Familienpolitik

Diskussionen über Familienpolitik in Österreich und Europa
It is currently 23.11.2017, 15:12

All times are UTC + 1 hour [ DST ]




Post new topic Reply to topic  [ 11 posts ] 
Author Message
PostPosted: 19.10.2007, 20:59 
Offline
Site Admin

Joined: 28.08.2006, 08:49
Posts: 1246
Location: Österreich/Austria
Der Kommunismus hat versagt;
Kapitalismus und Neoliberalismus führen zu gigantischen wirtschaftlichen Ungleichgewichten und gefährden den Frieden;

Gibt es einen dritten Weg?



Mit wachsender Sorge beobachte ich, wie mittels Finanztransaktionen gigantisch mehr Einkommen erzielt werden kann als mit Arbeit.
Aber dieses „Einkommen“ muß ja auch von irgendwo herkommen!

Es gibt z.B. Autokonzerne, die mit der Produktion von Autos Verlust machen, mit ihrer Finanzsparte aber Gewinne.
Wenn sie also jede Produktion einstellten, würden sie noch mehr Gewinn machen.
Woher kommen diese Gewinne? Wer zahlt dafür den Preis?

Fonds spekulieren mit Geld, das sie hin- und herschieben und mit weiteren Aktionen,
die wie Wetten funktionieren und erzielen damit z.T. exorbitant hohe Gewinne.
Diesen Gewinnen müssen auf der anderen Seite Verluste gegenüberstehen.
Wer macht die Verluste bzw. wer bezahlt die Gewinne der Fonds?

Vermögensberater sind landauf landab unterwegs und machen den kleinen Leuten Hoffnung,
sie könnten ohne Arbeit reich werden.
Manche werden tatsächlich reich, aber bekanntlich werden die kleinen Fische von den großen Fischen gefressen.

Dieses Einkommen durch Geldverschieben würgt die produzierende Wirtschaft ab
(nach Paul Schulmeister, Interview im Trend, Sommer 2007).


:!: Da stimmt doch etwas nicht!

:!: Mich würde sehr interessieren, was Sie von den folgenden Aussagen und Lösungsvorschlägen halten!

:arrow: Einkommen durch Verschieben von Kapital, also ohne „echte“ Arbeit, kommt einem Diebstahl an den arbeitenden Menschen gleich, und zwar an allen, ob Unternehmer, Freiberufler oder Arbeitnehmer!
:arrow: Neoliberalismus führt große Bevölkerungsteile in die Armut!
:arrow: Falsche Geldordnung führt zu systembedingter Ausbeutung der Arbeitenden!
:arrow: Die Zinswirtschaft enthält eine strukturelle Sünde!
(Das Zinsnehmen war übrigens im Christentum bis in die Neuzeit hinein verboten:
:arrow: Noch 1745 wandte sich Papst Benedikt XIV. in der an die hohe Geistlichkeit Italiens adressierte Enzyklika Vix pervenit entschieden gegen den Zins. In § 3, Absatz I heißt es: Die Sünde, die usura heißt und im Darlehensvertrag ihren eigentlichen Sitz und Ursprung hat, beruht darin, dass jemand aus dem Darlehen selbst für sich mehr zurückverlangt, als der andere von ihm empfangen hat [...] Jeder Gewinn, der die geliehene Summe übersteigt, ist deshalb unerlaubt und wucherisch.)
:arrow: Nach Silvio Gesells Freiwirtschaftslehre bringt das Ende der Zinswirtschaft Arbeit, Wohlstand und Frieden für alle!


Wer mehr erfahren möchte, wird hier fündig:

Silvio Gesell

oder auf folgenden Seiten:

Zinsverbot - Information auf Wikipedia

Die Stiftung für Reform der Geld- und Bodenordnung
Marktwirtschaft ohne Kapitalismus!
..... die Gemeinschaftsgüter Geld und Boden in eine Verfassung zu bringen, in der sie allen Menschen dienen und in der ihre individuelle Nutzung nur noch im Rahmen des Gemeinwohls möglich ist.

Die Sozialwissenschaftliche Gesellschaft will die Diskussion um eine monopol- und damit kapitalismusfreie Marktwirtschaft fördern.

Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung

Christen für gerechte Wirtschaftsordnung:
"... damit Geld dient und nicht regiert"
"Wenn du (einem aus) meinem Volke Geld leihst, einem Armen neben dir, so handle an ihm nicht wie ein Wucherer; ihr sollt ihm keinen Zins auflegen." (2. Mose 22, 25; s. auch 3. Mose 25, 35-37 und 5. Mose 23, 19-20)

Pax Christi

Seminar für freiheitliche Ordnung e.V.

Userpage FU-Berlin, Materialien zur Geld-, Zins- und Schuldenproblematik

Regiogeld e.V., Verband der Regiogeld-Initiativen

Tiroler Stunde - Regiogeld für Tirol

Antworten, Meinungen, kritische Anmerkungen und weiterführende Fragen sind erbeten an:
alois@wolfmayr.org;


Last edited by alwis on 12.05.2008, 06:01, edited 7 times in total.

Top
 Profile  
 
PostPosted: 24.10.2007, 13:49 
„Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse,aber. nicht für jedermanns Gier!" (Mahatma Ghandi)


Top
  
 
PostPosted: 04.11.2007, 01:48 
Frau J.M. Niederösterreich:

Danke,
ich freue mich sehr über diese Ihre Aussendung. Allerdings hat die Sache mit der Freiwirtschaftslehre auch Haken. Ihre Vertreter sind davon überzeugt, dass sich der Markt im freien Wettbewerb regelt, und sie die Vorstellung, dass es bereits ein fertiges Modell für neues Geld gäbe, welches nur umgesetzt werden müsste.
„Neue Geleise“, für politische Weichenstellung brauchen aber ein sehr weites Mitdenken, Studienprojekte, welche Vor- und Nachteile genau aufzuzeigen im Stande wären.
Allerdings, so sehe ich es, wäre allein schon eine Enttabuisierung ein Riesenschritt und da haben wir alle zuerst von Freiwirten gelernt.
Übrigens, auch im Kommunismus funktionierte Geld kapitalistisch.
____________________________________________________________
Herr A.P., Niederösterreich:

ich bedanke mich für Ihre untenstehende Nachricht. Dazu ein paar persönliche Gedanken:

:arrow: Ich habe eine Arbeitsbroschüre geschrieben. „3-5-4“ ist das Produkt 40-jähriger Forschungsarbeit. Ich schicke sie Ihnen noch einmal zu.

:arrow: Gleichzeitig schicke ich Ihnen ein Sozialdokument, wo diese Gedanken nochmals in stark verdichteter und einfacher Form dargestellt sind.

:arrow: Im übrigen laufen die Bestrebungen für eine gerechte Wirtschaftsordnung seit Aristoteles, wenn nicht noch aus früherer Zeit (Lykurg-Sparta).

• Es gibt auch eine Reihe wichtiger christlicher Wirtschaftsethiker und Reformer:
AT +NT, Urkirche, Thomas von Aquin, Papst Benedikt XIV., Carl Freiherr von Vogelsang,
Wilhelm Hohoff, DDDDr. Johannes Ude, DDr. Johannes Kleinhappl S.J., Anton Orel, Dr. Ernst van Loen u.v.a. Ein ganz wichtiges Dokument ist das Seperatvotum von Carl Vogelsang aus 1884.

Es gab auch einen christlichen Reformerzweig unter Freiherr Carl von Vogelsang, der sich leider in der Kirche und auch in der ÖVP nicht wirklich durchsetzen konnte. Übrig geblieben ist lediglich der Name Vogelsang für das Parteihaus in der Tivoligasse im 12., Wiener Gemeindebezirk.
Der ÖAAB hat die ihm gewährte Chance nie begriffen.
Ebenso nicht die sozialistische Arbeiterpartei.
Sie alle ließen sich vom kapitalistischen Speck ködern und verloren ihre politische Unschuld und damit das Mandat für die Menschen sinnvoll und fruchtbar tätig zu werden. Ihre Zeit ist bereits lange abgelaufen und wenn es nicht gelingt, neue politische, demokratische Plattformen zu schaffen, werden wir einen noch nie da gewesenen Niedergang erleben – weil global.
Und es gibt diesmal keine Ausweichmöglichkeit mehr.

Sehen Sie sich doch bitte auch unsere HP-Startseite an www.inwo.at
____________________________________________________________

Herr NR W.P. aus Oberösterreich:

herzlichen Dank für Ihr interessantes Mail,

die von Ihnen aufgezeigten Kritikpunkte sind ernstzunehmende Probleme
die leider von der internationalen (und auch österr. Politik) leider allzugerne ignoriert werden.....

andererseits sind effiziente Lösungskonzepte (außer in der Theorie) derzeit kaum in "Praxis" anzusehen......
____________________________________________________________

Herr K.S. aus der Steiermark

bin mir nicht sicher, dass der kommunismus versagt hat, bei uns hat er ja bis 1995 bestens funktioniert, denn was war denn die verstaatlichte, die sozialpartnerschaft und parteipolitische packelei, das niedriglohnland und hochpreisland, der regulierte, protektionistische und kammeralistische staat (arbeiterkammer, wirtschaftskammer, ärztekammer,.............) anderes ?

freier zugang zur uni, gute schulen,übermäßige staatliche verwaltung mit entsprechenden arbeitsplätzen........möglichkeiten zum pfusch gepaart mit erreichtem relativen wohlstand....auch durften wir kaum ohne spezielle genehmigung devisen ausführen, wir hatten einen erdölkonzern, eine eigene fluglinie, eigene stromversorgung, eine eigene ddsg, eine tabakregie, sogar das spiel war monopolisiert........auch das salz !

das wollten wir ja alle nicht mehr, jetzt steigt der egoismus mit sinken der arbeitsstellen, gepaart natürlich mit dem verlust an wohlstand. profitieren tun die salzbarone und sonstige schnalzer von den sachen die ehemals uns oder dem staat gehörten.......

schau dir den taus an und sein kumpel der das lösegeld vom elsner gezahlt hat......

in bulgarien kauft er mit bawag gelder die dortige telekom um sie 2 jhre später ums 3 -fache der hiesigen telekom zu verkaufen...das gleiche haben sie jetzt in polen gemacht, bitte wer emöglicht den das ??????? der korumpierte haufen um die ehemalige öiag. schau einmal was der grasser für ein gangster ist, geht alles problemlos, den androsch hingegen hat der kreisky zumindest hinausgeworfen.

der sowjetstaat hatte das nicht erreicht, aber der kommunismus wird wieder kommen, auch die planwirtschaft, denn bei schwindenden ressourcen wird es keine neoliberale wachstumswirtschaft mehr geben können.

letzten sonntag in der "krone bunt" hat der dichand schon profezeit, dass in china gegen den ausbeuterischen turbokapitalismus, wieder ein kommunistischer volksaufstand kommen wird.

abgesehen davon war die sowjetunion der gegenpol, die hoffnung vieler......die kapitalistische bescheisserei konnte ja erst mit dem untergang der sowjetunion durchstarten.....

____________________________________________________________

Herr A.L., Niederösterreich

Ich bin auch bei diesem Thema ganz ihrer Meinung. So lange die gesellschaftliche Struktur selbst, insbesondere der Zins und das von der Wirtschaft her nötige Schuldenmachen, zu Ausbeutung und Armut auf der einen (großen) Seite und unermesslichen Reichtum auf der anderen (kleinen) Seite, ist alles Bemühen um Ausgleich und Gerechtigkeit von vornherein viel schwieriger (aber sicher nicht umsonst!)

