Einer der auszog, dem Gendern zu entkommen

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alwis
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Einer der auszog, dem Gendern zu entkommen

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Bietet sich Wien denen als Exil an, die vor dem Gendern Reißaus nehmen möchten? Sicherlich nicht (siehe hier: heute.at). Das weiß natürlich auch Matthias Politycki, der im letzten Jahr Deutschland den Rücken kehrte und die Motive für seinen Exodus in einem viel beachteten Artikel in der FAZ darlegte. Der Schriftsteller erhofft sich in Österreich einen entspannteren und weniger dogmatischen Umgang mit den Themen, die im Zuge einer „woken Kulturrevolution" den öffentlichen Diskurs in Deutschland derzeit bestimmen. Mit seinem Buch „Mein Abschied von Deutschland" (erschienen bei Hoffmann und Campe) präsentiert Politycki auf 144 Seiten nun die Langstreckenversion des erwähnten Zeitungsartikels. Sprachgewaltig und leidenschaftlich spricht er sich gegen die schleichende Ausdehnung identitätspolitischer Denkmuster aus, die er als Bedrohung für die Freiheit des Schriftstellers sieht. Dies reicht von der Wahl des Wortes bis hin zur Wahl literarischer Themen. Politycki setzt sich in seinem Buch auch ausführlich mit der Gendersprache auseinander, die er aus semantischer, sprachökonomischer und ästhetischer Sicht kritisiert. Er plädiert für den Fortbestand des generischen Maskulinums: „Gerade weil es Menschen nicht nach ihren sexuellen Zuordnungen abbildet, sondern nach Funktionen und Kompetenzen, macht es Frauen wie Männer auf ebenbürtige Weise sichtbar." Der Verzicht aufs generische Maskulinum, kritisiert Politycki, „geht mit einer durchgehenden Sexualisierung von allem und jedem einher, die geradezu obsessiv anmutet."
Er weist auf das Missverhältnis zwischen der geringen Zahl der Befürworter des Genderns und seiner Kritiker hin: „Eine vergleichsweise kleine Gruppe, die sich als Elite versteht, ist angetreten, uns im Zeichen der Wokeness das Sprechen, das Denken und den Umgang miteinander neu beizubringen und um ihr moralisierendes Narrativ durchzusetzen." Befürworter einer politisch korrekten Sprache behaupteten, dass „die Sprache durch ihre Eingriffe von versteckt sexistischen und rassistischen Subtexten gereinigt und entideologisiert werde. Sie verschweigen, daß die Alternativen, die sie bezüglich Wortschatz und Grammatik anbieten, keineswegs gereinigt, sondern mit einer neuen Ideologie aufgeladen sind. Daß sprachliche Klarheit und Schönheit zugunsten politischer Korrektheit geopfert werden, gilt dabei als Kollateralschaden, an den wir uns der guten Sache wegen schon gewöhnen werden." Als Schriftsteller liegen ihm Schönheit und Prägnanz der Sprache, aber auch ihr Rhythmus am Herzen: „Gesetzt den Fall, ich müsste dieses Buch auf einen einzigen Satz zusammenstreichen, so würde er lauten: ‚Laßt mir die Musik in der Sprache'".

Matthias Politycki: Mein Abschied von Deutschland. Wovon ich rede, wenn ich von Freiheit rede. Hoffmann und Campe, Hamburg 2022. 144 S. 16 €. ISBN: 978-3-455-01439-6


HINWEIS:

Sprachfeminismus in der Sackgasse
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