Familienpolitik

Diskussionen über Familienpolitik in Österreich und Europa
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PostPosted: 01.07.2008, 06:14 
SOLIDARISCH WIRTSCHAFTEN FÜR ALLE

Wenn sich Wirtschaft und Solidarität verbinden…


Als der chilenische Universitätsprofessor Luis Razeto mit einem Team von Sozial- und Wirtschaftswissenschaftern um 1980 die wirtschaftlichen Überlebensstrategien der von der Wirtschaftskrise schwer betroffenen armen Bevölkerung seines Landes untersuchte, staunte er über deren Effizienz. Mit einfachsten Mitteln, geringstem Kapitaleinsatz und wenig bis keiner Ausbildung wurde, gemessen an der Ausgangsbasis, ein erstaunlich hohes Maß an Produktivität erreicht.

Die Wissenschafter fragten sich, woran es denn läge, wenn Menschen, die von der formellen Marktwirtschaft ausgeschlossen sind, mit so geringen Ressourcen so erstaunlich viel zuwege bringen konnten. Sie entdeckten, dass es die unter den Beteiligten vorhandene Solidarität war, durch die es möglich wurde, aus wenig viel zu machen. Es lag an der Motivation und am Willen, gemeinsam etwas zu unternehmen, das allen von ihnen zugute kommen sollte.

Luis Razeto bezeichnete dieses Plus an Solidarität, das über das übliche Zusammenwirken der verschiedenen Wirtschaftsfaktoren hinausgeht, als Faktor C, abgeleitet von den Anfangsbuchstaben der spanischen Wörter cooperación / Zusammenarbeit, communión, comunidad / Gemeinschaft, und ähnlicher Ausdrücke. Er kam zu dem Schluss, dass dieser Faktor C ein Wirtschaftsfaktor von höchster Effizienz ist, der genauso wie die Faktoren Boden, Arbeit, Kapital, Technologie etc. in die wirtschaftswissenschaftliche Analyse einbezogen werden müsse.

Damals, 1981, prägten Razeto und sein Team auch den Begriff Economía Solidaria / Solidarische Ökonomie.1 Diese Verbindung der Wörter Wirtschaft und Solidarität verursachte in der akademische Welt viel Aufregung, weil Solidarität nicht als eine Kategorie der Wirtschaft angesehen wurde.


Solidarische Ökonomie – ein Begriff zieht Kreise

Inzwischen ist der Begriff Solidarische Ökonomie Teil der lateinamerikanischen Kultur geworden. In Brasilien wurde 2003 sogar ein „Nationales Sekretariat für Solidarische Ökonomie“ geschaffen, zusammen mit dem „Nationalen Rat für Solidarische Ökonomie“, der sich aus Vertretern von Regierung, Unternehmen und NGO’s zusammen setzt, mit dem Ziel die Solidarische Ökonomie und das Recht auf menschenwürdige Arbeit zu fördern.

Mittlerweile gibt es auch globale, regionale und nationale Kongresse für Solidarische Ökonomie. Ein besonderer Erfolg in Europa war 2006 der Kongress in Berlin unter dem Titel „Wie wollen wir wirtschaften? Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus“.2
Für kommenden Februar wird ein ähnlicher Kongress in Wien geplant.3

Wofür steht der Begriff Solidarische Ökonomie? 4
Im engen Sinn steht er für assoziative, genossenschaftliche und selbstverwaltete Unternehmen, bei denen nicht die Profitmaximierung des eingesetzten Kapitals, sondern die wirtschaftliche und soziale Besserstellung aller Beteiligten die vorrangige Option ist. Die Entscheidungsfindung erfolgt dabei demokratisch. Im weiteren Sinn steht der Begriff für jede wirtschaftliche Tätigkeit, bei der versucht wird, ein mehr an Solidarität hineinzubringen, ob es sich um Produktion, Konsum oder Verteilung handelt. So können auch solidarische Wohnformen, Unternehmungen mit sozialer Zielsetzung, Tauschringe, Umsonstläden, indigene Gemeinschaften, verschiedene feministische Projekte, Erzeuger-Verbraucher Initiativen etc. dazugerechnet werden. Im weitesten Sinn steht der Begriff für die große globale Vision einer solidarischen Weltwirtschaft und des Weges dahin.


