Meves aktuell Nov. 2021_woher die Engel nehmen?

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alwis
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Meves aktuell Nov. 2021_woher die Engel nehmen?

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Voraussagen sind eine windige Angelegenheit. Wir Menschen würden nur allzu gern Zukünftiges schon jetzt gleich erkennen. Von Horoskopen, d. h. aus Prognosen, die den Konstellationen von Sternen entnommen werden, gibt es eine ganze Industrie. Aber da sie selten auf einer wissenschaftlichen astronomischen Grundlage erstellt sind, treffen sie nur gelegentlich zu. Je unsicherer die Zeiten, umso häufiger stellt sich ein Bedürfnis nach sicheren Voraussagen ein, so darum besonders jetzt auch in der Coronazeit. Aber hier ist es wie bei den globalen Impfsituationen: Da keine Erfahrungen mit dieser Seuche bestehen und die Prognosen viel zu rasch gestellt werden, können wir auch hier nicht auf Sicherheit hoffen; denn Eintreffendes in der Zukunft lässt sich mit einiger Verlässlichkeit nur erstellen, wenn es auf einer festen Erfahrungsbasis in der Vergangenheit beruht.

Als praktisch arbeitende Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin traf ich in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts auf eine solche Situation. Es ließ sich in Erfahrung bringen, dass es in der Kindererziehung Entwicklungsbedingungen gibt, die es erforderlich machen, dass Kinder in den ersten Lebensjahren vorrangig nah bei der Mutter ihre Lebenszeit verbringen, wenn sie sich seelisch gesund, ausgeglichen und optimal lernfähig erweisen sollen. Ich war auch nicht die Erste, die das herausgefunden hatte. Es gab z. B. den Engländer John Bowlby und den Österreicher René Spitz, die das mit ersten Forschungen bereits bestätigt hatten. Umso beunruhigter in Bezug auf die Zukunft war ich aber, als sich ergab, dass seit den 60er Jahren ein Trend zur Kollektivierung bereits der Kleinkinder bestand, um die Erwerbstätigkeit der jungen Frau nicht zu unterbrechen. Glück und Gesundheit in den Familien schienen mir auf diese Weise in erheblicher Gefahr zu sein, zumal die sichtbaren Mängel in Gestalt von Verhaltensstörungen, die sich bei den Kindern dann entwickelten, sich nicht total auszuwachsen pflegen, sondern in vielfältig veränderten Formen als Lebensbeeinträchtigung erhalten bleiben. So werden z. B. viel lutschende Kleinkinder später in erheblicher Zahl naschsüchtig und dadurch übergewichtig, um nur ein kleines Beispiel zu nennen. Ich berief mich auf die schon vorhandenen Forschungsergebnisse, begann darüber Fachbücher zu schreiben und damit in die Öffentlichkeit zu gehen. Das ergab zwar in Einzelfällen viel Bestätigung, aber der Trend zur Kollektivierung nahm dennoch von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zu. Eine mächtige Verstärkung ergab sich nach der Wiedervereinigung, nachdem in den Medien die Kollektiverziehung in der DDR als Modell der Zukunft auch für den Westen angepriesen wurde. Nun wurden die Gemeinden durch Subventionierung zur Erstellung von Krippen angeregt, ja, es entstand eine Art ungeschriebenes Gesetz, einjährige Kinder unbedingt in eine Krippe zu geben, da man meinte, hier von ausgebildeten Personen eine vorzügliche Pädagogik zu Gesundheit und Leistungsfähigkeit erwarten zu können. Aber diese Schalmeienklänge bewahrheiteten sich nicht. Immer mehr Kinder in den Krippen entwickelten nun wiederholt Infektionskrankheiten. Und aus zufriedenen Säuglingen wurden unruhige Schreikinder. Diese negativen Erfahrungen finden erstaunlicherweise umso weniger Beachtung, je mehr die reine pädagogische Kleinkinderforschung die Notwendigkeit der nahen Mutter-Kind-Beziehung mittlerweile voll bestätigt hat.