Am Rande passt dazu auch etwas, was ich vor kurzem in Ö1 gehört habe: Da hat jemand aufgezählt, dass Förderung von erneuerbaren Energiequellen im eigenen Land sich mehrfach auszahlen würden:

1. Förderung der Umwelt

2. Förderung der heimischen Wirtschaft (Forschung, Produktion, Installation, ...)

3. Arbeitnehmer erhalten dadurch Geld, wofür sie im Inland Steuern zahlen (mit denen wiederum weiterhin erneuerbare Energieträger gefördert werden können), das sie wiederum im Inland ausgeben, wovon auch wieder Menschen in Österreich profitieren ... usw.
So läuft der Euro, der so investiert wird mehrmals um und schafft so eine vielfache Wertschöpfung im Inland, wovon eben die Bevölkerung und die Wirtschaft profitieren ...(diese Kreislaufwirtschaft wäre eben eine kleine Parallele zu dem Geldthema - überhaupt ist es wichtig, das Geld innerhalb lokaler Strukturen zu behalten - der Euro geht da aber ganz
in eine andere Richtung)

4. Erneuerbare Energiequellen gibt es normalerweise überall - niemand wird vertrieben, bedrängt oder verstoßen, ... -> so wird auch Frieden gefördert

Trotzdem werden riesige Geldbeträge, auch vom Staat, für nicht erneuerbare Energie ausgegeben, viel mehr als für andere Energiequellen.
Damit:
1. wird die Umwelt belastet (am Ort der Förderung und am Ort des Verbrauchs)
2. die Ölbesitzer sind weit weg, das an sie bezahlte Geld ist in Österreich nie wieder zu sehen, der Euro hat eine minimale Wertschöpfung (bisschen grob formuliert, natürlich gibt es die Tankstellen, die OMV, die Öllieferanten, aber in Summe ist das trotzdem viel weniger, weil der Hauptbetrag zu den Ölerzeugern und -lieferanten im Ausland geht und so ungerechte Strukturen noch fördert)
3. an vielen Orten der Welt findet Krieg um die knapper werdenden Ölreserven statt, Menschen werden vertrieben und heimatlos gemacht, ...
____________________________________________________________

Frau M.K., Oberösterreich

für mich ist die "Zinswirtschaft" - Wucher.
Ich denke da sind wir uns einig!


Top
  
 
PostPosted: 14.11.2007, 22:07 
Ist die Gefahr eines Dritten Weltkrieges heute schon wieder aktuell?

Gefahr eines Dritten Weltkrieges

Prof. Ernst Schwarcz
Prof. Ernst Schwarcz, geboren 1923 in Wien, ist Quäker und Ehrenvorsitzender des Internationalen Versöhnungsbundes, Österreichischer Zweig. Er lebte von 1939 bis 1946 in Schweden, wo er die Bedeutung des Friedensgedankens entdeckt und als 20-jähriger an Trainingskursen für den materiellen und geistigen Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg teilgenommen. 1946 kehrte er aus der Emigration nach Österreich zurück. Zuerst im Rahmen des "Internationalen Zivildienstes für den Frieden" und später als Chef des Sensen-Verlages Wien hat er sich Zeit seines Lebens für den Friedensgedanken eingesetzt. Ernst Schwarcz hat im Jahr 2005 ein Buch mit dem Titel "Zeitenwende" veröffentlicht, das sich mit den veränderten Gefahren der heutigen Zeit durch die Existenz der Atombombe beschäftigt.


In der biblischen Geschichte gibt es mehrere Beispiele dafür, dass Gott der Menschheit nicht nur wiederholt mit schweren Strafen und sogar mit der Vernichtung gedroht hat, weil er sich wegen ihrer Verderbtheit und wegen ihres Ungehorsams zutiefst ärgern musste, sondern dass er seine Drohungen auch in harte Taten umgesetzt hat. Im Alten Testament wird darüber berichtet. So sandte Gott am Höhepunkt seines Zorns die Sintflut. Aus dieser ist nur ein einziges Menschenpaar zusammen mit einer großen Zahl von Tier-Paaren auf der Arche Noah lebendig entkommen. Als die Menschen ihren Gott danach wieder mit dem Turmbau von Babylon herausforderten, strafte er sie mit der Verwirrung der Sprachen. Und als er schließlich von dem sündhaften Leben der Menschen in Sodom und Gomorra erfuhr, beschloss er die beiden Städte zu zerstören. Darüber steht in der Bibel, “dass Gott Schwefel und Feuer vom Himmel regnen ließ und die Städte vernichtete.”

Auch zwischen der Antike und der Neuzeit gab es immer wieder Perioden, in denen sich die Menschheit aus verschiedenen Gründen vor einem Weltuntergang fürchten musste. Als eines der Beispiele dafür sei Papst Sylvester II. genannt, der als Zeitpunkt für den Weltuntergang den 31. Dezember 999 die Jahrtausendwende ? nannte und damit in der christlichen Welt eine Massenhysterie auslöste. Für September 1186 verkündete der Astronom Johannes von Toledo, dass Erdbeben und Stürme den Weltuntergang einläuten werden, worauf in ganz Europa - ähnlich wie zur Jahrtausendwende - eine Massenhysterie ausbrach. Und 338 Jahre später hat eine große Zahl von Astronomen aufgrund einer unheilvollen Konstellation der Planeten Jupiter, Saturn und Mars für den 1. Februar 1524 eine riesige Sintflut und damit den Weltuntergang vorausgesagt. Damals flohen 20.000 Londoner auf die umliegenden Hügel ihrer Stadt, konnten aber am nächsten Tag trockenen Fußes wieder nach London zurückkehren. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass der Reformator Martin Luther gleich in drei verschiedenen Jahren den Weltuntergang vorausgesagt hat: 1532, 1538 und 1541.

Es ließen sich noch viele weitere Beispiele für einen prognostizierten Weltuntergang aufzählen. Festgehalten werden kann, dass es seit dem biblischen Altertum mehr als vier Jahrtausende lang zwar eine große Zahl von Warnungen vor einem Weltuntergang gegeben hat, dass es aber bis heute n i c h t zu einer “Wiederholung der Sintflut” das heißt zur Vernichtung der ganzen Menschheit gekommen ist.

Was aber seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in der Realität möglich geworden ist, ist die vollständige Zerstörung der menschlichen Zivilisation und die Vernichtung großer Teile der Menschheit nicht “wegen des Zornes Gottes” sondern wegen des “fehlgeleiteten Willens der politischen Machthaber”. Heute sind es nicht mehr die moralischen Defizite der Menschheit aus der Sicht Gottes, die zu einem Dritten Weltkrieg und damit zum Weltuntergang führen könnten, sondern die falschen weil im Endeffekt selbstmörderischen politischen und wirtschaftlichen Zielsetzungen großer politischer Gruppierungen.

Psychologisch könnte man hier auch von der “Macht des Bösen” sprechen, die das Denken der Menschen, vor allem der Politiker, derart verwirrt, dass sie die grundlegenden Bedingungen für ein friedliches Nebeneinander der Völker nicht erkennen können und auch gar nicht erkennen wollen. Sie haben nämlich, ohne viel nachzudenken, die seit vielen Jahrtausenden tief verwurzelten Denkweisen der Kriegsplanung und des Kriegführens auch dann noch beibehalten, nachdem eine völlig neue Situation entstanden war. Sie haben das neue Wissen von den bisher verborgen gewesenen Geheimnissen über das tiefste Wesen der Materie nämlich über die im Atomkern verborgene nahezu unendliche Kraft in ihrer sogenannten “Realpolitik” einfach nicht zur Kenntnis genommen.

-----------------------------

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, nachdem 1914 der Erste Weltkrieg als Folge von Großmacht-Rivalitäten begonnen hatte und nachdem dann 25 Jahre später 1939 der Zweite Weltkrieg als Folge von Hitlers Eroberungspolitik Europaweit entsetzliche Zerstörungen anrichtete, war für die Menschheit die bevorstehende tiefgehende Revolution noch nicht erkennbar. Sie bestand darin, dass ab dem Jahr 1945 der Weltuntergang als Folge der Entdeckung der Atomspaltung in der Realität möglich geworden ist. Diese fast unvorstellbar große Gefahr trat nach dem Abwurf der ersten beiden Atombomben über Hiroshima und Nagasaki ins Bewusstsein der Menschheit. Wobei nur wenigen bekannt ist, dass in den Arsenalen der USA nach dem Abwurf der beiden Bomben über Japan keine weiteren A-Bomben vorhanden waren. Erst mit dem Beginn des Kalten Krieges begann das mörderische atomare Wettrüsten, in dessen Folge die USA ca. 70.000 nukleare Sprengköpfe und die damalige UdSSR 55.000 Sprengköpfe produzierten. Am Ende des Ost-West-Konfliktes 1991 besaßen die USA noch ca. 21.500 nukleare Sprengköpfe und die UdSSR ca. 30.000.

Die Ersten, welche die ungeheure Gefahr eines großen Atomkrieges erkannten, durch den die ganze Welt vernichtet werden könnte, waren die Atomwissenschafter. 1957 fand auf ihre Initiative in dem kleinen kanadischen Fischerdorf Pugwash die erste sogenannte Pugwash-Konferenz statt, an der 22 Wissenschafter aus Ost und West teilnahmen. Unter ihnen befand sich auch der österreichische Physiker Hans Thirring. Schon zwei Jahre früher, am 9. Juli 1955, hatten Lord Bertrand Russel und Prof. Albert Einstein mit dem “Russel-Einstein-Manifest” den Anstoß zu dieser Konferenz gegeben. Die Kernaussage in diesem Manifest lautete: “Die Allgemeinheit und auch viele Menschen in gehobenen Positionen haben noch nicht erfasst, was ein Krieg mit nuklearen Waffen bedeuten würde. Alle Fachleute sind der einstimmigen Meinung, dass ein mit Wasserstoffbomben geführter Krieg ziemlich wahrscheinlich das Ende der Menschheit bedeuten würde.”

Die Atombomben-Vorräte der beiden atomaren Großmächte wurden seit 1991, dem Ende des Kalten Krieges, stark abgebaut. Nach den Angaben des SIPRI-Jahrbuches 2007 des Stockholmer Friedensforschungsinstitutes besaßen im Jahr 2006 die USA 5.054 und Russland 5.614 sofort einsatzfähige nukleare Sprengköpfe. Für die übrigen “Atomwaffenstaaten” ergaben sich aufgrund des SIPRI-Berichts folgende Daten: Großbritannien besitzt etwas über 200, Frankreich über 350 und China mehr als 200 nukleare Waffenköpfe; Indien und Pakistan besitzen zusammen ca. 110 Waffenköpfe; die Schätzungen über das israelische Nuklearpotenzial bewegen sich zwischen 60 und 200 Waffenköpfen. Von Nordkorea gibt es keine verlässlichen Informationen.

Den hier genannten Zahlen kann entnommen werden, dass die USA und Russland die höchste atomare Rüstung in der heutigen Welt besitzen und dass sie im Ernstfall in der Lage wären, einander gegenseitig völlig zu vernichten. Ein solcher Ernstfall würde aber auch für alle jene Länder, die nicht direkt in die Kriegshandlungen einbezogen werden, schwerste Schäden durch eine weltweit verbreitete Radioaktivität und durch Wetterkatastrophen bedeuten. Jede ernsthafte atomare Bedrohung der einen atomaren Großmacht durch die andere wie sie gerade im Jahr 2007 wegen des in Osteuropa geplanten (und in Wirklichkeit einseitig gegen Russland gerichteten) amerikanischen Raketenschildes in Erscheinung getreten ist, könnte zur Katastrophe führen. Hier muss auch nachdrücklich betont werden, dass schon allein das bloße Vorhandensein einer so großen Zahl von nuklearen Waffen in den hier genannten neun “Atomstaaten” eine schwere Bedrohung für die Sicherheit der ganzen Menschheit darstellt, weil bei den äußerst komplizierten nuklearen Waffensystemen sehr leicht technische Pannen passieren können. Vor allem könnte es durch Fehler in der Kommunikation zu einem unabsichtlichen Atomangriff “durch Zufall” kommen. Eine Reihe diesbezüglicher Beispiele wurden von dem früheren amerikanischen Luftwaffengeneral George Lee Butler aufgezählt und sind in meinem 2005 erschienenen Buch Zeitenwende (erschienen im agenda-Verlag / Münster) angeführt.

