Hebel noch fehlt, spricht doch bereits für die Tatsache, daß wir dem Ziel schon etwas näher gekommen sind, denn im Vergleich zu denen, die den Stein ja gar nicht heben wollen und einen Hebel darum auch nicht vermissen, sind wir bereits klar im Vorteil. So ist das also; nicht das Gewicht oder der Schwierigkeitsgrad einer Aufgabe sind das Problem, sondern die Unfähigkeit der Betroffenen, Handlungsbedarf und Ursachen zu erkennen und die Überwindung von Schwierigkeiten als eine Art Sport zu betrachten und zu betreiben. Unser heutiges Bodenrecht und Geldsystem sind Steine, die uns im Wege liegen, aber immer noch keine Steine des Anstoßes sind, weil die Menschen das von Menschen erdachte und gemachte Geld in seiner jetzigen Form geradezu verehren. Die einen, weil sie genug davon haben und die segensreiche Wirkung des Geldes tagtäglich lustvoll erleben, und die anderen, weil sie gerne mehr davon hätten und den Geldmangel tagtäglich mehr oder weniger schwer erleiden. Ja, wenn Boden und Geld wenigstens ein Thema wären wie zum Beispiel die letzte Theaterkritik oder das neue Buch von - "na wie hieß der doch gleich"; aber nein, Geld ist auch bei denen, die sich für intellektuell oder fortschrittlich halten, überhaupt kein Thema. "Geld", hat mir mal einer gesagt, "ist eben Geld. Was soll man da groß drüber reden? Entweder man hat es, oder man hat es nicht." Erst wenn es um das Geldverdienen, um Steuerspartricks oder neue Anlageformen geht, ist Geld ein Thema. Eine Diskussion über die eigentliche Aufgabe des Geldes - vor allem ein Tauschmittel zu sein - findet nicht statt. Das Geld in seiner jetzigen Form in Frage zu stellen, steht nicht zur Diskussion. Die Bereitschaft, über die fundamentale Funktion des Geldes und über die verheerende Wirkung des Zinses zu diskutieren, ist wohl auch deshalb so gering, weil es einfach keinen Spaß macht, in einen Themenbereich hineingezogen zu werden, von dem man noch zu wenig versteht. So unterhalten sich beispielsweise Tischtennistrainer ja auch am liebsten über Tischtennis, während sie sich mit Aussagen über den Einfluß des Mondes auf die Häufgkeit von Ladendiebstählen auffallend zurückhalten. Sobald wir dem Tischtennistrainer aber darlegen können, daß sein Traum von einer eigenen Tischtennishalle durch ein zinsloses Darlehen relativ leicht realisiert werden könnte, steigt seine Bereitschaft, dieser Behauptung auf den Grund zu gehen. Wie ein Iltis, der Hühnerblut gerochen hat, wird sich der Tischtennistrainer jetzt auch nicht mehr davon abbringen lassen, dem Erkennen und Staunen das Lernen und schließlich das zielgerichtete Handeln folgen zu lassen. Es ist also von Fall zu Fall die Frage zu klären, wie die allgemeine Lust am Diskutieren auf das Wirtschaftssystem und die Geldordnung gelenkt werden kann.

Wie machen es denn die Firmen, um eine neue Mode zu kreieren? Um beispielsweise den schleppenden Absatz von Sportschuhen wieder auf Vordermann zu bringen, erfindet die Firma Adidas neue Sportarten, die - und jetzt kommt die kecke Idee - nur mit Spezialsportschuhen, die bei der Konkurrenz noch nicht zu haben sind, wettkampfmäßig ausgeübt werden können. Um die neue Sportart "Streetball" zum Beispiel nicht im Lachkrampf der Konkurrenten untergehen zu lassen, werden laut SPIEGEL mit einem Millionenaufwand fünfzig Turniere so über das Land verteilt, daß der Konkurrenz das Lachen vergeht und selbst auf Helgoland die Kinder Wind davon bekommen und dann von Stund an auf die fußgesunden Sandalen verzichten, um sich einen heißen Sommer lang Schweißfüße und den Fußpilz fürs Leben zu holen. Darauf angesprochen, stellen seriöse Sportler - darunter leitende Angestellte - ganz erschrocken fest, daß es ja gar nicht ihre eigene Entscheidung war, in dieser oder jener Sportart regelrecht aufzublühen und über sich hinauszuwachsen, sondern ein schönes Stück Umsatzstrategie einer besonders tüchtigen Werbeagentur.