Aber dessen ungeachtet sind wir jetzt so weit, dass der Ruf nach Psychotherapie für Kinder und Jugendliche durch die Lande schallt. Offenbar haben die beiden Coronajahre ergeben, dass durch den vielen Lockdown eine Situation entstanden ist, durch die - besonders in den Grundschuljahren - innerhalb der einzelnen Klassen eine Spaltung im Leistungsniveau der Kinder hervorgerufen worden ist: Die durchgängig fremdbetreuten Kinder zeigen eine weitere Minderung ihrer Schwäche im Leistungsniveau, während die insgesamt häuslich betreuten Kinder sich zu Spitzenleistungen im Klassenverband hinaufschwingen. Die Unruhe bei den Kindern, die zuvor durchgängig fremdbetreut waren, ließ sich im Lockdown selten einmal bändigen. Das war für die regelmäßig erwerbstätigen Mütter dann besonders misslich, da sich die Konzentration auf ihre berufstätigen Aufgaben im Homeoffice nicht immer erreichen ließ. In den Klassen ergab sich so, dass sich bei der Rückkehr in die normale Schulform eine immer stärkere Spaltung im Leistungsniveau zeigte. Wie soll jetzt ohne Schaden für die Leistungsstarken ein Ausgleich im Schulniveau erreicht werden - eine pädagogische Überforderung! Nun brandete der Schrei nach mehr Kinderpsychotherapeuten in der deutschen Medienlandschaft auf, ja, immer mehr der Fachleute stellten bereits bei der obligatorischen Voruntersuchung der Sechsjährigen entscheidende Zustände der Schulunreife fest.

Meine vielfältigen Prognosen in den Taschenbüchern, die ich in den 70er Jahren verbreitete, haben sich heute als absolut wahr erwiesen. Das kommt auch in vielen einzelnen Dankesbriefen zum Ausdruck, die meinen Schreibtisch erreichen. Grundsätzlich erwiesen sich die frühen Opfer der jungen Eltern im Hinblick auf die persönliche Betreuung ihrer Kinder als ein unermesslicher Gewinn in Bezug auf die leichte Lenkbarkeit, die viel größere Selbstständigkeit und Soziabilität, gepaart mit einer konzentrierten Schulfähigkeit. So erfreulich das für mich ist, weil wache Eltern aufgrund meiner Lehre so viel Erfolg beim Erziehen gehabt haben, so traurig und - wenn der gesellschaftliche Trend bestehen bleibt - so gefährlich eingeschränkt zeigt sich jetzt bereits das stabile seelische Niveau in denjenigen Gesellschaften, in denen auf die natürlichen Belange von Kleinkindern keine Rücksicht genommen wird. Der Ruf nach Therapie kommt jetzt also schon reichlich spät! Wir brauchten dringend eine andere Familienpolitik, die den eingetretenen Prognosen Rechnung trägt.

Mit einer von mir früh erstellten Prognose dieser Schwierigkeiten möge das Gesagte sich erhärten. 1971 erschien ein Leitartikel in der FAZ mit der Überschrift „Woher dann die Engel nehmen?" Damals griff Heddi Neumeister, die Chefredakteurin dieser maßgeblichen Zeitung, meine Voraussagen aus meinem Herder-Taschenbuch von 1971 heraus. Ich hatte im Anschluss an diese Prognose über die seelische Schwächung der künftigen Generation den Satz geschrieben: „Durch die Verlassenheit der Kleinkinder wird seelischer Schaden gezüchtet. Sie alle brauchen später jeder einen Engel, einen Menschen, der durch sein Wissen und seinen Glauben bereit ist, ihm zum Heil zu verhelfen. Woher sollen wir in Zukunft all diese Engel nehmen?", um ihnen zu seelischer Gesundheit zu verhelfen (Christa Meves: Manipulierte Maßlosigkeit, Herder Verlag, Freiburg, 1. Aufl., 1971, S. 127).

Vor dieser Situation stehen wir nun, grausam verstärkt durch langen Lockdown: Genug Therapieengel werden sich nun nicht aus dem Boden stampfen lassen.

Wir brauchen die Umkehr zu einer verantwortungsbewussten, der Natur der Kinder entsprechenden Pädagogik im Kleinkindalter!

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