Höchst beunruhigend sind - abgesehen von der bereits eingehend besprochenen Atomrüstung - die Informationen bezüglich der sonstigen militärischen Rüstungsausgaben der ganzen Welt aus dem SIPRI-Jahrbuch. Die Weltrüstungsausgaben sind im Jahr 2006 auf fast unvorstellbare 1,2 Billionen US-Dollar gestiegen, was einer Steigerung um nicht weniger als 36,6 Prozent in nur drei Jahren entspricht! Diese riesigen Militärausgaben sind ein sehr deutliches Symptom für das weltweite (und aus der Sicht der kritischen Vernunft völlig wahnsinnige) Wettrüsten vieler Staaten in unserer heutigen Welt. Dieses Wettrüsten ist besonders wenn man noch die Zahl der sofort einsatzbereiten Atomwaffen hinzurechnet ein deutliches Warnsignal für die real existierende Gefahr eines Dritten Weltkrieges, anders ausgedrückt: für einen “Weltuntergang”. Mit dieser Gefahr leben wir große Teile der Menschheit allem Anschein nach im Gefühl einer falschen Sicherheit und selbstzufrieden, so lange wir von der rasanten wirtschaftlichen Expansion und von der über viele Länder der Welt verteilten Wohlstandswelle profitieren können.

Wir alle werden, bildlich gesprochen, von den “Mächten des Bösen” dazu verführt zu glauben, dass die politischen Machthaber in der heutigen Welt klug genug sind, keinen Atomkrieg anzuzetteln. Aber wir sehen ihnen untätig zu, wie sie immer neue Schritte zur Vorbereitung des Unheils setzen und wiegen uns im Irrglauben, “dass schon nichts passieren wird”. Wir denken nicht, dass der schon von der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner vor hundert Jahren angeprangerte “Überrüstungswahnsinn” in allen Geschichtsepochen nicht nur das Kriegführen an sich überhaupt möglich gemacht hat sondern auch wiederholt zu großen Kriegen geführt hat.

Was können wir gegen diesen Wahnsinn tun?

1. Das Allerwichtigste wäre, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, mit deren Hilfe es der weltweiten Waffenlobby bis heute möglich gewesen ist, ihre Verderben bringende Geschäftstätigkeit nicht nur erfolgreich zu betreiben sondern ständig auszuweiten. In der Öffentlichkeit fehlt das Bewusstsein, dass durch die umtriebigen Aktivitäten der Waffenlobby weltweit der Mord von Tausenden oder gar Millionen Menschen intensiv vorbereitet wird. Diese Kriegsvorbereitungen werden vor allem deswegen nicht aufgedeckt und stoßen auf keinen Widerstand, weil sie von der verlogenen Behauptung getragen werden: “Rüstung schafft Sicherheit” und “je mehr gerüstet wird umso sicherer ist unser aller Leben!” Und dann heißt es auch noch: “Was Arbeitsplätze schafft, ist sakrosankt”. Selbstverständlich ist es keine Frage, dass Rüstungsbetriebe fast immer florieren und ihre Arbeiter eine so gut wie krisensichere Dauerbeschäftigung haben.

2. Der Kalte Krieg, der wegen der Kubakrise im Oktober 1962 beinahe zum Atomkrieg zwischen den USA und der damaligen UdSSR geführt hat, konnte durch den Druck der Öffentlichkeit und auch durch direkte Kontakte zwischen den beiden Akteuren überwunden werden. Emotionslose Verhandlungen zwischen den Vertretern der beiden Großmächte führten - unter Mitwirkung des damaligen Friedens-Papstes Johannes XXIII. - zu Kompromissen und später zu Abrüstungsschritten. In der heutigen Weltlage müsste der Druck der Öffentlichkeit in allen Ländern der Welt die Politiker zu ähnlichen Abrüstungsschritten wie nach dem Ende des Kalten Krieges zwingen.

3. Die am 1. November 1993 vertraglich gegründete Europäische Union könnte als Vorbild für alle Staaten der Welt dienen, wie politische Probleme, die durch viele Jahrzehnte wiederholt zu großen Kriegen geführt hatten, eine friedlichen Lösung finden können. Dass es jemals wieder Kriege zwischen Europäischen Ländern geben könnte ist seit 1993 so gut wie ausgeschlossen. Und wenn dennoch Konflikte unter den Mitgliedsländern der Union auftreten sollten, so können sie durch geduldige Verhandlungen gelöst werden.

4. Es ist äußerst wichtig, dass sich alle für den Frieden engagierten Nichtregierungsorganisationen weltweit mit aller Energie gegen das Wettrüsten und gegen die Atomkriegs-vorbereitungen einsetzen. Als Beispiele seien der in achtundvierzig Ländern durch 80 Organisationen vertretene “Internationale Versöhnungsbund” und das in den USA und in weiteren fünf Ländern vertretene “Parlamentarische Netzwerk für nukleare Abrüstung (PNND)” genannt. In einem Rundschreiben der letztgenannten Organisation vom 1. November 2007 werden die früheren US-Außenminister Henry Kissinger, George Schultz und William Perry mit ihrer Forderung zitiert, “die Vereinigten Staaten müssen ihre Anstrengungen zur Schaffung einer Nuklearwaffenfreien Welt verstärken”.

5. Der amerikanische Senator und ehemalige Kommandant der UNO-Truppen in Ruanda, Roméo Dallaire, wird in der gleichen Aussendung von PNND mit der Warnung zitiert: “Nukleare Waffen sind ihrem Wesen nach zerstörerisch. Sie dienen einem einzigen Ziel: der möglichst massiven Vernichtung unschuldiger Zivilisten. Sie sind Werkzeuge für einen Genozid und sie haben in einer Welt, in der das Leben der Menschen und der Schutz der Menschenrechte die höchsten Werte sind, nichts zu suchen. Sie müssen abgeschafft werden.” Dieser Aufruf sollte nach Möglichkeit in allen Ländern, die Atomwaffen besitzen, verbreitet werden.

6. Die Bedeutung der Vereinten Nationen für die Friedenssicherung in kriegs- oder hungergefährdeten Gebieten ist unbestritten. Was aber viel zu wenig beachtet wird ist die Notwendigkeit, dass von den Mitgliedsländern der Vereinten Nationen friedensfördernde Impulse an die Weltorganisation herangetragen werden. Diese Impulse müssen von den Regierungen der einzelnen Mitgliedsstaaten kommen. Aber dazu müssten auch die jeweils zuständigen Regierungsstellen ihrerseits von öffentlichen Organen, von Nichtregierungsorganisationen oder auch von hochrangigen Persönlichkeiten entsprechende Anstöße erhalten.

7. Als letzter Vorschlag sei hier genannt, dass möglichst viele öffentliche Medien und auch möglichst viele Zeitungsredaktionen sich freiwillig dazu verpflichten sollten, erstens für ein Ende des Wettrüstens, zweitens für die weltweite Abrüstung aller Atomwaffen, drittens für eine allgemeine militärische Abrüstung und viertens für friedliche Verhandlungen zur Lösung der politischen und wirtschaftlichen Spannungen innerhalb und zwischen den verschiedenen Staaten einzutreten. Nur wenn die breite Öffentlichkeit in möglichst vielen Ländern der Welt über die Dringlichkeit von Lösungen für alle Fragen der Friedenserhaltung und für den Schutz der Menschenrechte objektiv informiert wird, besteht die Möglichkeit zu einer Trendwende.

---------------------------------

Um die möglichst weite Verbreitung dieses Manuskripts wird gebeten.
Wien, 12. November 2007
Prof. Ernst Schwarcz

P. S.: Als Nebenbemerkung sei gestattet darauf hinzuweisen, dass der Verfasser dieses Textes Gelegenheit hatte, an der auf Seite 2 erwähnten 3. Pugwash-Konferenz in Kitzbühel/Österreich im Jahr 1958 persönlich teilzunehmen. Die “Wiener Erklärung”, die damals im Beisein der aus Ost und West zusammengekommenen siebzig Spitzenwissenschafter veröffentlicht wurde, enthält wichtige Aussagen über die Gefahren eines Atomkrieges und über die Notwendigkeit militärischer Abrüstung.

Prof. Ernst Schwarcz
Bauernfeldgasse 6/8, A-1190 Wien
Telefon/fax 0043 (0)1 36 877 22

---------------------------------------

Hier noch eine kurze Information über den Verfasser dieses Artikels: Von ihm ist das Buch “ZEITENWENDE
– Entweder es gelingt der Menschheit, alle Kriege abzuschaffen, oder es wird den Kriegen gelingen, die Menschheit abzuschaffen“,
im Oktober 2005 im agenda Verlag, Münster/Deutschland erschienen. Darin werden die Entstehung und der Verlauf einiger bedeutender Kriege in der Geschichte der Menschheit geschildert und wird vor der Gefahr für den Ausbruch eines Dritten Weltkrieges gewarnt.

Leseprobe:

http://www.agenda.de/leseprobe/leseprob ... cz%202.pdf
findest Du den engagierten Aufsatz des Autors
“Schafft den Narren fort!”
vom 21. Juni 2007


Top
  
 
PostPosted: 23.11.2007, 19:49 
Die Irrtümer der "Freiwirtschaft"

Reaktionäre Ideologie oder halbherziger Liberalismus?

Inhalt


1. Einleitung
2. Zinsen schaden?
3. Zinsen verteuern?
4. Zinseszinsen?
5. Schwundgeld?
6. Freitauscher?
7. Was bleibt?



Reaktionäre Ideologie oder halbherziger Liberalismus?

Es finden sich zahlreiche Theorien darüber, was all die angeblich so neuen Übel heutiger Volkswirtschaften verursacht und wie diese zu beseitigen wären. Besonders populär sind die Ideen von Silvio Gesell, einem 1862 geborenen Kaufmann. Dessen Theorie der "Freiwirtschaft" fällt dadurch positiv aus der Reihe, dass sie im Gegensatz zu anderen Welterklärungsmodellen nicht ökonomische Unwissenheit mit hasserfüllter Ablehnung alles "Wirtschaftlichen" kaschiert. Marktwirtschaft ja, aber "natürlich", ist die Devise der "Freiwirtschafter". Diese "natürliche" Wirtschaftsordnung scheint zunächst nicht unsympathisch, doch das "Bio-Etikett" überklebt auch in diesem Fall schwerwiegende Irrtümer über Ökonomie und menschliche Natur.


Diese Irrtümer lassen sich besonders gut anhand einer Bildgeschichte illustrieren, die zur Verbreitung des Gedankengutes von der Gesell Research Society Japan gestaltet wurde - nach einer Geschichte von Gesell. In diesem rührenden Manga besucht ein Gesell-Jünger als "Freitag" Robinson auf seiner Insel und überzeugt ihn von Gesells Ideen: Die Wurzel allen Übels wären Zinsen, Robinson solle ihm sein Kapital (Getreide) zinslos leihen.

