Familienpolitik

Diskussionen über Familienpolitik in Österreich und Europa
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PostPosted: 08.10.2008, 06:12 
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Nehmt die Welt den Multis wieder weg

aus OÖ Nachrichten vom 4. Okt. 2008

Klaus Werner-Lobo legt sich gerne mit Mächtigen an. Der Buchautor („Schwarzbuch Markenfirmen“, „Uns gehört die Welt!“) nimmt es mit milliardenschweren mulitnationalen Konzernen auf und versucht, Auswege aus der Kapitalismuskrise zu zeigen. Ein Gespräch über Geld, Gier und gesellschaftliche Gestaltung.


OÖN:
Konjunkturabschwung, Globalisierungsängste, Finanzkrise.... Da fühlt man sich als Einzelner oft ohnmächtig, weil alles so kompliziert ist. Ist es das denn wirklich?

Werner-Lobo:
Die Dinge sind kompliziert, weil sie so vernetzt sind. Wobei die Leute, die in dieser Komplexität entscheiden, davon oft nicht mehr verstehen als wir alle. In diesem Netz gibt es Leute, die egoistische Machtinteressen vertreten. In Wahrheit ist das nicht kompliziert. Bill Clinton hätte gesagt: „It’s the economy, stupid!“ Wenn wir uns die Finanzkrise oder die Probleme in Zusammenhang mit Migration, Rassismus, Umweltzerstörung oder Arbeitsplatzverlust anschauen, stehen ökonomische Interessen dahinter, was nicht sehr kompliziert ist.

OÖN:
Ökonomische Interessen, das heißt schlicht Profit?

Werner-Lobo:
Ja, in den meisten Fällen, aber auch Macht und Einfluss.

OÖN:
Und wer sind nun die Bösen im System der Ökonomie?

Werner-Lobo:
Man kann nicht sagen: die bösen Reichen und die guten Armen. Aber man kann sagen: Das System, in dem wir leben, ist so gestaltet, dass es nicht mehr den Interessen der Menschen dient, nicht einmal mehr den der Reichen. Es gibt Studien, wonach ab einem gewissen Reichtum das selbst empfundene Unglück der Reichen steigt und psychopathologische Krankheiten bei Managern oder Superreichen gehäuft auftreten. Böse ist eine Ideologie, die sich heute mit dem Spruch von Saturn „Geiz ist geil“ benennen lässt.

OÖN:
Sie kritisieren in Ihrem Buch vor allem die multinationalen Konzerne. Alle Multis? Oder gibt es welche, die nicht im Sinne des reinen Kapitalismus agieren?

Werner-Lobo:
Nein. Wer nicht im Sinne des Kapitalismus agiert, ist kein multinationaler Konzern. Diese Konzerne, größtenteils Aktiengesellschaften, werden ja gesteuert vom Interesse von Shareholdern, die mehr Geld haben als sie zum Leben brauchen. Die Banken sagen zu uns: Lass doch dein Geld für dich arbeiten. Jetzt habe ich aber noch nie einen Geldschein mit einer Schaufel in der Hand gesehen. Wenn jemand Geld vermehren kann, muss das jemand anderer für ihn tun.

OÖN: Und wer ist das?

Werner-Lobo:
Überwiegend Menschen aus ärmeren Ländern, zunehmend aber auch immer mehr bei uns. Der Großteil der Weltbevölkerung arbeitet dafür oder muss seine Rohstoff- oder Landwirtschaftsressourcen ausbeuten lassen, damit einige Wenige, die schon sehr viel Geld haben, das in die multinationalen Konzerne investieren können. Deren Existenz leitet sich daraus ab, dass man die Armutsunterschiede zwischen den Ländern ausnutzt.

OÖN:
Über die vergangenen Jahre hat auch der „kleine Mann“ in Österreich zunehmend in Aktien investiert und ist zum Shareholder geworden. Hat er sich etwas Gutes damit getan?

Werner-Lobo:
Wie empfehlenswert und sicher Investitionen in irgendwelche Fonds und Aktien sind, sehen wir ja jetzt. Natürlich tut man sich damit nichts Gutes. Dieses System ist wahnsinnig schlau. Es macht uns gleichzeitig zu Opfern und Tätern.

OÖN:
Wie schätzen Sie die aktuelle Finanzkrise ein?