Wenn es also möglich ist, die Menschen sich heute etwas wünschen zu lassen, was sie gestern noch gar nicht gejuckt hat, dann sollte es doch auch möglich sein, das Interesse der Menschen auf die enorme Bedeutung einer Geld- und Bodendiskussion zu lenken, um so den Boden, das Geld und den Zins ins Gerede zu bringen. Der englische Nationalökonom Prof. John Maynard Keynes hat einmal gesagt: "Schwierig sind nicht die neuen Gedanken; schwierig ist nur, von den alten loszukommen." Er selbst war in dieser Hinsicht kein gutes Vorbild, denn obwohl er in seiner "Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" zugab, daß Silvio Gesell die richtigen Erkenntnisse gehabt habe, ließ er sich dann doch nicht davon abbringen, seinem eigenen Weg (der kontrollierten Staatsverschuldung zur Belebung der Konjunktur und zur Schaffung von Arbeitplätzen) treu zu bleiben; ein Weg übrigens, der die Industrienationen in eine fast ausweglose Sackgasse der Überverschuldung geführt hat. John Maynard Keynes hat es damals in der Hand gehabt, sein hohes Ansehen in die Waagschale der Natürlichen Wirtschaftsordnung Silvio Gesells zu legen und ihr damit zum Durchbruch zu verhelfen.

Aber wer konnte und wollte in den dreißiger und vierziger Jahren (der Judenverfolgung und des Krieges) schon zugeben, einem Deutschen unterlegen zu sein? Ob es Selbstüberschätzung war, Unterschätzung Silvio Gesells, falscher Ehrgeiz oder gar Kollegenneid, das sei dahingestellt. Wo die großen Zugpferde fehlen, müssen viele kleine an ihre Stelle treten, um die Karre aus dem Dreck zu ziehen. Mit dem Diavortrag "Wer hat Angst vor Silvio Gesell?" und dem vorliegenden Buch soll versucht werden, die unerhörte Rolle der Schulen und der Medien beim Verschweigen der Natürlichen Wirtschaftsordnung angemessen zu beleuchten. Nach den Erfahrungen des Philosophen Arthur Schopenhauer folgt dem Totschweigen einer großen Idee der Versuch, das bisher Verschwiegene lächerlich zu machen, um es in einer dritten Phase schließlich für selbstverständlich zu erklären. Plötzlich behaupten alle, schon immer dafür gewesen zu sein! Der Übergang vom Totschweigen (Phase I) zum Lächerlichmachen (Phase II) verliert seine Stoßkraft - so hoffe ich - wenn er einer Krankheit gleich auf geimpfte und bestens vorbereitete Menschen stößt, die sich dank ihrer Sachkunde mit überzeugenden Argumenten zur Wehr setzen können. Die Selbstverständlichkeit (Phase III) einer bahnbrechenden Idee ist dann nur noch eine Frage der Zeit und eine Frage der Sehnsucht aller benachteiligten Menschen nach Gerechtigkeit.

Der Freiwirt Werner Onken, Herausgeber des Gesamtwerkes Silvio Gesells, glaubte bereits 1991, man befinde sich jetzt irgendwo zwischen den Phasen II und III. Diese optimistische Annahme habe ich durch Publikumsbefragungen (in Fußgängerzonen und vor Banken) leider nicht bestätigt finden können. Ganz eindeutig befinden sich noch immer über 90% der erwachsenen Bevölkerung in der Phase I; das heißt, diese Menschen haben noch nie etwas von Silvio Gesell und der Natürlichen Wirtschaftsordnung gehört, weil es ihnen zuhause, in der Schule , an der Uni, in der Kirche, in der Presse, im Hörfunk und im Fernsehen verschwiegen wurde. Wer nicht zufällig einem Freiwirt über den Weg läuft, über eine freiwirtschaftliche Zeitung stolpert oder ein Hellseher ist, bleibt unwissend. Daß man es denen, die das Vermächtnis Silvio Gesells längst an Schüler und Studenten hätten weiterreichen sollen, ebenfalls verschwieg, sei in diesem Zusammenhang ausdrücklich erwähnt, um ungerechtfertigte Schuldzuweisungen zu vermeiden. Haben wir die Lehrer, Professoren und Journalisten aber erst einmal an einem Strauß Maiglöckchen riechen lassen (einmal tief durchatmen), können diese anschließend nie wieder behaupten, vom herrlichen Duft dieser Blume keine Ahnung zu haben. Der ganz spezielle Wohlgeruch dieser Pflanze hinterlässt, ob wir es wollen oder nicht, eine unauslöschliche Spur, die auch noch nach Jahren und Jahrzehnten dem Erinnerungsvermögen entlockt werden kann.