Robinson ist zunächst skeptisch, doch der rehäugige, arische Jüngling (im Manga "Mensana" genannt - mens sana in corpore sano) strahlt ein solches Charisma aus, dass jeder Widerstand bald gebrochen ist. So lässt sich der arme Robinson bald einreden, zinsloser Verleih entspräche dessen ureigenstem Interesse, denn sein mühsam gespartes Korn würde doch nur von Würmern gefressen, wenn "Mensana" es ihm nicht hilfreich abnähme.

Auf diese Weise wären nur noch alle anderen Menschen zu überzeugen und Zinsen, Arbeitslosigkeit, Armut - alles ursächlich verknüpft - würden der Vergangenheit angehören. Diese Botschaft verbreiten weltweit immer mehr Missionare in der Tradition Gesells.

Doch diese Ideologie lässt sich bald als das entblößen, was sie eigentlich ist: einer jener reaktionären Rufe nach der Stammesgesellschaft, wie sie das politische Denken seit der industriellen Revolution im Bann halten. Solche Denkmuster fangen immer in etwa so an: "Wenn WIR nur alle …" - lieb zu einander wären, kein Geld von einander verlangen würden, niemanden entlassen, alle gut bezahlen, etc. etc.

Heute leben wir jedoch in einer anonymen, "offenen Gesellschaft" (nach Karl Popper), nicht mehr in kleinen, geschlossenen Sippen. In diesem Rahmen haben wir unentwegt mit Fremden zu tun. Wir lieben diese Fremden nicht wie Geschwister und sie uns nicht. Aber wir schlagen ihnen auch nicht mehr so einfach die Köpfe die ein. In modernen, offenen Gesellschaften finden Menschen eine normative Grundlage für friedliches Zusammenleben mit Fremden. Nicht alle genießen unser uneingeschränktes Vertrauen - es gibt nicht nur engelsgleiche, unschuldige Jünglinge. Darum verleihen wir Fremden selten etwas, das uns wertvoll ist, ohne dass jemand das "Vertrauensrisiko" trägt. Der echte "Freitag" sah fremdartig aus und sprach nicht Robinsons Sprache, auf Anhieb hätte letzterer ihm nicht nur nicht zinslos geliehen, sondern überhaupt nicht.

Kaum jemand würde einem Fremden (im Gegensatz zu einem Angehörigen der eigenen Sippe, bzw. Familie) auf der Straße Kapital leihen (Kapital umfasst natürlich wesentlich mehr als bloß Geld). Dies wäre verheerend - es gäbe keinen zureichenden Zugang zu Kapital, massiver Wohlstandsverlust wäre die Folge. Glücklicherweise haben sich Institutionen entwickelt, die jene wichtige Funktion einer Vertrauensbrücke zwischen Fremden übernehmen.


Irrtum Nr. 1: Zinsen sind "künstlich" und schädlich

Zinsen sind die unmittelbare Folge menschlicher Präferenzen: sie spiegeln u.a. deren Zeitpräferenz wieder. Menschen ziehen üblicherweise die augenblickliche Verfügbarkeit von Gütern einer späteren Verfügbarkeit vor. Die Wahl zwischen €1.000 sofort auf die Hand und dem selben Betrag nach zehn Jahren fällt nicht schwer.

Zinsen gelten den Verlust an Verfügbarkeit, das Risiko und die Transaktionskosten ab. Dass gerade diese Institution solches Misstrauen hervorruft, ist erstaunlich. Denn Zinsen dienen nicht nur der Entschädigung des Kapitaleigners, sondern haben darüber hinaus großen Nutzen für jene, die über wenig Kapital verfügen (es gibt niemanden gänzlich ohne Kapital). Dies wird gerade am Übergang zwischen "Sippe" und "Fremden" deutlich:

Kaum jemand verleiht gerne Bücher, die einem wichtig sind - Verbrauchspuren sind schwer vermeidbar und der logistische Aufwand durch Außenstände kann beträchtlich sein. Gäbe es eine gesellschaftliche Institution eines allgemein anerkannten "Buchzinses", d.h. wäre es selbstverständlich, dass sogar Bekannte eine kleine Entschädigung leisten, käme es zu einem weitaus größeren Leihaufkommen und einer besseren Verfügbarkeit und Ausnutzung von Büchern - oder anderen Gütern. Besteht eine solche Institution nicht, sind die Transaktionskosten zu hoch: der Vorschlag einer solchen Entschädigung erscheint unverschämt und gierig - da verleiht man lieber gar nicht, bzw. traut sich nicht um ein Buch zu fragen - was vor allem auf Kosten des Leihnehmers, nicht des Eigentümers, geht.

Daher ist die Alternative zu einem Zins auf Kapital nicht zinsloses Kapital, sondern gar keines! Eine Volkswirtschaft, die nur vom guten Willen ihrer Einwohner abhängt, Fremde im wahrsten Sinne "brüderlich" zu behandeln, wird sich früher oder später auf Familienbetriebe krank schrumpfen.

Man sollte meinen, nach der schrecklichen "Wucherhetze" - bis zuletzt im Dritten Reich - sei endlich Vernunft einkehrt. Die Juden, die aufgrund kirchlicher Verbote oft die einzigen Bankensubstitute waren, schadeten den Menschen natürlich nicht durch Zinsforderungen, sondern nützten ihnen - ohne der Voraussetzung von Vertrauen oder Wohlwollen - durch mehr verfügbares Kapital.

Freilich, in der völkischen Sippe leihen alle kostenlos, helfen sich freiwillig, lieben sich und ihren Führer bedingungslos und ohne Eigennutz. Es überrascht daher nicht, bei Nationalsozialisten ähnliches Gedankengut zu finden vom "Ende der Zinsknechtschaft". Für Hitler war die Thematik sogar besonders wichtig: Er behauptete, die Theorien von Gottfried Feder, dem er zuschrieb, "den ebenso spekulativen wie volkswirtschaftsschädlichen Charakter des Börsen- und Leihkapitals festgelegt, seine urewige Voraussetzung des Zinses bloßgelegt zu haben", wären genau jenes fehlende ideologische Element gewesen, das die Gründung der NSDAP verlangte.

Irrtum Nr. 2: Zinsen verteuern Endprodukte und treffen so die Armen

Gesell und seine Jünger argumentieren, dass durch die Verzinsung von Kapital ein enormer Kostendruck entsteht, der Preise in die Höhe treibt. Jedes Unternehmen müsse als Konsequenz mindestens so viel Profit machen, wie eine Bank Zinsen zahlt. Dies führe zu einer aberwitzigen Profit- und Preis-Spirale, die die Armen besonders trifft.

Tatsächlich lernt jeder Student der Kostenrechnung, dass die innere Rendite jeder Kapitalverwendung höher als ein bestimmter Zinsfuß sein muss, der meist mit dem gängigen Bankzins angenommen wird. Dies ist eine vereinfachte Opportunitätskostenrechnung, die ohne Existenz von Zinsen und Banken ebenfalls durchgeführt werden müsste.

Jede Entscheidung ist eine Entscheidung für eine Alternative und gegen eine andere. Wenn ich mich entscheide fernzusehen, entscheide ich mich dagegen, im selben Moment Sport zu betreiben. Meine Entscheidung hat versteckte Kosten: hier geht Erholung vor dem Fernseher auf Kosten körperlicher Ertüchtigung und Spaß bei Bewegung. Solche versteckten Kosten nennt man Opportunitätskosten, wir berücksichtigen sie unbewusst in fast allen unserer Entscheidungen.

Wenn eine Unternehmerin eine Maschine um €100.000,- kauft und damit Güter im Wert von €150.000,- herstellt, gewinnt sie auf den ersten Blick €50.000,-. Doch auf den zweiten Blick könnte sich herausstellen, dass zwei alternative Maschinen um jeweils €50.000,- Güter im Wert von €200.000,- produziert hätten. Dann wären die Opportunitätskosten zu hoch, aufgrund einer schlechten Allokation wäre weniger Wohlstand geschaffen worden. Sie wäre eine fahrlässige Unternehmerin, die den Bestand des Unternehmens und damit die Beschäftigung der Belegschaft aufs Spiel setzt, wenn sie dies nicht berücksichtig hätte.

Nun gibt es immer unendlich viele "Opportunitäten". Nur zur Vereinfachung rechnen Betriebswirte mit Bankzinsen. Sie stellen sich also die wichtige Frage: nütze ich mein knappes Kapital besser als andere Leute es vermögen? Wenn nein, sollte ich es nicht sein lassen und mein Kapital diesen Leuten zur Verfügung stellen? Diese Frage würde sich auch stellen, wenn Zinsen "verboten" wären. Hätte ein anderes Unternehmen eine Rendite von 5%, man selbst aber nur 2%, so müsste man sich eben fragen, ob es nicht für ALLE besser wäre, sich dort einzukaufen, anstatt selbst weniger effizient - also teurer - zu produzieren.

Fragen dieser Art stellen wir uns laufend. Ist meine Arbeit ihr Ergebnis wert? Wenn der Geschirrspüler mehr Geschirr schafft als ich mit der Hand, warum selbst spülen? Das Gesell'sche Argument: Geschirrspüler hetzen Menschen. Weg damit! Früher war alles besser! Gemütlicher, familiärer, volkstümlicher ...

Zumal ich iranischer Herkunft bin, ärgere ich mich umso mehr über Westler, die aus Unwissenheit oder reaktionärer Sehnsucht Zinsen verteufeln. Die ideologisch vergleichbare Mullah-Diktatur im Iran verbot ebenfalls sogleich alle Zinsen. Doch nicht einmal diesen Profi-Reaktionären gelang die Abschaffung so "natürlicher" Dinge wie menschlicher Präferenzen. Heute heißen im Iran Zinsen eben nicht Zinsen, sondern Gebühren. Allerlei Behinderungen zum Zweck ideologischer Verschleierung treffen natürlich - wie meist - am schlimmsten einfache Menschen, die in ihrer Lebensplanung beeinträchtigt sind, oder schlicht keinen Arbeitsplatz finden, weil die nationale Wirtschaft aufgrund eines mangelnden Kapitalmarktes nicht hochkommt. Geld fließt auf dunklen Kanälen und bereichert gerade erst die skrupellosesten Hände. Tut leid, "Freiwirtschafter", so sieht die "natürliche Wirtschaftsordnung" aus, die ihr ersehnt.

Irrtum Nr. 3: Zinseszinsen sind ungerecht

Der Zinseszins ist schon wesentlich schwerer zu verstehen als der Zins per se. Unser Instinkt schreckt angesichts exponentieller Entwicklungen zurück; ein Mechanismus der Geldbeträge exponentiell wachsen lässt, erscheint als wahnwitzige, kapitalistische Erfindung.

Doch auch hier weit gefehlt. Es ist ja schon ein deutlicher Hinweis auf die Berechtigung dieses Mechanismus, dass er in menschlichen Ökonomien ähnlich universell auftritt wie der Zins. Warum setzt nicht ein Land ein gutes Beispiel und schafft den Zinseszins ab? Wenn wir schon Zinsen akzeptieren müssen, warum berechnen sich diese nicht immer nur aus dem Grundkapital? Können die Geldhaie denn nicht genug haben, sind sogar Zinsen auf die Zinsen notwendig, um ihre unersättliche Profitgier zu stillen?

Würde eine Bank keinen Zinseszins berechnen, also den Exponenten in der Zinsformel durch einen Faktor ersetzen, dann müsste das ja nicht eine niedrigere Zinssumme bedeuten - die Bank könnte schlicht einen etwas höheren Zinsfuß anbieten, was progressive Wirkung hätte. Warum bietet keine Bank dieses Produkt an, das doch durchaus Aussicht hätte, Kunden zu gewinnen? Ganz einfach: Zinseszins ist keine zusätzliche Erfindung nur mit dem bewussten Zweck, den Reichen noch mehr Kapitalerträge zu erwirtschaften, sondern eine logische Folge einer Kapitalverzinsung - also dem Umstand, dass Menschen, die ihr Kapital anderen zur Verfügung stellen, anstatt es selbst zu verbrauchen, dafür entschädigt werden.

