Pfarrer Gerhard Maria Wagner

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Pfarrer Gerhard Maria Wagner

Post by alwis »

Der Pfarrer gehört nahe zu den Menschen
Entnommen aus:
Die Tagespost


Gewachsenes Vertrauen ist die Basis. In Windischgarsten lebt die Volkskirche dank Pfarrer Gerhard Wagner, der immer bei den Leuten ist.

05.11.2021, 17 Uhr, Stephan Baier

Sonntags um zehn. Die Jakobus-Kirche in Windischgarsten ist gut gefüllt, die Weihwasserbecken auch. Auffallend viele junge Familien mit kleinen Kindern haben sich zur Sonntagsmesse eingefunden, viele in Tracht, alle fein herausgeputzt. Kein Laufpublikum offenbar, sondern Stammgäste: Die Leute wissen sich zu bewegen und mitzusingen. Pfarrer Gerhard Wagner zieht mit Ministrantenschar ein. Hier lebt sie noch, die Volkskirche mit Gläubigen aller Generationen, fest verankert im Katholischen. „Ich bin schon mehr als dreißig Jahre hier und konnte vieles anregen, um die Menschen zu einem lebendigen Glauben zu motivieren. Am Anfang war es nicht einfach“, sagt Wagner im Gespräch mit der „Tagespost“.

Menschen gern haben

Warum gelingt hier, was andernorts trotz eifrigster Bemühungen einfach nicht gelingen will? Pfarrer Wagner überlegt, tastet sich an eine Antwort heran: „Ein Geheimnis ist: Man muss die Menschen gern haben – dann kann man ihnen alles sagen.“ Der Pfarrer von Windischgarsten mag die Seinen. Bei der Fahrt durch den Ort oder im Wirtshaus: Man grüßt einander, winkt ihm von Weitem zu, wechselt ein paar freundliche Worte. Der Pfarrer und seine Windischgarstener sind miteinander vertraut. Da ist Respekt, aber keine Distanz. Seit 33 Jahren am Ort, ist Gerhard Wagner jeden Tag bei irgendeiner Familie zum Essen eingeladen. Er braucht weder eine Köchin noch muss er selber kochen. „Bis zum Beginn der Corona-Zeit war ich jeden Tag irgendwo eingeladen“, erzählt er. „Ich kenne fast jede Familie, besuche die Eltern der Erstkommunionkinder und gehe als Religionslehrer in die Schule.“ Pfarrer Wagner will in der Schule bleiben. „Die Kinder sollen den Pfarrer am Ort kennen. Dadurch entsteht auch eine Brücke zu den Eltern.“ Über die Kinder kommt er in die Familien.

Die ganze Breite

Volkskirche, kein Fanclub, der sich als heiliger Rest versteht. „Da hat man die ganze Breite“, sagt Wagner, der seine Gläubigen mag, ohne sich Illusionen hinzugeben. „In einer Pfarrei hat man verschiedenste Leute. Bunte Volkskirche halt. Letztlich treffe ich alle“, sagt er. Ja, das gebe es schon, dass jemand ins Nachbardorf zum Gottesdienst fährt, weil ihm Pfarrer Wagner zu konservativ ist. „Und aus dem Nachbardorf kommen wiederum Leute zu mir.“ Wichtig sei nur, dass eine gute menschliche Basis bleibt. „Dann gibt es kein Problem, wenn jemand irgendwann wieder zurück kommt.“

Der durchschnittliche sonntägliche Messbesuch lag in Österreich vor Corona bei zehn Prozent, hier in Windischgarsten bei etwa zwanzig Prozent. Die Corona-Zeit war aber auch hier ein Problem. „Man hat schon gespürt: Die Maske hat die Leute nicht gerade in die Kirche gehievt.“ Über die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen fängt Pfarrer Wagner keine Debatten an. Da kämen die Leute nur ins Streiten, dabei müssten sie sich auch später noch in die Augen sehen können. Als ihn ein älterer Herr ein wenig aggressiv anging, ob er denn schon geimpft sei, reagierte der Pfarrer mit der kecken Gegenfrage: „Und wann waren Sie das letzte Mal beichten?“

Keine speziellen Gruppen

Gerhard Wagner steht nicht für eine spezielle Liturgie, Gruppe oder Spiritualität. „Katholisch ist katholisch“, sagt er. Alles ist Volkskirche hier, nichts deutet auf den Einfluss einer Bewegung oder Kleingruppe hin. Wortliturgien anstelle von sonntäglichen Eucharistiefeiern kommen für Wagner nicht in Frage. Trainiert werden die Kommunionhelfer – mit klaren Regeln, die der Pfarrer ausgearbeitet hat – dennoch einmal im Jahr: „Für den Fall, dass ich einmal mit 42 Grad Fieber aufwache oder einen Schlaganfall habe“, sagt der 67jährige. Solcher Ernstfall ist in 33 Jahren aber noch nie eingetreten.