Werner-Lobo:
Es ist eine Umverteilung von unten nach oben, die seit langer Zeit permanent stattfindet in Form eines Pyramidenspiels. Jetzt ist das gecrasht. Wobei ich – abgesehen von Feuerwehraktionen wie diesen 700 Milliarden US-Dollar – noch keine Anzeichen sehe, die Ursachen zu bekämpfen. Es ist erstaunlich, dass man so viel Geld so schnell bereitstellen kann. Der Betrag ist – laut UNO – mehr als doppelt so viel Geld als man bräuchte, um weltweit die schlimmsten Formen der Armut auszulöschen.

OÖN:
Die weltweite Armut – wie sieht die in Zahlen aus?

Werner-Lobo:
Etwa eine Milliarde Menschen hat kein Dach über dem Kopf, keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, Bildung oder Medikamenten. Die leben von weniger als einem Dollar pro Tag. Die Hälfte der Menschheit, das sind 3,5 Milliarden, leben von weniger als zwei Euro pro Tag.

OÖN:
Ginge es darum, dass Multis und Wirtschaftsführer umdenken und sich sagen: Profit ist nicht alles, wir müssen die Menschen daran beteiligen, um die Basis unseres Handelns nicht noch mehr zu gefährden?

Werner-Lobo:
Das wäre so, als würde ich den Regen bitten, zu regnen aufzuhören.

OÖN:
Ethische Verantwortung von Konzernen spielt es nicht?

Werner-Lobo:
Das kann man komplett vergessen. Die Corporate Social Responsibility (CSR, Unternehmerische Sozialverantwortung, Anm.), die sie sich jetzt auf die Fahnen schreiben, gibt es nur deshalb, weil sie so sehr kritisiert werden.

OÖN:
Muss die Politik wieder das Primat über die Wirtschaft zurückerobern?

Werner-Lobo:
Die Politik –und das sind wir alle – muss wieder dazu finden, die Gesellschaft und unser Zusammenleben zu gestalten. Das geht nicht ohne Regeln. Und die müssen als oberstes Ziel die gesellschaftlichen Interessen und die Interessen des Planeten haben.

OÖN:
Ein Paradigmenwechsel, der sich keineswegs ankündigt …

Werner-Lobo:
Die Frage ist: Warten wir auf weitere solche Crashes wie derzeit und darauf, bis es uns selbst trifft oder sich der Kapitalismus selbst zerstört, oder finden wir vorher Wege, ihn in den Griff zu bekommen?

OÖN:
Sie schreiben, die Multis hätten die Macht nur von den Konsumenten geborgt. Wie mächtig ist denn der Konsument?

Werner-Lobo:
Ich kann nur jedem nahelegen, regional, ökologisch und fair einzukaufen und weniger Fleisch zu essen. Aber ich kann das nicht von einem, der nicht einmal den Mindestlohn bekommt, verlangen. Jeder Handel muss gesetzlich auf das Fair-Trade-Modell verpflichtet werden.

OÖN:
Was sollten wir darüber hinaus tun?

Werner-Lobo:
Uns nicht dem Konsumterror unterwerfen. Und noch wichtiger: Selbsvertrauen entwickeln und Selbstverantwortung übernehmen. Wir können uns mit anderen zusammentun und aktiv werden. Zum Beispiel für biologischen Landbau eintreten oder gegen Rassismus kämpfen. Man kann das im Freundeskreis machen, in NGOs oder in Gewerkschaften. Es geht darum, Solidarität und Zivilcourage aktiv zu leben.

OÖN:
Nun gibt es eine riesige Werbemaschinerie, die uns genau das Gegenteil hineindrückt. Wo bleibt da die Hoffnung?

Werner-Lobo:
Ich habe bei meinen Vorträgen gemerkt, dass vor allem Jugendliche so etwas wie eine natürliche Ethik haben und keineswegs politikverdrossen, konsumgeil und markentreu sind. Sie werden mit Milliardenaufwand zu kaputten Menschen gemacht. Da muss man gegensteuern und in Bildung investieren. Schulbildung heute müsste in erster Linie einen freundlichen, solidarischen, demokratischen und zivilcouragierten Umgang miteinander lehren.

OÖN:
Wer von den Multis braucht couragierte Bürger?

Werner-Lobo:
Keiner. Es gibt für sie nichts Gefährlicheres, als jene, die sagen, ich rede mit.

Weitere Beiträge zur Sache:

Die Finanzkrise aus der Sicht eines Technikers

Zusammenbruch des bestehenden Finanzsystems

Unmoralischer Staatsakt

Umfrage Kommunismus/Kapitalismus/gibt es einen dritten Weg?

CGW - Christen für gerechte Wirtschaftsordnung

HIFA-INWO-Fraternität_freie Wirtschaft/lebenswerte Zukunft

Wer hat Angst vor Silvio Gesell?


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