“Think Tanks” und Lernfelder für solidarisches Leben

Die solidarischen Wirtschaftsunternehmungen sind auch wirtschaftliche und demokratische Lernprojekte. Sie sind daher nicht nur eine Geschichte der Effizienz und des Erfolgs, sondern ebenso eine Geschichte des Scheiterns, besonders wenn sie in einem größeren Rahmen funktionieren sollen. Wir müssen das realistisch sehen und aus beidem lernen. Aus den gescheiterten Unternehmungen kann keine Rechtfertigung des Neoliberalismus abgeleitet werden, denn ein Blick aus der Perspektive der Solidarischen Ökonomie zeigt schnell, dass die angebliche Erfolgsgeschichte der kapitalistischen Wirtschaft einer kritischen Prüfung nicht standhält. Sie ist nur in Teilbereichen effizient. Gemessen daran, dass sie alle vom Wohlstand ausschließt, die nicht ihren hohen Anforderungen an Kapitalbesitz, Ausbildung, Technologie, Verfügung über Naturressourcen etc. entsprechen, verschleudert sie durch ihre Wegwerfkultur und Rüstungsproduktion wertvollste materielle und immaterielle Güter.

Die globale Wirtschaft der Zukunft wird solidarisch sein – oder sie wird nicht sein. Dass der Weg dahin nicht nur von Erfolgen, sondern auch von Scheitern begleitet ist, ist eigentlich eine historische Selbstverständlichkeit. Ich möchte in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass die neoliberale Wende in der Weltweltwirtschaft von einem kleinen „Think Tank“ von Wissenschaftern in den USA ausgegangen ist. Menschen aus dem Bereich der Solidarischen Ökonomie speisen eine andere Art von „Denk- und Praxis- Tanks“, deren Bedeutung für den gesellschaftlichen Wandel ebenfalls nicht unterschätzt werden sollte.

Die Stärke der heutigen Szene der Solidarischen Ökonomie ist ihre Vielfalt und nicht die Propagierung eines ausgeklügelten Konzeptes, an dem die ganze Weltwirtschaft ausgerichtet werden soll - außer dass es darum geht, jeden Spielraum für solidarisches Handeln zu nutzen und Einheit in Vielfalt zu fördern. Ihre wirtschafts- und gesellschaftspolitisch verändernde Kraft liegt in den vielfältigen praktischen und theoretischen Erfahrungen, die eine Fundgrube für neue Ideen und Organisationsformen sind, wie auch eine Verhaltensschule, die ein demokratisches, einfühlsameres Miteinander fördert.


Solidarisch Wirtschaften verändert Menschen und Strukturen

Zwei der Bereiche, wo mir die Basisprojekte der Solidarischen Ökonomie eine besondere gesellschaftliche Veränderungskraft zu haben scheinen, sind die Organisation des Eigentums und des Geldes.

Was das Eigentum betrifft, so wird seine Sozialpflichtigkeit nicht nur wie in einigen westlichen Verfassungen verbal bekräftigt, sondern vor allem bewusst gelebt, ob in demokratisch verwalteten assoziativen Betrieben, Genossenschaften oder in indigenen Gemeinschaften, die ihr Land gemeinsam nutzen. In der kapitalistischen Wirtschaft dagegen hat sich das Eigentumsrecht immer mehr verabsolutiert. Es herrscht Privatisierungswut und die Aktiengesellschaften haben als oberstes Ziel, der Kapitalvermehrung der Aktionäre zu dienen und nicht zuerst dem Wohl der Menschen, die für den Konzern arbeiten.
Solidarökonomische Betriebe fördern im Unterschied dazu die gemeinsame Übernahme von Verantwortung statt der Trennung der Menschen in Kapitalbesitzer und Arbeiter.

Hinsichtlich des Geldes fällt in der Solidarischen Ökonomie ebenfalls große Kreativität auf. Da offizielles Geld nicht ausreichend vorhanden ist, sind eine Vielzahl von Tauschkreisen und Regionalwährungen entstanden, um den Austausch von Waren und Dienstleistungen untereinander zu erleichtern. Diese sozialen, demokratisch geschaffenen Verrechnungssysteme oder Zahlungsmittel sind mittlerweile die wohl wichtigste Inspirationsquelle für die Überlegungen zu einem gerechteren Geldsystem der Zukunft.