In der fiktiven Bank ohne Zinseszins würden die Anleger bald folgenden Trick entdecken: sie heben in regelmäßigen Abständen ihr gesamtes Kapital mitsamt Grundverzinsung ab und zahlen es gleich darauf wieder ein (wen nötig auf ein neues Sparbuch). Wie sollte die Bank erkennen, was jenes "saubere" Grundkapital wäre, und was jener "schmutzige" Zinsertrag? Jeder Ertrag, den wir erwirtschaften, erhöht natürlich unser Grundkapital - wir haben also an einem gewissen Zeitpunkt mehr Kapital zur Verfügung. Wir können dieses Mehr konsumieren, oder es erneut anderen Menschen zur Verfügung stellen. Da wir lieber konsumieren, tun wir letzteres nur mit der Aussicht, auch für jenen Mehrbetrag wieder eine entsprechende Leihgebühr zu erhalten. Zinseszins ist nichts anderes als die logische Konsequenz - eine Zinsformel mit Faktoren statt Exponenten wäre schlicht falsch, ein Denkfehler. Langfristige Investitionen würden bestraft und Anleger übers Kreuz legt, indem man ihnen suggeriert, etwas (der Zinsertrag) gehöre ihnen, während doch die Bank, bzw. der Gläubiger nach Belieben und kostenlos darüber verfügen.

Nun lässt sich dieser Mechanismus besonders leicht durch Milchmädchenrechnungen diskreditieren, die exponentielles Wachstum illustrieren - was bei naturwissenschaftlich nicht allzu gebildeten Menschen immer zu Staunen und Unverständnis führt. Hätte jemand vor 200 Jahren €100.000 auf ein Sparbuch gelegt, dann hätte er heute bei 5% Zinsen €17 Millionen! Frechheit! Wie ungerecht! Die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer! Revolution!

Das beliebteste Beispiel zu exponentiellem Wachstum, das seine Wirkung bei Laien nie verfehlt, ist die bekannte Schachbrett-Rechnung. Auf jedem Feld das Doppelte, das macht 264, also das 18 Trillionen-fache. Der Zinsfuß entspräche hier 100%. Ja, wenn jemand ein bestimmtes Kapital 64 Jahre lang mit 100% Verzinsung verleiht (also jemanden findet, der so dumm ist, jedes Jahr das Doppelte zurückzuzahlen UND das gesamte, somit vermehrte Kapital wieder zu den selben Konditionen ausborgt - 64 Jahre lang!), der hat am Ende des 18 Trillionen-fache. So what? Für Beschwerden ist hier nicht Adam Smith, sondern Adam Riese zuständig

Auf gut Wienerisch nennt man solche Beispiele hättiwari. Eine Familie, deren Vorfahren vor 200 Jahren ein Vermögen eines Gegenwertes von €100.000 weder selbst konsumiert, noch den Nachkommen zur Konsumation überlassen hätten, sondern anstatt die Früchte aus ihrem Kapital zu ziehen, es immerfort mitsamt aller Erträge weiterverborgt hätten, so dass andere, die Kapital nötiger hatten, es nutzen konnten, wäre heute reich, würde sie auf einmal all das Kapital zurücknehmen, um es selbst aufzubrauchen. Nona. Auch die Urgroßeltern mussten ja sehr vermögend gewesen sein, um einen solchen Betrag auf ewig zu entbehren, nur vertröstet durch den Gedanken, die Nachkommen würden immer reicher sein - bis sich irgendeiner von ihnen entschließt, von diesem Reichtum auch etwas selbst zu haben. Dann kommen noch die geschichtlichen Wirren hinzu, die solchen Überlegungen meist einen Strich durch die Rechnung machen. Was bleibt, ist allein die Tatsache, dass Menschen, die über lange Zeit auf die Nutzung ihres Kapitals verzichten, gewöhnlich erwarten, dafür hinreichend entschädigt zu werden. Wie froh wäre man in Europa nach 1945 gewesen, wenn plötzlich überall der Mammon wieder hervorgekrochen wäre - hier, das Sparbuch meines Urururgroßvaters: mit den Zinseszinsen baue ich diese Kirche und jene Schule wieder auf, wie es sich mein Urururopi gewünscht hat. Aber fortgesetzte Verträge zur Fremdnutzung von Kapital mit konstant hohen Zinsen ohne Risiko (!) über Jahrhunderte sind eben eher selten. Die konstante Verzinsung von Bankguthaben seit dem 2. Weltkrieg in Westeuropa ist eine Folge der Papiergeldblase. In einer freien Wirtschaft können keine Werte aus Luft entstehen und Investitionen sind immer mit Risiko verbunden. Wenn ich einen (unrealistischen) "Schachbrett-Deal" mit jemandem abschließe, muss dieser ebensoviel Wohlstand schaffen. Könnte dieser tatsächlich 18-Trillionen-fache Werte schaffen - nichts besser als das!

Die Annahme eines konstanten Zinssatzes trotz ständig steigendem Kapitalstock zeugt von fehlendem ökonomischen Grundwissen. Mit dem Anstieg des Kapitalstocks muß der Zinssatz notwendigerweise ständig fallen und sich asymptotisch Null annähern. (Ökonomisch korrekt läuft die Kausalität in die andere Richtung: Wenn die Zeitpräferenzrate einer Gesellschaft sinkt, also die Leute fortwährend einen immer größeren Prozentsatzes ihres Einkommen sparen und nicht konsumieren, dann führt dies zu einem Anstieg des Kapitalstocks.) Wenn die Freiwirte ihr selbsternanntes Ziel eines zinslosen Geldes realisieren wollen, dann sollten sie nicht dem Konsum, sondern dem Sparen das Wort reden. Nur so kämen sie ihrem Ideal – einem zinsfreien Geld – so nahe wie nur irgendwie ökonomisch möglich.

Irrtum Nr. 4: Schwundgeld schafft Wohlstand

Einer der wichtigsten Mythen der Gesell'schen Offenbarung ist das sogenannte "Geldwunder von Wörgl". Die österreichische Gemeinde von Wörgl gab 1932, in einer Zeit schwerster Arbeitslosigkeit und hoher Inflation, eigenes Geld heraus.

Inflation entsteht durch den Druck von Papiergeld, das - so wie jedes andere Gut - bei größerer Menge geringeren Wert hat. Inflation ist in Wirklichkeit eine versteckte Steuer, die Politiker vorziehen, eben weil sie versteckt ist.

Besagte Gemeinde führte ihre eigene kontrollierte Inflation durch - damit war plötzlich etwas Steuergeld in der Gemeindekasse, ohne dass die Bürger die neue Steuer bemerkten. Mit diesem Geld - ganze öS12.000 - konnte die Gemeinde natürlich kleine, kurzfristige Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen finanzieren. Ein Wunder für Arme, wahrlich! Der verbliebene positive Effekt war eher psychologischer Natur, die Bürger mochten zwar leichtgläubig sein, aber blieben doch überwiegend beim gewohnten, nationalen Geld - der Umsatz des "Schwundgeldes" blieb verschwindend gering, die Bürger nutzten es klugerweise hauptsächlich zur Begleichung von Steuerschulden.

Schwindende Währungen haben im Allgemeinen ein Verfallsdatum. Dies soll zum Wiedertauschen anregen und "Geldhortung" bestrafen. Tatsächlich wirkt ein Schwund nach Ablauf einer gewissen Zeit genauso wie eine Abgabe, die dem Zeitpräferenz-Diskont entspricht. Je stärker der Schwund, desto höher diese Abgabe, die Kapital künstlich verknappt und Sparer bestraft. Als ob ständiger Konsumzwang erstrebenswert wäre! Sparen hat eine extrem wichtige Funktion für eine Gesellschaft, indem es längerfristige Stabilität und die Grundlage für Wohlstand schafft. Durch Konsum lässt sich jedenfalls kein Wohlstand aufbauen.

Irrtum Nr. 5: Tauschringe sind eine Alternative zur Geldwirtschaft

Ich könnte nun über die historische Entwicklung von Geld schreiben, aber am überzeugendsten ist es wohl, eine Gruppe von Gesells Jüngern selbst zu beobachten: die "Freitauscher". Allerorts bildeten sich in den letzten Jahren - mit Unterstützung durch das Internet - "Tauschringe". Beeinflusst von Gesells Ideen sollten hier Menschen ohne den "Umweg" über das böse, stabile Geld Dienstleistungen "tauschen". Und wenn eines Tages die Welt diesem Beispiel folgen würde, gäbe es natürlich keine Armut, Kriege, etc. mehr.

Solche Tauschringe vermitteln tatsächlich ein angenehmes, befreiendes Gefühl, dass manche schon gut auf das kommende Himmelreich nach Gesells Offenbarung einstimmt. Jeder kann frei tauschen. FREI tauschen.

Als diese Ringe nun ein wenig wuchsen - freilich ohne sonderlich bedeutsam zu werden - wurde der Staat auf diesen Schleichhandel aufmerksam, und dieser erschien unserem ach so sozialen Papa Staat als verdammt schlechter Deal. Bald wurde deutlich, was den Reiz und die Anmut dieser Ringe ausmacht. Alle tauschen FREI, ohne Steuern, ohne Regulierungen, ohne Arbeitskartelle. Klar fühlt sich das gut an. Das ist ja auch das liberale Programm in Reinform.

Sind Tauschringe so toll, weil sie kein Geld verwenden? Irrtum! Es dauerte nicht lange und die "Freitauscher" entdeckten das Geld neu - echtes Geld, nicht staatliches Falschgeld: ein Gut, dass abzählbar, haltbar, leicht zu transferieren und daher für freien Handel unabdingbar ist. Aber "Freitauscher" dürfen ihr Geld natürlich bloß nicht Geld nennen (so wie iranische Zinsen - allahuakbar! - keine Zinsen sind), sondern z.B. "Talente". Es besteht aus frei tauschbaren Zeitansprüchen (zumal Dienstleistungen getauscht werden).

Da haben die Gesell-Jünger auf ihrem anti-kapitalistischen Kreuzzug doch tatsächlich einen Laisser-faire Kapitalismus mit privaten E-Währungen entdeckt!

Was bleibt von der "Freiwirtschaft"?

Die positive Seite von Wörgl illustriert jenen Aspekt Gesell'schen Gedankengutes, der manch liberale Sympathie verdient. Weder auf nationaler, noch auf Gemeindeebene kann Inflation ("Geldschwund") Wohlstand schaffen. Doch ist in kleinerem Rahmen der Schaden auch geringer und wird oft sogar durch die Vorteile regionaler Währungsautonomie aufgehoben. Liberale Ökonomen, wie etwa F.A. von Hayek, sind die einzigen, die ernstzunehmende Vorschläge zur Abschaffung des nationalen Geldmonopols gemacht haben. Vieles von Gesells Kritik an der Geldordnung wird von konsequenten Liberalen geteilt - leider missverstehen Gesell und seine Jünger die wahren Ursachen und begnügen sich mit einer reaktionären Utopie.

Wahre "Freiwirtschafter" müssten Liberale sein. Eine Welt, in der Menschen - gleich welcher Nation oder Rasse - frei miteinander tauschen (handeln!), in der es keine Währungsmonopole gibt, in der auf lokaler Ebene mit vielem (auch mit Geld) experimentiert werden kann -- nichts anderes verspricht konsequenter Liberalismus (nicht jene verunstaltete Form, die heutige Parteien vertreten). Freiwirtschafter, Freitauscher, Gesellianer: Ihr seid am richtigen Weg, traut euch, ihn zu Ende zu gehen!