Grünes Gedankengut ist in der Politik (und in der Presse!) auch zunächst absichtlich verschwiegen worden. Dann wurden zum Beispiel die Grünen als naive Spinner lächerlich gemacht, und heute lesen sich die Parteiprogramme der großen Parteien zumindest stellenweise so, als hätte sich "der grüne Hacker" Joschka Fischer im Computer der CDU-Programmkommission installiert. In den letzten 15 Jahren sind Reizthemen wie zum Beispiel Naturschutz, ökologischer Landbau, Giftmüll und Energieversorgung durch diese 3-Phasenmühle gegangen und unten mehr oder weniger ramponiert wieder herausgekommen. Die Themen Bodenrecht und Geldsystem waren nicht dabei. Vielleicht ist das auch gut so, denn uns stehen inzwischen wertvolle Erfahrungen im Umgang mit unbelehrbaren Betonköpfen zur Verfügung, die uns so manche Mühe und den einen oder andern Umweg ersparen helfen. Die Einsicht in die Tatsache, daß Gesell auch im Jahre 1995 noch immer weitgehend unbekannt ist, erspart uns jedenfalls die schmerzliche Erfahrung, versehentlich den zweiten Schritt vor den ersten zu tun. Da jetzt Arbeit auf uns zukommt, sei zur Beruhigung noch mal daran erinnert, daß wir es hier mit einem unermeßlichen Schatz zu tun haben, der die Ausgrabungsarbeiten spannend werden läßt. Es mag ja Steine des Anstoßes geben, die ein erschreckend hohes Gewicht haben und darum einfach liegenbleiben müssen, doch vor dem Gewicht einer Schatztruhe wird noch kein ehrlicher Finder zurückgewichen sein; sie kann ihm - der Finderlohn läßt grüßen - gar nicht schwer genug sein.

Soziale Gerechtigkeit im olympischen Feuer

Demokratie ist eine feine Sache. Zusammen mit der Marktwirtschaft gestattet sie ein Leben in Würde und Gerechtigkeit. Wenn nun aber die Marktwirtschaft - wie in Deutschland geschehen - zu einer ganz brutalen Zinswirtschaft verkommt, bleiben die unbestreitbaren Vorzüge und Segnungen der Demokratie fast nur noch einer kleinen Minderheit vorbehalten. Auf die olympische Disziplin des 100-m-Laufs übertragen, führt die Zinswirtschaft (in der Demokratie) zu folgenden Konsequenzen: Arbeiter, Angestellte, Beamte, Künstler, Freiberufler, kleine und mitllere Unternehmer starten - wie sich das gehört- genau 100 Meter vor der Ziellinie. Millionäre genießen dagegen das Privileg, auf halber Strecke starten zu dürfen, während den Milliardären sogar das Recht eingeräumt wird, nur die letzten 10 Meter der Aschenbahn zurücklegen zu müssen, um die Gold- und Silbermedaillen nahezu kampflos einsacken zu können. Wo bleibt hier die olympische Fairneß? Und wo bleiben Gerechtigkeit und Chancengleichheit? Auf der Strecke natürlich! Um diese unschöne und ja auch nicht wählerwirksame Bevorzugung der wohlhabenden "Athleten" wenigsten statistisch in den Griff zu kriegen, sprich: vergessen zu machen, läßt man in der Zinswirtschaft die Wohnsitzlosen, Asylbewerber, Arbeitslosen, Behinderten und Alleinerziehenden ganz einfach eine entsprechend längere Strecke durchlaufen (Chancenausgleich) und kommt so zu der statistisch erfreulichen Tatsache, daß im Durchschnitt alle exakt 100 Meter weit gelaufen sind. Demnach hat der Bundeskanzler so unrecht nun auch wieder nicht, wenn er meint, daß es uns immer noch verhältnismäßig gut geht und allen Bürgerinnen und Bürgern, die in diesem Staat mit Optimismus und Tatkraft an den Start gehen, eine echte Chance geboten wird. Na also!