Der Oberösterreicher Gerhard Wagner ist Germaniker, der an der Päpstlichen Universität Gregoriana studierte und 1988 summa cum laude promovierte. Nach Italien reist er immer noch gerne, aber nicht um Urlaub zu machen, sondern als Pilger mit seiner Pfarrei. Wallfahrten nach Assisi, Rom und Lourdes organisiert er selbst, ebenso Pilgerfahrten auf den Spuren des Apostels Paulus nach Zypern, Griechenland und durch die Türkei. Leistbar für alle: „Kein Luxus, aber eine nette Atmosphäre!“ „Unsere Jugendlichen sind auch nicht von Haus aus frömmer“, meint er, angesprochen auf die vielen Kinder und Jugendlichen bei der Sonntagsmesse.

Viel Bildungsarbeit

Aber: „Man muss mit der Jugend etwas unternehmen.“ Pfarrer Wagner begleitet sie seit 33 Jahren auf Jungschar-Lager, liest dort jeden Tag die Messe, betet mit den Jugendlichen Rosenkranz. „Mein Dabeisein schafft manche Chance. Ja, da ist vieles gewachsen.“ Ein Pfarrer, der immer erreichbar ist. Mit den sieben Arbeitskreisen seines Pfarrgemeinderats liest und bespricht er Bücher der Kardinäle Sarah und Cantalamessa. Nach Bildungsarbeit sieht auch der fünfmal jährlich erscheinende Pfarrbrief aus: Neben Berichten aus dem Pfarrleben und praktischen Hinweisen finden sich hier biblische und theologische Erklärungen, in einfacher Sprache und doch sehr gehaltvoll. Auch Nachrichten aus der Weltkirche, Auslegungen päpstlicher Dokumente und Entscheidungen liefert der Pfarrbrief komprimiert und leicht verständlich.

In der Corona-Zeit war Wagner dreizehn Monate täglich übers Internet präsent, „damit die Leute nicht das Gefühl kriegen, der Pfarrer sei abgetaucht.“ Online betete er den Rosenkranz vor, hielt Bibelstunden und theologische Gespräche. „Nix machen ist zu wenig!“ Nun blüht das Pfarrleben wieder: Täglich zelebriert der Pfarrer die Messe, einen freien Tag kennt er nicht. Seit 25 Jahren findet in Windischgarsten täglich von 8 bis 18 Uhr Eucharistische Anbetung statt; 260 Gläubige beteiligen sich daran.

Spannungen im Klerus

Sorgen machen Wagner die Spannungen im Klerus. „Weil die Glaubensbasis zerbrochen ist, ist es schwierig, unter Priestern einen gemeinsamen Weg zu finden. Dabei könnte man viel mehr zusammen machen und einander aushelfen.“ Das gehe aber nicht, „wenn man ständig über Dinge, die vollkommen klar sind, streiten muss“. Dass er den Streit nicht sucht, ihm aber auch nicht ausweicht, zeigte sich 2009, als Benedikt XVI. ihn zum Weihbischof für seine Heimatdiözese Linz ernannte. Da gab es viel Aufregung im Klerus, unter Bischöfen, in manchen Medien. Gescheitert ist seine Weihe an einer Verleumdung: „Man hat mir etwas angedichtet: Ich hätte einem Mädchen Geld angeboten für eine Abtreibung.“ Schließlich verzichtete er, auch wenn das Gerücht widerlegt werden konnte.

Liturgische Heilung

Verbittert ist er gar nicht. Und seine Windischgarstener? „Die Leute waren froh, dass ich hier bleibe“, sagt er. Ratschläge für Bischöfe will er keine erteilen. Aber für Pfarrer, die um eine Erneuerung ihrer Gemeinde ringen. Das Wichtigste sei, „selber beten und schauen, dass Beichtgelegenheit angeboten wird – ob jemand kommt oder nicht“. In Windischgarsten wisse jeder, dass am Freitag Beichtgelegenheit ist. Manchmal sagt Wagner in der Messe: „Ich bitte um einen würdigen Kommunionempfang. Das setzt voraus: Die Liebe zu Christus und seiner Kirche, und selbstverständlich den Empfang des Bußsakraments.“ Er ist überzeugt, dass Gemeindeerneuerung „nur über eine liturgische Heilung“ gelingen kann. „Die Messe braucht Würde und Feierlichkeit.“ Wichtig ist ihm, „dass die Kinder da sind und sich der Sonne der Liebe Gottes aussetzen“.
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