Buchtips für liberale Geldkritik:

Roland Baader: Geld, Gold und Gottspieler
M. Rothbard: Das Schein-Geld-System.


Hinweise auf Freiwirtschaft, Freigeld, Gesell, Zinsen sind zu finden unter "Liberty"

Gegenmeinung - unter "Wer hat Angst vor Silvio Gesell?"


Top
  
 
PostPosted: 28.11.2007, 17:59 
Frau J.M. aus Niederösterreich

Entgegnung zum Beitrag "Die Irrtümer der Freiwirtschaft"


Ich habe schon beim Anlesen dieser „Irrtümer der Freiwirtschaft“ schwere Verkürzungen und Fehler in der Darstellung gelesen und viel zu enge Blickpunkte bemerkt.

Es stimmt, dass „Freiwirte“ sich irren, wenn sie glauben, wir hätten bereits „Die Lösung“ für alle Probleme der Geldwirtschaft. Wir haben mehrere Ansätze, Modelle für eine gerechtere Geldschöpfung, Auswege aus der Dynamik des Zinseszinses und dem damit eng verbundenen Prinzip der Gewinnmaximierung, aber es sind derart viele Zusammenhänge zu berücksichtigen, dass es hier ein ganz weites Miteinander unf Forschungsprojekte braucht, um eine nach 60 Jahren dringend notwendige 2. Weltwährungskonfernz vorbereiten zu können.

Soll ich Punkt für Punkt jenen Artikel auseinandernehmen? Ich will es versuchen:

Geld vereinfacht den Tausch. Getreidegeld im alten Ägypten hat an Wert verloren, eben wie Getreide, welches sich damals nicht ohne Wertverlust hat lagern lassen.

Geld kommt heute durch Kredit in die Welt. Es könnte aber auch durch Arbeit in die Welt kommen. Es wäre möglich, so wie Prof. Douthwaite (siehe nächster Beitrag) vorschlägt, unterschiedliche Währungen für verschiedene Zwecke zu verwenden. Geld wäre danach dort verfügbar, wo es gebraucht wird.
In Talentetauschkreisen werden „Talente“, die wie Geld funktionieren, selbst geschöpft - ohne Zinsen, Konsums- oder Wachstumszwang - zum Wohle aller!

Zu unterscheiden sind:

Realzinsen, jener Anteil an Zinsen der nicht aus Bearbeitungsgebühren etc. entsteht, sondern dem, der Geld verborgt, als arbeitsloses Einkommen zufließt.
Zu Beginn einer Volkswirtschaft sind Arbeitende in der Lage, diese Einkommen zu erwirtschaften.
Später aber wird dies unmöglich - wie bei einem Pyramidenspiel -, weil diese Einkommen nicht mehr konsumiert werden. Das Volumen der Guthaben an Geld wächst beständig durch Zinsflüsse; ebenso die Schuld, welche niemals mehr abgebaut werden kann, solange die Vermögen nicht konsumiert werden.

Hitler hat die Geldproblematik für seine Politik missbraucht, Kapitalismuskritik wird deshalb auch in Verbindung mit dem Nationalsozialismus gesehen. Jene Zeit der Deflation, welche zu hoher Arbeitslosigkeit führte, war strukturbedingt der ideale Boden für die Naziherrschaft! Siehe Beitrag "Geld und Antisemitismus".

Wie entwickelte sich Misstrauen, das Gegeneinander, der Konkurrenzkampf von Sippen?
Durch Mangel!
Mangel an Lebensraum, Mangel an Gütern, an Geld.
Derzeitiges Geld ist dort, wo es gebraucht wird, beständig knapp. Die Wirtschaft muss wachsen, immerzu neue Kredite müssen genommen werden, es gibt immer mehr Verlierer - und das trotz größter Anstrengung!
Dies verstärkt Misstrauen, führt zu indirekter bis direkter Sklaverei, aus welcher es kein Entkommen mehr gibt. Es sei denn, wir entscheiden uns dafür, unsere Lebensqualität zu beleuchten und zu überlegen, ob wir uns nicht doch dafür entscheiden, Menschenrechte ernst zu nehmen.

Ich lese „das gesellsche Argument“: Geschirrspüler hetzen die Menschen….“: Ich kenne Gesellliteratur zu wenig, denke, dass hier Lebensanschauungen mittransportiert werden.
Wir haben 4 Kinder, viele Besuche, trotzdem wurde der Geschirrspüler, welcher hier eingebaut war, verschenkt. Die Gründe dafür sind u.a. dass ich gerne abwasche, weil ich dabei sehr gut beten und „träumen“ kann, wir die Umwelt schonen möchten und keinen Lärm mögen.

Derzeitiges Geld braucht Zusammenbrüche, weil es eben ohne Neuanfänge nicht auf Dauer funktioniert. Es geht ja nicht um Geld, sondern um Menschen, welche einander als Gewinner oder eben Verlierer immer mehr aus den Augen verlieren. Jemand, der nicht weiß, was Hunger bedeutet, kann sich vielleicht wirklich nicht vorstellen, wozu er auf Zinsen und Renditen verzichten sollte.
Damit allerdings bringt er sich selber um vieles: der Sinn unseres Lebens kann nur in Beziehungen liegen. Wenn Liebe nicht die Chance bekommt, über den Verwandten und Freundeskreis hinauszuwachsen, erstickt sie vielleicht irgendwann sogar als Selbstliebe.
Sinnkrisen erwachsen u.a. aus dem Irrtum, Fremden (wenn auch strukturbedingt) ungestraft Schaden zufügen zu können.


Zu Abschnitt 4

In den 30iger Jahren gab es Deflation, es war viel zu wenig an Geld im Umlauf, weil den Verantwortlichen die Angst vor der Inflation noch „in den Knochen“ saß. Deflation bedeutet, dass zu wenig an Geld vorhanden ist, alle Güter immerzu noch billiger werden und deshalb Geld noch zäher fließt, weil Geldbesitzer nur das Notwendigste konsumieren, da Geld ja immerzu an Wert steigt. „Schwundgeld“ führte in Wörgel zu einem Wirtschaftswunder. Die monatliche Armenabgabe hat sich glänzend bewährt. Das war N I C H T Inflation. Bei der Inflation wird Geld immerzu weniger wert. Das Wörgler Geld hat seinen Wert behalten, allerdings musste eine Gebür von 1% des Wertes auf Geldscheine geklebt werden. Man kann die Möglichkeit Geld zu nutzen als Dienstleistung sehen, für welche eine Gebür verlangt wird. Um diese zu umgehen, konnte die Gemeindesteuer im Vorhinein bezahlt, oder jenes Geld eben konsumiert werden. Diese Idee eignet sich heute als Umlaufsicherung für regionale Währungen in wirtschaftlich benachteiligten Regionen. Als alleinige nationale oder internationale Währung wäre solches Geld nicht zielführend, da es unseren Konsumzwang verstärken würde.

Der Autor schreibt, dass der Umsatz von Notgeld verschwindend gering war. Woher kommen nur seine Informationen? Wenn ich mich richtig erinnere, so wechselten diese Scheine ja auch deshalb, weil Menschen endlich wieder durch Arbeit auch Geld zur Verfügung hatten, im Durchschnitt täglich 1,8 Mal! (!) Ihre Besitzer!!

Gespart könnte in Zukunft nach Douthwaite mit einer Wertaufbewahrung werden, die z.B. in Windräder investiert, ihren Wert behalten würde, bei Bedarf, allerdings nur zu Konsumzwecken und nicht um zu spekulieren (auf Kosten anderer) in die umlaufende Währung eingetauscht werden könnte.


Tauschkreise:

Der Obmann des Talentetauschkreises NÖ war Rechtsanwalt. Unternehmer bekamen genaue Richtlinien für den Umgang mit Talenten. Es braucht dazu doppelte Buchhaltung, Steuern könnten über Mischpreise in Euros bezahlt werden oder aber Gemeinden werden selber Mitglied von Tauschkreisen und konsumieren Steuern über Talente. Bei Privaten ist es meist so, dass der Talenteumsatz den jährlich zulässigen Zusatzerwerb nicht übersteigt.

Unser Talentekreis wurde ein erweiteter Freundeskreis der sich 2x jährlich trifft und mittels (elektronischer) Marktzeitung miteinander vernetzt ist. Sehr oft wird innerhalb dieses Kreises direkt getauscht oder auch geschenkt. Für mich ist unser Talentekreis hauptsächlich als Lernfeld wichtig, um die Möglichkeiten aufzuzeigen, die wir für gerechteres, friedensfähiges Geld hätten.


Top
  
 
PostPosted: 29.11.2007, 05:12 
Verschiedene Währungen für nachhaltige Wirtschaft

Prof. Richard Douthwaite, geb. 1942 in England, lebt seit längerem in Irland,
Wirtschaftsstudium, Journalist, war auch Unternehmer, spezialisiert auf Wirtschafts-, Finanz- und Umweltfragen.
1998/99 Beratungstägigkeit bei einem von der EU finanzierten Projekt zur experimentellen Einführung einer Gemeinschaftswährung in Schottland, Irland, Amsterdam und Madrid (www.barataria.org),
Autor von „The Ecology of Money“ (1999, und vieler weiterer Publikationen.
Gründete FEASTA (Foundation fort the Economics of Sustainability, www.feasta.org ), eine wohltätige Stiftung in Dublin, die sich zum Ziel setzt, jene Merkmale zu erarbeiten, die ein Wirtschaftssystem haben müsste, um wirklich nachhaltig zu sein.
Seit mehr als 10 Jahren Wirtschaftsberater für das Global Commons Institute in London. In dieser Zeit hat das Institut das „Contraction and Convergence“ (Vermindern und Annähern) Konzept für den Umgang mit Treibhausgasemissionen entwickelt, das heute die meisten Länder der Welt befürworten.

Douthwaite will mit seiner Schrift „The Ecology of Money“ (s. www.feasta.org/documents/moneyecology/contents.htm ) dazu beitragen, dass eine breite Debatte über die Auswirkungen unterschiedlicher Geldsysteme auf die Gesellschaft entsteht. Er erwartet sich nicht, dass ihm alle zustimmen, sondern dass die Debatte zu verbesserten Konzepten führt.
Die Hauptthese des Buches ist, dass verschiedene Funktionen unterschiedliche Währungen benötigen, sollen diese Funktionen wirksam erfüllt werden.
Da sich die drei Hauptfunktionen des Geldes –
______Tauschmittel,
____________Wertmaß
__________________und Wertspeicherung –
in die Quere kommen, empfiehlt Richard Douthwaite vier komplementäre Typen von Währungen:

1. eine internationale Handelswährung: sie sollte an ein seltenes Gut gebunden sein. Douthwaite schlägt eine an den möglichen CO2 Ausstoß gebundene Währung vor (ebcu: emission based currency). Die Bindung an die CO2 Emission erfolgt über Emissionsrechte (SER: spezial emission rights). Nachdem international eine Übereinkunft erzielt wurde über den maximal zulässigen Gesamtausstoß, werden 45 % dieser Menge jedem Land nach der Anzahl der Bewohner zugeteilt (=Grundeinkommen), die restlichen 55 % können von Regierung und Industrie über Auktionen erworben werden. Erwartete Vorteile: Grundeinkommen, gerechtere Verteilung der Ressourcen und größere Sparsamkeit, Ende der materiellen Vorteile für die jetzigen Leitwährungen (insb. US$),…

2. nationale Währungen, die an die internationale Währung gebunden wären und nur für Handelszwecke verwendet würde. Sie sollte kein „Bankengeld“ (Kreditgeld mit Zins) sondern „Vollgeld“ (vom Staat herausgegeben, evt. umlaufgesichert) sein.