11. Der Ariadnefaden

Unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem läßt die Reichen immer reicher und die Armen immer zahlreicher werden. Da sich dieser peinliche Skandal nicht mehr bestreiten läßt, wird er in der Presse verharmlost, in der Politik vertuscht und in der Schule verschwiegen. Wer es nicht glaubt, studiere doch nur mal die Schulbücher und frage sich dann, wie es zu dieser Unterschlagung kommen konnte! Sogenannte Schulbuchkommissionen, die der Laie für neutral und kompetent hält, sind - oft ohne es zu wissen - Marionetten des herrschenden Geldes. Mit am runden Tisch sitzt die Angst vor Silvio Gesell.
Da wir in einer Angstgesellschaft leben, die voller Risiken ist, sei zunächst auf den Unterschied zwischen ängstlich und mutig hingewiesen, denn wir werden das Wissen um diese Unterschiede bitter nötig haben. Angst oder Feigheit blockieren den Fleiß und die Kreativität jener Menschen, die eine Gefahr, z.B. die Gefahr, sich lächerlich zu machen, immer etwas höher einschätzen, als sie tatsächlich ist. Diese Menschen sind also nicht in der Lage, die Größe eines Risikos realistisch einzuschätzen und halten z.B. den Mund, obwohl sie in einer politischen Versammlung dem Vorredner gern widersprechen würden. Ihre völlig unbegründete Angst, sich zu blamieren, ist oft nur geringfügig größer als das Bedürfnis, dem Vorredner zu widersprechen. Das Leben dieser bedauernswerten Menschen ist eine Kette von Unterlassungen. Der Ängstliche bleibt folglich auf einem Schatz ungenutzter Möglichkeiten sitzen, oft ohne zu wissen und zu bedenken, daß diese "Zurückhaltung" nicht nur ihm selbst und seiner Familie, sondern auch der Gesellschaft Schaden zufügt. Wenn diese Menschen nur wüßten, wie wenig sie von den Mutigen trennt, sie würden dieses Wenige einfach zur Seite schieben und ihrem Leben eine Wende geben. Was man an Mutigen so bewundert, ist nichts anderes als deren angeborene (aber auch erlernbare!) Fähigkeit, eine Gefahr ganz nüchtern richtig einschätzen zu können. Mutige werden also ohne Mühe dort aktiv, wo andere ihnen ängstlich das Feld überlassen. Ich würde den Mutigen nicht unbedingt als den besseren oder gar edleren Menschen bezeichnen, denn selbstverständlich kann der Mut auch zu verbrecherischen Handlungen mißbraucht werden, doch ist das Mutigsein grundsätzlich erstrebenswert und aufgrund seiner relativen Seltenheit und Nützlichkeit auch schützenswert. Darum sei gegebenenfalls der eigene Weg zum Mutigsein (durch Übung!) auch stets begleitet von der Notwendigkeit, die Ängstlichen zu ermutigen und die Mutigen zu schützen.