Einer der kreativsten Vorschläge dazu kommt von dem britischen Ökonomen Richard Douthwaite, einem Experten für alternative Wirtschaftsinitiativen. In seiner Schrift „The Ecology of Money“ 5
zeigt er auf, dass unterschiedliche Arten von Geld unterschiedliche Auswirkungen auf das Wirtschaftsgeschehen haben. Er schlägt vor, vom jetzigen durch Bankkredite geschaffenen Geld und seiner Verzinsung Abstand zu nehmen und es durch sozialere Systeme zu ersetzen, und zwar auf regionaler, nationaler und globaler Ebene.

Besonders interessant erscheint mir dabei Douthwaits Vorschlag, das für den globalen Austausch zu schaffende Geld mit der Verteilung der Naturressourcen zu koppeln. Durch die gerechte Verteilung der Ressourcenanteile auf die Einzelpersonen und die Länder könnte nicht nur ein Grundeinkommen für alle gesichert, sondern gleichzeitig der Ressourcenverbrauch demokratisch kontrolliert und reguliert werden.

Abschließend sei daran erinnert, dass der Begriff „Solidarische Ökonomie“ zwar jung ist, dass es solidarisches Wirtschaften aber seit Beginn der Menschheitsgeschichte gibt. Ohne Solidarität hätte die Menschheit nicht überlebt und wird sie in Zukunft noch weniger überleben können, ohne kapitalistische Profitmaximierung schon. Schön dass dieses große wirtschaftliche, kulturelle und politische Menschheitsprojekt wieder stärker in das öffentliche Bewusstsein rückt und dadurch hoffentlich einen Entwicklungsschub erfährt, vom persönlichen Umfeld bis in die globale Politik hinein.

Marianne Schallhas
Arbeitsgemeinschaft Gerecht Wirtschaften
f.m.schallhas@utanet.at

Juni 2008

_____________________________________________________________

Anmerkungen:

1) Siehe www.economiasolidaria.net, mit vielen Originaltexten von Luis Razeto, die meisten in spanischer Sprache. Einiges davon wurde von mir auszugsweise übersetzt und wird demnächst auf die Homepage der Arbeitsgemeinschaft Gerecht Wirtschaften www.arge-gerecht-wirtschaften.at gestellt, die sich gerade in Ausarbeitung befindet.

2) Informationen zum Kongress und die Folgearbeit finden sich unter www.solidarische-oekonomie.de . Es wurde auch ein sehr informativer Tagungsband herausgegeben: Giegold, Sven und Dagmar Embshoff (Hrsg.): Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus, VSA-Verlag Hamburg 2008. Das Buch kann auch über die Initiativgruppe für den Wiener Kongress bezogen werden. Siehe unter 3)

3) www.solidarische-oekonomie.at
Mitgestalten und Teilnahme sehr erwünscht!

4) Eine einheitliche Definition für Solidarische Ökonomie gibt es nicht. Sven Giegold beginnt seinen Artikel im Buch „ABC der Alternativen, hg. von Ulrich Brand u.a., VSA-Verlag Hamburg 2007“ wie folgt:
„Solidarische Ökonomie bezeichnet Formen des Wirtschaftens, die menschliche Bedürfnisse auf der Basis freiwilliger Kooperation, Selbstorganisation und gegenseitiger Hilfe befriedigen. Das Prinzip der Solidarität steht dabei im Gegensatz zur Orientierung an Konkurrenz, falsch verstandener, da unsolidarischer Eigenverantwortung und Gewinnmaximierung in kapitalistischen Marktwirtschaften. Solidarität in der Wirtschaft bedeutet, sich an den Bedürfnissen der Kooperationspartner zu orientieren. Damit emanzipieren sich die Akteure von der durch den Markt vorgegebenen Handlungslogik. Solidarität kann dabei sowohl auf dem Prinzip Gegenseitigkeit (z.B. gemeinschaftliche Selbsthilfe) als auch auf Umverteilung beruhen. Der Begriff Solidarität verweist ferner auf die Freiwilligkeit von Kooperation und gegenseitiger Hilfe. Damit beinhaltet die Idee der Solidarischen Ökonomie den Anspruch auf Selbstorganisation und Demokratie.“

5) Douthwaite, Richard: The Ecology of Money, Green Books 1999. Die Online-Version kann unter www.feasta.org/documents/moneyecology/contents.htm heruntergeladen werden.


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