3. lokale Währungen würden eine wichtige Rolle spielen, weil sie einem lokalen Mangel an der nationalen Währung abhelfen.

4. Spezielle Währungen für Sparzwecke, d.h. eine Möglichkeit der Werterhaltung, die sich relativ leicht verflüssigen lässt. Um zu vermeiden, dass das Sparen der Wirtschaft Geld entzieht, sollten diese Anlagen eher in der Form von sicheren Kapitalanlagen erfolgen als in Geld.


Top
  
 
PostPosted: 29.11.2007, 05:15 
Geld und Antisemitismus

Eine Erinnerung
an Irrwege der Vergangenheit
und eine Warnung
vor judenfeindlicher Agitation in modernem Gewand


Die derzeitige Geldordnung ist sehr mangelhaft. Schon die Art der Geldschöpfung – als Kredit, verbunden mit Zinseszinsforderungen - hat weitreichende Folgen. Ein solches Geld funktioniert nur bei ständig wachsender Wirtschaft und wirkt als Umverteilungsinstrument von Arm zu Reich. Da beides nur begrenzt möglich ist, sind schwere wirtschaftliche und soziale Krisen unausweichlich.

In der öffentlichen politischen und wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion wird dieser Systemfehler und seine Auswirkungen zur Zeit kaum angesprochen, vielmehr wird die derzeitige Funktionsweise des Geldes wie ein Naturereignis, dem man sich anzupassen hat, hingenommen. Mit zwanghaftem Wirtschaftswachstum und Sozialabbau werden wir aber weder die nationalen und schon gar nicht die globalen sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten meistern können.

Die Vernachlässigung eines derart grundsätzlichen Problems schafft außerdem ein fruchtbares Feld für Verschwörungstheoretiker und Hassprediger verschiedenster Art. So ist mit der Verschärfung der Verschuldungsproblematik auch wieder eine Zunahme des wirtschaftlichen Antisemitismus festzustellen. Schuld an den Problemen der globalisierten Welt sei demnach vor allem die „jüdische Hochfinanz“, die auch als Drahtzieher hinter der amerikanischen Politik fungiere. Die „Protokolle der Weisen von Zion“, die mehrmals als Fälschung entlarvt wurden, werden wieder nachgedruckt und von geschäftstüchtigen Buchautoren als Beweis für eine angebliche jüdische Weltverschwörung herangezogen. Wir erinnern daran, dass eine solche Argumentation Bestandteil nationalsozialistischer Propaganda war, die nicht zur Schaffung eines besseren Geldsystems sondern zu Holocaust, Krieg und Elend führte.

Wir sind davon überzeugt, dass einem neuerlichen politischen Missbrauch der Geldproblematik nur mit der ernsthaften Arbeit an einer Alternative wirksam entgegen gesteuert werden kann. Daher setzen wir uns dafür ein, dass an den Universitäten in Richtung eines sozial- und umweltgerechteren Geldsystems geforscht wird und in Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand regionale Modellprojekte durchgeführt werden. Es ist uns bewusst, dass mit einem besseren Geldsystem allein nicht alle sozialen und wirtschaftlichen Probleme gelöst werden können, aber ohne eine grundlegende Geldreform wird ein gerechtes, friedensfähiges Wirtschaftssystem ebenso wenig zu verwirklichen sein.


Stellungnahme der „Arbeitsgemeinschaft Gerecht Wirtschaften für Frieden und Bewahrung der Schöpfung“, c/o Dr. Marianne Schallhas, Etzerstetten 26, 3261 Steinakirchen, Tel.:07488/76680, E-mail: f.m.schallhas@utanet.at (Jänner 2006)


Antisemitismus
(nach einem Lexikoneintrag im Großen Brockhaus)

eigentlich ‚Semitengegnerschaft’, die Abneigung oder Feindseligkeit gegen Juden. Der Ausdruck Antisemitismus ist eine Fehlbildung, weil er die durch sprachliche Gemeinsamkeiten verbundene Gruppe der Semiten fälschlich zu einer volklichen Gemeinschaft ummünzt. Antisemiten sind aber in Wirklichkeit Gegner der Juden, nicht auch der übrigen Angehörigen der semitischen Sprachgruppe, z.B. der Araber.

Ideologisch begründet und systematisiert wurde der Antisemitismus in der Zeit des erwachenden Nationalismus des 19. Jh., der gleichzeitigen jüdischen Emanzipation und der zunehmenden ostjüdischen Einwanderung, verschärft und in seiner immoralischen Konsequenz deutlich in der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus.

Als Gründe für den oft nicht rational zu erhellenden Antisemitismus sind angebliche Eigenschaften der Juden angeführt worden, z. B. besondere Intellektualität, Wirtschaftspraktiken, körperliche Charakteristika oder Sitten. Tatsächlich haben sich alle diese Theorien als nicht haltbar erwiesen. Es wurde auch die Frage aufgeworfen, ob sich der Antisemitismus etwa zwangsläufig daraus ergebe, dass Juden als Minderheit unter Völkern leben, in denen vollkommen aufzugehen sie nicht bereit sind. Danach wäre der Antisemitismus nur ein, wenn auch besonders komplexer Fall, des allgemeinen Problems religiöser, nationaler, kultureller oder anderer Minderheiten ( ‚Sündenbock’- Funktion).

Die religiösen Motive des Antisemitismus sind von der jüdischen Theologie der Auserwählung des Volkes Israel und der Nichtannahme des christlichen Messias begünstigt worden; deshalb blieb auch das Christentum nicht von antisemitischen Strömungen frei. Versuche der Kirche, den Antisemitismus zu überwinden (schon im 6. Jh. gewährte Papst Gregor I. freie Religionsausübung) wechselten mit religiösem Fanatismus, etwa zur Zeit der Kreuzzüge (Rache an Israel ‚für das Blut Christi’), besonders ausdrücklich im Vorwurf des Ritualmordes und der Vergiftung der Brunnen. Mit dem 2. Vatikanischen Konzil distanzierte sich die Katholische Kirche 1965 eindeutig vom Antisemitismus.

Ein anderes Motiv des Antisemitismus wird im besonderen wirtschaftlichen Erfolg der Juden, besonders im Entstehen des Kapitalismus gesehen. Diese Erscheinung lässt sich aber einmal als allgemeines Phänomen nicht durchgehend nachweisen. Zum anderen beruht die Tatsache, dass zahlreiche Banken in jüdischen Händen waren, nicht zuletzt darauf, dass im Mittelalter den Juden verschiedene Berufe und der Erwerb von Grundbesitz verboten, das Zinsnehmen hingegen erlaubt, den Christen aber untersagt war.

Der ideologische Antisemitismus geht besonders auf die unhaltbare Lehre von der unterschiedlichen Wertigkeit der Rassen (Rassentheorien) zurück.

Nach der Niederlage im ersten Weltkrieg und ihren politischen und sozialen Folgen nahm der Antisemitismus in Deutschland in rechtsradikalen Kreisen an Schärfe zu. Auf diesem Boden wuchsen die rassistischen Vorstellungen des Nationalsozialismus. Hitler selbst bezeichnete den Antisemitismus als ‚Zement’ der NS-Bewegung. A. Rosenberg legte eine erwiesene Fälschung (‚Die Protokolle der Weisen von Zion’) als Dokument zum Beweis einer ‚jüdischen Weltverschwörung’ vor. In mehreren diskriminierenden Gesetzen wurde der Antisemitismus im nationalsozialistischen Deutschland staatspolitisch wirksam und mündete in die systematische Ausrottung der Juden im nationalsozialistischen Machtbereich (‚Endlösung’).

Die Dezimierung des jüdischen Volkes führte zu einer weltweiten Ächtung des Antisemitismus; mit dem Bekenntnis zu den Menschenrechten ist er unvereinbar. Trotzdem ist Antisemitismus in vielen Ländern in der einen oder anderen Form noch immer spürbar.


Top
  
 
PostPosted: 29.11.2007, 07:29 
WKO – Wirtschaftskammer Österreich
Dr. Christoph Leitl, Präsident
1045 Wien



15.11.2007


Sehr geehrter Herr Wolfmayr!

Vielen Dank für Ihre Email vom 28. Okt. 2007. Sie haben mich gefragt, ob es nach dem Scheitern des Kommunismus und den wachsenden sozialen Ungleichgewichten einen „Dritten Weg“ gibt? Diese Frage möchte ich Ihnen gerne beantworten.


Zuerst zu Ihrer These, der Kapitalismus oder der Neoliberalismus führe heute zu immer größeren wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewichten:

Auch wenn in den Medien immer wieder das Gespenst des Neoliberalismus hervorgezogen wird, möchte ich doch festhalten, dass unser europäisches Wirtschafts- und Sozialmodell keinesfalls von einer kaltherzigen, sondern von einer sozialen Marktwirtschaft geprägt ist. Ich möchte sogar hinzufügen, dass das genaue Gegenteil heute der Fall ist. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hatte ein so großer Prozentsatz von Menschen die Möglichkeit, am globalen Wohlstand teilzuhaben. Dabei möchte ich Sie auch auffordern, nicht nur unsere Heimat Österreich zu betrachten, sondern eine europäische und globale Perspektive einzunehmen. Gerade in meiner Position als Präsident der Wirtschaftskammer Österreich komme ich bei meinen internationalen Besuchen viel in der Welt herum, und ich kann Ihnen sagen, dass isch die Welt global und nicht nur aus europäischer Perspektive sehr zu ihrem Vorteil geändert hat.

Fahren Sie über unsere ab 21. Dezember 2007 freie Ostgrenze und sehen Sie sich den entstehenden Wohlstand in unseren Nachbarländern an und erinnern Sie sich an die Armut und Tristesse dieser Regionen noch vor 20 Jahren. Oder fliegen Sie nach Asien und besuchen Sie die aufstrebenden Metropolen Chinas und Indiens.

Die falsche Sichtweise, dass der Wohlstand weniger automatisch zur Armut vieler führen muss, hat schon die Ideologie des Kommunismus in die Irre geführt. Die „Krabbenkorbideologie“, wo alle Krabben im Korb es nicht zulassen, dass eine Krabbe den Korb verlässt und sobald eine es doch versucht, diese sofort von den anderen wieder zurückgezogen wird, hilft uns nicht, die Probleme dieser Welt zu lösen. Österreich, Europa, ja die Welt braucht tüchtige Unternehmer, Facharbeiter und Wissenschafter, die durch ihren Unternehmergeist, ihre Qualitätsarbeit und ihre Innovationskraft neuen Wohlstand durch Produktion und Export schaffen. Aber selbstverständlich brauchen wir auch Kapitalgeber, die diesen tüchtigen Menschen das Risikokapital für ihre Unternehmen zur Verfügung stellen.

Spekulanten sind eine Randerescheinung des Finanzwesens. Wir bringen das Geld auf die Bank, wir legen es für unseren Lebensabend auf Pensionskonten zurück, oder wir investieren es als Mitarbeiterbeteiligung.

Selbstverständlich ist diese Welt nicht das Paradies auf Erden, und dort wo Licht ist auch Schatten, aber bewusst nur die negativen Entwicklungen wahrzunehmen und die positiven auszublenden ist nicht zielorientiert. Gerade wir Österreicher sollten dankbarer die wirtschaftlichen Chancen unseres Landes annehmen.

Nun aber zu Ihrer Frage nach dem „Dritten Weg“.

Gesells Konzept führt uns wieder vor Augen, worauf es im Streben des Menschen wirklich ankommen sollte und sich viele Menschen sehnen:
Friede, Gerechtigkeit und Solidarität.