Ein Redakteur z.B., der die Verherrlichung des Saufens auf dem Münchner Oktoberfest unter Hinweis auf die ca. 100.000 Alkoholtoten pro Jahr mit den geradezu niedlich erscheinenden 1500 Drogentoten pro Jahr zu vergleichen wagt, ist zweifellos mutig. Sollte nun eine große Brauerei seinen Rausschmiß fordern und andernfalls die betreffende Zeitung mit einem totalen Anzeigenboykott bedrohen, könnte folgende Arbeitsteilung die Mutigen und Ängstlichen unter einen Hut bringen: Mutige Redakteure werden sich mit dem Kollegen solidarisieren, aber auch den unverschämten Erpressungsversuch der Brauerei in der gleichen Zeitung publik machen, um auch die Leser dieser Zeitung - und zwar sowohl die mutigen als auch die ängstlichen - mobilisieren zu können. Mutige Leser stellen sich dann meinetwegen mit einer Pauke vor die Werkstore der Brauerei, um selbstgemalte Transparente unter Trommelwirbel hochzuhalten, während ängstliche Leser im heimischen Supermarkt klammheimlich auf eine andere Biermarke umsteigen, um das Bier der besagten Brauerei in den Regalen so lange schal werden zu lassen, bis die Brauerei zu Felde gekrochen kommt.
Anstatt sich also einreden zu lassen, individueller Widerstand sei doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, werde man selbst zum steten Tropfen, der sich mit anderen Tropfen zu Rinnsalen vereint, die Bäche anschwellen und schließlich Flüsse über die Ufer treten lassen. Wer sich dagegen das eigene Aktivwerden ängstlich versagt (wie normalerweise üblich), verdampft vor der Geschichte wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Nicht vor dem Älterwerden und vor dem Sterben habe man Angst, sondern vor der späten und zu späten Erkenntnis, vor lauter Angst das Notwendige und das Menschenmögliche im Leben nicht getan zu haben. Sobald dem Ängstlichen klar wird, daß der Mutige ebenfalls sehr vorsichtig und verantwortungsbewußt zu sein pflegt, mutiges Handeln also weder unvorsichtig noch leichtsinnig ist, steht er mit einem Bein bereits im schwankenden Boot, das um so weniger kentert, je tiefer er sich hineinsetzt. Das persönliche Ziel, mutig sein zu wollen oder mutig zu werden ist schon deshalb niemals lächerlich, weil uns das Boot zu bisher unerreichbaren Ufern trägt, die uns das Ängstlichbleiben niemals gezeigt haben würde.
Der englische Dramatiker und Nobelpreisträger George Bernhard Shaw hat mal gestanden: "Nur wenige Menschen haben durch bloße Feigheit mehr gelitten oder haben sich deswegen schrecklicher geschämt als ich." Auf die Frage, wie er es dennoch geschafft habe, seine geradezu krankhafte Schüchternheit zu überwinden und zu einem der größten Redner dieses Jahrhunderts aufzusteigen, antwortete er einem Journalisten: "Ich habe es auf die gleiche Weise gelernt, wie ich das Schlittschuhlaufen gelernt habe, indem ich mich mit Ausdauer zum Narren machte, bis ich es konnte." (Carnegie: Rede) Shaw konnte nicht nur, er wollte es auch können, denn er hatte den Entschluß gefaßt, seinen größten Mangel in seinen größten Vorzug zu verwandeln. Was für ein Vorbild! Kinder, die in einem Tret- oder Ruderboot über den eigenen Kurs entscheiden können, lernen das Mutigsein früher als Kinder, die mit ihren Eltern artig auf einem Dampfer sitzen und an Entscheidungsmöglichkeiten nur die Wahl zwischen Käsesahne- und Schwarzwaldtorte haben. Die Gesellschaft (des herrschenden Geldes) fördert in erster Linie die Bereitschaft, sich ungefragt abfüttern und abspeisen zu lassen. "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" und ähnliche "Weisheiten" wurden aus dem Bemühen heraus geboren (und den Kindern in der Schule eingetrichtert), an den jeweiligen Säulen der Gesellschaft nicht rütteln zu lassen. Die Staatsführung sieht es gern, wenn sich die Bürger mit dem Stück, das gerade aufgeführt wird, abfinden. Man schwadroniert zwar gern und oft vom mündigen Bürger, hofft aber insgeheim, daß er diese Aufforderung zum selbständigen Denken und Handeln nicht allzu wörtlich nimmt - wohl wissend, daß ein Volk der Mutigen und Aufgeklärten die jetzige Regierung zum Teufel jagen würde. Obwohl sie das wissen oder wenigstens ahnen, vertrauen die Gewählten der Tatsache, daß sich die Mehrheit der Bevölkerung mit den Machtmitteln des Geldes und der Medien immer noch verhältnismäßig leicht für dumm verkaufen läßt; und die Mehrheit entscheidet nun mal. Gegen diese Wand anzurennen, wäre töricht und somit auch keineswegs mutig. Ich halte nichts davon, "mit dem Mut der Verzweiflung" ausgerechnet die wertvolle Grundlage der Demokratie, das Mehrheitswahlrecht, anzutasten, sondern bin durchaus der Meinung, daß eine Mehrheit, wie immer sie ausfallen möge, respektiert werden muß. Wenn nun aber diese Mehrheit durch die kapitalgesteuerten Medien hinters Licht geführt wird, indem man ihr verschweigt, wie schamlos sie durch den vermeidbaren Zins und die in private Taschen fließende Bodenrente ausgeplündert wird und wie einfach es wäre, die unsoziale Verteilung des Geldes zu beenden, sollte diese Form von "Demokratie" zur Diskussion gestellt werden dürfen. Das beliebte Spielchen, beim Thema Demokratie Maulkörbe zu verteilen und Denkverbote in Kraft treten zu lassen, ist eine Erfindung und Spielregel des herrschenden Geldes, an die sich sogar die Kirchen halten. Die Kirchen wenden sich bekanntlich höheren Zielen zu, indem sie das irdische Leben mit dem Jenseits vergleichen. Spielt es da überhaupt noch eine Rolle, wenn dieses erbärmlich kurze Erdendasein für immer mehr Menschen bis zur Unerträglichkeit von der grundgesetzlich ausdrücklich verbrieften Würde des Menschen entfernt ist - angesichts einer unendlich langen Ewigkeit in Glückseligkeit? Die Gelassenheit, mit der gläubige Christen auf Erden den höllischen Zins ertragen und akzeptieren, ist ein Triumph des Kapitals, der sich in barer Münze auszahlt. Irdische Höllenqualen, die im Vergleich zur jauchzenden Ewigkeit ja nur eine Sekunde lang ertragen werden müssen, können für gläubige Christen verständlicherweise kein Anlaß sein, über den Deckel der Bibel hinauszuschauen, um einen Blick durch das Nadelöhr auf die Ursachen des Elends so entsetzlich vieler Menschen zu riskieren. Die Kompetenzanmaßung der Kirchen in Moralfragen steht also im Widerstreit zum Gewährenlassen der Absahner von Bodenrente und Zins und im Hofieren der Krisenverursacher und Kriegsgewinnler. Zugegeben, ich würde vermutlich auch kuschen, wenn ich vom ewigen Leben im Jenseits knallhart und per Garantieschein überzeugt werden könnte.
Mein Vorwurf an die Kirchen, mit dem großen Kapital indirekt gemeinsame Sache zu machen, reduziert sich daher auf jene Christen und Mitläufer, die den Ewigkeitsverheißungen nicht so recht trauen und darum doch eigentlich gut beraten wären, das Paradies vorsorglich schon mal zu Lebzeiten - und zwar auf Erden - installieren zu helfen. Die Bereitschaft der Kirchen, zumindest am Rande von Kirchentagen eine Aufklärung über die verheerende Rolle des herrschenden Geldes zu gestatten, sei in diesem Zusammenhang jedoch ausdrücklich erwähnt. Daß die Bischöfe seit einigen Jahren von der Kanzel herab die Bewahrung der Schöpfung predigen und predigen lassen, über die fundamentale Bedeutung eines dienenden Geldes jedoch kein Wort verlieren, zeigt jedoch, wie "erfolgreich" Silvio Gesell noch immer verschwiegen werden kann. Den Finanzmächtigen ist es also gelungen, selbst jene Bastionen zu erobern, die fast schon nicht mehr von dieser Welt sind. Mir fällt im Moment auch keine Ritze ein, in die das Zinsgift nicht längst eingesickert wäre und bei Bedarf hervorgequollen käme. Diese Ernüchterung möge als Versuch gewertet werden, einen Tiefpunkt der menschlichen Entwicklung zu orten, ab dem es dann aber auch wirklich nur noch aufwärts gehen kann. Was hätte es für einen Zweck, den bevorstehenden Widerstand bei der Reform der heutigen Zinswirtschaft zu ignorieren oder zu unterschätzen? Wir laufen ja so schon Gefahr, vom Hohngelächter der Zinseszinsler gebeutelt zu werden; da ist es gut, von der eigenen (momentanen) Machtlosigkeit eine klare Vorstellung zu haben, damit d


Last edited by alwis on 14.10.2007, 00:26, edited 1 time in total.

Top
 Profile  
 
 Post subject: gut und lesenswert
PostPosted: 06.10.2007, 10:07 
Gut und lesenswert - wenn auch mit etwas Zeitaufwand!


Top
  
 
Display posts from previous:  Sort by  
Post new topic Reply to topic  [ 2 posts ] 

All times are UTC + 1 hour [ DST ]


Who is online

Users browsing this forum: No registered users and 1 guest


You cannot post new topics in this forum
You cannot reply to topics in this forum
You cannot edit your posts in this forum
You cannot delete your posts in this forum
You cannot post attachments in this forum

Search for:
Jump to:  
cron
Powered by phpBB® Forum. Software © phpBB Group