Das Problem, das allen Utopien und eben auch Gesells jedoch innewohnt – somit auch seinem Utopia – liegt darin, dass die reale Welt immer sehr vereinfacht und mit unveränderlichen Rahmenbedingungen abgebildet wird. An dieser Vereinfachung scheiterten schon viele große humane bzw. inhumane Ideolgien.

Die Realität ist aber viel komplexer. Die Menschheit hat für ihre Abstimmungsprozesse und ihr Wirtschaftssystem zwei unperfekte aber funktionierende Mechanismen gewählt:
Die Demokratie und die Marktwirtschaft.
Beide Mechanismen sind unzertrennbar miteinander verbunden.

Ihr Wirtschaftsmodell sieht sehr vereinfachend das Hauptproblem der Weltwirtschaft aus der Zirkulation des Geldes. Knappes Geld lähmt die Produktion und den Austausch von Gütern und Dienstleistungen. Schuld sind an dieser Lähmung die Geldbesitzer, die das Tauschmittel „Geld“ horten, um Zinsen zu kassieren. Damit das Geld nicht gehortet wird, soll es durch eine Komplementärwährung ergänzt werden, das einerseits durch einen stetigen Wertverfall um Konsum zwingt und anderseits damit das Besteuerungsproblem des Staates löst.

Dieser Ansatz ist ökonomisch in seinen Folgewirkungen bedenklich.
Erstens ist festzuhalten, dass Geld sehr wohl an Wert verliert. Aufgrund von Inflation, Wechselkursschwankungen und im Gefolge ökonomischer und politischer Entwicklungen zahlt sich das Horten von Geld nicht aus.
Zweitens bezieht sich ihr „Utopia“ auf dessen Lösungsfähigkeit der Finanzierungskrise der öffentlichen Hand. Die Ursachen dieser Finanzierungskrise liegen jedoch nicht im bestehenden ökonomischen System, sondern hauptsächlich im Unvermögen der Selbstreformfähigkeit des öffentlichen Sektors. Daher ist nicht die Rückzahlung der Schulden das Problem, sondern das Eindämmen der Kostenentwicklung. Dabei spielen die „Zinsen“ noch die geringste Rolle.
Drittens vernachlässigt Ihr Modell die großen Fragen der Innovation und Reinvestition, die eine freie Marktwirtschaft so anpassungsfähig machen. Renditen sind daher nicht ökonomisch „schlecht“ zu bewerten, sondern wichtige Indikatoren für Investitionsentscheidungen. Renditen sind von Wachstumspotential und Risiko des Investments abhängig. Kurzfristige Spekulation kann zu Investitionsblasen und Fehlentscheidungen von Investoren führen. Aufgrund mangelnder Information ist die freie Marktwirtschaft eben ein nicht perfektes System. Ihre Überlegenheit gegenüber anderen Systemen liegt jedoch in ihrer Korrekturfähigkeit von Irrwegen und Anpassungsfähigkeit an veränderte Rahmenbedingungen. Größere Wirtschaftskrisen entstanden immer nur dann, wenn der Mensch versuchte, zu stark zu planen. Durch diese gut gemeinten Eingriffe hat er meist die Dynamik der Wirtschaft abgewürgt.

Ziel muss es daher aus unserer Sicht sein, nicht die Fragen von Gerechtigkeit und Solidarität durch utopische Wirtschaftssysteme zu beantworten, sondern durch demokratische politische Kontrolle Fehlentwicklungen unserer nicht perfekten Systeme in unserer persönlichen und gesellschaftspolitischen Verantwortung zu korrigieren.
Die Wirtschaftskammer Österreich sieht daher ihre Verantwortung, das erfolgreiche Konzept der „sozialen“ Marktwirtschaft weiterhin zu verfolgen.



Freundliche Grüße

Ihr Christoph Leitl


Top
  
 
PostPosted: 29.11.2007, 07:30 
Von: KARAS Othmar [mailto:othmar.karas@europarl.europa.eu]
Gesendet: Montag, 26. November 2007 17:37
An: alois@wolfmayr.org
Betreff: Ihr Schreiben vom 28.10.2007



Sehr geehrter Herr Wolfmayr!

Bitte entschuldigen Sie meine späte Antwort auf Ihr Schreiben, aber trotz meines leider sehr gedrängten Zeitplans wollte ich es mir nicht nehmen lassen, Ihnen persönlich zu antworten.

Zu erst möchte ich mich für Ihr Schreiben bedanken - ich freue mich immer, wenn ich mit neuen Denkansätzen konfrontiert werde.

Inhaltlich sprechen sie zwei Themen an: Einerseits die Frage nach einem möglichen dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus, andererseits die Frage nach der Berechtigung der Finanzwirtschaft bzw. des Zinses.

Was Ihren ersten Punkt betrifft,
so glaube ich, dass wir in Europa diesen dritten Weg bereits leben: Österreich und die Europäische Union stehen mit beiden Beinen fest auf dem Boden einer sozialen Marktwirtschaft. Auch wenn man die völlig freie Marktwirtschaft (im Sinne des von Ihnen zitierten Kapitalismus) als die derzeit effizienteste Wirtschaftsform zur Schaffung von Reichtum ansieht, hat die Europäische Union schon lange erkannt, dass Kapitalismus allein ein "unmenschliches Gesicht" trägt. Wer nur auf den Markt und nicht auf die Menschen schaut, lässt die Menschen zurück. Genau das will die Europäische Union nicht, im Gegenteil: Mit dem Prinzip der sozialen Marktwirtschaft verbinden wir das Prinzip des freien Marktes mit funktionierenden sozialen Regulativen - sowohl in den einzelnen Mitgliedstaaten der Union, beispielsweise in Österreich, als auch auf EU-Ebene selbst.

Gerade der EU-Reformvertrag macht das klar deutlich. Da lautet die neue Zielbestimmung der EU: "Die Union soll einen Binnenmarkt etablieren. Sie soll für eine nachhaltige Entwicklung Europas sorgen, die auf einem ausgewogenen Wirtschaftswachstum und Preisstabilität, einer hohen wettbewerbsfähigen sozialen Marktwirtschaft beruht, auf Vollbeschäftigung und sozialen Fortschritt und einen hohen Standard an Schutz und Verbesserung der Umweltqualität abzielt. Sie soll soziale Ausgrenzung und Diskriminierung bekämpfen sowie soziale Gerechtigkeit und Schutz, Gleichstellung zwischen Männern und Frauen, Solidarität zwischen Generationen und Schutz der Rechte der Kinder fördern." Damit sagt die Union deutlich, dass der Markt nicht alles ist, sondern dieser stets um die Fragen einer effizienten Sozialpolitik ergänzt werden muss.

Natürlich kann mit dieser Zielbestimmung aber nicht alles geregelt werden. Wieweit man dem Markt seine Freiheit lassen soll und wieweit der Sozialstaat gehen muss, bleibt also auch weiterhin eine Fragestellung und Herausforderung, der wir uns täglich in unserer politischen Arbeit neu stellen müssen.

Nun zu ihrem zweiten Punkt, Ihrer Kritik am Kapitaleinkommen und an den Finanzmärkten:
Meines Erachtens ist ein Zinseinkommen durchaus gerechtfertigt - nicht nur in der heutigen Wirtschaft. In historisch-kirchlicher Hinsicht war auch nie die Zinswirtschaft an sich das Problem, sondern die 'usura', also die Wucherzinsen. Ausführlich auf die Beziehungen zwischen der Kirche bzw. den Herrschenden des Mittelalters und ihre Beziehung zum Geldverleih einzugehen, würde jedoch den Rahmen dieser Antwort sprengen (und im übrigen weiterführende Fragen bis hin zum in dieser Frage mitbegründeten Antisemitismus aufwerfen).

Geldgeschäfte sind seit langem untrennbarer Bestandteil unseres Wirtschaftslebens. Ich finde nichts Verwerfliches daran, dass jemand Geld verleiht und damit einem anderen die Möglichkeit gibt damit zu wirtschaften. Das Risiko, sein verliehenes Geld unter Umständen nicht zurück zu bekommen und in der dieser Zeit nicht selbst mit seinem Kapital arbeiten zu können, macht Zinsen zu einer berechtigten Entschädigung.

Wir dürfen auch nicht übersehen, dass sich auch die Finanzmärkte auf die "reale" Wirtschaft stützen und das Geschehen an den Börsen nicht völlig abgehoben vom echten Wirtschaftskreislauf geschieht. Gerade die jüngste Finanzkrise zeigte doch deutlich, dass auch noch so schlaue Broker auf Dauer (nicht - Anm. d. Redaktion) gegen die wirtschaftliche Entwicklung Gewinne machen können. Aus immer wieder auftretenden Krisen an den Finanzmärkten darf man aber auch nicht darauf schließen, dass das System zur Gänze zu verwerfen sei. Gerade im Sinne einer auch sozial ausgerichteten Politik ist es die Verantwortung und Aufgabe der Politiker, solche Fehlentwicklungen zu korrigieren, wenn und sobald diese auftreten.

Ich hoffe, ich konnte Ihre Fragen zumindest teilweise beantworten und verbleibe

mit freundlichen Grüßen,

Othmar Karas

___________________________
MEP Othmar Karas
Vice-President EPP-ED Group
Head of Delegation of the Austrian People's Party

European Parliament
Rue Wiertz 60
ASP 9 E 262
B-1047 Brussels

Phone: +32-2-28-37627
Fax: +32-2-28-49627

NEW Email: othmar.karas-assistant2@europarl.europa.eu
www.othmar-karas.at


Top
  
 
PostPosted: 07.02.2008, 07:22 
Von: Bischoefliches Sekretariat St.Poelten Maria Bichler [mailto:bischof.sekretariat@kirche.at]
Gesendet: Mittwoch, 30. Januar 2008 09:14


Es ist wahr, dass es im 17. und 18. Jhdt. auch innerhalb der Kirche einen sehr lang anhaltenden und heftigen Streit wegen der Erlaubt- oder Unerlaubtheit, Zinsen einzuheben, gegeben hat. Heute besteht die allgemein akzeptierte Überzeugung, dass Geld auch eine Art „Ware“ ist, mit der man unter Beachtung bestimmter Voraussetzungen und Bedingungen in sittlich erlaubter Weise Handel treiben kann. In Österreich, Deutschland und wohl vielen anderen Ländern gibt es Banken, die entstanden sind, um armen, verschuldeten Menschen durch Gewährung von Krediten unter günstigen Bedingungen helfen zu können oder durch günstige Anlagen zu sparen und Sicherung des Vermögens zu gewährleisten usw.

Notwendig ist die Beachtung der christlichen Soziallehre. Es braucht verantwortungsbewusste Wirtschaftstreibende, Bankleute, die nicht nur für die eigene Tasche arbeiten, sich nicht für gefährliche Spekulationen hergeben, keine krummen Geschäfte machen usw. Durch die neuen Mittel der Kommunikation, die „Allgegenwart“ von Angeboten, die oft raschen Veränderungen an den Börsen wird alles unübersichtlicher und schwieriger.

So lange wir auf Erden sind, gibt es wahrscheinlich kein Rezept, das alle Fragen löst, wohl aber sind persönlich und gemeinsam wahrgenommene Verantwortung, auch Fachleute, die mit den Gegebenheiten vertraut sind, erforderlich.

Mit freundlichen Grüßen
+ Klaus Küng


Top
  
 
Display posts from previous:  Sort by  
Post new topic Reply to topic  [ 11 posts ] 

All times are UTC + 1 hour [ DST ]


Who is online

Users browsing this forum: No registered users and 1 guest


You cannot post new topics in this forum
You cannot reply to topics in this forum
You cannot edit your posts in this forum
You cannot delete your posts in this forum
You cannot post attachments in this forum

Search for:
Jump to:  
cron
Powered by phpBB® Forum. Software © phpBB Group